„So war ich eben der Sündenbock“

Die Künstlerin und Musikerin Yoko Ono über Hass, Hexen, den nahenden Weltfrieden und den Film „The U.S. vs. John Lennon“, der nun im Programm der Viennale läuft.

profil: Sie und Ihr Mann John Lennon wurden als subversive Friedensaktivisten von der Nixon-Administration zu Volksfeinden erklärt: Davon erzählt der Film „The U.S. vs. John Lennon“. Wie konnte das passieren? Sie lagen doch nur öffentlich in Betten und sangen Protestlieder.

Ono: Ich denke, die Regierung reagierte auf uns ein wenig zu hysterisch. Andererseits: Vielleicht hatte sie auch Recht, in uns ihre Feinde zu erkennen. John hatte weltweiten Einfluss, die Jugend hörte ihm zu. Aus Regierungssicht war es vielleicht sogar klug, uns einschüchtern zu wollen.

profil: Hatten Sie denn Angst?

Ono: Keineswegs. Wir machten einfach weiter, zogen unsere Shows und Aktionen durch. Und wir bewirkten mit unseren Bed-ins 1969 enorm viel: Sie wurden zur Legende, viele Menschen bezogen Kraft daraus, wagten es endlich, sich aufzulehnen. Leider bekamen wir keine guten Kritiken. Man hasste uns oder machte sich über uns lustig.

profil: Wo war da die liberale Presse? Es muss doch auch Journalisten auf Ihrer Seite gegeben haben.

Ono: Nicht dass ich wüsste. Man hielt unsere Aktionen für nicht würdevoll genug. Die Presse glaubte damals noch an Würde.

profil: Wie arbeiteten Sie an solchen Aktionen? Waren das Sekundeneinfälle – oder präzise geplante Dinge?

Ono: John und ich waren stets lebhafte, launische Menschen. Was immer uns einfiel, taten wir einfach. Das ging alles schnell.

profil: In den frühen Siebzigern ließ das politische Klima die Paranoia erblühen.

Ono: Das war keine Paranoia, das war Realismus. Wir waren in Gefahr. Man verfolgte uns, hörte unsere Telefongespräche ab, wollte uns sogar deportieren lassen. Aber solche Dinge passieren immer noch.

profil: In Amerika hat sich diesbezüglich seit 1972 nichts geändert?

Ono: Doch. Es ist schlimmer geworden.

profil: Werden Künstler in Amerika noch von Geheimdiensten verfolgt?

Ono: Die Künstler sind kaum noch offen politisch, weil sie wissen, dass sie geächtet werden könnten. Anders als John und Yoko halten sie sich daher eher zurück. Die schweigende Mehrheit aber wünscht sich den Weltfrieden, da bin ich sicher. Und es wird funktionieren. Ich glaube an den Überlebensinstinkt der menschlichen Rasse.

profil: So optimistisch sind Sie?

Ono: Wissen Sie, Optimismus ist ein fürchterliches Wort, denn ihm haftet der Geruch des Wirklichkeitsverlustes an. Nur Pessimismus ist noch schlimmer: Das ist Gift. Wir können uns den Luxus nicht leisten, negativ zu sein. Wir müssen die Achse der Erde zum Frieden hin verschieben. Negativ zu sein bringt uns nirgendwohin.

profil: Die alte Freude an der Utopie hat Sie nie verlassen: Vor drei Wochen erst enthüllten Sie den Imagine Peace Tower, eine John Lennon gewidmete Lichtsäule in Island.

Ono: Ein Mahnmal für eine bessere Welt: Wir haben eine Zukunft, in der man keinen Krieg mehr braucht und nicht einmal Öl, um Energie zu produzieren. Wir müssen uns nur beeilen, denn die Zeit drängt. Ich habe bereits ein Problem damit, zu lange zu schlafen, da ich fürchte, meine Zeit zu vergeuden. Jede Minute zählt. Die Güte hat leider einen schlechten Ruf, sie gilt als uninspiriert und öde. Dabei ist Güte jetzt wichtiger denn je!

profil: Ihr jüngstes Album heißt „Yes, I’m a Witch“. Sehen Sie sich so? Als Hexe?

Ono: Wir sind doch alle Zauberer und Hexen. Ich schrieb 1970 einen Song, der so hieß, aber man riet mir ernstlich davon ab, ihn zu veröffentlichen. Man meinte, ich würde dann gesteinigt werden. Der Begriff „Hexe“ hat einen negativen Klang in unserer Gesellschaft, das männliche Pendant, „der Zauberer“, dagegen gar nicht. Das erklärt sich historisch: Hexen wurden verfolgt und verbrannt, also sind sie schlecht. Dagegen trete ich an. Alle Frauen sind Hexen, aber sie müssen ihre Macht verbergen. Das ist traurig, denn die Welt könnte die Energie der Frauen bestens brauchen.

profil: Der Titel „Yes, I’m a Witch“ klingt doch wie ein sarkastischer Kommentar auf die alte Unterstellung, Sie hätten die Beatles auseinandergebracht.

Ono: Diesen Ruf werde ich wohl nicht mehr los. Sogar die Beatles selbst haben alle beteuert, dass ich daran nicht schuld war, aber es nützte nichts. Niemand hörte zu, da es lustiger war, mich zu beschuldigen. Die meisten Menschen scheinen es zu lieben, in Frauen – insbesondere in Asiatinnen – das Böse zu erkennen. So war ich eben der Sündenbock.

profil: Wie verbindet sich Ihre Musik mit Ihrer Arbeit als Konzeptkünstlerin?

Ono: Das führt weit zurück. Die Geschichte meiner künstlerischen Entwicklung wurde kaum je erzählt, weil die Welt immer zu beschäftigt damit war, sich zu fragen, wie ich es geschafft hatte, die Beatles zu spalten. Ich nahm schon als Vierjährige in Japan Musikunterricht, schrieb bereits in der Schule Songs.

profil: Über Ihre Arbeit als Performance-Künstlerin haben Sie einmal gesagt: „Wenn nicht die Hälfte der Zuschauer vorzeitig den Saal verlässt, habe ich etwas falsch gemacht.“

Ono: Ich war eben eine Rebellin, und ich schnitt mir gern ins eigene Fleisch – metaphorisch gesprochen. Aber das war die einzige Methode zu überleben, andernfalls hätte ich mich wohl aufgehängt.

Interview: Stefan Grissemann