Sozialpsychologe Klaus Ottomeyer über Haider und Strache

Der Sozialpsychologe Klaus Ottomeyer über den spielerisch-betrügerischen Heinz-Christian Strache.

profil: Sie haben sich mit dem Haider-Mythos beschäftigt. Nun ist Heinz-Christian Strache erfolgreich. Ist es wichtig, wer die FPÖ anführt?
Ottomeyer: Bis zu einem gewissen Grad ist es egal. Wenn eine Partei auf Ressentiment und Groll setzt, besteht immer die Gefahr eines gefährlichen Rechtspopulismus. Entscheidend ist, ob diese Führerfigur in die aggressive Entwertung von vorgezeichneten Gruppen übergeht. Das tut Strache. Das entwickelt eine Dynamik wie zu Haiders Zeiten. Die beiden sind einander sehr ähnlich.

profil: In der Inszenierung oder in der Wirklichkeit?
Ottomeyer: In beidem. Zunächst muss man, wenn man eine solche Führerrolle übernimmt, sehr von sich eingenommen sein. Schlagwort Narzissmus. Die Liebeskampagne, die er jetzt losgetreten hat – als hätte er Sigmund Freud gelesen. Erfolgreich ist man als Führer einer Masse, wenn man eine verquaste, erotisch gehemmte Liebe zum Führer mobilisiert. Dazu gehört auch der entblößte Oberkörper. Die Anhänger werden emotionalisiert und blind wie Kinder und Verliebte. Das macht Strache wohl teils bewusst, teils in unbewusster Identifizierung mit seinem früheren Führer. Dazu tritt noch ein hypnotisches Moment durch Wiederholung von Formeln und Inszenierungen. Er spielt auch so etwas wie den letzten Macho. Er stilisiert sich als vitale Figur und „Marke“. Man erkennt ihn sofort an Kopfform, Frisur und Outfit. Er sticht hervor aus dem Grau der Politiker. Er hat auch Haiders Robin-Hood-Rolle übernommen und spielt den Sozialrebellen, verglich sich sogar mit Che Guevara. Dann gibt es auch etwas Messianisches im Auftreten. Er erscheint auf der Bühne, indem er aus dem Rauch heraus tritt.

profil: Was macht Strache anders als Haider?
Ottomeyer: Nicht vieles. Strache mobilisiert etwa die Trauma-Angst der Menschen. Die Türkenbelagerung von 1683 wird beschworen, als wäre sie gestern gewesen. Solche Tricks sind ein Klassiker der nationalistischen Demagogie. Bei Haider war es die Angst vor den Slawen.

profil: Haider hatte das System fundamental kritisiert, bei Strache kulminiert alles Böse in den „Ausländern“.
Ottomeyer: Bei Strache ist vieles schlichter gestrickt. Auch seine EU-Kritik. Der Norden, der vom Süden ausgenützt wird, da ist alles viel völkischer gefärbt.

profil: Hat der nationalsozialistische Unterschleif, dessen sich Haider bediente, bei Strache noch eine Funktion?
Ottomeyer: Haider hatte wohl eine tiefe Identifizierung mit seinen Eltern, die in den Nationalsozialismus verstrickt waren. Bei Strache gibt es, wie ich gehört habe, einen Großvater, der bei der Waffen-SS gewesen ist und 1945 ohne Gerichtsverfahren erschossen wurde. Das ist doch wieder ähnlich. Immer diese Verharmlosungen in Bezug auf den Nationalsozialismus und das Aufgreifen von dessen Gedankenwelt und dann das folgenlose Dementi. Strache hat zum Beispiel den Antisemitismus über eine Karikatur aufgegriffen, dementiert – und beim nächsten Facebook-Eintrag ging’s schon wieder los.

profil: Worin unterscheidet sich eigentlich Strache von Haider?
Ottomeyer: Haider hat bei Gelegenheit eine feinere Klinge geführt, Witz und zynische Ironie eingesetzt. Strache verfügt über viel weniger Zwischentöne. Er brüllt immer mit derselben empörten Knödelstimme herum. Haider war viel variabler. Der konnte auch vor Professoren reden, vor Künstlern. Der Strache ist da von seinem Können her mehr fixiert auf die Arbeiter.

profil: Hat Strache seit Amtsantritt 2005 seine Inszenierung geändert?
Ottomeyer: Er ist älter geworden. Das Alter wird noch ein Problem werden bei einem dauerempörten Sozialrebellen. Seit dem Breivik-Attentat und dem Auffliegen der NSU-Morde musste er gegenüber den gewälttigen rechten Netzwerken mehr auf Distanz gehen.

profil: Ist das Fernsehen ein Medium, von dem Strache profitiert?
Ottomeyer: Die suggestive Wirkung ist erst einmal an Massenversammlungen gebunden. Deshalb mussten Haider und Strache auch immer herumtouren, auf großen Bühnen auftreten, erlebbar sein. Es kommt dann zu einer hysterischen wechselseitigen Liebesbekundung auf Kosten der vorgezeichneten Sündenböcke. Wichtig ist auch das Anfassen. Das gehört zur Erotisierung dazu. Wenn man Strache schwächen wollte, müsste man nur dauernd Videos von diesen Versammlungen in den öffentlichen Medien spielen. Das wäre verräterisch.

profil: Warum würde ihn das schwächen?
Ottomeyer: Man würde sehen, wie primitiv das ist und wie stark das Element der Verhetzung durchkommt. Wenn er im nachtblauen Anzug auftritt, ist das nicht so sichtbar.

profil: Strache wirkt nicht spielerisch und ironisch wie Haider. Eher so, als glaubte
er zu 100 Prozent, was er sagt. Was ist gefährlicher?
Ottomeyer: Haider war erfolgreich und gefährlich, weil er auch Menschen, die keine Ausländerfeinde waren, mit seinem Charme in seinen Bann hat ziehen können. Diese Wirkung auch außerhalb der speziellen, für Rechtspopulismus anfälligen Klientel, war seine Stärke. Diese Wirkung kann ich mir beim Strache nicht so richtig vorstellen. Als sanfter Charmeur wird er an Haider nicht herankommen. Der konnte sich in unterschiedliche Menschen schnell einfühlen. Strache ist nicht so intelligent wie
Haider.

profil: Was ist gefährlicher für die Demokratie? Dummheit oder Intelligenz?
Ottomeyer: Ich glaube, Intelligenz. Haider hatte Freude daran, andere reinzulegen, für sein eigenes Größenerleben. Freude am einfühlsamen Betrug, das Leuchten in ihren Augen zu sehen, wenn er etwas versprach. Dieses Spielerische und Betrügerische sehe ich bei Strache nicht. Nur das Brutale der Stimmungsmaximierung auf Kosten der Schwächsten.

Foto: Michael Rausch-Schott