Skiindustrie: Bretter für die Welt

Nie war die Auswahl im Skigeschäft so groß wie heute. Und der Trend zur Modellvielfalt wird weitergehen. Denn eines weiß man in der Branche mittlerweile: Innovation belebt das Geschäft.

Wer die Wahl hat, braucht sich um die Qual nicht zu sorgen – sie ist ihm sicher. Der amerikanische Psychologe Barry Schwartz beschreibt in seinem aktuellen Buch „Anleitung zur Unzufriedenheit“ aufs Eindringlichste, vor welche massiven Probleme das Überangebot an Wahlmöglichkeiten den zeitgenössischen Konsumenten stellt. Betrachtet man die aktuellen Skikataloge, kann man dieser These nur zustimmen.

Nie war das Angebot auf dem Wintersportmarkt vielfältiger als heute, nie war die Unüberschaubarkeit größer. Das zeigt auch der große Skitest, dessen Ergebnisse profil in dieser und der nächsten Ausgabe veröffentlicht: von den Weltcup-erprobten Rennbrettern bis zum zahmen Ladycarver, vom gediegenen Allround-Gerät bis zum gestylten New-School-Kurzski, vom Slalom- bis zum reinen Abfahrtsgerät – kein Wunder, dass sogar der eine oder andere Sportartikelverkäufer im Wust der Möglichkeiten den Überblick verliert. Vom Laien ganz zu schweigen.

Und noch etwas zeigt der aktuelle Test: Wer sich schlussendlich für ein Modell entschieden hat, dem bleibt unter Umständen ein tiefer Griff ins Geldbörsel nicht erspart. Dass Spitzenmodelle zum Teil mit Preisen jenseits der 700-Euro-Marke veranschlagt werden, ist keine Seltenheit mehr. Obwohl, wie Atomic-Geschäftsführer Michael Schineis meint, keine Fantasiesummen verlangt würden: „Der Carver ist mittlerweile zum ‚normalen‘ Ski geworden, für den die Leute auch nur mehr normale Preise zahlen wollen.“ Ähnlich äußert sich Hervis-Chef Alfred Eichblatt: „Der Durchschnittspreis für Skier hat sich zuletzt bei der magischen 399-Euro-Marke eingependelt. Im Vorjahr hat diese Marke noch ein wenig gewackelt, weil es kaum Innovationen gegeben hat. Im Moment aber steigt der Durchschnittspreis wieder leicht an, weil der Trend hin zu mehr Qualität geht. Der Kunde will sich einfach das bessere Material kaufen.“

Nationalsport. Aber warum eigentlich? Warum ist man bereit, ins Skivergnügen, dem man doch nur wenige Tage im Jahr frönt, solche Summen zu investieren? Anders gefragt: Wie konnte sich ein derart teurer Spaß bis heute als österreichischer Nationalsport behaupten?

Einen wesentlichen historischen Grund sieht der Wiener Sportsoziologe Otmar Weiß in der langen Tradition des obligatorischen Schul-Skikurses: „Im Prinzip waren die öffentlichen Schulen zugleich die größte Skischule Österreichs. Und je früher jemand beginnt, Ski zu fahren, desto länger wird er dem Sport auch treu bleiben.“ Dass der schulische Wintersport heute in Konkurrenz zu Sprach- oder Sommersportwochen steht, stößt der Skibranche schon seit Jahren dementsprechend sauer auf. Erst vor wenigen Tagen mahnte ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel einmal mehr den „politischen Willen und Wunsch“ ein, dem Schul-Skikurs zu seiner alten Bedeutung zu verhelfen.

Die wohl entscheidende Triebfeder hin zum kollektiven „weißen Rausch“ sehen Branchenkenner – von der nicht zu unterschätzenden Bedeutung alpiner Sportidole à la Hermann Maier einmal abgesehen – jedoch im technischen Fortschritt. „Wer Sport treibt, ist offener gegenüber Neuerungen“, meint etwa der Sportsoziologe und Tourismusforscher Roland Bässler: „Technische Veränderungen fordern diese Zielgruppe geradezu zwangsläufig heraus, aktiver zu werden.“

Das offensichtlichste Beispiel: die Carvingskier, die der Skiindustrie in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre zum Rettungsanker wurden. War der weltweite Verkauf von Skiern zwischen 1993 und 1998 von rund 6,1 Millionen Paaren auf nur noch 4,2 Millionen gesunken, konnte diese Marke seither weit gehend stabil gehalten werden. Steigende Verkaufspreise bescherten den Herstellern einigermaßen gesicherte Zuwachsraten. Für das Jahr 2004 rechnet die Industrie mit insgesamt 4,6 Millionen weltweit verkauften Paar Skiern (siehe Grafik). Rund 60 Prozent davon werden in Österreich gefertigt – denn Österreich ist eine Ski-Weltmacht. Heute ebenso wie früher, als die Bretter noch aus Holz und das Angebot im Sportartikelhandel ein wenig überschaubarer war. Eine Erkenntnis zieht sich allerdings durch die gesamte Skigeschichte: Innovationen sind gut fürs Geschäft.

Gründerväter. So ging schon der erste große österreichische Skiboom auf eine bahnbrechende Erfindung zurück – Mathias Zdarskys so genannte „Lilienfelder Skifahrtechnik“ von 1896. In langer Tüftelei hatte der pensionierte Lehrer die rund fünfzig Jahre zuvor im norwegischen Telemark erfundene Skitechnik den alpinen Bedürfnissen angepasst und mit dem Stemmbogen die Grundlage des modernen Skisports erfunden. Als wohl uneigennützigster Skilehrer der Geschichte brachte Zdarsky seine Technik tausenden von Skianfängern aus dem nahen Wien bei – gratis und aus reiner Freude am Sport.

Als geschäftstüchtiger erwies sich der zweite Gründervater des österreichischen Skisports: Hannes Schneider, Bergbauernbub aus Stuben am Arlberg, der Zdarskys Technik weiterentwickelte und nach dem ersten Weltkrieg systematisch zu lehren begann. Zusammen mit dem deutschen Dokumentarfilmer Arnold Fanck schuf Schneider eine Reihe international erfolgreicher Skifahrer-Filme („Das Wunder des Schneeschuhs“, „Der weiße Rausch“), die dem Skitourismus am Arlberg und, in der Folge, im gesamten Alpenraum einen immensen Aufschwung bescherten.

Erst dreißig Jahre später, 1955, erlebte die Skiwelt einen vergleichbaren Boom, wiederum dank einer bahnbrechenden Erfindung: Das Wedeln, entwickelt vom österreichischen „Skipapst“ und langjährigen Chef der Österreichischen Skilehrerausbildung, Stefan Kruckenhauser, eroberte die Welt. Und diesmal war auch die Skiindustrie zur Stelle, um auf der Erfolgswelle mitzureiten. Es war die Ära der großen Skipatriarchen, von Alois Rohrmoser (Atomic), Anton Arnsteiner (Blizzard) und Josef „Pepi“ Fischer, die in den sechziger und siebziger Jahren ihre Familienbetriebe zu Weltmarktführern machen konnten. Ein Höhenflug, dessen Ende man lange nicht wahrhaben wollte. Dass ab der zweiten Hälfte der achtziger Jahre der Skimarkt dramatische Einbußen hinnehmen musste, konnte vor allem Rohrmoser nicht von seiner Expansionsstrategie abbringen. Das Ergebnis: volle Lager, Verluste, schließlich der Konkurs 1994.

Heute schreibt Atomic, mittlerweile Teil des finnischen Amer-Konzerns, schwarze Zahlen und macht mit rund 800.000 verkauften Paar Skiern pro Jahr sogar dem langjährigen Weltmarktführer Rossignol seine Spitzenposition streitig. Ein Erfolg, symptomatisch für die sich langsam, aber sicher regenerierende Branche – dem Carving sei’s gedankt. Gerade jugendliche Zielgruppen, noch vor Jahren eiserne Snowboard-Verfechter, finden wieder zurück zum zweibrettrigen Wintersport. Seit dem Vorjahr versuchen die Skifirmen, diesen Trend mit neuen Produkten noch zu verstärken: New-School- oder Twintop-Skiern etwa, kurzen, vorne und hinten aufgebogenen Brettern, mit denen der skitechnischen Freiheit kaum noch Grenzen gesetzt sind.

Individualisierung. Dass der Innovationsdruck für die Hersteller steigt, bestätigt auch Anton Sabo, Leiter des FH-Studienlehrgangs Sports Equipment Technology am Technikum Wien: „Dieser Druck verhindert bis dato leider auch eine konsequente wissenschaftliche Entwicklungsarbeit.“ Auch deshalb dämpft Sabo die Erwartungen auf kommende Sensationen: „Etwas dem Carvingsprung Vergleichbares wird zumindest in den nächsten fünf Jahren voraussichtlich nicht passieren.“ Im Moment gehe der Trend zu einer weiteren Ausdifferenzierung des Angebots: „Wir sind unterwegs zum hochqualitativen, individuellen Sportgerät. Es wird immer weniger Allround-Geräte geben, die überall funktionieren, aber auch nirgends wirkliche Stärken haben.“

Vom Gedanken an die pistentechnische Wollmilchsau sollten Skikäufer sich demnach eher heute als morgen verabschieden. Die Qual der Wahl wird ihnen, zumindest auf absehbare Zeit, einfach nicht erspart bleiben.