Christian Keuschnigg: „Das Sparen ist unersetzbar“

Christian Keuschnigg, Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS), über gute ­Nachrichten aus den Krisenländern und das lange Warten auf messbare Erfolge.

Interview: Anna Giulia Fink

profil: Die Kritik an der Sparpolitik nimmt immer mehr zu. War der Austeritätskurs kontraproduktiv?
Christian Keuschnigg: Nein. Erstmals werden in den Krisenländern die Staatsfinanzen konsolidiert. Die Defizite sinken überall, aber die Schuldenquote nimmt zu, wenn auch langsamer. Die Handelsbilanz stabilisiert sich allmählich – was auch darauf zurückzuführen ist, dass aufgrund von Rezession, Arbeitslosigkeit und einem Rückgang der Einkommen in den Krisenländern automatisch auch die Importe zurückgehen.

profil: Sie meinen, dass die Eurozone trotz allen Elends auf dem richtigen Weg ist?
Keuschnigg: Ja, es gibt kaum Alternativen. Die Maßnahmen greifen – es dauert aber viel länger, als zunächst angenommen, bis sich messbare Erfolge zeigen.

profil: Sie widersprechen also der Ansicht, dass man sich nicht aus der Krise heraussparen könne?
Keuschnigg: Ja, das zeigen die Musterschüler Irland sowie die baltischen Staaten: Nach einem harten Sparprogramm verzeichnen sie heute positive Wachstumsraten. Der entscheidende Punkt ist, dass die Wirtschaftskrise in den südlichen Krisenländern keine normale Rezession ist. Es handelt sich um eine so genannte ­Anpassungsrezession, weil die Struktur der Wirtschaft verändert werden muss. In den betroffenen Staaten mangelt es an einer funktionierenden Verwaltung, es herrschen Selbstbedienungsmentalität und Steuerhinterziehung und vor allem werden kaum konkurrenzfähige Produkte hergestellt. Ein Exportsektor muss erst einmal aufgebaut, Importe müssen durch heimische Produktion ersetzt werden.

profil: Aber bis dahin treiben Konjunkturflaute und Schuldenkrise die Arbeitslosigkeit auf Rekordhöhe.
Keuschnigg: Die Arbeitslosigkeit ist das allergrößte Problem. Erschreckend ist vor allem, wie ungleich sie verteilt ist: Die EU-weite Jugendarbeitslosigkeit von 25 Prozent ist eine Katastrophe – von ­Griechenland ganz zu schweigen. Der Reformprozess braucht Zeit.

profil: Der Sparkurs darf also nicht aufgeweicht werden?
Keuschnigg: Griechenland hat dramatische Maßnahmen hinter sich, die ein Land tatsächlich nur schwer aushalten kann. Trotzdem muss es bei dem gegenwärtigen Programm bleiben. Das Sparen ist unersetzbar. Man kann natürlich darüber reden, ob der Abbau der Staatsverschuldung etwas verlangsamt werden kann. Aber die Länder haben ihren Spielraum am Kapitalmarkt ausgeschöpft. Wenn man das Sparen in einem Land in Frage stellt, muss man auch dazusagen, dass dann der Rest Europas dafür aufkommen muss.

profil: Hat man zu früh – mitten in der Krise – damit angefangen, eine harte Sparpolitik durchzusetzen?
Keuschnigg: Der Finanzsektor in den Krisenländern musste dringend stabilisiert werden, sonst wären sie nicht mehr zu Geld gekommen, und das hätte erst recht das Wachstum blockiert. Die Länder haben hohe Schulden gemacht, die nun wieder abgebaut werden müssen. Natürlich ist es ein Problem, wenn man während der Rezession sparen muss. Aber die Rezession wurde bereits zuvor durch Fehlentwicklungen ausgelöst: Etwa weil Griechenland über zehn Jahre sehr viel an Wettbewerbsfähigkeit verloren hat.

profil: Wenn Wettbewerbsfähigkeit die entscheidende Determinante ist, wieso kommt die Wirtschaft dann nicht in Schwung?
Keuschnigg: Erst wenn die Produkte wettbewerbsfähig sind, kommt der Export in Gang und dann gibt es Wachstum. Die gute Nachricht ist, dass alle Krisenländer langsam an Wettbewerbsfähigkeit gewinnen.

profil: Macht es Sinn, Austerität und Wachstumspolitik als unvereinbare Denkschulen zu sehen?
Keuschnigg: In der Praxis ist es wohl eher eine Frage der Gewichtung. Niemand stellt ernsthaft in Frage, dass die Krisenländer sparen müssen, und niemand, dass sie Wirtschaftswachstum brauchen.