Sport: Die Stunde der Seidenspinner

Fliegenfischer gelten als die Exzentriker unter den Anglern. Was englische Aristokraten einst als „Erholung für den nachdenklichen Mann“ konzipierten, entwickelt sich neuerdings auch bei uns zur Trendsportart.

Christa Kummer, Wetterredakteurin im ORF, macht deutliche Unterschiede zwischen „normalen“ Haushalten und dem eigenen: „Üblicherweise bewahrt man im Tiefkühlschrank Fleisch oder Gemüse auf“, sagt sie. „Bei uns aber findet man Felle und Federn, von Rehen, Wildschweinen, Enten oder Hühnern. Damit nämlich keine Motten und Maden drankommen.“ Aus den Haaren und Fibern fertigt ihr Mann, ORF-Sportreporter Franz Hofbauer, filigrane Gebilde: Insektenkörper und Flügel, Schwänzchen und Fühler, farblich exakt abgestimmte Abdomina und Thoraxe, in mühsamer Kleinarbeit um winzige Haken gewickelt.

Auch eine Autofahrt verläuft bei Kummer und ihrem Mann ganz anders als bei „normalen“ Menschen. Es gibt nämlich keine Brücke im Land, an der sie nicht halten, um die ständig mitgeführten entspiegelnden Polarisationsbrillen aufzusetzen und ins Wasser zu schauen, „was sich da so tut“ (Kummer). Schlüpfen Stein- oder Köcherfliegen? Steigen Forellen oder Äschen nach ihnen?

Seidenspinner. Kummer und Hofbauer sind Fliegenfischer, und die Wetterexpertin stellt gleich klar, dass dies kein Sport sei, „sondern eine Lebensphilosophie“. Ihr Mann hält es sogar für „eine Art Krankheit“ – zumindest in dem Sinn, dass man sich mit der Leidenschaft unheilbar infizieren kann.

Das fliegenfischende ORF-Paar hat vor Jahren gemeinsam mit einem Freund die Fischereirechte für ein sechseinhalb Kilometer langes Stück Kamp gepachtet und verfügt mit dem Gewässer auch über einen prächtigen Anlass, sich in regenreichen Jahren wie heuer ständig Sorgen um den Fischbestand zu machen. „Schlaflose Nächte“ würde Kummer verbringen, wenn ein Hochwasser die Karpfen, Hechte und Forellen aus dem Revier zu spülen droht: „Es ist, als ob man ein Kind hätte.“

Schon Angler allgemein gelten als etwas seltsame Spezies, doch Fliegenfischer übertrumpfen diese in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch mühelos. „Seidenspinner“ wurden sie früher im Salzkammergut wegen ihrer durch die Luft wirbelnden Angelschnüre genannt, erinnert sich der Gmundner Fliegenfischer-Guru Roman Moser.

Wie muss einer ticken, der die Wäsche farblich sortiert in den Trockner gibt, um in Folge aus dem Flusensieb Filz einer bestimmten Tönung zu gewinnen, aus dem man Körper bestimmter Eintagsfliegen formen kann, wie neulich ein Aficionado in einem Fachmagazin reportierte?

Und wie dominant ist der Drang, sich einem solchen Hobby hinzugeben, wenn man für ein paar fängige Imitate aus Federn darauf verzichtet, weitere vier Jahre den mächtigsten Mann der westlichen Welt geben zu dürfen? Genau das behauptet Howell Raines, passionierter Fliegenfischer und Ex-Chefredakteur der „New York Times“, über Jimmy Carter. Dieser habe 1980 zu viel Zeit an seinem Fliegenbindestock im Weißen Haus verbracht, anstatt um seine Wiederwahl zu kämpfen.

Immerhin teilt Carter seine bis heute währende Leidenschaft in den angelverrückten USA mit 6,5 Millionen Menschen, die dem zehn Milliarden Euro schweren Angelgerätemarkt bis vor Kurzem noch zweistellige Zuwachsraten bescherten. Die größten gab es Anfang der neunziger Jahre, als Robert Redfords Romanverfilmung „Aus der Mitte entspringt ein Fluss“ ins Kino kam. Plötzlich wollten Millionen das tun, was Brad Pitt im Film tat: scheinbar mühelos dutzende Meter Schnur in lieblichen Schlaufen in der Luft halten, eine daran geknüpfte Steinfliegenimitation auf einen Bilderbuchfluss herabsinken lassen und dann in reißender Strömung mit einer kapitalen Forelle kämpfen. Das Gedränge an den Flüssen war so groß, dass die „Catch & Release“-Regelungen (fangen und wieder ins Wasser zurücksetzen) verschärft werden mussten. Von 1992 bis 1997 verdreifachten sich die Umsätze der einschlägigen Geräteindustrie.

Wesentlich verschwommener präsentiert sich das demografische Bild der Fliegenfischer in Österreich. Anhand einer der wenigen Studien über Angler im Jahr 2000 lässt sich die Zahl der Freaks nur schätzen. 98.000 der etwa 400.000 aktiven Angler haben eine Fliegenfischerausrüstung zu Hause, allerdings inklusive der alten Bambusrute des Großvaters, die seit Jahren auf dem Dachboden verstaubt. Maximal 39.000 benützen ihre Ausrüstung gelegentlich; doch nur zehn Prozent von ihnen dürften tatsächlich infiziert sein.

Vorbestimmung. Nach Jahren der wirtschaftsbedingten Stagnation scheint das Interesse nun wieder zu steigen. „Fliegenfischerurlaube liegen im Trend“, sagt Hermann Striednig von Fischwasser Österreich, einer Tochter der Österreich Werbung. Die Gesamtzahl der Anfragen über Angelurlaube stieg 2004 um zehn Prozent auf etwa 7000; ein Drittel der Interessenten will ausschließlich fliegenfischen. Auch Matthias Pointinger von den Österreichischen Bundesforsten, die 425 Gewässer verwalten, ortet bei seinen Kursen ein wachsendes Bedürfnis, „naturbewusst und aktiv zu leben“.

Wer solche Kurse besucht, wird schnell merken, ob diese Art des Angelns in Zukunft sein Leben dominieren wird, meint Fliegenfischer Franz Merlicek, Mitbegründer der Werbeagentur Demner, Merlicek & Bergmann: „Man braucht dazu einen gewissen Hang. Das Grundinteresse ist vorbestimmt.“ Das ist wohl auch der Grund dafür, dass Fliegenfischer in einem breiten Spektrum der (gehobenen) Bevölkerung zu finden sind: Grün-Politiker Peter Pilz tut es ebenso gelegentlich wie der nordische ÖSV-Trainer Toni Innauer, „Falter“-Chefredakteur Armin Thurnher, Fotogalerist Peter Coeln oder der Ex-Politiker und Industrielle Rudolf Streicher.

Franz Merlicek ist vor allem fasziniert von der Mischung aus Spannung und Entspannung, die ein Tag am Wasser bietet. „Wenn man an nichts anderes mehr denken kann, macht das den Kopf frei“, sagt er. Nicht umsonst betiteln amerikanische Fliegenfischer-Feuilletonisten ihre Essays über die „spirituelle Erfahrung im Fluss“ gerne mit dem Slogan „Zen und die Kunst des Fliegenfischens“.

Für ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel, der schon als Kind das lausbübische Schwarzfischen sein ließ und auf dem Fußballplatz von einem damaligen Weltmeister im Werfen mit der Fliegenrute initiiert wurde, ist die Disziplin auch „erzieherisch wertvoll“. Fischen lebe von der Hoffnung – vor allem Lachsfischen in den großen Flüssen Alaskas und Norwegens.

„Es macht mich mental stark, weil ich dagegen ankämpfe aufzugeben. Wann kommt der Biss? Nach drei oder tausend Würfen? Man weiß es nie, und wenn die Konzentration nachlässt und man nicht richtig reagiert, waren vielleicht viele Stunden fischen umsonst.“

Aber der Fang – und vor allem das Töten der Beute – tritt beim Nukleus der Gemeinde angeblich ohnehin in den Hintergrund. Was zählt, sind Naturverbundenheit, Expertentum – und nicht selten unbeirrbare, in den Dogmatismus reichende Meinungen. In den Fachforen des World Wide Web werden Glaubenskriege ausgefochten etwa über die Frage, wie sehr man eine Nymphe, die Imitation einer Insektenlarve, beschweren darf, damit sie auf den Grund sinkt, wo die großen Fische stehen. Ist das noch Fliegenfischen oder bloß verfeinertes Grundangeln? Und droht der Untergang der Fliegenfischerei, weil ein Lebensmitteldiskonter neuerdings Angelausrüstungen anbietet, wodurch allerlei Wurm- und Schwarzfischer herangezüchtet werden könnten?

Würde und Frieden. Wie vieles, was elitär und exzentrisch wirkt, hat auch das moderne Fliegenfischen seine Wurzeln in England. Im 17. Jahrhundert stieß Izaak Walton in seinem Buch „The Compleat Angler“ das bloße Fangen vom Podest der Angelmotive und forderte die totale Harmonie zwischen Vita activa und Vita contemplativa. „Bemühe dich um Stille“, riet Walton dem lesenden Angler. „Der unerschütterliche Glaube an die Überlegenheit des Fliegenfischens beim Forellenfang“ breitete sich ab dem 19. Jahrhundert von England in alle Welt aus, berichtet der „Times“-Kulturkritiker und langjährige Angler Robert Hughes. Fliegenfischen wurde zum Freizeit- und mitunter auch Lebensinhalt wohlbestallter Adeliger und Abenteurer, gleichsam zur „Erholung des nachdenklichen Mannes“, wie schon Walton geschrieben hatte. Natürlich fing auch Ernest Hemingway Feuer, und von John Steinbeck stammt einer der beliebtesten Aphorismen der Szene: „Fliegenfischen ist eine Tätigkeit, die es einem Mann gestattet, in Würde und Frieden mit sich allein zu sein.“ Da verwundert es auch nicht, wenn ein Angler im deutschen Fliegenfischer-Forum mit der Frage abblitzt, wie er seine Freundin für das Hobby gewinnen könne. „Vergiss es“, antwortete einer, und genervt postete ein anderer: „Warum wollt ihr eure Frauen mit zum Fischen nehmen? Meist endet das in Ungeduld und Genörgel.“

Debatten wie diese lassen den Befund des Wiener Psychiaters und Schriftstellers Paulus Hochgatterer plausibel erscheinen: „Fliegenfischen ist wie das Angeln überhaupt eine Form ritualisierter Männlichkeit.“ Immerhin hat das Phänomen Hochgatterer so fasziniert, dass er es in seinem Buch „Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen“, in dem drei Freunde einen von Männerfantasien durchsetzten Fischtag verbringen, thematisierte. Den gelegentlich angelnden Autor, der die Szene als „orthodox und irrational“ empfindet, hat dabei vor allem die sexuelle Spannung der Tätigkeit fasziniert: „Die psychoanalytische Symboltheorie ist weit genug in den Alltag eingedrungen, dass klar wird, woran man beim kunstvollen Umgang mit der Rute denken kann. Ich finde es auch interessant, dass man sich beim Fliegenfischen ins Wasser, ein Symbol des Weiblichen, stellt, umgeben von einem Ganzkörperkondom namens Wathose.“

Dass Fliegenfischen Männerdomäne ist, hat auch die leidenschaftliche Anglerin Ingrid Köhler schon begriffen. Zwar sind Damen am Bach als Aufputz durchaus gern gesehen; immerhin legen selbst weibliche Mitglieder des britischen Königshauses gelegentlich einen Lachs flach, und auch Stars wie Madonna und Sharon Stone stellen sich mitunter ins Wasser. Als die Wiener Anwältin Köhler aber ihr Hobby beruflich nutzen und im Bereich des Jagd- und Fischereirechts tätig werden wollte, wurde ihr schnell klar: „Jäger und Fischer gehen nicht zu Frauen, wenn sie ein Problem lösen wollen.“

Doch das männliche Idyll hat längst Kratzer bekommen. „Der elitäre Touch beruht heute nur noch auf den hohen Kosten für Geräte und Lizenzen. In Wahrheit ist Fliegenfischen zu einem Massensport geworden“, sagt Roman Moser, der in Gmunden Fliegenfischgerät produziert, Kurse veranstaltet und den Forellenfluss Ager bewirtschaftet. Um den Kern der Szene hat sich eine breite Schicht von Gelegenheitsfischern gebildet, die in der wenigen Zeit, die ihnen zur Verfügung steht, vor allem große Fische fangen und mitnehmen wollen, wobei Geld keine Rolle spielt. „Es gibt eine neue Generation von Fliegenfischern“, findet auch Volkmar Hutschinski, Vorstandsmitglied der traditionsreichen Österreichischen Fischergesellschaft 1880. Man gehe eben an einem Tag tauchen, am nächsten golfen und dann auch noch fliegenfischen.

Forellenpuffs. Für die Gewässerökologie hat das weit reichende Folgen: Nur noch in wenigen Flüssen funktioniert die natürliche Reproduktion von Salmoniden. Kraftwerksbauten, Wasservögel und Befischungsdruck führen dazu, dass der Bestand immer öfter durch Zuchtfische gestützt werden muss. Auch Moser gibt zu, größere Kaliber in die Ager zu kippen: „Ich muss das tun, damit die Leute wiederkommen. Für ein paar Forellen mit 28 Zentimeter Länge reist kaum jemand an.“ Die rapid steigenden Pachtforderungen der Bundesforste setzen Angelvereine und kommerzielle Bewirtschafter nämlich unter enormen Druck; das Geld muss durch Lizenzverkauf verdient werden, und der funktioniert nur bei entsprechenden Fangerfolgen. „Die wahren Profiteure sind die Fischzüchter“, sagt Franz Merlicek.

Doch der Leidenschaft tut die Öko-Krise der Salmonidenflüsse, von denen einige bereits als „Forellenpuffs“ bezeichnet werden, keinen Abbruch. Die Karawane zieht weiter – ans Meer oder in unentdeckte Regionen Europas. Die neuen Trend-Abenteuer in den einschlägigen Katalogen: Taimen in der Mongolei, Äschen in der Tschechischen Republik und neuerdings Riesenforellen in Bosnien.

Immer häufiger auch pachten sich finanziell gut situierte Cliquen von Ärzten, Managern und Rechtsanwälten ihr Privatgewässer; Diskretion ist dabei oberstes Gebot. Laut Matthias Pointinger von den Bundesforsten rangieren die jährlichen Pachtpreise pro Flusskilometer von knapp 200 Euro für einen etwa fünf Meter breiten Bach bis zu 12.000 Euro für ein Toprevier der Kategorie Salza, Steyr oder Mur.

Dort ist dann ohne lästige Gastfischer möglich, was der langjährige Fliegenfischer und Fotograf Albert Pesendorfer aus dem Salzkammergut als Höhepunkt des Fliegenfischerlebens betrachtet: ein Abend allein im eigenen Fluss, umschwärmt nur von schlüpfenden Köcherfliegen, nach denen im Zwielicht selbst die vorsichtigsten Großforellen verrückt sind. „Der Abendsprung ist die Vollendung“, schwärmt Pesendorfer. „Wenn die Fliegen auf dem Wasser tanzen und die Fische steigen, dann vereinen sich Werden und Vergehen. Das ist der Orgasmus des Fliegenfischens.“

Von Klaus Kamolz