Spanien: Der Feind ohne Gesicht

Die schwersten Terroranschläge der jüngeren Geschichte haben die Nation in Betroffenheit und Verwirrung gestürzt. Kann der Zweifrontenkrieg gegen einheimischen und inter nationalen Terror gewonnen werden?

Der Donnerstagmorgen begann für die Pendler von Alcala de Henares, einem südöstlichen Madrider Vorort, nervenaufreibend wie immer. Auf der Zuglinie C-2 zwischen Alcala und Atocha, dem Zentralbahnhof der Hauptstadt, zwängen sich die Fahrgäste täglich in die überfüllten Züge. Sieben Uhr, die Nahverkehrsverbindungen laufen im 3-Minuten-Takt, frequentiert von 700 Fahrgästen pro Zug, 100 pro Waggon. Arbeiter, Schüler, Studenten, allesamt Bewohner der ärmeren Außenbezirke der Metropole, stehen dicht an dicht.

Niemandem fällt auf, dass sich in vier Zügen Gepäckstücke befinden, die keinem der Fahrgäste gehören. Rucksäcke und Plastiktaschen liegen verloren irgendwo im Gedränge. Die Pendler warten darauf, dass die 35 Minuten vergehen, die der Zug bis zur Endstation Atocha braucht. In jedem der herrenlosen Gepäckstücke stoppt eine Uhr die Zeit genau mit. 35 Minuten.

Der erste der vier Züge, die sich dem Zentralbahnhof nähern, trifft um 7.40 Uhr fahrplanmäßig in Atocha ein. Die Zeitmechanismen in drei Gepäckstücken registrieren das Ende der 35. Minute und setzen die Zündvorrichtungen in Gang. Zwischen 13 und 15 Kilogramm Titadyn, ein industriell verwendetes Dynamit, das in die Säcke gepackt ist, detonieren im voll besetzten Waggon. Die Wucht der Explosionen zerreißt jeden der Waggons „wie eine Thunfischdose“, sagt ein Rettungsmann später. 34 Menschen sterben auf der Stelle.

Arme, Beine. Augenzeugen berichten nachher, dass die Fahrgäste und die Leute im Bahnhof nach der zweiten und dritten Explosion in Panik gerieten: „Sie ließen alles fallen – Taschen, Schuhe – und rannten los, manche trampelten über Gestolperte. Niemand wusste, wohin. Manche rannten in die Tunnels und dachten nicht an die Gefahr heranrollender Züge.“

Metallstücke waren durch die Luft geflogen, Rauchschwaden hingen über dem Wrack. Menschen lagen am Boden, viele waren eingeklemmt.

Juan José Fernandez, Gärtner bei der Madrider Kommunalverwaltung, war einer der ersten Helfer: „Es war fürchterlich. Man sah fast mehr einzelne Körperteile als ganze Leichen. Arme, Beine, abgetrennte Köpfe. Unter den Toten waren viele Kinder. Zwischen den Geleisen und in den Waggons lagen zerfetzte Schulbücher.“

Doch ehe Hilfe eintrifft, kracht bloß 500 Meter weiter ein weiterer Donnerschlag. Vier Bomben gehen in einem Pendlerzug hoch, der sich Atocha nähert: 64 Tote.
Knapp einen Kilometer weiter, im Bahnhof El Pozo explodieren zwei Bomben in einem Zug auf derselben Strecke: 67 Tote.
Im Bahnhof Santa Eugenia, ebenfalls auf derselben Bahnlinie, explodiert noch eine Bombe in einem Zug: 16 Tote.

Zehn Bomben innerhalb weniger Minuten, zerfetzte Waggons, abgerissene Gliedmaßen, Leichen, verbrannte Kinder. Bald zählt man an die 200 Tote und 1400 Verletzte, von denen viele im Sterben liegen. Er habe Horror gesehen, sagt ein Rettungshelfer später. Es habe ausgesehen wie der Bahnsteig des Todes, sagt ein Feuerwehrmann. Ein Massaker; ein Inferno; eine moderne Version der Kriegsbilder von Goya; ein Guernica. Und: Der 11. März sei der spanische 11. September.

Tatsächlich wäre der Bahnhof von Atocha nach Meinung der Ermittler eingestürzt, hätte der zweite Zug nicht zwei Minuten Verspätung gehabt, weshalb die Explosionen außerhalb des Gebäudes passierten. So blieb wenigstens diese Parallele zu den Attentaten auf die Twin Towers aus.

Die Chiffre „11. September“ war anfangs ohnehin nur als Metapher gemeint und nicht als faktische Vermutung einer islamistischen Täterschaft. Die Regierung glaubte, den Urheber der Anschläge zu kennen, und machte aus ihrer Gewissheit kein Hehl: Die baskische Terrororganisation ETA, die seit 45 Jahren für die Unabhängigkeit des Baskenlandes kämpft, wurde als Schuldige genannt.

Wut. Die Zahl der Toten wurde laufend nach oben korrigiert, da verhängte der spanische Premier José Maria Aznar schon drei Tage Staatstrauer und rief für Freitag zu Kundgebungen auf, um den Zusammenhalt der Nation gegen den Terror zu demonstrieren. So lange wollten viele nicht warten. Auf dem Platz Puerta del Sol in Madrid entlud sich bereits am Nachmittag die Wut über das größte Verbrechen, das in der jüngeren spanischen Geschichte begangen worden war.

„ETA und seine Komplizen – schlimmer als Nazis“ stand auf einem Spruchband zu lesen. Die ETA, die in der jüngeren Vergangenheit so gut wie alle Terrorakte in Spanien begangen hatte, wurde fast reflexartig auch für die Attentate auf die Züge verantwortlich gemacht. Es gab deutliche Indizien. Schließlich waren erst am Weihnachtstag des vergangenen Jahres zwei ETA-Männer verhaftet worden, als sie mit Sprengstoff gefüllte Koffer in einem Zug in Richtung Madrid deponieren wollten. Am 29. Februar dieses Jahres entdeckte die Polizei in einem gestohlenen Kleinlaster der ETA hunderte Kilo von explosivem Material. Auch den am Donnerstag verwendeten Sprengstoff ordneten die Ermittler der ETA zu.

Doch Repräsentanten der verbotenen Partei Batasuna, des politischen Arms der ETA, verurteilten die Anschläge scharf und bestritten jeglichen Zusammenhang mit der ETA (siehe Interview).

Neue Spur. In der baskischen Metropole Bilbao fand die von Premier Aznar beschworene Einheit der Nation denn auch ein jähes Ende. Erst folgten rund 1500 Menschen einem Aufruf von Aznars Volkspartei und demonstrierten gegen die ETA, doch eine halbe Stunde später marschierten 15.000 Menschen schweigend hinter Vertretern der baskischen Regionalregierung und oppositioneller Parteien. „Ich glaube nicht, dass die ETA das getan hat“, gab eine Frau die herrschende Meinung in der Menge wieder.

Plötzlich, am Donnerstagabend, eine überraschende Wendung. Die Polizei findet am Parkplatz vor dem Bahnhof von Alcala de Henares in einem gestohlenen Auto Zündvorrichtungen und Audiokassetten mit Koran-Versen. Zudem geht bei der arabischen Zeitung „Al-Quds al-arabi“ in London ein Bekenner-E-Mail der Abu-Hafs-Brigaden ein, einer Untergruppe der al-Qa’ida. Ab diesem Zeitpunkt laufen die Ermittlungen wieder „in alle Richtungen“, erklärt Premier Aznar. Am Freitag findet die Polizei einen weiteren Rucksack mit Plastiksprengstoff, der nicht auf die ETA, sondern eher auf islamistische Täter schließen lässt.

Dass militante Islamisten in Spanien aktiv sind, ist bekannt. Der Untersuchungsrichter Baltasar Garzon ermittelt seit Jahren gegen die „spanische Zelle der al-Qa’ida“, die nach Garzons Überzeugung zur Vorbereitung der Attentate des 11. September 2001 in New York und Washington beigetragen hat. Tatsächlich war Mohammed Atta, der Chef des Kommandos, im Jahr 2001 nach Spanien gereist.

Dass Spanien selbst zum Ziel von islamistischen Anschlägen werden könnte, vermuten die Terrorbekämpfer seit dem Attentat auf das Restaurant Casa de Espana in der marokkanischen Stadt Casablanca im Mai des vergangenen Jahres. Unter den 41 Toten waren damals auch zwei Spanier. Die Nähe Casablancas zu Europa hatte die spanischen Behörden alarmiert.

Geplagt von heimischem und internationalem Terror, weiß die spanische Nation nun jedoch nicht, wem ihr Zorn gelten soll. Das Wissen, es mit der ETA zu tun zu haben, hätte nicht nur den Ermittlern, sondern auch der Öffentlichkeit Erleichterung verschafft. Die Massen, die Freitagabend überall in Spanien auf die Straße gingen, hätten „ETA no!“ gerufen und gewusst, dass sie damit den Tätern ihre Verachtung zeigen können. So aber mussten die Sprüche vage bleiben, gegen „den Terror“ an und für sich, einen abstrakten, namenlosen Feind.

Spanien ist tief getroffen, gezeichnet von einem Gefühl der Verwundbarkeit – und der Konfusion. Ist ein schärferes Vorgehen gegen die ETA die Lösung? Oder war das spanische Engagement im Irak der Auslöser für die Attentate? Der Zweifrontenkrieg gegen den Terror ist auf Dauer schwer zu ertragen, aber wie kann man sich ihm entziehen?

Weiße Laken. Der Nation blieb nichts anderes übrig, als Entschlossenheit zu demonstrieren: durch Massenproteste auf den Straßen, eine möglichst hohe Wahlbeteiligung bei den Parlamentswahlen am vergangenen Sonntag und das Festhalten an dem, was man Normalität nennt.

Vergangenen Freitag waren in der Ausstellungshalle 6 des Madrider Messegeländes noch die Opfer der Anschläge aufgebahrt, die noch nicht Identifizierten in weiße Laken gehüllt, die Identifizierten in schwarze.

Eine Mutter, die schon in allen Spitälern gesucht hatte, sagte, sie vermisse ihre Tochter Patricia. „Sie war auf dem Weg zu ihrer Lehrstelle. Ich hoffe nicht, dass ich sie hier finde. Sie ist erst 20 Jahre alt.“ Drinnen musste die Mutter Auskunft geben, ob Patricia Ringe, Tätowierungen oder Piercings hatte. Israel schickte Experten zur Identifizierung der Opfer. Etwa 30 Tote sind bei den Explosionen vollständig zerrissen worden.

Ein illegal in Spanien lebender Marokkaner rief bei einem TV-Sender an, weil er sich nicht zur Identifizierung seiner Arbeitskollegen ins Messegelände wagte. Viele der Opfer sind Einwanderer, die sich in der Hoffnung auf einen Job in den Arbeitervierteln rund um Madrid ansiedelten.

Freitagmorgen fuhren die Züge auf der Strecke zwischen Alcala de Henares und Atocha wieder. An den Unglücksorten entlang der Strecke sah man noch Blut und Kleiderreste. Die Lokomotiven trugen schwarze Schleifen. In den Bahnhöfen brannten Kerzen. Es war ein normaler Werktag. Aber die Züge waren ziemlich leer.