Ski-Weltcup: Bode-Haftung

Der Amerikaner Bode Miller ist mit einer Siegesserie in die Saison gestartet. Auf dem Weg zum ganz großen Erfolg kann er sich jetzt nur noch selbst im Weg stehen.

Rainer Schönfelder ist ernsthaft besorgt. Er hält die Lage für kritisch. Wenn nicht bald ein Umschwung einsetzt, kann er für nichts mehr garantieren. Deshalb sah sich Schönfelder am Donnerstag vergangener Woche zu einer offiziellen Presseaussendung veranlasst. „Es gibt ein bissl die Tendenz, dass die Leute in eine Miller-Manie verfallen, nur weil der Bode jetzt einen Lauf hat“, analysiert er darin. Nichts sollte man sich weniger wünschen, denn „das macht den Burschen nur noch stärker“.

Ob er einer allfälligen Schönfelder-Manie auch so kritisch gegenüberstünde, verrät der Autor nicht. Die Aufregung um Bode Miller nervt ihn jedenfalls: „Es macht einfach keinen Sinn, jetzt vor Miller in Ehrfurcht zu erstarren, der Job ist für alle gleich“, resümiert der Slalom-Weltcupsieger des Vorjahres.

Eitelkeit ist im Spitzensport kein völlig neues Phänomen. Aber dass ein Skirennläufer schriftlich davor warnt, einen anderen Skirennläufer zu bewundern, darf als Premiere betrachtet werden. Zu Schönfelders Ehrenrettung lässt sich nur sagen, dass er nicht der Einzige ist, den Bode Miller auf seltsame Ideen bringt. In den heimischen Medien wurde vergangene Woche etwa ganz ernsthaft die Frage diskutiert, ob der Amerikaner von seinem Ausrüster einen „Wunderski“ bekommen haben könnte. Der ORF befragte in dieser Causa sogar Stephan Eberharter, der die mysteriösen Atomic-Skier angeblich vor Miller benützt hat, von übernatürlichen Erlebnissen mit seinen Abfahrtslatten aber leider nicht berichten konnte.

Ausgerechnet ein Amerikaner. Bode Miller bestreitet seit Ende 1997 Weltcuprennen, und er fährt schon länger ziemlich gut. Was die österreichische Skiszene so nachhaltig verunsichert hat, war sein heuriger Saisonstart: Miller gewann die ersten drei Rennen des Jahres – Riesentorlauf, Abfahrt und Super-G – und wurde am Donnerstag im vierten Bewerb (ebenfalls einem Super-G) Zweiter. Noch nie in der Geschichte des Ski-Weltcups ist einem Läufer so ein Auftakt gelungen. Dass ausgerechnet ein Amerikaner das schafft, entspricht nicht ganz dem Weltcup-Hausbrauch der vergangenen Jahre, in denen die Österreicher das Geschehen nach Belieben dominierten. Mit dem US-Team haben die Österreicher noch dazu manchmal gemeinsam trainiert. Eine Kooperation, die – das sagen beide Seiten – an Millers Leistungen nicht schuld ist. Man habe die Zeiten verglichen, sich über Konzepte ausgetauscht und gegenseitig geholfen, wenn es um die Suche nach Trainingspisten ging.

Im Österreichischen Skiverband beginnt man bereits zaghaft darüber nachzudenken, wie es sich wohl anfühlen wird, falls diesmal kein ÖSV-Läufer den Weltcup-Gesamtsieg erringt. „Es ist klar, dass so etwas passieren kann“, sagt ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel. „Aber natürlich ist es unser Ziel, das zu verhindern.“ Zuletzt ereignete sich nämliche Katastrophe vor sechs Jahren, als sich der Norweger Lasse Kjus die große Kristallkugel schnappte. Seither wurde der Titel mehr oder weniger brüderlich zwischen Hermann Maier und Stephan Eberharter hin- und hergereicht.

Doch nun ist Eberharter Pensionist, Maier noch nicht in Topform und Miller im Siegesrausch. Der 27-Jährige fährt in allen vier Disziplinen, und seit kurzem gehört er zum exklusiven Club jener Läufer, die in allen vier Disziplinen schon Rennen gewonnen haben. Außer Miller schafften das nur Pirmin Zurbriggen, Marc Girardelli, Kjetil Andre Aamodt und Günther Mader.

Wenn Miller in ähnlicher Form weitermacht, ist er haushoher Favorit für den Gesamtsieg. Wenn er so weitermacht, wohlgemerkt.

Das Einzige, worauf man sich bei Bode Miller bisher stets verlassen konnte, war seine Unberechenbarkeit. Ohne Vorwarnung hat er die Konkurrenz schon öfter bei ein, zwei Rennen regelrecht deklassiert, nur um anschließend, offenbar ebenso grundlos, wochenlang nicht einmal ins Ziel zu kommen. Miller ist das Gegenteil einer Kampfmaschine, er funktioniert nicht auf Knopfdruck. „Man kann ihm nicht einfach sagen, tu dies oder tu jenes“, sagt Phil McNichol, Trainer des US-Herrenskiteams. „Bode ist nicht der Typ, der hinterherläuft und folgt.“ Der Coach freut sich schon über kleine Anzeichen von Gehorsam. Im vergangenen Sommer ließ sich Miller erstmals dazu überreden, ausgiebig für die Abfahrt zu trainieren, anstatt wie bisher darauf zu vertrauen, dass man die Schussfahrerei nicht eigens üben müsse.

Von der Hausordnung im Weltcup hat Miller nie viel gehalten. Gerne lässt er etwa einen Renntag in der Nachtgastronomie ausklingen; die für einen Sportler nötigen Vitamine führt er sich bei diesen Gelegenheiten meist in Gestalt einiger Biere zu. „Ich könnte exakt das Richtige essen, jede Nacht neun Stunden schlafen und ein kompletter Roboter sein. Und bestimmt hätte ich dann eine viel bessere Kondition. Aber glücklich wäre ich nicht damit“, hat Miller dem US-Magazin „New Yorker“ erklärt. Vor ein paar Tagen legte er patzig noch eins drauf: „Ich bin so, wie ich bin, und ich mache, was ich will. Würde ich mich so verhalten wie etwa die Österreicher, das würde nicht zu mir passen.“

Viele Fans, viel Geld. Wahrscheinlich haben Millers Eigenarten ein paar Triumphe verhindert. Aber in der Zwischenbilanz machte sich der Individualismus trotzdem bezahlt. Das Lausbuben-Image verhalf dem Amerikaner zu einer riesigen Fangemeinde und zu zahlungswilligen Sponsoren, die ihm ein Jahreseinkommen von rund zwei Millionen Dollar ermöglichen.

Miller kann gut mit seinem Publikum umgehen. Länger als die meisten anderen Rennläufer nimmt er sich Zeit, um Autogramme zu schreiben, mit den Leuten zu plaudern oder für Fotos zu posieren. Der Autorin dieser Zeilen hat er gegen Ende der vergangenen Weltcupsaison erzählt, dass ihm der Rummel oft auf die Nerven gehe, aber anmerken lässt er sich das nicht. Journalisten behandelt er freundlich, aber reserviert: Wer im Zielraum auf ihn wartet, hat gute Chancen auf ein kurzes Interview. Doch ausführliche Plaudereien oder gar Home Stories sind selten. Das 20 Meter lange Wohnmobil, mit dem Miller seit der vergangenen Saison von Weltcuport zu Weltcuport tingelt, weil er die Hotelzimmer nicht mehr mochte, bleibt für die Medien tabu. Er wolle seine Geschichte nicht immer und immer wieder erzählen müssen, sagt Miller.

Bode Miller stammt aus Frankonia, einem Dorf in den White Mountains von New Hampshire. Die Gegend gilt als meteorologisch unwirtlich und Woody und Jo, Bodes Eltern, taten das Ihre, um diesen Eindruck daheim noch zu verstärken. Als überzeugte Hippies verzichteten sie auf Strom, Heizung und Fließwasser. „Es war härter, als sich das jemand vorstellen kann, aber auch viel lustiger“, erinnert sich Bode, der an der frischen Luft fast nie ohne Kappe, Kapuze oder Helm anzutreffen ist. Wahrscheinlich hat er als Kind genug gefroren. Im Alter von drei Jahren stand er zum ersten Mal auf Skiern – oder genauer: auf zwei Holzlatten, die Großvater Jack schon in den vierziger Jahren gebastelt hatte. Mit 13 kam er in die Carabassett Valley Academy, eine Art Sportgymnasium, wo er erstmals unter professioneller Anleitung trainieren konnte.

Als Skiläufer aufgefallen ist Bode Miller, lange bevor er Rennen gewonnen hat. Schon seine ersten Trainer waren entsetzt über den Fahrstil des jungen Mannes: In extremer Rückenlage, heftig mit den Armen rudernd und pausenlos gegen einen Sturz kämpfend, schwindelte sich Miller irgendwie über die Pisten. Gut gemeinte Ratschläge pflegte er zu ignorieren. Er wollte schnell fahren, nicht schön.

Mit den Jahren ist Millers Stil zwar etwas harmonischer geworden, Restbestände der frühen Bode-Technik gibt es aber bis heute ausreichend zu bestaunen. „Er fährt nicht sicher, er fährt nicht elegant, aber er traut sich was“, bilanzierte das amerikanische Magazin „Outside“ vor kurzem.

Bode Miller gilt als außerordentliches Bewegungstalent. In seiner Jugend spielte er nebenbei Fußball, er war Jugendmeister im Tennis, und auf dem Golfplatz hat er es mittlerweile zu Handycap zwei gebracht. Doch die Begabung hätte alleine wohl nicht gereicht, um aus ihm einen Weltcupsieger zu machen. Miller hat auch ziemlich viel Glück gehabt: Ernsthafte Verletzungen sind ihm bisher – bei seiner Fahrweise eigentlich ein Wunder – erspart geblieben. Und man ließ ihm die Zeit, um vom schlampigen Genie zum Seriensieger zu reifen. Skifahren gilt in den USA nicht als Breitensport, der Erfolgsdruck für das Nationalteam ist entsprechend gering, niemand regt sich auf, wenn der Nachwuchs jahrelang nicht spurt.

Wäre Bode Miller nicht in New Hampshire, sondern beispielsweise im Zillertal zur Welt gekommen, er hätte es wohl nie auf eine Weltcuppiste geschafft. Jedes Jahr kämpfen hunderte Nachwuchsläufer um die freien Plätze im ÖSV-Kader, da bleibt kein Platz für Experimente. ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel verweist zwar darauf, dass in seiner Truppe auch ein paar bunte Vögel zu finden seien, gibt aber zu, dass ein Kriterium die Mindestanforderung darstellt: „Die Leistung muss stimmen.“

Bode Miller hat in der Saison 1999/2000 von insgesamt 20 Rennen nur vier beendet. Sein Rauswurf wurde deshalb nicht angedacht.

US-Trainer Phil McNichol glaubt, dass diese schlimmen Zeiten jetzt vorbei sind. „Bode ist viel reifer geworden, und er ist auch nicht mehr so stur wie früher.“ McNichol kann sich zugute halten, die Leistungsexplosion punktgenau vorhergesagt zu haben. Vor nicht einmal einem Jahr fand er noch, Miller habe „erst 60 bis 70 Prozent seines Potenzials“ realisiert. Was er wirklich draufhabe, werde sich erst in ein, zwei Jahren zeigen. Jetzt ist der Trainer zufrieden: „Ich würde sagen, im Moment hält er bei 95 Prozent“, sagt McNichols gut gelaunt.

Müdes Finale. Während er sich in früheren Jahren den Sommer über vor allem mit Fliegenfischen und Golfspielen fit hielt, hat Miller heuer viel trainiert, die neuen Skier getestet und an seiner Technik gearbeitet. Schuld an diesem Eifer werden wohl die Erfahrungen der letzten Weltcupsaison sein, in der ihm am Schluss eindeutig die Kraft ausgegangen war. Ein paar Rennen vor dem Finale hatte der Amerikaner noch gute Chancen gehabt, den Gesamtweltcup zu gewinnen. Aber nach einem letzten Slalomsieg in Kranjska Gora waren die Reserven verbraucht. Miller wirkte müde, lustlos, sogar ein wenig grantig – und wurde in der Endabrechnung nur Vierter.

Diesmal soll das nicht passieren. 22 Jahre nach dem letzten US-Weltcupsieg von Phil Mare fühlt sich Bode Miller reif für die Nachfolge: „Ich bin kein Neuling mehr, ich kenne alle Strecken und weiß, was ich tun muss.“

Rainer Schönfelder wird vielleicht noch ein paar Presseaussendungen schreiben müssen.