SPÖ: Wirbel nach BSA-Studie

Austritte von prominenten Mitgliedern, Unmut in den Ländern – aber auch positive Reaktionen: In der SPÖ herrscht Aufregung.

Der Alt-Präsident verabschiedete sich mit einem Zweizeiler: Er trete mit „sofortiger Wirkung“ aus, ließ Wiens Ex-Bürgermeister Leopold Gratz vergangenen Mittwoch das BSA-Bundessekretariat wissen. 17 Jahre lang war Gratz Vorsitzender der SP-Akademikerorganisation gewesen.

Grund des Abgangs: die vom BSA in Auftrag gegebene Studie, die sich mit der Vergangenheit der Organisation bei der Rekrutierung von Ex-Nazis für hohe Posten in der Zweiten Republik beschäftigt (profil 3/05). Sie sorgt in der SPÖ für einigen Wirbel. Neben Gratz legte auch der frühere Generaldirektor der Wiener Städtischen Versicherung, Siegfried Sellitsch, seine BSA-Mitgliedschaft nieder.

Die beiden prominenten Abgänger führen unterschiedliche Motive an: Während Gratz laut „Kurier“ die Kritik am von ihm bewunderten ehemaligen BSA-Chef und Verkehrsminister Karl Waldbrunner besonders vergrämt hat, hält Sellitsch die Studie laut Austrittsschreiben schlicht für einen taktischen Fehler: Die anderen Parteien, die oft noch weit schwerer Belastete in ihren Reihen hatten, würden nun im „Gedankenjahr“ genüsslich mit dem Finger auf den BSA zeigen, ohne aber die eigene Vergangenheit zu durchleuchten.

Der ehemalige Nationalbank-General und prominente Gewerkschafter Heinz Kienzl übt in einem Brief an BSA und profil Kritik an der Selbstenthüllung: Ohne die Wiedereingliederung der 700.000 NSDAP-Mitglieder hätte es keine Nationsbildung gegeben.

Der inzwischen 88-jährige Ferdinand Obenfeldner – er war 23 Jahre lang SPÖ-Vizebürgermeister von Innsbruck – beschwerte sich bei der Tiroler SPÖ über die BSA-Studie, in der an seine Tätigkeit in der Gestapo-Leitstelle Innsbruck erinnert wurde. In der Steiermark bekrittelte man das Outing des früheren SPÖ-Vorsitzenden Alfred Schachner-Blazizek als ehemaliges NSDAP-Mitglied.

BSA-Vorsitzender Caspar Einem steht dennoch zur Studie: „Wir hatten eine ganze Flut von positiven Reaktionen. Mich haben sogar Leute auf der Straße angesprochen.“ An Leopold Gratz hat Einem einen Brief geschrieben – mit der Bitte um eine längere Aussprache.