Sport: Olympisches Ringen. Die Turiner Dopingaffäre ist noch lang nicht ausgestanden

Der Skiverband trägt die Konsequenzen der Turiner Dopingaffäre. Doch ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel wird diese Schmach nicht auf sich sitzen lassen. Der Streit mit dem Olympischen Komitee geht weiter. Wie die Selbstherrlichkeit einiger Funktionäre den österreichischen Wintersport in die größte Krise seiner Geschichte führte.

Leo Wallner, Präsident des Österreichischen Olympischen Komitees (ÖOC), wirkte sehr zufrieden, als er am Dienstag vergangener Woche vor die Kameras trat. Aus seiner Sicht war die Sache erledigt. Man würde sich bald wieder erfreulicheren Themen widmen können. „Peter Schröcksnadel hat mir heute mitgeteilt, dass er sein Amt als ÖOC-Vizepräsident zur Verfügung stellen wird“, sagte Wallner. Außerdem sei vereinbart worden, dass der Österreichische Skiverband nach außen keine Kritik mehr üben werde.

Der ORF übertrug diese Pressekonferenz live. Und die Fernsehzuseher daheim wussten zu dem Zeitpunkt schon, dass es mit der Harmonie in Wahrheit nicht weit her war. Noch vor Wallners Ansprache hatte der ORF nämlich ein Kurzinterview mit ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel ausgestrahlt, in dem dieser kräftig austeilte: „Zur Verwaltung des ÖOC besteht aus meiner Sicht keinerlei Vertrauensbasis mehr. Machtpolitische Interessen sind dort meinem Empfinden nach wichtiger als sportpolitische Interessen.“

Danach zog sich Schröcksnadel zurück und sagte erst mal gar nichts mehr. Aber es ist nicht davon auszugehen, dass der ÖSV-Präsident die erlittene Schmach einfach auf sich sitzen lassen wird. Der Krieg zwischen Skiverband und Olympischem Komitee, ausgelöst durch die Dopingaffäre bei den Winterspielen in Turin vor eineinhalb Jahren, ist längst nicht beendet. Schröcksnadel hat nachgegeben, weil er erkannte, dass es derzeit für ihn nichts zu gewinnen gab. „Wenn er nicht zurückgetreten wäre, hätte ihn die nächste Generalversammlung mit Bomben und Granaten abgewählt“, sagt ein Mitglied des ÖOC-Vorstands. Auch die politische Rückendeckung ist nicht mehr so stark, wie Schröcksnadel das in den vergangenen Jahren gewohnt war. Der Tiroler saß im Unterstützungskomitee für Wolfgang Schüssel und ist Mitglied des blau angehauchten Sportverbandes ASVÖ; die schwarz-blau/orange Regierung stand ihm also deutlich näher als die aktuelle politische Führung. SP-Klubchef Josef Cap sprach sich eindeutig für die Abberufung Schröcksnadels aus dem ÖOC-Vorstand aus. VP-Sportstaatssekretär Reinhold Lopatka konnte dem nichts entgegensetzen, obwohl er den Rücktritt nicht für nötig hielt: „Wenn bei Verfehlungen jedes Mal der Präsident des Verbandes zurücktreten muss, wird das für den Sport problematisch.“

Der Salzburger Sportreferent Othmar Raus, ein SP-Mann, unterstellt nun, dass zumindest einige ÖSV-Funktionäre von den Dopingpraktiken gewusst und diese unterstützt hätten: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Athlet von sich aus auf die Idee kommt, mit dem eigenen Blut zu manipulieren.“

Ginge es um ein erfreulicheres Thema, müsste man dem Skiverband einmal mehr zu seiner enormen Breitenwirkung gratulieren. Mitten im Frühsommer, während die Österreicher ihre ersten Sonnenbrände verarzten und die lauen Abende im Gastgarten genießen, ist ausgerechnet der Skisport Thema Nummer eins. In Paris finden gerade die French Open statt, Österreichs Fußball-Nationalteam ist im Dauereinsatz, der Giro d’Italia geht in die Entscheidung, doch der sportinteressierte Teil des Landes diskutiert über die Konsequenzen einer nächtlichen Razzia im kalten Februar 2006.

Nach wie vor ist nicht geklärt, wer die Hauptschuld an der Affäre trägt, die damals für nationalen Aufruhr und internationale Negativschlagzeilen sorgte. Am 18. Februar 2006 waren in den Quartieren der österreichischen Langläufer und Biathleten medizinische Utensilien gefunden worden, deren Besitz laut Dopinggesetz verboten ist. Zumindest bis auf Weiteres geklärt ist aber, dass der Skiverband die Folgen trägt: Eine vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) verhängte Strafe von einer Million Dollar wird aus der Kasse des ÖSV bezahlt. Außerdem verhängte das ÖOC über alle 13 damals involvierten Betreuer eine Sperre für künftige Olympische Spiele. Davon betroffen ist auch ÖSV-Sportdirektor Markus Gandler. „Wir sind ein privater Verein und können jedermann von der Akkreditierung ausschließen“, erklärte Leo Wallner. Rechtliche Proteste gegen diesen Beschluss seien also nicht möglich.

Zuvor sei sogar die Sperre aller österreichischen Olympia-Sportler bei den Spielen in Peking und Vancouver im Raum gestanden. Er, Wallner, habe diese drakonische Strafe buchstäblich in letzter Minute abwenden können.

Das diplomatische Geschick des langjährigen Casino-Chefs und ÖOC-Präsidenten in allen Ehren – aber auch das ÖOC agierte in der Dopingaffäre nicht gerade sehr professionell. Auf beiden Seiten, in ÖOC und ÖSV, wurden haarsträubende Fehler begangen, die sich nun rächen. Am 4. Juli wird in Guatemala über die Vergabe der Winterspiele 2014 entschieden. Neben Sotschi und Pjöngchang hat sich auch die Stadt Salzburg beworben. Doch dass die Österreicher nach den Vorkommnissen auch nur den Funken einer Chance haben, glauben bloß noch Menschen, die es berufsbedingt glauben müssen. Nach den Entscheidungen des ÖOC seien die Chancen intakt, meinte etwa der Salzburger Bürgermeister Heinz Schaden. „Wir wollen Olympia nach Salzburg holen.“

Buße für Innauer. Der ÖSV hat mittlerweile die Reihen geschlossen, führende Funktionäre verweigern seit Tagen jeden Kommentar. Sportdirektor Anton Innauer, der vor Pfingsten als Erster öffentlich erklärt hatte, dass in Turin „selbstverständlich“ gedopt worden sei, wurde zu Wiedergutmachungsübungen verdonnert. Bei einer Studiodiskussion im ORF-Sport demonstrierte er seine Loyalität zu Peter Schröcksnadel. Und auf der Homepage des ÖSV ließ er seitenlange Betrachtungen zur Dopingaffäre publizieren. „Das Österreichische Olympische Komitee und dessen Repräsentanten hätten auch die Aufgabe, für eine klare Differenzierung und Abgrenzung einzutreten … Leider drängt sich eher der Eindruck auf, dass diese Pflicht … für die Wahrung eines ,Vorwahlfriedens‘ geopfert wurde“, heißt es dort unter anderem.

Umgehend wurde die ÖSV-Disziplinarkommission wieder aktiviert, um die Dopingvorwürfe – auf Basis einiger neuer Gutachten und Dokumente – noch einmal zu untersuchen. Ein Ergebnis liegt bereits vor: Nachdem im ersten Bericht vor einem Jahr nur der Langläufer Johannes Eder zu einer einjährigen Sperre verdonnert worden war, überführte die Kommission nun auch den Biathleten Wolfgang Perner des Blutdopings. Arnold Riebenbauer, Bezirksrichter in Kärnten und Leiter der Kommission, schließt nicht aus, dass es bei der nächsten Sitzung am 15. Juni zu weiteren Verurteilungen kommen wird. Vor allem an den ehemaligen Langlauftrainer Emil Hoch hätte er ein paar Fragen: „In seiner Tasche sind DNA-Spuren von anderen Personen gefunden worden. Es würde mich interessieren, wie die da hinkamen.“

Insgesamt hält Riebenbauer, der früher selbst in leitender Funktion beim ÖSV tätig war, die Dopingaffäre von Turin für maßlos aufgebauscht. „Da wird vom IOC mit zweierlei Maß gemessen und an einer kleinen, aber erfolgreichen Nation ein sehr heftiges Exempel statuiert.“ Zur Entlastung führt er an, dass die inkriminierten medizinischen Gerätschaften nur teilweise verboten und in verschiedenen Quartieren gefunden worden seien. Der Tatbestand wäre seiner Meinung nach nur erfüllt, wenn alles an einem Ort sichergestellt worden wäre.

Eine Verschwörung gegen das kleine, wehrlose Österreich war auch in Turin der erste Erklärungsansatz der Funktionäre. „Kronen Zeitung“ und ORF unterstützten zumindest am Anfang die Theorie, dass dunkle Machenschaften der italienischen Justiz und/oder von FIS und IOC hinter der nächtlichen Razzia stünden. Die Paranoia ließ sich bisher nicht stichhaltig begründen. Wahr ist allerdings, dass die Österreicher unverhältnismäßig hart angefasst werden. So schwer sanktioniert wurde vom IOC noch nie ein des Dopings verdächtiges Teilnehmerland. Sechs Biathleten und Langläufer waren vom IOC schon am 25. April 2007 lebenslang gesperrt worden. Üblicherweise sind Dopingsperren zeitlich befristet.

Trotzdem sind ÖSV und ÖOC gut beraten, die Schuld in erster Linie bei sich selber zu suchen. Nach der so genannten Blutbeutelaffäre bei den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City stand Österreich im Visier der Dopingfahnder. Dass der Hauptschuldige von 2002, Langlauftrainer Walter Mayer, trotz Olympia-Sperre in Turin unterwegs und auch im Österreich-Haus gern gesehen war, musste vom IOC als Frotzelei verstanden werden. Insgesamt hätten sich Imageverlust, Geldstrafe und Olympia-Sperren leicht verhindern lassen, wenn ein paar Herren etwas weniger fest an die eigene Unfehlbarkeit geglaubt hätten. Zuvorderst gilt das für Peter Schröcksnadel, der die vergangenen Jahre offenbar dazu nutzte, sich in großer Zahl Feinde zu machen.

Heilige Skifahrer. Der 65-Jährige leitet den ÖSV seit 1990, und seine Bilanz ist beeindruckend. Als er anfing, hatte der Verband ein Budget von 35 Millionen Schilling. Heute sind es 45 Millionen Euro. Bei den Olympischen Spielen 1988 in Calgary gewann Österreich zehn Medaillen, 2006 in Turin waren es 23 – mit Ausnahme einer Goldenen für die Rodler allesamt von ÖSV-Athleten. Dank Schröcksnadels Management ist der ÖSV der mit Abstand professionellste Sportverband Österreichs. Vor allem der alpine Skisport gilt als nationales Heiligtum, emsig vermarktet vom ORF, mit dem der ÖSV einen zehnjährigen Vertrag abgeschlossen hat. Für den Rundfunk sei das weniger ideal, spottete Schröcksnadel vor zwei Jahren in einem Interview mit dem „WirtschaftsBlatt“: „Der ORF kann aus dem Vertrag nicht raus, auch nicht, wenn wir schlecht fahren und es weniger Menschen interessiert.“

Wer schon mit guten Geschäftspartnern so umspringt, kennt mit Gegnern erst recht keine Gnade. Schröcksnadel übertrug die Dominanz der Skifahrer auf sein Auftreten am Verhandlungstisch. Motto: Wir sind die Besten, wir haben immer Recht. Es konnte vorkommen, dass Schröcksnadel ein Olympia-Quartier der Skifahrer mit dem Argument ablehnte, in einer solchen Bude würde Hermann Maier nicht einmal seine Skischuhe abstellen.

Besonders gerne matchte sich Schröcksnadel in den vergangenen Jahren mit dem Weltskiverband FIS und dessen Präsidenten Gianfranco Kasper, ebenfalls kein zurückhaltender Charakter. Nach der Dopingaffäre von Turin spielte Schröcksnadel sogar mit dem Gedanken, bei den FIS-Präsidentenwahlen einen eigenen Kandidaten zu nominieren, um Kasper loszuwerden. Sein Wunschkandidat damals: der ehemalige Schweizer Bundespräsident Adolf Ogi. Zu dem Kräftemessen kam es zwar nicht, doch Kasper ist seither mächtig sauer auf den ÖSV-Präsidenten. „Ich halte ihn für eine äußerst schwierige Person. Mit ihm zu verhandeln ist nicht leicht“, sagte er vor ein paar Tagen dem „Standard“.

Schröcksnadels größter Fehler war aber wohl sein Auftritt bei der ÖSV-Pressekonferenz am 22. Februar 2006 in Turin. „Austria is a too small country to make good doping“, behauptete er damals und verärgerte die versammelte Sportpresse mit seinen Ausflüchten. Statt sich um Aufklärung zu bemühen und Zerknirschtheit wenigstens zu simulieren, nützte Schröcksnadel in Turin die Gelegenheit zu einer Abrechnung mit ÖOC-Generalsekretär Heinz Jungwirth. „Irgendwann werde ich meine schützende Hand nicht mehr übers ÖOC halten“, drohte Schröcksnadel. „Ich bin wirklich angefressen, und wenn ich angefressen bin, bin ich am besten.“ Jungwirth konterte: Der ÖSV-Präsident habe die „Tragweite dieser Sache völlig unterschätzt. Wenn ich so etwas aufziehe wie die Löwinger-Bühne, darf ich mich nicht wundern, wenn mich die ganze Welt anpinkelt.“

Zwischen den zwei Streithähnen herrscht so etwas wie chemische Unverträglichkeit. Der auch als Unternehmer sehr erfolgreiche Schröcksnadel hält Jungwirth für einen überbezahlten Langzeitfunktionär, Jungwirth sieht in Schröcksnadel das Paradebeispiel des ungehobelten Kraftmeiers aus der Provinz. Man musste einander also nichts schuldig bleiben.

Dass auch das ÖOC die Vorfälle in Turin unterschätzte, zeigte nicht zuletzt ein Bericht im hauseigenen „Olympia-Magazin“, das nach den Spielen erschien und auf vier Seiten die 23 Medaillen der Österreicher zelebrierte. „Das österreichische Olympia-Team feierte in Turin einen historischen Erfolg.“ Dem Thema Doping war nur ein Absatz gewidmet, in dem es unter anderem hieß: „Auf eine detaillierte Schilderung der Vorkommnisse kann hier verzichtet werden.“ Mit letzter Kraft dürfte das ÖOC also nicht an der Klärung gearbeitet haben.

ÖOC-Präsident Leo Wallner, selbst Mitglied im IOC (und zwar bis zu seinem 80. Geburtstag), hätte die Katastrophe eigentlich vorhersehen müssen. Warum das ÖOC erst jetzt beschloss, in Zukunft bei Olympischen Spielen schärfer zu kontrollieren und das nicht schon seit Salt Lake City tut, konnte Wallner ebenfalls nicht erklären. Vom IOC müssen sich die Österreicher jetzt hart maßregeln lassen. In der Zusammenfassung der Empfehlungen der IOC-Disziplinarkommission heißt es unter anderem: „Trotz der starken Warnungen nach der ‚Blutbeutelaffäre 2002‘ und der Sanktionen gegen einige Mitglieder der Delegation in Salt Lake City brach das ÖOC seine Verpflichtungen aus der Olympischen Charta, dem IOC-Ethik-Code und den Anti-Doping-Bestimmungen.“

Das ÖOC hat den Skiverband nun aufgefordert, bis Juni 2008 Maßnahmen zu präsentieren, die Ereignisse wie in Turin verhindern sollen. Was genau darunter zu verstehen ist, wurde nicht erklärt – offenbar auch nicht dem ÖSV gegenüber. ÖSV-Generalsekretär Klaus Leistner ersuchte deshalb schriftlich um den genauen Wortlaut des ÖOC-Vorstandsbeschlusses, „da bei uns bis dato leider nur eine Presseaussendung vorliegt“.

Material für weitere Streitigkeiten gibt es offenbar zur Genüge.

Von Rosemarie Schwaiger
Mitarbeit: Josef Redl