„Sozusagen gottgewollt“

Prälat Joachim Angerer, vormals Abt von Stift Geras, über den Fall von Bischof Krenn und das Biotop St. Pölten.

profil: Im Jahr 2000 erschien Ihr Buch „Österreich nach Krenn und Co“. Fühlen Sie sich jetzt bestätigt?
Angerer: Mich erfüllt Trauer. Die Äbte haben schon 1998 kollektiv Krenns Rücktritt verlangt. Es gab von Anfang an vehemente Bemühungen, Ulrich Küchl als neuen Leiter des Priester-
seminars in St. Pölten zu verhindern. Aber Bischof Krenn gab vor, den Vatikan hinter sich zu haben. Es ist ihm gelungen, den Klerus seiner Diözese so durcheinander zu bringen, dass sich einige auf seine Seite geschlagen haben, viele meinten, man dürfe einen Bischof nicht kritisieren, der sei ja sozusagen gottgewollt.
profil: Hat sich nun in Rom das Kräfteverhältnis verändert?
Angerer: Das weiß ich nicht, aber ich bin sicher, dass diese dramatischen Vorfälle, die St. Pölten weltweit berühmt-berüchtigt gemacht haben, im Vatikan schlicht und einfach nicht mehr zu verheimlichen waren. Bischof Krenn hat in der Öffentlichkeit jahrelang erfolgreich den Eindruck vermittelt, er wäre der beliebte Vertrauensmann des Papstes gewesen. Ich glaube, in Wirklichkeit hatte er bestenfalls eine Vorzimmermacht.
profil: Wie stark sind die fundamentalistischen Gruppierungen, die Krenn in die Diözese geholt hat?
Angerer: Beachtlich. Bischof Krenn hat an der Diözese vorbeiregiert und sich seine eigene Mannschaft aufgebaut. Kritische Geister wurden abgesetzt. In letzter Zeit schien er handlungsunfähig zu sein.
profil: Hat Krenn Bewunderer gesucht oder ideologische Mitstreiter?
Angerer: Er hat in erster Linie Gefolgschaft gesucht. Aber es liegt auch in der Natur der Sache, dass sich viele fundamentalistische Gemeinschaften von Krenns autoritärem Verhalten angezogen fühlen. Und er selbst ist ja ein klarer Ideologe. Ich war zehn Jahre als Vertreter der Äbte im Priesterrat, und wir haben versucht, ihn in vielen Dingen zu mäßigen. Es kam immer wieder zu Auseinandersetzungen, solange bis er dann durch Berufung seiner Kandidaten die Oberhand im Priesterrat hatte.
profil: Bei jedem Karriereschritt Krenns gab es Proteste. Was ist das für eine Persönlichkeit, die das aushält?
Angerer: Man muss zunächst einmal wissen, dass Krenn im Dritten Reich aufgewachsen ist, in einer Familie, die dem System verfallen war. Die Eltern waren aus der Kirche ausgetreten, er ist in einem totalitären System erzogen worden. Deshalb ist ihm eine gewisse Nähe zum autoritären Denken geblieben. Er hat offenbar seine Karriere sehr klar gebaut. So hat er den Eintritt in ein Kloster nach den Gymnasialjahren mit den Worten: „Dann kann ich nicht Bischof werden“ abgelehnt.
profil: Fühlen Sie sich selbst als ein Opfer von Kurt Krenn?
Angerer: Ich sehe mich nicht als Opfer, wohl aber die katholische Kirche selbst. Durch die Kräfte, die Krenn in den Pfarren und Stiften gefördert hat und die nicht im Einklang mit dem Zweiten Vatikanum stehen, hat die Diözese St. Pölten sehr gelitten.
profil: Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen einer rigiden Ausrichtung der Lehre und verbotenen Sexspielen?
Angerer: Nicht unbedingt, aber der Komplex Kirche und Sexualität sollte über den aktuellen Fall hinaus umfassend diskutiert werden. Auch das Pflichtzölibat gehört hinterfragt.
profil: Sollen Männer mit homosexuellen Neigungen Priester werden dürfen?
Angerer: In meiner Studienzeit war das untersagt. Die Gefahr, dass Homosexuelle im Zölibat einen Deckmantel finden, ist groß. Aber ich bin eher dafür, dass die Kirche ihr Verständnis von Körper und Geist neu definiert.