Sprachlose Willkür

Die Schriftstellerin Elfriede Jelinek über das Wiederaufflammen der Debatte zur Rechtschreibreform.

Wirklich böse bin ich erst geworden, als der Bundeskanzler vergangene Woche die ganze Debatte als typisch „Sommerloch“ bezeichnet hat. Was denkt sich der Mann dabei? Will er die sprachlose Willkür, mit der er seine Entscheidungen fällt, auch noch über die Sprache legen wie ein Leichentuch? Vielleicht sollen wir alle überhaupt schweigen und auch nicht mehr schreiben. Geschriebenes ist ohnedies lästig, weil man es nicht wie einen Fleck entfernen kann. Es kann ein Beweis für etwas sein. Leute, die nicht wissen, wie sie aufschreiben können, was sie denken, können überhaupt nicht denken, das glaube ich. Diese Flapsigkeit des Regierungschefs empört mich doch sehr.

Ich will keinen Fetisch aus der Sprache machen, aus der Rechtschreibung auch nicht, aber die Frage, nach welchen Regeln sich das Schreiben zu richten habe, ist doch nicht marginal! Es ist doch das wichtigste kulturelle Kapital, das es überhaupt gibt, wie man etwas schreibt. Für mich war die alte Schreibweise vollkommen logisch, und ich traue mir zu, jedem sechsjährigen Kind erklären zu können, was der Unterschied zwischen alleinstehend und allein stehend ist. Die Sprache verarmt ja vor allem durch diese neuen Auseinanderschreibungen unerträglich, weil eine ganze Leiste an Wörtern da aus der Sprache vollkommen herausfällt und grauenhafte Scheußlichkeiten entstehen. Ich würde mich dem nie anschließen und habe mich dem nie angeschlossen.

Manchmal lache ich mich auch bei durchaus ernsten Texten kaputt, wenn ich sie in der neuen Rechtschreibung lese. Vielleicht will man wieder einmal zur Säuberung der Bibliotheken schreiten? Die armen Schüler und Schülerinnen, die tun mir wirklich leid (Leid?), nein, ein Leid tun sie mir nicht an, sie sind es, die mir (zurzeit? zur Zeit?) leidtun, weil niemand das bis zu Ende (zuende?) durchdacht hat. Keine Logik. Nirgends.