Slowakei als 16. Mitglied der Eurozone:
Mehr als ein Prestigeprojekt der Regierung

Mit der Slowakei hat die Eurozone nun ihr 16. Mitglied – mehr als nur ein Prestigeprojekt für Regierung und Bevölkerung.

Vierka Berkyová ist ein ausgewiesener Fan der neuen Währung. Als Siegerin einer slowakischen Castingshow weiß sie ein Werbelied davon zu singen: „Eurooo, stimmt mit mir ein … der Euro kommt zu euch“, jubiliert die junge Chanteuse. Schneidige Rhythmen unterstreichen ihre Begeisterung. Man kann es auch übertreiben. Aber Berkyová ist ja erst zarte 17.

Der weitaus größte Teil der Slowaken hat die Euro-Einführung am 1. Jänner zumindest vorsichtig optimistisch aufgenommen. „Eine Mehrheit von sechzig Prozent will den Euro“, zi­tiert Regina Ovesny-Straka, Vorstandsvorsitzende der Erste-Bank-Tochter Slovenska Sporitelna, aus den jüngsten Meinungsumfragen. Damit hält sich der Abschiedsschmerz der Slowaken von ihrer Krone ebenso in Grenzen wie der Österreichs vom Schilling im Jahr 2002.

Musterschüler. Der Währungswechsel ist für die slowakische Bevölkerung indes deutlich symbolträchtiger als einst für die ­Österreicher: EU-Mitgliedschaft 2004, Schengen-Beitritt 2007, Eurozone 2009 – so der Dreisprung des jungen, 5,5 Millionen Einwohner zählenden ehemaligen Ostblocklandes Richtung ­Europa. Entsprechend gilt die Einführung des Euro in Regierungskreisen als Gesellenstück eines besonders ehrgeizigen EU-Mitglieds – Scheitern nicht vorgesehen.

Doch ob und wie sehr die Slowaken ihrer Krone noch nachjammern werden, entscheiden letztlich die Preise in Handel und Gastronomie. „Teuro“ – die aus gegebenem Anlass dem Deutschen entlehnte, wenngleich mäßig originelle Wortschöpfung – bezeichnet seit Kurzem auch im Slowakischen die weit verbreitete Angst der Bevölkerung vor Preissteigerungen. Und so greift die Regierung unter Ministerpräsident Robert Fico zu drol­ligen Maßnahmen. Ein wohl schwer justiziables Gesetz sieht drakonische Strafen, zumal Gefängnis, für all jene vor, die ihre Waren mit dem Euro verteuern – sofern ein Geschädigter Anzeige erstattet.

Die Euro-Einführung wurde im Mai 2008 beschlossen. Damals hatte die Slowakei als zweites mittelosteuropäisches EU-Land nach Slowenien souverän die Hürde der Maastricht-Kriterien gemeistert. Mit Hinweis auf den drohenden Inflationsdruck nach der Euro-Einführung meldete die Europäische Zentralbank allerdings Bedenken an. So habe die kontinuierliche Aufwertung der slowakischen Krone gegenüber dem Euro zur Dämpfung der Inflation beigetragen. Dieser Effekt fällt mit dem Euro weg.

Doch derartige Überlegungen wurden angestellt, bevor die Inflation zur volkswirtschaftlichen Randbemerkung wurde. „Durch die Finanzkrise und dank der starken Krone ist die Slowakei das Inflationsproblem nun los“, zeigt sich die Chefin der größten slowakischen Bank, Ovesny-Straka, zuversichtlich. Die Österreicherin hat als Vorsitzende des slowakischen Bankenverbandes seit 2004 alle Etappen zur Euro-Einführung in der Slowakei begleitet. Vor allem die Ereignisse der letzten Monate hätten gezeigt, dass die Stabilität durch den Euro viel wichtiger sei als der Verlust der eigenständigen Geldpolitik.

Krisenbedingt musste zum Jahresende allerdings die für 2009 geplante Neuverschuldung von 1,7 auf 2,1 Prozent ausgeweitet werden. Dass mit dem neuen Budget das Defizitkriterium wackeln könnte, glaubt Ovesny-Straka indes nicht. Die slowakische Bevölkerung muss ihrerseits noch ein Gefühl für die neuen Zahlungsmittel entwickeln, das war in Österreich seinerzeit nicht anders. Der Regierung kann man jedenfalls kein mangelndes Sendungsbewusstsein vorwerfen. Eine an jeden Haushalt verteilte „Eurokalkulatschka“ spuckt eilig jeden eingegebenen Kronenbetrag in Euro aus, man hat sich sogar bemüht, die korrekte Deklination des Wortes „Euro“ zu vermitteln. Das einzige Roma-Theater des Landes ging mit einer von der Nationalbank finanzierten Euro-Posse auf Tour, und ein Euro­mobil war selbst in den ent­legensten Winkeln des Landes unterwegs. Die Nationalbank im Zentrum von Bratislava ist seit Monaten verhüllt – eine gewaltige Euromünze spannt sich über gut zehn Stockwerke des mächtigen Towers und wendet der Stadt ihr verheißungsvolles Gesicht zu.

Krisengewinner. Die Gemeinschaftswährung wird die Wirtschaftstätigkeit zwischen den alten Euro-Mitgliedern und der stark EU-exportorientierten Slowakei, zumal in ökonomisch bewegten Zeiten, deutlich erleichtern. Die bisher fälligen Transaktionskosten – also jene Kosten, die slowakischen Unternehmen durch Geschäfte in der Euro­zone entstehen – beziffert die slowakische Nationalbank mit satten 0,36 Prozent des BIP.

Bei diesen Kosten schlug bisher insbesondere das Wechselkursrisiko stark zu Buche. Gegen dieses Risiko, das aus den Währungsschwankungen zwischen der Krone und dem Euro entstand, mussten sich exportierende und importierende Unternehmen bisher teuer durch Hedging absichern. Dieser Aufwand fällt mit dem Euro weg. Die Slowakei ist spätestens seit Einführung der Einheitssteuer beliebtes Ziel für ausländische Direktinvestitionen. Zumal diese Investitionen zum Gutteil auf den EU-Markt ausgerichtet sind, bringt die Euro-Einführung auch in diesem Bereich eine deutliche Attraktivitätssteigerung. „Die Erleichterungen durch den Euro könnten einen Zuwachs von fünf bis sechs Prozent an ausländischen Investitionen bringen“, rechnet Österreichs Handelsdelegierter Konstantin Bekos vor. Die Regierung spricht gar von „zweistelligen Zuwächsen“.

Von Clemens Piber, Bratislava