Sonderkommission darf Protokolle sehen:
Mehr Bewegung im Kriminalfall Kampusch

In den Kriminalfall kommt wieder Bewegung: Die Sonderkommission darf die geheimen Einvernahmeprotokolle nun doch sehen. Der Staatsanwalt ist verstimmt.

Auf einmal ging es ganz schnell: Im profil der Vorwoche hatte Ludwig Adamovich, ehemaliger Präsident des Verfassungsgerichtshofs und Leiter der Evaluierungskommission im Fall Natascha Kampusch, die Einzeltätertheorie massiv infrage gestellt und die Staatsanwaltschaft Wien für ihre Untätigkeit kritisiert. Nur drei Tage nach dem Erscheinen dieses Interviews reagierte die Anklagebehörde. Bisher unter Verschluss gehaltene Einvernahmeprotokolle werden nun doch den ermittelnden Kripo-Beamten gezeigt. „Uns wurde vorgeworfen, wir würden etwas verheimlichen. Aber wir haben nichts zu verheimlichen“, erklärte der Leiter der Oberstaatsanwaltschaft, Werner Pleischl.

In den – vorgeblich längst geklärten – Kriminalfall Kampusch kommt damit wieder Bewegung. Wahrscheinlich am Montag oder Dienstag dieser Woche werden zwei Kriminalbeamte in die Staatsanwaltschaft gehen, um die Protokolle zu lesen. Für diese Aufgabe vorgesehen sind der Leiter der Soko Kampusch im Bundeskriminalamt (BK) sowie ein Chefinspektor, der seinerzeit maßgeblich an der Ausforschung des Briefbombers Franz Fuchs beteiligt war. Die bewährten Ermittler werden allerdings nur Notizen machen dürfen; Kopien sind nicht erlaubt, und die Originalniederschriften kommen nach der Einsicht wieder in den Tresor. So viel Misstrauen muss offenbar sein. Schließlich waren die Papiere fast drei Jahre lang mit dem Argument versteckt worden, es dürften keine privaten Details über Natascha Kampusch an die Öffentlichkeit dringen.

Alles bekannt? Doch selbst mit der nun gestatteten Minimalvariante ist Staatsanwalt Pleischl nicht ganz glücklich. „Die Sache ist hochgespielt worden. Solche Diskussionen müsste man intern führen, nicht über die Öffentlichkeit.“ Er persönlich verstehe nicht, wieso um diese Einvernahmen so viel Wind gemacht werde. Im Wesentlichen sei ja bekannt, was Kampusch erzählt habe. „Als Nächstes kommt vielleicht auch noch jemand von der Sozialversicherung und will sich die Protokolle anschauen“, ätzt Pleischl.

Solche Aussagen zeigen, wie vergiftet das Klima zwischen den zuständigen Instanzen in diesem Kriminalfall ist. An sich sollten Staatsanwaltschaft und Exekutive zusammenarbeiten. Doch die Beamten des BK fühlen sich seit Monaten in ihrer Tätigkeit behindert, weil die Anklagebehörde jegliche Kooperation verweigere, wie Ludwig Adamovich im profil kritisierte: „Die Staatsanwaltschaft hat sich bisher mehr oder weniger tot gestellt.“ Obwohl die Evaluierungskommission eine ganze Reihe von Seltsamkeiten und verdächtigen Details zusammentrug, hält der Staatsanwalt die Causa für im Prinzip geklärt. Natascha Kampusch selbst habe stets nur von einem Täter gesprochen. Auch in ihren Tagebuchaufzeichnungen („die wir gelesen haben“) sei nur von Wolfgang Priklopil die Rede. Weitere Recherchen in diese Richtung findet Pleischl offenkundig lächerlich: „Man kann sich natürlich alles Mögliche zusammenreimen. In Österreich herrscht bekanntlich Meinungsfreiheit.“

Keine Weisung. Zu denken geben müsste Pleischl allerdings, dass ein renommierter Berufskollege die Causa deutlich weniger salopp beurteilt. Thomas Mühlbacher, Erster Oberstaatsanwalt in Graz, war von Justizministerin Claudia Bandion-Ortner beauftragt worden, sich die Arbeit der Wiener Anklagebehörde einmal genauer anzusehen. Anfang vergangener Woche hatte er seinen Bericht abgegeben – und darin empfohlen, dem BK Einsicht in die Kampusch-Akten zu gewähren. Mühlbachers Mandat läuft noch bis Ende des Monats. Ob er weitere Aufträge erhält, sei derzeit nicht klar, heißt es aus dem Büro der Justizministerin. Bandion-Ortner hätte theoretisch auch die Möglichkeit, der Wiener Staatsanwaltschaft per Weisung weitere Ermittlungen vorzuschreiben. Das sei derzeit aber nicht geplant, sagt Katharina Swoboda, Sprecherin von Bandion-Ortner.

Dass die Protokolle dem Fall eine ganz neue Richtung geben werden, glaubt indes auch die Kripo nicht. Natascha Kampuschs Einvernahmen fanden zwischen dem 23. und 25. August 2006 statt und wurden von Beamten durchgeführt, die für derart sensible Befragungen nicht speziell geschult waren. Trotzdem erhoffen sich die Ermittler weitere Erkenntnisse, weil Kampusch in den ersten Tagen nach ihrem Wiederauftauchen noch nicht so intensiv von Beratern umschwirrt war und wohl ihre ganz persönliche Geschichte erzählt hat. Die Niederschriften verschwanden damals sofort im Tresor; angeblich wissen außer dem Opfer nur drei Menschen, was drinsteht.

Das wiederum bestreitet der Grüne Peter Pilz. Er hat angekündigt, ein Buch über die Ermittlungsfehler der Polizei im Fall Kampusch zu schreiben, und verspricht einige Neuigkeiten: „Ich habe die Protokolle der ersten sieben Einvernahmen“, behauptet Pilz. Leider muss Österreich noch auf die Enthüllungen warten. Der Spitzel-Untersuchungsausschuss im Parlament beansprucht den Mandatar derzeit völlig.