„Sport ist für viele Kriegsersatz“

Elmar Oberhauser, 57, wuchs im vorarlbergischen Götzis auf und arbeitete vorerst als Lehrer an Volks- und Hauptschulen. 1971 begann Oberhauser als Sportreporter beim ORF-Landesstudio Vorarlberg, wo er 1975 ins Politikressort wechselte. 1985 übersiedelte er nach Wien in die ORF-Innenpolitik, ab 1989 moderierte er die „ZiB 2“. Seit 1995 ist Elmar Oberhauser Chef des ORF-Sports.

profil: Herr Oberhauser, ist es für den Sportchef des ORF nicht demütigend, wenn er den Volkssport Nummer eins, Fußball, nicht mehr übertragen darf?
Oberhauser: Nein, demütigend ist das nicht. „Volkssport Nummer eins“ gilt außerdem nur im Sommer, im Winter ist Skifahren Volkssport Nummer eins. Ich finde es wirklich schade und bedauere es auch, dass der ORF die Übertragungsrechte für den Vereinsfußball nicht mehr hat. Aber die Bedingungen waren unannehmbar. Das war ein Lizitieren mit Geld, das wir nicht mitmachen wollten. Auch wenn das altmodisch sein mag: Mir als Verhandler ist das Geld der Zuschauer und Zuschauerinnen anvertraut, mit dem ich sorgfältig, gewissenhaft und vernünftig umzugehen habe. Wenn wir da mitgegangen wären, wären diese Kriterien nicht mehr erfüllt worden. Deshalb war es der einzige Weg für uns, Nein zu sagen.
profil: Also mehr Radfahren, Schwimmen, Eishockey und vielleicht auch „Pfitschigogerln“ im ORF, wie Sie bei einer Pressekonferenz gesagt haben …
Oberhauser: Das wurde nicht richtig wiedergegeben. Ich habe dort gesagt: Wenn man einen nationalen Helden im Sport hat, und der ist Weltmeister – sogar im Pfitschigogerln –, kann man das im Fernsehen übertragen, und die Leute schauen sich das an. Alles, wo wir internationale Erfolge haben, ist im Fernsehen von einer hohen Zuschauerzahl begleitet. So war das gemeint. Es ist mir schon klar, dass man den Fußball nicht durch Sportarten, die nicht im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen, ersetzen kann. Aber wir wollen jetzt gewisse Dinge ausprobieren und schauen, ob nicht auch im Sport andere Mütter schöne Töchter haben. Dabei habe ich dankenswerterweise die volle Unterstützung von Generaldirektorin Monika Lindner.
profil: Sieht ganz so aus, als ob der ORF jetzt schmollt.
Oberhauser: Schaue ich aus wie einer, der schmollt? Der ORF ist selbstbewusst, lässt sich aber nur ungern über den Tisch ziehen.
profil: Rapid-Präsident Edlinger hat gemeint, es sei ungeheuerlich, dass der ORF jetzt überhaupt nicht mehr über die Bundesliga berichtet. Warum kauft der ORF nicht die Drittrechte und zeigt wenigstens die Tore?
Oberhauser: Weil wir uns nicht für dumm verkaufen lassen und bloß die Dreckarbeit machen. Die Bundesliga hat sich für Premiere und ATV entschieden, und jetzt schauen wir uns das einmal an. Mit Rudi Edlinger muss man ein bisschen nachsichtig sein. Erstens scheint er die Zusammenhänge nicht wirklich zu kennen. Und zweitens: Die Zeiten, in denen er Finanzminister war – in denen lebt er offenbar noch – und geglaubt hat, er kann dem ORF alles anschaffen: Die gibt’s nicht mehr.
profil: Gibt es im Fußball zu viel politischen Einfluss?
Oberhauser: Klares Ja, vor allem bei Personalentscheidungen. Um aktuell zu bleiben: Rudi Edlinger, SPÖ, hat während des gesamten Verhandlungszeitraums gegen den von den Bundesligaklubs nominierten Verhandlungsführer Peter Westenthaler, FPÖ, opponiert. Ich habe aber überhaupt keine Berührungsängste mit Politik. Dazu habe ich viel zu lange als politischer Journalist gearbeitet. Die Form von Keuschheit, dass man mit der Politik nicht reden darf, nur dann sei man sauber – die halte ich für dumm.
profil: Auch der rote ÖFB-Präsident Mauhart wurde mit dem Regierungswechsel ausgewechselt.
Oberhauser: Ich halte das Vorgehen, wie man Beppo Mauhart abgesägt hat, für wirklich nicht in Ordnung. Das hat nichts mit seinem Nachfolger zu tun, sondern mehr damit, dass man sich heute offenbar keinen roten Fußball-Präsidenten vorstellen kann, was ich absurd finde. Ich kenne Mauhart seit vielen Jahren und habe ihn für einen exzellenten ÖFB-Präsidenten gehalten, der übrigens die Fußball-Europameisterschaft nach Österreich geholt hat.
profil: Der Öffentlichkeit sind Sie weniger als ORF-Sportchef denn als Politik-Moderator bekannt. War die Politik lustiger als der Sport?
Oberhauser: Nein. Ich bin natürlich ein zutiefst politischer Mensch. Das habe ich ja nicht abgelegt, als ich zum Sport befördert worden bin. Politik ist für mich wichtiger als Sport, weil sie viel mehr unser Leben bestimmt. Andererseits erfüllt auch der Sport bedeutende gesellschaftliche Funktionen. Man kann die beiden Dinge nicht gegeneinander ausspielen.
profil: Trotzdem erscheinen Sie bei der Moderation von TV-Konfrontationen lusterfüllter als beim Verhandeln von Fernsehrechten.
Oberhauser: Ich moderiere irrsinnig gerne und habe auch nie den wirklichen Grund gehört, warum ich das außer vor Wahlen nicht tun darf. Früher habe ich ja durchaus neben meiner Tätigkeit als Sportchef einmal im Monat „Zur Sache“ moderiert. Aber das hängt nicht am Christbaum, und deswegen ist es auch sinnlos, lange darüber zu lamentieren. Politik ist ein Teil meines Lebens und wird es immer sein. Ich möchte aber in aller Bescheidenheit festhalten, dass mir auch das Verhandeln von Sportrechten großen Spaß macht. Und ich kann – sieht man von der Fußball-Bundesliga ab – auf Erfolge verweisen, die für den ORF gut und wichtig sind.
profil: Ihr Moderationsmotto bei Politikerkonfrontationen scheint zu sein: Hallo, ich bin auch ein Alpha-Männchen! Oder ist das falsch?
Oberhauser: Das ist nicht meine Annäherung. Mir ist wichtig, bei den Konfrontationen die Fragen zu stellen, die die Zuseher stellen würden. Dann haben die das Gefühl, etwas von der Diskussion profitiert zu haben. Ein Machtkampf zwischen Diskussionsleiter und Diskussionspartnern wäre lächerlich. Dort ist der Diskussionsleiter die unwichtigste Person.
profil: Sie machen einen durchaus dominanten Eindruck.
Oberhauser: Ich weiß schon, dass es den Vorwurf gibt, ich sei ein zu strenger Diskussionsleiter, aber das nehme ich gerne in Kauf, weil ich glaube, dass dort eine gewisse Ordnung zu sein hat.
profil: Gibt es Politiker, die sich nicht an diese Ordnung halten?
Oberhauser: Es gibt welche, die besonders schwierig sind. Vor allem die Profis. Es ist ja nicht so, dass dort der Profi vom ORF sitzt, und die anderen sind alle frisch G’fangte. Die Politiker trainieren das genauso – vor allem die guten –, das ist ja längst bekannt.
profil: Wer sind denn die schwierigen Fälle?
Oberhauser: Ich will keine Zensuren verteilen, aber der Bundeskanzler ist natürlich mit allen Wassern gewaschen und hat das im kleinen Finger. Genauso wie der Kärntner Landeshauptmann, aber auch andere. Das hat sicher auch mit Routine zu tun.
profil: Nach der Bildung der schwarz-blauen Regierung tauchten plötzlich Fotos auf, auf denen Sie mit der damaligen Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer feiern. Sie galten dann als „FPÖ-Mann“. Hat Sie das gestört?
Oberhauser: Es stört mich heute noch, das wird mich bis ins Grab stören. Ich gehöre zu keiner Partei und werde nie zu einer Partei gehören. Man hat das Foto zum Anlass genommen – ich glaube von ÖVP-Seite –, um mich mit einer blauen Punze zu versehen. Damit wollte man verhindern, dass ich im ORF etwas Höheres werden könnte. Bis heute kommt immer wieder mein angebliches Nahverhältnis zur FPÖ zur Sprache. Tatsache ist, dass ich seit vielen Jahren mit Susanne Riess befreundet bin – schon seit ihrer Zeit beim Skiverband. Sie hat am 3. und ich am 2. Jänner Geburtstag, und wir haben in den letzten Jahren immer wieder am Arlberg mit einer Flasche Wein gefeiert. Der Hotelier Adi Werner hat uns gefragt: Kann man ein Foto machen? Wir haben nichts dagegen gehabt. Das Foto ist dann im „News“ aufgetaucht und war der große Beweis dafür, dass der Oberhauser ein Blauer ist.
profil: Das scheint Ihnen ja wirklich im Magen zu liegen.
Oberhauser: Damit muss man leben. Ich hatte als ORF-Journalist immer die Neigung, etwas kritischer zu sein. In Vorarlberg sind die Mächtigen die Schwarzen, deshalb hatte ich dort die rote Punze. In Wien war ich ein Schwarzer, weil man sich in Wien einen roten Vorarlberger gar nicht vorstellen konnte. Zuletzt war ich halt ein Blauer. Vielleicht werde ich irgendwann noch ein Grüner.
profil: Halten Sie die FPÖ für regierungsfähig?
Oberhauser: Keine Frage: Ja. Die jetzige Koalition ist das Ergebnis einer Wahl und stützt sich auf eine Mehrheit im Parlament. Die Frage ist: Wie geht das weiter? Ich glaube auch nicht, dass man sagen kann, dass alles, was diese Koalition gemacht hat, schlecht ist. Es sind ein paar Dinge aufgegriffen worden, die man in einer großen Koalition viel leichter hätte angehen können. Aber damals war offensichtlich keine Bereitschaft dazu da. Eine andere Frage ist das Wie. Da entsteht oft der Eindruck, dass vieles im Ho-ruck-Stil passiert, was dann wieder repariert werden muss oder überhaupt nicht hält. Und man hat den Eindruck, dass vieles wenig durchdacht ist. Aber ein Machtwechsel gehört zur Demokratie, das muss man zur Kenntnis nehmen. Und wenn ich heute die Situation Österreichs international anschaue: Vieles von dem, was prophezeit worden ist – nämlich dass Österreich ins Ausgedinge gedrängt wird –, ist nicht passiert. Ich glaube, man konnte Susanne Riess-Passer schwer vorwerfen, sie sei keine Demokratin.
profil: Sie wurde von ihrer Partei ja bezeichnenderweise weggemobbt.
Oberhauser: Ja, und seither ist die FPÖ in der Wählergunst fast ins Nichts gefallen. Wobei ich dazusage, dass ich Hubert Gorbach, den ich sehr gut kenne, für einen anständigen und fleißigen Menschen halte. Ob das ausreicht, um die FPÖ so zu festigen, dass sie lange Zeit in einer Regierung Bestand hat, das weiß ich nicht.
profil: In der Politik gab’s gerade eine Patriotismus-Debatte. Ist nicht gerade der ORF-Sport superpatriotisch?
Oberhauser: Patriotismus an sich halte ich für nichts Schlechtes. Wenn „Patriotismus“ zum „Chauvinismus“ wird, muss man aufpassen. Sport ist für viele offenbar auch „Kriegsersatz“. Mir ist der Krieg am Fußballplatz unter gegebenen Spielregeln lieber als der Krieg am Schlachtfeld. Als Verantwortlicher für die Berichterstattung gerade auf diesem Gebiet sehr aufzupassen ist seit dem ersten Moment in diesem Job mein Ziel gewesen. Kommentatoren und Reporter müssen in der Wortwahl sehr vorsichtig sein. In unserer Redaktion haben wir uns da in den letzten Jahren sehr zurückgenommen. Wenn ich mich an die Skizweikämpfe zwischen Österreich und der Schweiz in meiner Jugend erinnere! Da sind ganz Vorarlberg und die halbe Schweiz Kopf gestanden.
profil: Können wir eine kleine Sportwette machen: Wie schaut die nächste Regierung aus?
Oberhauser: Wenn ich das wüsste, würde ich nicht hier sitzen. Auch ich diskutiere oft darüber: Wie lange hält das? Kann das jetzt überhaupt noch gut gehen? Die FPÖ hat zwar ihren Parteitag halbwegs über die Bühne gebracht – da hatte man ja Ärgeres erwartet –, aber Prognosen wage ich nicht abzugeben. Es gibt Wünsche, wieder Schwarz-Rot bzw. Rot-Schwarz einzuführen. In der ÖVP gibt es massive Bestrebungen, es doch einmal mit den Grünen zu probieren, um nicht schon wieder die große Koalition auferstehen zu lassen.
profil: Würde das Ihrer Meinung nach funktionieren?
Oberhauser: Ich kann mir schwer vorstellen, dass Schwarz-Grün funktioniert, weil es in Grundsatzfragen ganz große Unterschiede gibt. Andererseits hatte ich vor kurzem bei einem Gespräch mit dem grünen ORF-Stiftungsrat Pius Strobl den Eindruck, dass die Differenzen gar nicht so groß wären. Ich weiß es nicht. Es hat wenig Sinn, diese Frage jetzt zu diskutieren, weil ja gar nicht feststeht, ob es überhaupt die rechnerische Möglichkeit für Schwarz-Grün gibt. Warten wir die Wahlen ab. Vielleicht moderier ich vorher wieder.