Späte Jugend

Der deutsche Autorenfilm schöpft neue Hoffnung: Das Berliner Existenz- und Stationendrama „Oh Boy“ bringt Kunstanspruch und lakonischen Witz locker unter einen Hut.

Ganz unangestrengt bewegt sich dieser Film durch die Stadt, die jüngere Kulturgeschichte und eine Handvoll Menschendramen, ist auf sanfte Weise komisch und stilbewusst bis an den Rand der Persiflage: Mit leise plätscherndem Jazz setzt „Oh Boy“ ein, eine Kinoerzählung in Schwarz-Weiß wie „Stardust Memories“, wie „Stranger Than Paradise“, wie „Außer Atem“. In irgendeinem Berliner Schlafzimmer streift sich ein junger Mann seine Kleidung über, während eine Ersatz-Jean-Seberg sich mit Ringelshirt im Bett räkelt. Sie will ihn abends wiedersehen, er sie eher nicht, wie sein schuldbewusster Blick ihr schnell verrät – der eingeblendete Titel des Films erscheint an dieser Stelle wie der stimmige Kommentar zur unschönen Szene.

Nun ist Tom Schilling, der souverän den Antihelden Niko spielt, um den diese Tragikomödie kreist, kein Belmondo, aber das wäre auch fatal. „Oh Boy“ bezieht seinen Reiz aus der widersprüchlichen Präsenz seines scheuen Protagonisten, aus der eigentlich ganz uncoolen Coolness dieses Schauspielers (siehe Kasten). Regisseur und Autor Jan Ole Gerster widmet sein Debüt einer klassischen Coming-of-Age-Geschichte, wobei er die Grenze zwischen Adoleszenz und Erwachsenenalter strategisch nach hinten verschoben hat: „30 ist die neue 20“, meint Gerster lakonisch, und die Wirklichkeit gibt ihm in dieser Frage Recht. Das halbe Kind, das Niko noch ist, obwohl sein Teenagerdasein ein gutes Jahrzehnt hinter ihm liegt, kann sich mit dem Einstieg in den Ernst des Lebens nicht recht abfinden. Sein Architekturstudium hat er geschmissen, der Papa finanziert ihn, und wenn er mit seinem besten Freund Matze um die Häuser zieht, fühlt sich das immer noch so an wie damals.

Schwach ausgeprägte Small-Talk-Tauglichkeit
„Oh Boy“ (in Österreich zu sehen ab 28. Dezember) ist ein Film aus der grauen deutschen Hauptstadt, eine Nahaufnahme vom improvisierten Leben der bourgeoisen Boheme, aber weit entfernt von der kritischen Vernunft der Berliner Schule. Gerster gönnt sich durchaus Albernheiten, aber er schmälert damit erstaunlicherweise den Realismus seiner Inszenierung nicht. Er kostet die Peinlichkeiten aus, in die Niko gerät, und er tut dies mit ­hervorragender Besetzung (Ulrich Noethen, Michael Gwisdek, Marc Hosemann, Friederike Kempter), mit beträchtlichem Wortwitz und gutem Sinn für Timing. Gerade mal 300.000 Euro hat die Produktion dieses Films gekostet, aber seit dem deutschen Kinostart Anfang November konnte er bereits 160.000 Besucher für sich gewinnen. Das lässt die angeschlagene Filmbranche nun hoffen: Sind es doch die kleinen, alltäglichen (und billig herzustellenden) Storys, die das Kino neu beleben?

Es ist, in diesem Fall, wohl vor allem der Charme eines Hauptdarstellers mit schwach ausgeprägter Smalltalk-Tauglichkeit: Alles läuft schief in seinem Leben, das ihn mit einer Absurdität nach der anderen konfrontiert. Das Stationendrama, das er zu absolvieren hat, ist aber auch eine Zumutung: Ein psychologisches Testgespräch zur Wiedererlangung seines Führerscheins endet desaströs, der depressive Nachbar bringt ihm Begrüßungs-Fleischbällchen und behelligt ihn mit ungewollten Informationen aus seinem Eheleben, der autoritäre Daddy zwingt ihn zu einer Golfpartie, und in einer fremden Wohnung probiert er den Massagestuhl der Oma eines Dealers. Schließlich gerät er an ein Mädchen, dessen Neurosen seine eigenen weit in den Schatten stellen.
Vieles ist ein bisschen dick aufgetragen in „Oh Boy“, und nicht alle Szenen glücken. Aber es gibt doch erstaunlich viele Momente hier, an die man sich gern erinnern wird. „Der Spiegel“ nennt Gersters Film einen „Glücksfall“. So weit muss man nicht gehen, um anerkennen zu können, wie geschmackssicher dieser Regisseur sich an den Vorgaben Woody Allens und Larry Davids („Curb Your Enthusiasm“) bedient. „Oh Boy“ ist ein Film, der vom Verlieren handelt – und als solcher ein Gewinn.

Tom Schilling: Karriere eines Jungstars
Obwohl Tom Schilling, 30, noch immer so aussieht, als bereitete er sich gerade erst auf den Schulabschluss vor, blickt er doch schon auf ein stattliches filmisches Werk zurück – auf gut vier Dutzend Auftritte in Film und Fern­sehen. Mit zwölf stand Schilling bereits auf der Theaterbühne, mit 18 wurde er zum deutschen Kinostar: In Hans-Christian Schmids Teenagerfilm „Crazy“ übernahm er neben ­Robert Stadlober eine der tragenden Rollen. Weitere Stationen einer Karriere: „Verschwende deine Jugend“ (2003), „Napola“ (2004) und „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“ (2008). Als junger Adolf Hitler ­erschien er in „Mein Kampf“ (2009), ­daneben absolvierte er unzählige Auftritte in deutschen TV-Krimis. Als Prinz Otto wird er demnächst in „Ludwig II.“ zu sehen sein.