„So zu sagen beseitigt“

„Ich will mein Kind. Mein lebendes Kind. Sonntag ist Besuchszeit, wenn ich da keinen Bescheid bekomme, wird mein Mann als alter Illegaler … unserem Herrn Gauleiter erzählen, wie erbgesunde, anständige, arbeitsame Menschen behandelt werden. Das kann der Führer nicht wollen, das glauben wir nicht. Heil Hitler!“ Marianne Janauschek Wien, 13.9.1941

Marianne Janauschek arbeitet in der Wiener NS-Zensurstelle, ihr Mann – er war „Illegaler“, also schon vor dem Anschluss Parteigän-ger der NSDAP gewesen – gehört der Leitung der AEG Union an. Der 13-jährige Sohn des Ehepaars leidet an den Spätfolgen einer Kinderlähmung, kann sich nur beim Klavierspielen konzentrieren. Als der Bub 1941 von einem Kinderheim in die damalige „Fürsorgeanstalt ,Am Spiegelgrund‘“ überwiesen wird, diagnostiziert der Arzt Heinrich Gross ein „Zustandsbild mit Verblödung“. Die Versuche der Eltern, eine Entlassung ihres Kindes zu bewirken, scheitern: Am 16. März 1943 ist es tot. Wie bei den meisten der 789 Kinder, die am „Spiegelgrund“ durch ein Zusammenwirken von Hungerrationen, Vernachlässigung und Medikamentenüberdosis ermordet wurden, wird auch bei ihm lakonisch Lungenentzündung als Todesursache angegeben.
Während die Geschehnisse am „Spiegelgrund“ jetzt mit „Mein Mörder“ erstmals zum Stoff eines Spielfilms wurden (siehe Bericht über das Filmfestival Diagonale, Seite 140) und der ORF ausgerechnet in der Talkshow „Vera“ auf die dieswöchige TV-Premiere des Films einstimmte, werden zum ersten Mal die zentralen Dokumente der NS-Mordanstalt öffentlich zugänglich: die Krankengeschichten, in denen sich auch Briefe wie der von Marianne J. finden.
Die Akten zeigen, wer die Kinder waren und wie die Ärzte sie zu Todeskandidaten stempelten. Dem noch nicht dreijährigen Adam Uivary etwa wurde zum Verhängnis, dass seine Eltern im „Zigeunerlager Lackenbach“ umgekommen waren. Die Wiener Kinderübernahmestelle schob ihn auf den „Spiegelgrund“ ab, „da Zigeunerstämmlinge weder in arischen Kinderheimen noch bei arischen Pflegeeltern untergebracht werden dürfen“. Das Kind lernte gehen, „spielt schon ganz nett“, so die Krankengeschichte. Sein Schicksal war dennoch besiegelt. An die geheime Berliner „Euthanasie“-Behörde wurde gemeldet, der Bub werde „als schwachsinniger Zigeuner später sicher nicht
arbeitsfähig“ sein. Zwei Monate später starb er. Engelbert Deinbacher, 13, war taubstumm, sein Ausdrucksmittel waren Zeichnungen. Als Todesurteil wird ihm die Diagnose „Schwachsinn höchsten Grades“ gestellt.

Selbstmord. Eines der Opfer nahm sich verzweifelt selbst das Leben. Die 17-jährige Martha Arnhold war, obwohl völlig gesund, von einem Erziehungsheim eingewiesen worden. Bereits innerhalb der ersten Wochen auf dem „Spiegelgrund“ stach die Jugendliche sich eine Nadel in den Bauch, kurz darauf verschaffte sie sich eine Überdosis Schlaftabletten.
Eltern, welche die tatsächlichen Todesumstände ahnten, begegneten die Ärzte rüde. Eine Frau aus Bad Ischl schrieb nach dem Tod ihrer zweijährigen Tochter, sie leide doppelt, „da mir die Leute sagen direkt ins Gesicht nun haben (sic!) Ihrs halt vergiftet, so zu sagen beseitigt“. Anstaltsleiter Ernst Illing drohte mit Strafanzeige gegen die „Gerüchtemacher“.
Ein großer Teil der historischen Dokumente wurde erst knapp vor dem Prozess gefunden, der im März 2000 gegen den Arzt Heinrich Gross eröffnet und sofort abgebrochen wurde, als Gross Verhandlungsunfähigkeit bescheinigt wurde. 200 der Krankengeschichten lagen im Büro von Primarius Heinrich Pfolz, der Gross’ Nachfolger als Gerichtsgutachter ist. Weitere Teile übergab Eberhard Gabriel, Direktor des heutigen Otto-Wagner-Spitals, auf dessen Gelände sich der „Spiegelgrund“ befunden hatte, erst, als er im Vorjahr pensioniert wurde. Der umfangreiche Bestand wird nun im Wiener Stadt- und Landesarchiv geordnet. Transkriptionen der handschriftlichen Eintragungen und Briefe sowie Kurzfassungen aus jeder der mehr als 500 Krankenakten wurden von Waltraud Häupl, der Schwester eines am „Spiegelgrund“ ermordeten Kindes, erstellt.
Das Stadtarchiv widmet den „Krankengeschichten als Zeugen“ ab Anfang April eine eigene Ausstellung1). Kuratorin Brigitte Rigele bezeichnet die Exposition als dringend notwendig. Denn viele Angehörige der Kinder beginnen erst jetzt nachzuforschen.
1) 4. April bis 12. August, Gasometer D, Wien 11, Guglgasse.

Von Marianne Enigl