Somalia: Aufräumen mit der Peitsche

Im Chaos-Staat Somalia haben radikale Moslem-Milizen die Macht übernommen und die Scharia eingeführt. profil wagte sich in das Land, das zu einem neuen Taliban-Staat zu werden droht, und führte eines der seltenen Interviews mit Islamistenführer Scheich Hassan Aweys.

Schnell, wie es seine Prothese gerade noch erlaubt, kommt Abdulkarim auf uns zugelaufen. „Willkommen!“, ruft der 40-jährige Somalier, dem vor zwölf Jahren eine Granate das rechte Bein zerfetzt hat: „Wer hätte es sich träumen lassen, dass hier mal wieder Menschen gehen?“ Der Boulevard „Mekka al Mukarama“ war bisher Mogadischus Todesstreifen: Auf der Grenzlinie zwischen den Territorien zweier Kriegsfürsten konnte sich zwölf Jahre lang kein Mensch bewegen, kaum ein Stein steht hier mehr auf dem anderen. Lediglich das „Hotel Nil“, das Abdulkarims Onkel kurz vor dem großen Chaos hochgezogen hatte, blieb weit gehend verschont: Das Dach ist dicht, die Mauern stehen, nur die Fenster und der Verputz sind zu erneuern. Schon bald könnte das Hotel seine ersten Gäste empfangen, meint Abdulkarim optimistisch. „Inschallah“, so Gott will, fügt er hinzu, und: „Allahu akbar“, Gott ist groß.

Eigentlich ist der einstige Buchhalter, der die brotlosen Chaosjahre damit verbrachte, Gitarre zu spielen und Bilder zu malen, eher ein Künstler als ein religiöser Eiferer. Doch was seine strenggläubigen Mitbürger, die islamischen Milizen, in den vergangenen Monaten vollbracht haben, treibt ihm vor Dankbarkeit die Tränen in die Augen. „Wir sind zum ersten Mal hier wieder sicher“, sagt Abdulkarim: „Für uns fängt jetzt ein neues Leben an.“

Mogadischu, im August des Jahres 1427 nach moslemischer Zeitrechnung. Nach 16 Jahren blutiger Anarchie und 14 fehlgeschlagenen Versuchen, dem einzigen staatslosen Land der Welt zu einer Regierung zu verhelfen, ist in der Hauptstadt Somalias endlich Ruhe eingekehrt. Kolonnen verschleierter Frauen tragen meterhohe Halden aus Hausmüll und Flugsand in den Straßen ab. Selbst nach Einbruch der Dunkelheit flanieren noch Menschen durch die vom Gesang der Muezzine vibrierende Stadt. Und am Zaun zum Flughafen hängen zahllose Jugendliche, um die ersten Maschinen zu bestaunen, die wieder auf dem „International Airport“ landen.

Neue Ordnung. Nur selten donnert ein „Technical“ durch die Kraterlandschaft der zerbombten Hauptstadtstraßen – einer jener berüchtigten Pickup-Trucks, auf deren Ladeflächen schwere Maschinengewehre befestigt sind. Solche Kriegsmaschinen waren noch bis vor Kurzem allgegenwärtig wie die Straßensperren, an denen sich bis an die Zähne bewaffnete Milizionäre mit der Eintreibung von Wegezoll schadlos hielten – auch wir brauchen inzwischen nur noch einen bewaffneten Bodyguard statt wie einst zehn auf zwei Fahrzeuge verteilte Schießgesellen. Auf den wenigen verbleibenden Technicals sind heute schwarze Fahnen mit arabischen Schriftzeichen angebracht, und aus den aufmontierten Lautsprechern schallt die Aufforderung, gesetzlose Elemente den islamischen Scharia-Gerichten anzuzeigen. „Die Leute werden nie vergessen, was die Islamisten für sie getan haben“, sagt unser Begleiter Ahmed Dini: „Sie haben uns vom Joch der Kriegsfürsten befreit.“

Der Sieg der Gottesmänner kam schnell und in seiner Eindeutigkeit völlig überraschend. Nach sporadischen Gefechten seit Anfang dieses Jahres gelang den islamischen Milizen im Juni der große Coup: Fast über Nacht jagten sie sämtliche neun Kriegsfürsten Mogadischus aus der Stadt – und das, obwohl diese wesentlich besser ausgerüstet waren und zudem noch finanzielle Unterstützung aus Washington erhielten. „Die haben aber nur für Geld gekämpft“, sagt Jusuf Indha’Adde, der hünenhafte Kommandeur der islamischen Milizen: „Wir dagegen hatten das Recht und die Moral auf unserer Seite.“

Im Westen wurde der Triumph der Streiter Allahs mit Sorge verfolgt. Was die US-Regierung unter allen Umständen zu vermeiden suchte, schien nun einzutreten: dass am Horn von Afrika eine Fluchtburg für moslemische Terroristen entsteht. Und als dann noch der zum militanten Gottesmann gewendete Ex-Offizier Hassan Dahir Aweys zum Führer der Islamisten ausgerufen wurde, war das Entsetzen perfekt. Washington wirft Aweys vor, in die Anschläge auf die US-Botschaften in Daressalaam und Nairobi 1998 verwickelt gewesen zu sein und sogar direkten Kontakt zu Osama bin Laden unterhalten zu haben.

„Alles Lügen“, sagt der Beschuldigte bestimmt. Wir treffen Scheich Aweys im stattlichen zweistöckigen Haus seiner vierten Frau im Zentrum Mogadischus. Nur selten lässt der Islamistenführer Interviews zu. profil ist das erste deutschsprachige Medium, das er empfängt.

Nach einem eingehenden Sicherheitscheck durch einen Trupp schwer bewaffneter Bodyguards dürfen wir uns neben dem ernst dreinblickenden Herrn mit dem hennarot gefärbten Ziegenbärtchen auf den Sitzpolstern niederlassen. Aweys nimmt sich eine gute Stunde Zeit, die ausländischen Besucher von der Lauterkeit seiner Absichten zu überzeugen. „Schreiben Sie, was Sie hier sehen“, sagt der Islamistenführer, „und nicht, was die US-Regierung von Ihnen hören will.“

Globaler Angriff. Für Aweys ist Somalia eine der Fronten des globalen Angriffs Washingtons auf den Islam. Wie die Israelis im Nahen Osten hätte sich die US-Regierung am Horn von Afrika die Äthiopier als Speerspitze ihres Kreuzzugs ausgesucht, die wiederum die somalische Übergangsregierung als trojanisches Pferd benütze. Diese Transitional Federal Government (TFG) sucht sich schon seit fast zwei Jahren als politische Kraft im Land zu etablieren – ohne jeden Erfolg. Da ihr auch Kriegsfürsten als Minister angehörten und sie von Aweys’ säkularem Erzfeind Abdullahi Jusuf angeführt wird, ist sie den Islamisten höchst suspekt: Jusuf konnte es nicht einmal wagen, seine Zelte in Mogadischu aufzuschlagen. Stattdessen ließ er sich zunächst in der 90 Kilometer außerhalb von Mogadischu gelegenen Stadt Jowhar nieder. Von dort aus verjagten ihn die islamischen Milizen im Juli in das noch 150 Kilometer weiter entfernt gelegene Baidao. In dieser Provinzhauptstadt wird die virtuelle Regierung ohne Volk inzwischen von äthiopischen Truppen beschützt, was ungefähr so ist, als würde sich das jordanische Königshaus von israelischen Soldaten schützen lassen. „Die TFG ist nur noch Geschichte“, sagt Abdullahi Schirwa, Sprecher des Dachverbandes der somalischen Zivilgesellschaft „Civil Society in Action“, die der Übergangsregierung einst durchaus wohlgesonnen war.

„Wir werden mit ihnen reden“, versprach Islamistensprecher Abdulkarim Ali Muddey, kurz bevor eine Delegation der Gottesmänner Anfang September zu Gesprächen mit der Übergangsregierung in die sudanesische Hauptstadt Khartum aufbrach. Sollten die Verhandlungen, die bis zum Ende des Fastenmonats Ramadan im Oktober unterbrochen wurden, zu keinem Ergebnis führten – und kaum jemand erwartet etwas anderes –, werde der Rat der Islamisten eine eigene Regierung bilden, kündigte Muddey an: „Und zwar auf der Grundlage des Korans und Allahs Willen.“

Was das bedeuten kann, bekommen die Somalier schon jetzt zu spüren. Noch während wir mit Islamistenführer Aweys sprechen, werden wenige Kilometer entfernt fünf Bewohner von Mogadischu, darunter eine Frau, öffentlich ausgepeitscht, weil sie angeblich mit Marihuana gehandelt haben. Zu Zeiten der Fußball-WM schalteten islamische Milizionäre immer wieder die in der Öffentlichkeit aufgestellten TV-Geräte ab. Ihre Begründung: Die Übertragungen würden Jugendliche vom Studium des Koran abhalten. Auch zahlreiche Kinos wurden dichtgemacht, weil in ihnen angeblich pornografische Filme gezeigt wurden. Schließlich fällten Scharia-Richter kürzlich ein besonders grausames Urteil: Der Sohn eines Ermordeten musste den der Tat für schuldig Befundenen vor hunderten von Schaulustigen, darunter auch Kindern, mit einem Messer abmetzeln. Für westliche Augen möge das unmenschlich sein, räumt Victor Ali Ibrahim, Mitglied des Exekutivrats der Islamisten, ein: „Für uns ist es Allahs Wille.“

Solche Vorkommnisse seien nicht unbedingt Vorboten eines neuen Taliban-Regimes, sondern womöglich nur Verirrungen einzelner radikaler religiöser Führer in der chaotischen Übergangszeit, sucht Menschenrechtsaktivist Ahmed Mohammed Ali die neuen Machthaber in Schutz zu nehmen. Deren ordnenden Einfluss hat auch er als durchaus segensreich erlebt: „Selbst eine schlechte Ordnung ist besser als gar keine Ordnung“, meint der Menschenrechtler. Wenn erst einmal eine neue Regierung gebildet und wieder Institutionen geschaffen worden seien, werde sich das möglicherweise ändern: Eine Garantie, dass es danach entspannter zuginge, gebe es allerdings nicht.

Gottes Administration. Tatsächlich kündigte ein Islamistenführer bereits an, eine Administration der Gottesmänner werde die von westlichen Regierungen und Hilfsorganisationen finanzierten Gruppen der „Civil Society“ nicht anerkennen. Mit Frauenrechtsorganisationen wollen die Streiter Allahs erst recht nichts zu tun haben. Und Geschäftsleute wurden aufgefordert, beim Ruf der Muezzine alles stehen und liegen zu lassen, wenn sie nicht „empfindliche Strafen“ riskieren wollten. Es gebe viele Somalier, die der Etablierung eines islamischen Staates äußerst skeptisch gegenüberstünden, sagt ein prominentes Mitglied der Zivilgesellschaft: „Doch öffentlich zum Ausdruck bringen kann das gegenwärtig keiner.“

Wir werden zu einem Spiel der ersten Liga im Fußballstadium Konis eingeladen, wo wenige Tage zuvor noch eine öffentliche Auspeitschung stattgefunden hat. Auf diese Weise soll uns vorgeführt werden, dass die Islamisten gegen den Ballsport nichts einzuwenden haben – vorausgesetzt, die Frauen sitzen auf einer abgetrennten Tribüne und werden von Ordnungshütern bewacht, die mit Ruten bewaffnet sind. Eigentlich wollten die Islamisten auch, dass die Spieler gemäß den Vorschriften des Korans über die Knie reichende Hosen tragen, sagt uns ein Verantwortlicher: Von der Vollstreckung dieser Vorschrift wurde allerdings noch abgesehen.

Wir sollten uns nicht mit solchen Kleinigkeiten aufhalten, meint Victor Ali Ibrahim vom Exekutivrat der Islamisten: „Es gibt hier schließlich wesentlich wichtigere Dinge – zum Beispiel unsere Sicherheit.“

Die relative Ruhe, die von den Islamisten nach 16 Chaosjahren herbeigeführt wurde, sei nämlich alles andere als garantiert – in Somalia kann jeden Augenblick ein Krieg ausbrechen. „Wenn die Äthiopier nicht unser Land verlassen, werden wir sie mit Waffengewalt verjagen“, droht Jusuf Indha’Adde, der Sicherheitschef der Islamisten: „Wir sind zum heiligen Krieg bereit.“

Selbstmordattentate. Berichte, wonach die Islamisten schon seit geraumer Zeit von Dschihad-Kämpfern aus anderen Teilen der moslemischen Welt unterstützt werden, weist der in ein Palästinensertuch gehüllte Ex-Offizier weit von sich. Wir werden anderntags in ein Trainingscamp der islamischen Milizen vorgelassen, um uns davon überzeugen zu können, dass es – zumindest dort – tatsächlich keine Mudschaheddin gibt.

Sollte es jedoch wirklich zum Krieg mit dem Nachbarland Äthiopien kommen, werde er sich von niemandem auf der Welt die Wahl seiner Waffen und die Auswahl seiner Verbündeten vorschreiben lassen, fügt Indha’Adde hinzu: „Dann werden wir auch Selbstmordanschläge verüben. Und, wenn es sein muss, Osama Bin Laden um Unterstützung bitten.“

Von Johannes Dieterich, Mogadischu