Sport: Pool und Party und Markus Rogan. Demnächst wird er den Life Ball moderieren

Der Schwimmer Markus Rogan wurde in Rekordzeit zum Liebling der Österreicher und zum gut gebuchten Werbestar. Demnächst wird er den Life Ball moderieren. Aber die offensive Vermarktung des Sportlers beginnt dem Image zu schaden. Das Idol wird langsam zur Nervensäge.

Auch im Leben eines Idols gibt es glanzlose Momente. Als Markus Rogan am Montag dieser Woche um 17 Uhr die Schwimmhalle des Bundessportzentrums Südstadt betritt, warten keine tobenden Fans auf ihn. Niemand will ein Autogramm, keiner mag ihm zuschauen. Es wird auch nichts Spektakuläres geboten. Rogan springt ins Becken, er schwimmt vier Längen Rücken, vier Längen Brust, vier Längen Kraul. Es folgen sechs Längen Rücken, sechs Längen Brust, sechs Längen Kraul. Rogan nimmt einen Schluck aus seiner Wasserflasche und stößt sich wieder ab: acht Längen nur mit Beinarbeit, zwölf Längen Kraul, zwölf Längen Rücken.

Es gibt wenige Sportarten, die es an Monotonie mit dem Schwimmen aufnehmen können. Was geht einem Menschen durch den Kopf, während er 60 Kilometer pro Woche durch scharf riechendes Chlorwasser pflügt? Zählt er die Fliesen am Beckenrand? Flüchtet er gedanklich aus dem Hallenbad in eine Welt ohne Badekappen, Ohrenstöpsel und Schwimmbrille? „Manchmal ist es irrsinnig schön, an gar nichts zu denken“, hat Markus Rogan seine Befindlichkeit einmal beschrieben.

Werbestar und Partylöwe. Trotzdem wirkt Rogan irgendwie fremd in diesem Becken. Zu den vielen Bildern, die das Publikum von ihm schon gesehen hat, passt das konzentrierte, fast automatisierte Abspulen von Trainingskilometern nur schlecht. Klar, das ist sein Job. Immerhin hat er bei den Olympischen Spielen in Athen zwei Silbermedaillen gewonnen. Aber der Mann steht mittlerweile für so vieles, dass seine eigentliche Domäne dahinter verblasste: Markus Rogan, der Werbeträger für Raiffeisen, Spar und Cosmos; Markus Rogan, der Partylöwe; Markus Rogan, der Experte für amerikanische Politik; Markus Rogan, der auf die Frage eines ORF-Reporters, wie er denn sein Geld anlege, den Wiener Immobilienmarkt analysiert: Hier könne man billig kaufen, weil der sozialistische Wohnbau zu einer Underperformance geführt habe.

In der öffentlichen Wahrnehmung ist Hermann Maier zuallererst ein Skifahrer, Andi Ivanschitz ein Fußballer, Werner Schlager ein Tischtennisspieler – und Markus Rogan eine Fernsehberühmtheit mit gut gebautem Oberkörper.

Wettkampftermine als Schwimmer hat Rogan nur ein paarmal im Jahr. Gelegenheiten für ein Bad in der Menge ergeben sich deutlich öfter. Am 21. Mai wird er etwa gemeinsam mit Barbara Schöneberger und Erol Sander den Wiener Life Ball moderieren. Rogan ist der erste Sportler, der bei diesem Event ans Mikrofon darf. Aber sein kraftvoller Armschwung beim Rückenschwimmen war für das Engagement nicht entscheidend. „Er ist spontan, ein gescheiter Bursche und an Publikum gewöhnt“, sagt Doris Pommerening vom Life-Ball-Organisationsteam. Erwartet wird von Rogan unter anderem, dass er mit Barbara Schöneberger fachgerecht turtelt: „Wir hoffen schon, dass es zu einem kleinen Flirt kommt.“ Schöneberger wird sich nicht zieren – schließlich ist ihr Bühnenpartner, wie die Illustrierte „News“ ermittelte, der schönste Mann Österreichs.

Markus Rogan sei der mit Abstand populärste Silbermedaillengewinner, den es in Österreich je gegeben hat, analysiert Manfred Warmuth, Chef der Elektrokette Cosmos, sehr richtig. Der zweite Platz gilt gemeinhin als undankbar und wenig ertragreich. Rogan beweist, dass es auch anders geht. Cosmos nahm den Sportler vor Kurzem unter Vertrag – und zwar nicht, wie ursprünglich vorgesehen, nur für die Anpreisung einer Klassik-CD. Unterzeichnet wurde ein mehrjähriger Vertrag. Natürlich sei das bei einem Sportler stets ein gewisses Risiko, räumt Warmuth ein. „Aber für uns ist wichtiger, dass er sich als Person gut präsentiert.“

Der Sport hat schon viele erstaunliche Karrieren ermöglicht, doch Rogan drang in neue Dimensionen vor – noch dazu in Rekordzeit. Vor etwas mehr als einem Jahr war der junge Mann noch weit gehend unbekannt und von den finanziellen Zuwendungen der Sporthilfe abhängig. Mittlerweile ist er Träger des Goldenen Ehrenzeichens der Republik, Sportler des Jahres 2004 und etwa so bekannt wie der Bundeskanzler. Ein Foto, das Markus Rogan und Wolfgang Schüssel auf dem Wiener Opernball zeigt, scheint die Hierarchie sogar umzudrehen: Rogan legt die Hand fürsorglich auf die Schulter des Kanzlers. Ein mit dem heimischen Personal nicht vertrauter Betrachter müsste annehmen, der kleinere Herr links habe es nur dank der Intervention seines großen Beschützers auf das Foto geschafft.

Keine Unterstützung. Finanziell spielt Rogan ebenfalls in der Oberliga mit. Dank lukrativer Werbeverträge wird sein Jahreseinkommen auf weit über 500.000 Euro geschätzt. Michael Schmitz, Stiefvater und Manager des Schwimmers, legt Wert auf die Feststellung, dass sein Schützling auf niemanden mehr angewiesen sei: „Markus erwartet keine finanzielle Unterstützung von wem auch immer.“

Der große Plan. Es klingt sehr viel Genugtuung mit, als Schmitz das sagt. Die finanzielle Prosperität ist nämlich sein Verdienst. Der ZDF-Korrespondent in Wien und Psychologe entschied sich im vergangenen Sommer für den Drittjob als Sportmanager. Beliebt gemacht hat sich der kühle Deutsche in der heimischen Sportszene seither nicht. Allzu energisch geht er bei der Vermarktung seines Schützlings häufig vor – im Kopf einen Plan, der lange vor dem Rummel um Rogan gereift ist. Schon vor zwei Jahren haben er und Rogans Mutter Margot, Psychiaterin in Wien, dem Schwimmverband Vorschläge für eine bessere Vermarktung der Athleten vorgelegt. Unter anderem sei damals schon die Idee eines Talentecups für den Nachwuchs besprochen worden, ganz ähnlich der Aktion, die Markus Rogan derzeit mit der „Kronen Zeitung“ betreibt. Leider wollte damals niemand auf Schmitz hören, also macht er es jetzt eben ohne den Verband.

Das Phänomen Rogan ist nicht denkbar ohne Michael Schmitz. Der Stiefpapa karrt die Sponsoren herbei, organisiert die Interviewtermine und weiß als Medienfachmann, wie er das Interesse immer wieder anfachen kann. Gut gelungen ist das auch in eigener Sache: Der von Schmitz und seiner Frau Margot verfasste Psychoratgeber „Seelenfraߓ – mitvermarktet durch den Sohn in einer „News“-Serie – steht seit Wochen in den Bestsellerlisten und wurde bereits über 20.000-mal verkauft.

In letzter Zeit mehren sich allerdings die Hinweise, dass Schmitz im Sportmanagement ein wenig zu gründlich gearbeitet haben könnte. Die Dauerpräsenz beginnt der Marke Rogan zu schaden. Jeder Glorienschein verblasst, wenn er zu oft strapaziert wird. Markus Rogan galt einmal als ganz neuer, erfrischend unkonventioneller Sportlertyp. Jetzt ist er Teil der Populärkultur und sorgt wie diese gelegentlich für Überdruss. Leodegar Pruschak, Marketingdirektor von Raiffeisen, ist im Prinzip zwar sehr zufrieden mit seinem Werbeträger. Nur manchmal überkommt selbst ihn ein Sättigungsgefühl: „Wenn ich Markus das nächste Mal treffe, werde ich ihm sagen, dass weniger oft mehr ist.“

Rechte und Pflichten. Den Sympathien nicht förderlich war auch ein – inzwischen beigelegter – heftiger Streit mit dem Österreichischen Schwimmverband (OSV), den Rogan und Schmitz in aller Öffentlichkeit austrugen. Es ging eigentlich nur um juristische Details in den so genannten Entsendungsrichtlinien – also den Rechten und Pflichten der Athleten, wenn sie für den OSV bei Wettkämpfen antreten. Doch geführt wurde die Auseinandersetzung mit OSV-Präsident Paul Schauer wie ein Kampf um das letzte Hemd. Höhepunkt der Auseinandersetzung war ein Auftritt von Rogan und Schmitz in der TV-Sendung „Vera“, wo beide über den Kontrahenten herzogen. Rogan trug dabei, um den Ernst der Lage zu veranschaulichen, ein T-Shirt mit selbst gebasteltem „Solidarnosc“-Aufdruck.

„Destruktive Kritik“. Nach der Sendung erschienen im Gästebuch auf Rogans Internet-Homepage erstmals wirklich böse Kommentare. Markus Rogan musste einige Einträge löschen und machte an Ort und Stelle ein bemerkenswertes Geständnis: „Ich möchte einfach nicht, dass Schimpfwörter und destruktive Kritik von z. B. meiner 8-jährigen Schwester gelesen wird.“

Im ORF-Sport wurde Rogan etwa zeitgleich die Verlagerung seiner Prioritäten empfohlen: „Vielleicht wäre es vernünftiger gewesen, sich mehr auf das Schwimmen zu konzentrieren.“

Das sind harsche Töne im Vergleich zu der Euphorie, die Rogan bei den Olympischen Spielen in Athen ausgelöst hat. Über 100 und 200 Meter Rücken wurde er Zweiter und schaffte damit den größten Erfolg eines österreichischen Schwimmers seit 1912. Die Begeisterung in der Heimat galt nicht nur den zwei Silbermedaillen in einem Sport, in dem die Österreicher bis dahin meist nur als niedliche Exoten punkten konnten. Gejubelt wurde auch über diesen jungen Mann, der sich so völlig anders präsentierte, als man Sportler normalerweise kennt: Markus Antonius Rogan, geboren in Wien, erwachsen geworden in Amerika, ausgestattet mit einem Bachelor-Titel der Universität Stanford und einem Selbstbewusstsein, das zur Not auch für das komplette Schwimmteam reichen würde.

Endlich gab es einen Medaillengewinner, der sich nicht im knarrenden Dialekt einer inneralpinen Talschaft verständigte, sondern lupenreines Hochdeutsch sprach. Man durfte stolz sein auf einen Athleten, der offensichtlich etwas mehr im Kopf hatte als den Trainingsplan der nächsten zwei Wochen. Ein besonders fairer Sportsmann war der neue Liebling auch noch: Als der Amerikaner Aaron Peirsol wegen eines falschen Beinschlags disqualifiziert werden sollte und Rogan kurz als Olympiasieger dastand, zeigte er sich unwillig. „Olympiagold kann nicht so schön sein wie die Freundschaft zum Aaron“, sagte der Österreicher und freute sich, als die Disqualifizierung wieder rückgängig gemacht wurde. Für sein Verhalten erhielt Rogan den „Special Fair Play Award“ sowie den von der Republik, der Stadt Wien und den Vereinten Nationen vergebenen „UN Vienna Civil Society Award“ – was ihn so beeindruckte, dass er in der Folge gar nicht mehr aufhören wollte, seine Fairness zu beweisen.

Rogan hat stets betont, dass er nicht nur als Sportler gesehen werden will. Er sei nicht so sehr auf das Schwimmen süchtig, sagte er einmal, „sehr wohl aber auf den Erfolg, das Rampenlicht und das Schulterklopfen“. Auf seiner Homepage findet sich ein Fragebogen, der schon unter Punkt eins alle Unklarheiten beseitigt. Frage: „Was ist für Sie das größte Unglück?“ Antwort: „Ignoriert zu werden.“
Aber die Gefahr besteht nun wirklich nicht.

Als Rogan bei der Kurzbahn-Europameisterschaft im Dezember in Wien zwei Goldmedaillen gewann, erreichten die medialen Huldigungen einen neuen Höchststand: „Sein strahlendes Lächeln, sein gutes Aussehen, seine Natürlichkeit sowie seine Lockerheit und seine ungewöhnliche Eloquenz verzauberten alle“, schwärmte die „Kronen Zeitung“. In der „Presse“ wurde Rogan zum „Adonis mit Hirn, Herkules mit Herz“. Die „Neue Zürcher Zeitung“ war über das Treiben der Kollegen etwas erstaunt: „Vermutlich wird Markus Rogan demnächst Oboenkonzerte geben, Gehirnchirurgie lehren und den Seeweg nach Indien entdecken“, spöttelte das Blatt.

Verkrampft. Der Psyche eines 23-Jährigen können solche Lobeshymnen nicht gut tun. In letzter Zeit wirkte Rogan oft reichlich verkrampft in dem Bemühen, dem Image als Allroundgenie halbwegs gerecht zu werden. Der Schmäh, für den er einst bekannt war, sitzt nicht mehr so locker, seit er ihn als Pflichtübung empfindet. Stiefvater Schmitz sah sich genötigt, den Filius einzubremsen. „Er weiß, dass er sich auf diese Erwartung nicht einlassen kann, schließlich ist er kein Entertainer.“

Aber auch Schmitz selber fehlt es mitunter am Gespür für den richtigen Ton. Die ehemalige Spitzenschwimmerin Vera Lischka etwa fühlte sich bei ihrer ersten Kontaktaufnahme mit dem Manager ziemlich brüskiert. Sie hatte Markus Rogan gebeten, bei einer von ihr im Linzer Casineum organisierten Benefizveranstaltung Talkgast zu sein. Rogan war einverstanden gewesen, Schmitz stornierte den Termin. „Er hat mich ziemlich kurz abgefertigt“, sagt Lischka.
Der Mann ist nun mal geschäftstüchtig, die Aufwand-Nutzen-Analyse muss stimmen.

Zwischenzeitlich sei Markus tatsächlich zu viel in der Öffentlichkeit gestanden, räumt Schmitz ein. Aber damit soll fürs Erste Schluss sein. Außer dem Life Ball werde es in den nächsten Wochen keine Termine geben. „Es gibt Phasen, in denen er sich voll auf das Training konzentrieren muss, um ein guter Sportler zu bleiben.“

Mindestens Gold. Im Juli finden in Montreal die Schwimm-Weltmeisterschaften statt. Rogan hat angekündigt, dass er aus Kanada mit mindestens einer Goldmedaille zurückkehren will. Derzeit ist er aber der einzige österreichische Top-Schwimmer, der das WM-Limit noch nicht geschafft hat. Bis Juni bleibt ihm dafür Zeit. Ein Scheitern wäre die größte Blamage im österreichischen Sport seit dem 0:1 der Fußballnationalmannschaft gegen die Faröer-Inseln. Denn auch wenn das Schwimmen manchmal wie eine Nebensache aussieht – Rogans Marketing funktioniert nur, solange er Erfolge liefert.

Aber zur Katastrophe wird es nicht kommen, beruhigt Rogans Trainer Robert Michlmayer: „Ich mach mir bei ihm keine Sorgen. Die letzten Wettkämpfe ist er voll aus dem Training geschwommen. Das Limit wird er auf jeden Fall schaffen.“

Bis zur WM sollte Rogan auch die neue Technik im Rückenschwimmen perfektioniert haben, die er gerade trainiert. Es geht um eine Änderung der Kopfstellung, mit der eine bessere Wasserlage erzielt werden soll. Die Korrektur ist so klein, dass dem Publikum gar nichts auffallen wird. Für den Schwimmer bedeutet der Stilwechsel jedoch eine erhebliche Umstellung – und viele Extra-Längen an seinem eigentlichen Arbeitsplatz, dem Hallenbad.

Wenn es klappt mit der Goldmedaille, wird Rogans leiblicher Vater wieder einen Schub neuer Aufträge bekommen. Alfred Rogan ist Gynäkologe in Wien und auf seine Art ebenfalls Teil der Familien-Vermarktungsmaschinerie. „Ich nehme die Autogrammbestellungen meiner Patientinnen entgegen und leite sie an Markus weiter“, erzählt er. Dann überlegt er kurz: „Möchten Sie auch eines?“

Von Rosemarie Schwaiger