SPÖ-Geheimwaffe Niko Pelinka

Niko Pelinka soll im ORF-Stiftungsrat die Wahl von Alexander Wrabetz sicherstellen. Rosemarie Schwaiger über einen 24-Jährigen, der sich unheimlich erwachsen fühlt.

Zwischen Anfang Mai und Anfang August liegen ungefähr drei Monate. Wer lieber in kleinen Einheiten denkt, kann über den Daumen auch mit etwas mehr als dreizehn Wochen kalkulieren. Ganz exakt ist das aber natürlich nicht. "Es sind noch 98 Tage bis zur ORF-Wahl“, sagt Niko Pelinka am Dienstag der Vorwoche. Der Termin am 9. August ist wichtig für ihn; da darf man ruhig ein bisschen pingelig sein.

Seit einem Jahr ist Pelinka Sprecher des roten Freundeskreises im ORF-Stiftungsrat. Es wird auch von seinem strategischen Geschick abhängen, ob Alexander Wrabetz wieder zum Generaldirektor gewählt wird oder nicht. Aus der SP-Fraktion darf keiner ausscheren, sonst reichen die Stimmen nicht. Gerüchte, wonach auch der jetzige RTL-Chef Gerhard Zeiler antreten wolle, passen dabei ganz schlecht ins Konzept. "Ich kommentiere das nicht“, sagt Pelinka. "Diese Diskussion wird von Leuten gesteuert, die Wrabetz schaden wollen.“

Pelinka sitzt im Wiener Café Rochus bei einem kleinen Frühstück - zwei Eier im Glas, Buttersemmel, Melange - und sieht wieder einmal aus, als käme er direkt von einem Herrenausstatter mit Rundumservice: dunkelblauer Anzug, hellblaues Hemd, blankgeputzte Schuhe, das rotblonde Haar sorgfältig aus der Stirn gegelt. Das ist sein Outfit für die halboffiziellen Termine. Wird es richtig amtlich, kommt dazu noch eine Krawatte, sehr gern in dezentem Dunkelblau mit weißen Pünktchen. "Ich hab den Niko gekannt, als er elf war“, sagt ein Bekannter der Familie. "Ein paar Jahre später hab ich ihn wieder getroffen, da war er 45.“

Laut Geburtsurkunde ist Pelinka 24 Jahre alt; ein junger Mann, der das Leben eines wesentlich älteren führt. Mit kaum 20 Jahren war er Pressesprecher von Unterrichtsministerin Claudia Schmied. Mit 23 folgte er dem alten Haudegen Karl Krammer in den ORF-Stiftungsrat. Weil sich dieses Mandat nicht mit einer Tätigkeit im Ministerbüro verträgt, suchte die SPÖ auch gleich einen neuen Job für ihn. Im Juni des Vorjahrs fing Pelinka in der Abteilung "Public Affairs“ der ÖBB an - und gilt seither als jüngster Versorgungsfall der österreichischen Proporzgeschichte.

Die Hauptperson erzählt das natürlich anders. Er kenne ÖBB-Chef Christian Kern lange und habe schon zu dessen Zeiten im Verbund ein Angebot gehabt, sagt Pelinka. "Wir haben im Februar vereinbart, dass ich im Juni bei ihm anfange.“ Es sei ein Fehler gewesen, vorher das Mandat im Stiftungsrat anzunehmen. "Das würde ich heute anders machen. Die Optik war nicht schön.“

Schon seit Monaten wird gemunkelt, Pelinka solle nach geschlagener ORF-Wahl zur Belohnung Generalsekretär auf dem Küniglberg werden. Die ORF-Redakteure legten gegen diese "politische Besetzung“ bereits im Dezember vorsorglich Protest ein. Pelinka selbst beteuert seitdem, dass er nichts dergleichen vorhabe. "Ich werde keinen Job im ORF annehmen. Das kann ich definitiv ausschließen.“

Für eine so kurze Karriere haben sich da offenbar schon sehr viele Missverständnisse angesammelt. Unbestritten ist, dass Pelinka zum engeren Freundeskreis von SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas gehört. Sie war es auch, die den Wechsel im Stiftungsrat betrieben hat. Der erfahrene, aber eigensinnige Karl Krammer musste gehen, der junge, leichter steuerbare Niko Pelinka übernahm das Ruder. Eine Investition in die Meinungsvielfalt der Partei war das eher nicht.

Nikolaus Pelinka gehört zur Jeunesse dorée der Wiener Sozialdemokratie. Sein Vater Peter war Chefredakteur der "Arbeiter Zeitung“ und ist heute Chefredakteur des Magazins "News“, sein Onkel Anton ist Universitätsprofessor und ein bekannter Politologe. Der Filius versuchte sich zuerst ebenfalls im Journalismus und arbeitete für die Internet-Zeitung "CHiLLi.cc“. 2005 kam er mit der Partei auf Tuchfühlung und organisierte gemeinsam mit Laura Rudas und Raphael Sternfeld die Jugendarbeit im Nationalratswahlkampf. Bald darauf wechselte er in das Kabinett von Claudia Schmied.

Pelinka hat bisher keine groben Fehler gemacht - aber schon ziemlich viel schlechte Nachrede. Es kann sein, dass er gelegentlich Prügel einstecken muss, die gar nicht ihm allein gelten. Er taugt einfach hervorragend als Symbolfigur für eine SPÖ, in der es immer weniger um Überzeugungen und immer mehr um schnöde Karriereplanung geht. Kaum war Pelinka volljährig, benahm er sich schon wie ein altgedienter Apparatschik. Nie wich seine Meinung auch nur einen Millimeter von der gerade aktuellen Parteilinie ab. Stets will er alles richtig machen, nur ja nicht bei den Falschen anecken, bloß keine Gelegenheiten verpassen. Wenn er so vor sich hin doziert, bekommt sein ausgeprägtes Selbstbewusstsein mitunter eine Schlagseite in Richtung onkelhafte Besserwisserei. Da hat einer, sehr gut sichtbar, noch Großes mit sich vor.

Pelinka erinnert an den Typ von Mitschüler, der bei jeder Frage des Lehrers den Arm in die Höhe reckte und heftig mit der Hand wachelte, um nur ja nicht übersehen zu werden. So ein Schulkamerad war praktisch, wenn es den Rest der Klasse gerade gar nicht freute. Aber genervt hat er auch.

Vor ein paar Jahren tauchte Pelinka, damals ganz frisch im Kabinett von Unterrichtsministerin Schmied, uneingeladen auf einer Journalisten-Geburtstagsfeier auf. Er sei, erklärte er im Small Talk ganz ernsthaft, "nun der politische Kopf im Büro der Ministerin“. Ein ehemaliger Kollege aus diesem Ministerbüro hat die Arbeitsteilung geringfügig anders in Erinnerung: "Er war gut im Exekutieren. Aber er brauchte strukturelle Anleitung. Und bei den wirklich wichtigen Terminen war er nie dabei.“

Es ist gefährlich, sich mit Haut und Haaren an die Partei zu binden. Sollte die Wahl des ORF-Generaldirektors anders ausgehen als geplant, kann es schnell vorbei sein mit der Wertschätzung in der Löwelstraße. "Für einen 24-Jährigen ist dieses Amt eine Bergwertung“, meint Wolfgang Wörter, vom Bundesland Salzburg entsandter Stiftungsrat der SPÖ. Sein steirischer Kollege Alois Sundl glaubt, Pelinka könne sich damit für höhere Weihen positionieren. "Wenn er seine Chance nützt.“ Beide loben ihren neuen Anführer höflich: Der junge Mann sei fleißig, engagiert, verbindlich und freundlich - vor allem, wenn man sein Alter in Betracht ziehe. Auf einen Vergleich mit seinem Vorgänger Karl Krammer wollen sich die zwei Herren aber nicht einlassen. Das wäre unfair, meinen sie. "Krammer war ein Vollprofi“, sagt Wörter. Sundl hält ihn für "eine Institution“.

Im Stiftungsrat haut Pelinka gelegentlich schon ganz ordentlich auf den Putz. Das Protokoll der bisher letzten Sitzung vermerkt eine Rücktrittsaufforderung an den ÖVP-Stiftungsrat Franz Krainer, der es gewagt hatte, Alexander Wrabetz ein paar Fragen zu dessen Geschäftsbeziehung mit dem Lobbyisten Walter Meischberger zu stellen. Wenn Krainer so wenig Vertrauen in den Generaldirektor habe, so Pelinka, dann würde er ihm empfehlen zu überlegen, ob er seine Funktion im Stiftungsrat weiter ausüben wolle.

"Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich einen konstruktiven Umgang mit Alexander Wrabetz pflegen möchte“, erklärt Pelinka. Vor zwei Jahren war noch die eigene Partei über den ORF-General hergefallen - aber das stört ihn nicht bei der Argumentation: "2009 hat der ORF hohe Verluste gemacht. Es war nicht klar, ob Wrabetz die Sanierung schaffen wird.“ Mittlerweile schreibt der ORF schwarze Zahlen, die SPÖ hat seinen Chef wieder lieb, und Pelinka kann sich keinen besseren Generaldirektor vorstellen.

Dass sein Wechsel in die Kommunikationsabteilung der ÖBB so viel Staub aufwirbelte, war Pelinka gar nicht recht. Vor allem ein Beitrag der "Kronen Zeitung“ schmerzte, der ihm ein Bruttogehalt von 6000 Euro zuschrieb. Er verdiene wesentlich weniger, sagt Pelinka. Und es stimme auch nicht, dass für ihn extra eine eigene Abteilung geschaffen wurde. "Ich sitze im Großraumbüro und leiste meinen Beitrag.“ Der unter anderem darin bestehe, Unterlagen aufzubereiten und strategische Projekte zu betreuen. Sein weiteres Berufsleben werde sich eher nicht in der Politik abspielen, betont Pelinka. "Ich sehe mich als Medienmensch und als Kommunikator. Jedenfalls bin ich kein Nachwuchspolitiker.“

Vor Kurzem stand Niko Pelinka vor der Kamera von "Dada-TV“, einem Internetforum des Kommunikationsberaters Dietmar Ecker, und referierte zum Thema "Ich“. Er nützte die Gelegenheit für eine verklausulierte Abrechnung mit seinen Gegnern: "Es ist unfassbar, wie Menschen von den Medien Attribute angedichtet werden, nur weil es gerade in die Geschichte passt.“ Oft passiere es, dass Prominente von Unbekannten auf der Straße angesprochen würden. "Und die Leute sagen dann: ‚Sie sind ja ganz anders, als ich Sie bisher gekannt habe.‘“ Offensichtlich gebe es also mehrere Ichs, folgerte Pelinka.

Die einfache Botschaft seines etwas verzwickten Referats: Eigentlich bin ich total nett. Es weiß nur keiner.