SPÖ: Vom Bürgerschreck ins Kanzleramt.
Was tut Gusenbauer wenn er Kanzler wird?

Was Alfred Gusenbauer, den Arbeiterbub aus Ybbs, der sich vom marxistischen Jugendpolitiker zum vermutlich nächsten Bundeskanzler hochgearbeitet hat, antreibt.

Ein neuer Mensch sei geboren, raunen die Mitarbeiter. Seit dem Wahlsonntag will man bei Alfred Gusenbauer eine Rückverwandlung in einen liebenswürdigen, weltbescheidenen Tausendsassa beobachten.

Alfred Gusenbauer empfängt in seinem Büro in der Parteizentrale. War da nicht früher oft ein verächtlicher Zug um seinen Mundwinkel, der dem Gesprächspartner signalisiert, er sei das letzte Weh? Dieser Gesichtsausdruck scheint tatsächlich verschwunden.

Auf dem Schreibtisch sind in schönster Symmetrie dunkelrote Rosensträuße angeordnet, wie auf einem Altar. Aber der Arbeitsplatz wird im Augenblick ohnehin kaum gebraucht. Es ist die Woche der Gratulanten, Interviewer und Fotografen. Der SPÖ-Vorsitzende setzt sich an den Besprechungstisch, unter das große Kreisky-Porträt. Die Welt soll erfahren, wo er herkommt und wo er hinwill.

Das vergangene Mal, als profil bei ihm war, es ist keine drei Wochen her, war die Atmosphäre recht frostig gewesen. „Ich hätte Sie damals raushauen sollen“, scherzt Gusenbauer. Die Interviewführung habe ihm gar nicht gefallen. Doch jetzt, im Wohlgefühl der Genugtuung und in der Erwartung, dass man mit einem zukünftigen Bundeskanzler der Republik Österreich pfleglicher umgehen müsse, wischt Gusenbauer gnädig über das Vergangene hinweg: „Das alles war ein ziemlicher Stress, und jetzt ist eine gewisse Befreiung da.“

Dass der Sieg verdient war, daran hegt Gusenbauer nicht den geringsten Zweifel: „Ich glaube an die Gerechtigkeit.“

Viele neue Freunde hat Gusenbauer in den vergangenen Tagen gewonnen. Seine SPÖ-internen Gegner, von denen es eine ganze Menge gibt, antichambrieren grüppchenweise in der Parteizentrale. Sie erinnern sich ungern daran, dass sie sich schon mit einer Niederlage abgefunden und selbst darin noch ein Gutes gesehen hatten: Gusenbauer wäre abserviert worden. Aber auch die Seufzer derjenigen, die den Parteichef in den vergangenen Jahren tapfer verteidigt und seine Schwächen entschuldigt hatten, klingen einem noch im Ohr. Sie meinten, Gusenbauer sei der geborene Kanzler, das Problem sei nur, ihn dorthin zu bringen.

Psychologisch betrachtet, ist das eine interessante Konstellation: Hier ein Wahlsieger, an den, außer ihm selbst und einem verschworenen Zirkel, keiner so recht glauben mochte. Dort ein Funktionärskader, der zwar allen Grund hat, sich zu freuen, aber nun von schlechtem Gewissen und Ängsten geplagt ist, weil zwar glühend für die Ablöse der Bürgerlichen gekämpft wurde, aber viel weniger enthusiastisch für den nun beinahe schon designierten Kanzler. Gusenbauers Botschaft klingt auch nicht gerade beruhigend. Man müsse mit seinem „Elefantengedächtnis“ rechnen, sagt er.

Seine amerikanischen Berater hatten sich diesmal wochenlang den Kopf zerbrochen, wie man einen Politiker, der – wenn er halbwegs guter Laune ist – im persönlichen Gespräch gewinnend und überzeugend sein kann, am Fernsehbildschirm jedoch oft arrogant und belehrend wirkt, sympathisch unters Volk bringen könnte. Ausfluss der Überlegungen war ein etwas rührendes Wahlkampfvideo, das von den bescheidenen Verhältnissen erzählt, in denen Gusenbauer aufgewachsen ist.

Gusenbauer selbst erzählt eigentlich nicht so gern darüber, was in gewissem Sinn für ihn spricht. Am Nachmittag vor der Elefantenrunde im Fernsehen war ein Anruf von seiner Mutter durchgestellt worden, der Vater – es sei ernst – sei im Spital. Zum Entsetzen seiner Berater stand Gusenbauer auf, ließ das Medientraining sausen, fuhr ins Krankenhaus, setzte sich ans Bett des alten Bauarbeiters und weinte. Das sollte niemand wissen. Wenn man ihn darauf anspricht, zuckt es verdächtig um seine Mundwinkel, und die Stimme bricht.

Gusenbauer schien immer schon mehr daran gelegen, den harten Kerl hervorzukehren, der es mit Fleiß und Intelligenz nach oben geschafft hat, als mit Details aus seiner in einfachsten Verhältnissen verbrachten Kindheit Mitleid zu erregen. Auch im marxistischen Jargon der Jungsozialisten wurde eher abstrakt darüber geredet. „Objektive Verhältnisse und subjektive Möglichkeiten“ nannte man das. Dieser Möglichkeiten hatte sich Gusenbauer bedient, mit aller Härte gegen sich selbst und gegen andere.

In der Nacht, wenn die Kinder schliefen, ging seine Mutter in eine nahe gelegene Fabrik, um dort ölige Schmierwannen zu säubern. Sein Vater, ein Bauarbeiter, kam nur am Wochenende heim. „Da wurde die Abrechnung gemacht“, sagt Gusenbauer. Der Vater war einer jener Sozialdemokraten, für die Bildung der einzige Ausweg schien, aus dem Elend herauszukommen. Für ihn selbst kam das nicht mehr infrage, für die Tochter wurde es auch nicht als so wichtig erachtet – aber der Sohn, der sollte es schaffen. Für jeden Einser auf eine Schularbeit gab es zehn Schilling, für einen Zweier fünf Schilling, und für schlechte Noten war eine Pönale vereinbart. Gusenbauer findet das fair: „Mein Vater hat mir seit der frühesten Kindheit klargemacht, das es um mein Leben geht. Er predigte die absolute Leistungsorientierung. ‚Wenn du durchfällst‘, sagte er, ‚kannst du dich am Montag bei der Baufirma melden, dann wirst halt auch Bauarbeiter.‘“

Einer seiner früheren Freunde aus Ybbs, der spätere ÖVP-Generalsekretär und Waldheim-Schwiegersohn Othmar Karas, gönnt ihm, „einem Menschen mit solcher Selbstdisziplin, so hart an sich arbeitend“, den Sieg von ganzem Herzen. „Dem Gusenbauer ist das Wahlergebnis wahrlich nicht in den Schoß gefallen.“

In diesem Zwang zu Zähigkeit und Disziplin unterschied sich Alfred Gusenbauer grundlegend von den meisten politischen Mitstreitern seiner Generation. Die Mehrzahl seiner Freunde in der Sozialistischen Jugend (SJ) kamen aus besserem Hause, hatten kaum Geldsorgen, dafür aber von daheim eine gewisse Lebensart mitbekommen, die man in der SJ als bürgerlich verachten konnte. Unter anderen hatten sich Ende der siebziger Jahre der Journalist Peter Pelinka, SPÖ-Klubobmann Josef Cap und der frühere Innenminister Karl Schlögl entschlossen, über die Jugendorganisation den Marsch in die SPÖ anzutreten. Obwohl sie alle an der Universität inskribiert waren, fanden sie den Verband der Sozialistischen Studenten zu abgehoben vom „Subjekt der Geschichte, der Arbeiterklasse“. Gusenbauer war in dieser Runde der studierende Vorzeigeproletarier. Er war belesen in den Werken von Karl Marx, Friedrich Engels und Otto Bauer.

1980 wurde Gusenbauer in die SJ-Funktion mit dem schönen Namen „Verbandssekretär“ gewählt – auf Betreiben von Josef Cap, der die Jugend anführte und einen fleißigen, loyalen Kompagnon brauchte. Eine Arbeitsteilung, die im Grunde heute noch gilt. Die gewisse Leichtigkeit des Seins, wie sie vor allem Cap repräsentierte, war Gusenbauer nicht in die Wiege gelegt. Im Grunde war er damals schon ein Schwerarbeiter, streng gegen sich, um grob gegen andere sein zu dürfen.

Gusenbauer hat nie vergessen, wie „im Gymnasium alle geschaut haben, als ich vor der ganzen Klasse nach dem Beruf meiner Eltern gefragt wurde und sagte: Bauarbeiter“. In der SJ gab es diese feinen Unterschiede ebenfalls, auch wenn eigentlich der Anspruch erhoben wurde, dass es sie nicht geben dürfe. Krawatten und Anzüge hielt man für bürgerlich. Aber selbst dem Rollkragenpulli und den Jeans war anzusehen, wo sie gekauft worden waren.

Gusenbauer begann, das Versäumte nachzuholen. Er studierte Bücher über Önologie, um – so wie auf anderen Gebieten – auch in Diskussionen mit Weinkennern zu brillieren. Er begann sein etwas vernachlässigtes Äußeres in eine neue Form zu bringen, was ihm den Spitznamen „Mister Tlapa“ eintrug. Er fand es irgendwann nicht mehr für nötig, Blauhemden aus der damaligen DDR zu importieren, was die echten SJ-Linken wegen des besonderen Farbtons noch jahrelang praktizierten. Die Abkehr von der revolutionären Uniform begründete Gusenbauer, natürlich, ideologisch: „Der Wille, sich durch das Aussehen vom Bürgertum zu unterscheiden, ist kleinbürgerlicher Linksradikalismus“, erinnert sich sein langjähriger Weggefährte Alois Reisenbichler an eine oft gehörte Gusenbauer-These. Eine andere lautete: „Jede Sekunde für Frieden und Sozialismus“. Eine dritte war gegen seine Gegner gemünzt, denen er „Irrlehren“ vorwarf. Eine neue Lebenswelt lernte Gusenbauer auch durch den Konferenztourismus im Auftrag der Sozialistischen Jugendinternationale kennen. Und natürlich begann er, die dazu benötigten Sprachen zu lernen: Spanisch, Französisch, Italienisch. Es wäre ihm zu peinlich gewesen, mit wichtigen Leuten aus der Sozialistischen Internationale (SI) bloß radebrechen zu können. Ende der achtziger Jahre war er auf dem Jugendticket zu einem der Vizepräsidenten der SI gewählt worden.

Die Furcht, nicht bestehen zu können, hat Gusenbauer zeit seines Lebens angetrieben. Die Ansammlung von Wissen war für ihn eine besondere Art der Herrschaftsausübung, die einzige, die ihm möglich schien.

Als Gusenbauer von Josef Cap, der 1983 mit einer Vorzugsstimmenkampagne der SPÖ-Jugend ins Parlament gewählt wurde, den Vorsitz in der SJ übernahm, fürchtete man den Besserwisser, der seine Gegner in allen Debatten niederargumentierte, mehr, als man ihn respektierte.

Und Gegner hatte Gusenbauer damals viele. Nach der erfolgreichen Friedensbewegung Anfang der achtziger Jahre geriet der SP-Nachwuchs in die Krise. Die Jugend saß in der Hainburger Au. Der Kampf gegen die Stationierung der Abfangjäger – gemeinsam mit dem heutigen ÖVP-Generalsekretär Reinhold Lopatka – war verloren. Mit der Mutterpartei gab es nichts als Schwierigkeiten. „Gruselbauer“ nannte ihn der damalige SPÖ-Kanzler Fred Sinowatz bei seiner Bestellung. Auch Gusenbauers berühmter Bodenkuss am Moskauer Flughafen bei einem Vorbereitungstreffen für die Weltjugendspiele machte schon die Runde. Franz Stieglitz, ein mitgereister Vertreter der Katholischen Jugend, heute Prokurist im Direktorsrang der Uniqa Versicherung, hatte geplaudert.

Zu Hause waren die innerparteilichen Fraktionskämpfe am Kochen. Zweimal wurde Gusenbauer fast abgewählt. Nach einer dieser Abstimmungen am Verbandstag – Gusenbauer hatte seinen Gegenkandidaten bloß um vier Stimmen geschlagen – war Gusenbauer forsch auf die Bühne marschiert und hatte triumphiert: „Eine Mehrheit ist eine Mehrheit.“ Der damalige SJ-Delegierte und heutige ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz soll damals gewarnt haben: „Diese Attitüde wird ihm noch einmal das Genick brechen.“

Gusenbauer, der Besserwisser: ein alter Vorwurf, der selbst von gutwilligen Freunden erhoben wird. „Sein Selbstbewusstsein war nie angekränkelt, und seine Rechthaberei wurde ihm damals schon angekreidet“, sagt auch der langjährige Mitstreiter Reisenbichler. Wahrscheinlich war Gusenbauers Selbstsicherheit gar nicht so groß. Er verschanzte sich nur dahinter. Herbert Buchinger, der heute das Arbeitsmarktservice leitet, erinnert sich an Gusenbauer als „gewieften Taktiker“ mit dem fatalen Hang, „sich gern mit schwachen Leuten zu umgeben, um heller zu glänzen“. Gerhard Schneider, Ex-ÖGB-Chef in Tirol, der wegen Gusenbauer aus der SJ ausschied, sagte, es sei zu hoffen, „dass er Kritik als Teil der Loyalität betrachtet und dies bei seiner Personalauswahl beachtet“.

Nach Gusenbauers Abgang in der SJ im Jahr 1990 wurde es für ihn nicht leichter. Ein Nationalratsmandat war nicht in Sicht. Das mag auch damit zusammenhängen, dass er im Parteivorstand gegen die Wahl Franz Vranitzkys gestimmt hatte. Vranitzky sei „kein Ideologe“, seine Vision von der Partei liege „im Nebel“, war damals der Juso-Standpunkt.

Gusenbauer begann wieder mit der Kärrnerarbeit. Er wurde Bezirksobmann in Melk und ging im Nationalratswahlkampf 1990 von Tür zu Tür, um für sich zu werben. Doch mit dem Einzug in den Nationalrat wurde es nichts. Beruflich etablierte sich der studierte Politikwissenschafter vorerst in der niederösterreichischen Arbeiterkammer, verantwortlich für EU-Fragen. Politisch fühlte er sich auf dem Abstellgleis. 1991 wurde Gusenbauer von den niederösterreichischen Sozialdemokraten in den Bundesrat geschickt. Es war sein erstes öffentliches Amt. Zwei Jahre später wurde er Nationalratsabgeordneter. Es sollte dann noch weitere sieben Jahre dauern, bis er den nächsten Karrieresprung machte.

Die verlorene Nationalratswahl 1999 war die Stunde des Alfred Gusenbauer. Sein Jugendfreund Karl Schlögl hatte ihn auf den Sessel des viel gescholtenen Parteimanagers Andreas Rudas gehievt. Im Masterplan des niederösterreichischen Duos sollte er dort die Übernahme des Parteivorsitzes durch Schlögl vorbereiten. Gusenbauer spielte seinen Part, feuerte gezielt Giftpfeile gegen den schwer angeschlagenen Viktor Klima ab. Doch Schlögl hatte sich verspekuliert: In einer nächtlichen Krisensitzung im Wiener Rathauskeller wurde weder Schlögl noch der linke Gegenkandidat Caspar Einem auf den Schild gehoben, sondern der gerade erst 40 Jahre alt gewordene Gusenbauer. Seine hölzerne Kampfrhetorik, später oft Anlass zur Häme, schien der SPÖ anfangs ein wohltuender Gegensatz zur gewinnenden Beliebigkeit seines Vorgängers. „Jetzt wusste man wieder, warum man Sozialdemokrat ist“, sagt Wolfgang Katzian, Chef der Gewerkschaft der Privatangestellten. „Endlich wieder jemand, der Arbeit sagt und nicht Jobs“, frohlockte die ehemalige Frauenministerin Johanna Dohnal.

Die Euphorie hielt nicht lang. Außerhalb des roten Biotops stieß Gusenbauer von vornherein auf Skepsis. Das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ verglich ihn mit einem „spätsowjetischen Kaderleiter“. Die Accessoires: kratzbürstige Irokesen-Frisur, strenger Mao-Anzug und die wie ein Uniformteil vor sich hergetragene feuerrote Tasche. Das Gespür, wie solche Symbole außerhalb von Hinterzimmern der SJ wirken, fehlt Gusenbauer bis heute: „Ich finde blöd, dass sich jemand darüber mokiert.“ Getreu dem Motto, dass blöd immer die anderen sind, tappte er ungelenk von einem Styling-Fettnapf in den nächsten – und schließlich in eine weiße Radlerhose.

Er werde auch in Zukunft nichts an seinem Auftreten ändern, sagt Gusenbauer trotzig. „Ich mag diese Überformalisierung nicht. Ich sehe schon ein, dass man im Parlament nicht im Ruderleiberl herumläuft, aber ich finde, dass die Bedeutung derartiger Dinge in Österreich übertrieben wird.“

Gusenbauer und seine Getreuen taten so ziemlich jede Kritik mit der Behauptung ab, sie käme von „bürgerlichen Feindmedien“. So hatte sich Gusenbauer während der EU-Sanktionen völlig überschätzt. Stolz darauf, in der Sozialistischen Internationale Kontakte zu den roten Größen der Welt geknüpft zu haben, wollte er eitel demonstrieren, dass er im Gegensatz zu Schwarz-Blau international empfangen wird. Doch in der aggressiven Stimmung des „nationalen Schulterschlusses“ gingen die Visiten in Paris, Berlin und Brüssel nach hinten los. „Gusenbauer champagnisiert“, ätzten die Regierungsparteien.

Auch innerparteiliche Kritik sollte sein ständiger Wegbegleiter werden: Schon im Herbst 2000 wurde er als Kanzlerkandidat infrage gestellt. Die schlechte Stimmung resultierte freilich aus der unangenehmen Erkenntnis, dass Schwarz-Blau mehr als ein kurzer Betriebsunfall war und die SPÖ einen Riesenschuldenberg abzutragen hatte. Gusenbauer wirkte ungeschickt, sogar ein wenig hilflos. Er war darin geübt, Thesen auf den Tisch zu knallen, sie wortreich zu argumentieren, Konflikte auszusitzen. Doch außerhalb der Parteizirkel irritierten seine Ideen von der „solidarischen Hochleistungsgesellschaft“ oder die „Verankerung des Nulldefizits in der Verfassung“.

Bei Gusenbauer verstärkte die mangelnde Akzeptanz seiner Denkanstöße den Glauben, klüger zu sein als der Rest. „Er ist jemand, der seine Meinungen offensiv vertritt und dabei manchen auf die Füße tritt“, umschreibt Renate Brauner höflich die Besserwisserei. „Aber das ist besser als jemand ohne Meinungen.“

Das zur Schau getragene Wissen wirkt außerhalb intellektueller Zirkel oft arrogant. „Wer gut ist, braucht das nicht jedem aufs Aug drucken“, macht der erdige Gewerkschafter Hans Sallmutter eine Hauptschwäche des SPÖ-Chefs aus. Und Gusenbauer verhärtete sich zusehends. „Er hat sich verkrampft und dadurch vor allem Frauen außerhalb der SPÖ abgestoßen, weil er körpersprachlich einen gewissen Machismo ausstrahlte“, beschreibt Caspar Einem die Phase.

Im anschwellenden Parteigesang der Kritik war es schließlich der Koalitionsbruch im Herbst 2002, der ihm den Job sicherte. Für einen Kandidatentausch war die Zeit zu kurz – und nach der Neuauflage von Schwarz-Blau war die Funktion des Vorsitzenden, die verhieß, die Partei weitere vier lange Jahre in den Niederungen der Opposition führen zu müssen, bei anderen nicht begehrt. Gusenbauer setzte auf langen Atem: Er ist ein glühender Bewunderer der Red Sox, jenes amerikanischen Baseball-Teams, das 86 Jahre auf den Gewinn der „World Series“ warten musste. Nach der Wahlnacht am vergangenen Sonntag joggte er – „Jetzt erst recht“ – mit seinem Red-Sox-Blouson zu einem Radioauftritt bei Ö3.

Seine Partei stand allerdings weniger auf ewige Verlierertypen. Nach der Niederlage 2002 riss die interne Kritik an Gusenbauer nicht ab – einmal wurde seine populistische Linie beim Asylgesetz angeprangert, ein anderes Mal das lange Suchen nach einer Antwort auf die Pensionsreform, dann die missglückte Präsentation seines Wirtschaftsprogramms. Versuche, ihm zu helfen, zeitigten nicht unbedingt den erwünschten Effekt: Exkanzler Franz Vranitzky bemühte sich, dem SPÖ-Chef Kontakte mit Managern zu verschaffen, scheiterte aber an dessen Instinktlosigkeit. Am Abend, als die Runde zusammentrat, verabschiedete sich Gusenbauer nach seinem Referat – er habe Theaterkarten.

Auch der strategische Versuch, enttäuschte FPÖ-Wähler an die SPÖ zu binden, endete im Fiasko der Bilder: In Erinnerung blieben Fotos mit Dodel-Perücke beim Villacher Fasching und das Spargelessen mit Jörg Haider. Am Parteitag 2004 wurde er mit dem desaströsen Ergebnis von 88,9 Prozent, das einer politischen Hinrichtung gleichkam, wiedergewählt.

Gusenbauer war gekränkt. Er verschanzte sich mit dem Häufchen seiner Getreuen in der Festung Löwelstraße. Schon davor hatten es Nicht-Cliquenmitglieder schwer. Die abgetretene Bundesgeschäftsführerin Andrea Kuntzl und der verhinderte Kommunikationschef Josef Broukal können davon ein Lied singen. Nach dem Dauerfeuer zog Gusenbauer seine Kreise noch enger: Nur Doris Bures und Josef Cap hatten noch Zutritt.

Viele hoffen nun, dass Gusenbauer nach dem Wahlsieg mehr Mut zur Offenheit bekommt. „Ich gehe davon aus, dass er nun stärker in einen Dialog eintritt“, sieht der Europaabgeordnete Hannes Swoboda nun die Zeit einsamer Entscheidungen beendet. Denn Kurskorrekturen wie das Njet zum EU-Beitritt der Türkei fielen ohne Einbindung der Partei.

Gusenbauer verteidigt heute noch seine Härte gegen Kritik aus den eigenen Reihen: „Es können nicht die einen nur herkleschen, und ich sage okay, nächste Wange. Im Austeilen super zu sein und im Einstecken über Barschheit klagen ist ein bisserl komisch.“ Ausgeteilt hat Gusenbauer selbst aber von Anfang an – etwa als er klarmachte, wie wenig er vom Parlamentsklub hält: „Ein Drittel brauchbar, ein Drittel unbrauchbar, der Rest resozialisierbar“, hatte er damals größere Rochaden angekündigt. Wer so spricht, braucht sich über den Vorwurf, er sei „ein Kühlschrank“, nicht zu wundern. Selbst im Auftauen konnte Gusenbauer seine Unsicherheit nicht ablegen. Bei Siegesfeiern schwankte er zwischen Extremen: Den Stimmenzuwachs bei den Landtagswahlen in Oberösterreich kommentierte er im Herbst 2003 einsam in der Löwelstraße – beim Erfolg in der Steiermark jubelte er im vergangenen Jahr lauter als Wahlsieger Franz Voves selbst.

Es waren nicht die roten Wahlsonntage, die den Umschwung brachten, sondern die Touren durch das Land ab 2004. Gusenbauer sagt, er sei durch ein persönliches Erlebnis auf diese Idee gekommen. „Ich war echt fertig, wir hatten im Parlament einen Steuersenkungsantrag eingebracht, der so blöd formuliert war, dass eine Steuererhöhung herauskam. Eine Blamage! Am nächsten Tag war ich zu Besuch in Donawitz, das war wie eine Therapie.“ Das Ergebnis war die „Startklar-Tour“, die das Bild von Gusenbauer korrigierte, wie Meinungsforscherin Imma Palme analysiert: „Er ist lockerer geworden. Und die Leute haben gefühlt, dass jemand ihre Probleme ernst nimmt – das war ein ungeheurer Multiplikatoren-Effekt.“

Noch bedeutender als den Wandel in der Wahrnehmung schätzen Parteifreunde den Wandel ein, den Gusenbauer selbst durchmachte: „Die Tour hat ihn verändert. Früher standen theoretische Gespräche im Vordergrund, aber jetzt stellte er die Sorgen der Menschen in den Mittelpunkt“, beschreibt der oberösterreichische SPÖ-Chef Erich Haider die Vermenschlichung.

Gusenbauer bestreitet nicht, dass die „Startklar“-Tournee seine Vorstellung vom Sozialstaat korrigiert hat: „Wenn man herumfährt, sieht man, dass eine Million Menschen armutsgefährdet ist. Daher ist die Hauptaufgabe des Sozialstaates nicht die Umverteilung unter den Mittelschichten, sondern, erstens, die Garantie von Chancen für alle und, zweitens, die Absicherung nach unten, damit niemand unter die Armutsgrenze fällt.“

Sollte es ihm tatsächlich gelingen, das Kanzlerbüro auf dem Ballhausplatz zu beziehen, rechnen viele seiner Parteifreunde – und auch Feinde – damit, dass die Ära Gusenbauer länger dauern könnte als jene von Viktor Klima: „Falls der Gusi es schafft, wird er sehr lange Kanzler bleiben“, prophezeit sein Altfreund Karl Schlögl. Die Ausdauer von Gusenbauer nennt auch Josef Kalina, einst Kanzlersprecher von Klima und nun SPÖ-Kommunikationschef, als einen Hauptunterschied. Wenn er sich einen Traumkanzler basteln könnte, würde er aber Klima und Gusenbauer fusionieren: „Ideal wäre eine Mischung aus beiden: Klimas Leutseligkeit und Gusenbauers Willensstärke und Durchsetzungskraft.“

Freilich rätselt so mancher, was der einstige Marxist aus der Jugendbewegung ideologisch heute vorhat; ob er noch immer von einer besseren Gesellschaft träumt, die man einmal Sozialismus nannte. Auf solche Fragen antwortet Gusenbauer ganz entspannt: „Was haben die Leute von einem schönen System, wenn sie keine Freiheit haben und zu wenig zu essen. Die Diskussion über Kapitalismus und Kommunismus ist nebbich. Es geht um das Leben. Man könnte auch sagen: Den Kapitalismus gibt’s nur deshalb, weil er unter dem Einfluss der Arbeiterbewegung so weit humanisiert worden ist, dass er gegenüber anderen Systemen überlebt hat. Aber das ist mir auch wurscht.“

Text: Eva Linsinger und Christa Zöchling