St. Pölten: Der grundlose Rücktritt

Nach dem Rücktritt von Bischof Kurt Krenn gehen die Grabenkämpfe in der St. Pöltener Diözese unvermindert weiter.

Dreizehn Jahre lang wurden zahlreiche gute Gründe für einen Rücktritt Kurt Krenns als Diözesanbischof von St. Pölten genannt. Jetzt, wo er tatsächlich zurückgetreten ist, gibt es keinen definitiven Grund dafür. Der nunmehrige „Altbischof von St. Pölten“ (Eigendefinition Krenn) selbst sagt, dass der Grund für seinen Rückzug „nicht so einfach zu erklären“ sei und er ihn daher gleich gar nicht kommentieren möchte.
Gesundheitliche Gründe, wie sie „Bischofsminister“ Giovanni Battista Re, der Vorsitzende der römischen Bischofskongregation, Krenn nahe gelegt hatte, wollte der St. Pöltener Kampfhirte nicht vorschieben: Vielleicht sei er krank, meinte er, doch er fühle sich nicht so. Und alle Welt wisse, dass es in Wirklichkeit nicht um seine Gesundheit gehe, ließ er trotzig, aber wahrheitsgetreu wissen.

Am Sonntag der Vorwoche war ein Vertreter der Nuntiatur (der Botschaft des Heiligen Stuhls in Österreich) mit einem persönlichen Brief von Papst Johannes Paul II. bei Kurt Krenn vorstellig geworden. In dem sehr kurzen und freundlichen Schreiben bittet Johannes Paul seinen Apostel Kurt, seinen Rücktritt einzureichen. Und zwar ohne Begründung. Nur um „einen Neuanfang in St. Pölten“ zu ermöglichen.

Zwei Tage später, also am Dienstag der Vorwoche, hinterlegte ein aus St. Pölten kommender Bote den vom Papst so freundlich erbetenen Brief Kurt Krenns in der Nuntiatur in der Wiener Theresianumgasse. Womit eine turbulente Ära der österreichischen Kirchengeschichte ihr oftmals angekündigtes Ende gefunden hatte.
Jetzt, als Altbischof, werde er zunächst in Ruhe die Dinge ordnen, die es noch zu ordnen gebe, sagt sein langjähriger Sprecher Michael Dinhobel. Erst dann werde Klarheit darüber herrschen, wie der emeritierte Oberhirte St. Pöltens seine „Pension“ gestalten wolle.

Gerüchteweise soll es schon einen konkreten Plan geben. Demnach soll es Kurt Krenn in die Nähe einer Stätte seines früheren Wirkens zurückziehen: So soll er im Kloster Weltenburg, unweit von Regensburg (hier war Krenn als Philosophieprofessor tätig), willkommen sein. Der dortige Abt dementiert gegenüber profil zwar, dass Krenn in seinem Haus einziehen werde, mehrere „Brüder“ des Stiftes bestätigen immerhin: „Wir kennen das Gerücht.“

In der Diözese St. Pölten wird unterdessen erwartet, dass sich mit dem Abgang des Bischofs eine Reihe weiterer Personen verabschieden wird. Wer, ist noch unklar. Nur einer hat es gegenüber profil bereits bestätigt: Krenns Sprecher Michael Dinhobel: „Ich werde sicher gehen. Wohin, wird man sehen.“

Dennoch wird in St. Pölten alles andere als Ruhe einkehren: Schon an diesem Donnerstag gibt es am Landesgericht in St. Pölten einen Gerichtstermin, von dem neben dem zurückgetretenen Regens des Priesterseminars Ulrich Küchl und dessen ebenfalls zurückgetretenen Subregens Wolfgang Rothe auch Altbischof Kurt Krenn persönlich betroffen ist. Gegen alle drei Herren soll wegen des Verdachts der Nötigung verhandelt werden. Ein Schüler des Priesterseminars hatte Anzeige erstattet und erklärt, die genannten Personen hätten ihn massiv unter Druck gesetzt, eine Ehrenerklärung zugunsten von Rothe und Küchl zu unterschreiben, deren Inhalt nicht den Tatsachen entspreche. Es handle sich dabei, so der Alumne R., um eine „Aufforderung zur Leistung eines Meineides“.

Glaubwürdigkeitsprobleme. Zumindest Wolfgang Rothe hat rund 30 derartige, meist gleich lautende „Eidesstättige Erklärungen“ dem Landesgericht Wien vorgelegt, wo er im Zuge seiner Klage gegen profil glaubhaft machen möchte, dass er nie homosexuelle Kontakte zu Mitgliedern des St. Pöltener Priesterseminars gehabt hätte.

Rothe und Küchl haben Probleme mit den von ihnen angeführten Zeugen. Zwei der genannten Personen, die beide aus Polen stammen, sind nicht vor Gericht erschienen. Dem Vernehmen nach sollen sie St. Pölten den Rücken gekehrt und zurück nach Polen gegangen sein.

Besonders delikat scheint der Fall des polnischen Priesteranwärters Albert A. Der Mann hat nach eigenen Angaben eines der Fotos geschossen, die, am 12. Juli dieses Jahres in profil veröffentlicht, den Skandal um das St. Pöltener Priesterseminar hochgehen ließen. Gegen ihn wird nun wegen Diebstahls ermittelt: So soll er vor einigen Wochen einem „Freund“, einem schwerbehinderten Rollstuhlfahrer in Linz, die Bankomatkarte gestohlen und mehrmals den höchstmöglichen Betrag behoben haben. Vor einem Bankomat in St. Pölten wurde der Priesterschüler von der Überwachungskamera gefilmt. Auch er dürfte sich mittlerweile in Polen aufhalten und als glaubwürdiger Zeuge für das Gericht kaum verfügbar sein.

Probleme mit der Glaubwürdigkeit von Aussagen gab es auch am Donnerstag der Vorwoche vor dem Wiener Landesgericht bei der ersten Runde im Ehrenbeleidigungsverfahren Wolfgang Rothe gegen profil, als Richterin Natalia Frohner auf den „Weihnachtskuss“ zu sprechen kam. Rothe wollte auf dem Foto lediglich „zwei Köpfe“ sehen, „die aneinander vorbeigleiten“. Der Zeuge K., der mit Rothe auf dem Foto zu sehen ist, versicherte: „Es ist nicht so, wie es aussieht.“ Die Richterin: „Reden wir nicht um den heißen Brei herum. Ich sehe offene Münder und eine Zunge.“

Gerichtsverfahren. Tags darauf war auch Ulrich Küchl mit seinem Verfahren gegen profil dran. Doch Richter Friedrich Forsthuber gab bekannt, dass die beiden Fälle wegen inhaltlicher Nähe zusammengeschlossen und gemeinsam am 2. Dezember weiterverhandelt werden.

Doch auch innerhalb des formal geschlossenen Priesterseminars in St. Pölten fliegen weiter die Fetzen: Vergangene Woche wurden den 28 Kandidaten, die um eine Aufnahme im Priesterseminar angesucht haben, die Bescheide der Aufnahmekommission zugestellt. In 14 Fällen war das Urteil negativ. Nach Darstellung mehrerer Betroffener und Beobachter seien dabei mindestens zwei Kandidaten wieder aufgenommen worden, die dem „engen Kern der Homoszene“ im Seminar zugeordnet worden seien. Andererseits seien alle Kandidaten abgelehnt worden, die verdächtigt werden, Informanten der Medien gewesen zu sein.

Mehrere der abgelehnten Kandidaten sind entschlossen, die Entscheidung anzufechten. Sie erklären, die Bescheide seien kirchenrechtlich ungültig, weil nur der Bischof persönlich befähigt sei, mittels seiner Unterschrift Kandidaten aufzunehmen oder abzulehnen. Und da die Bescheide vom derzeitigen Regens Werner Schmid unterschrieben seien, hätten sie keine Gültigkeit. Schmid, der noch von Krenn als Küchl-Nachfolger eingesetzt worden war, müsse selbst damit rechnen, vom neuen Bischof ausgetauscht zu werden, weil er im Sinne der alten Riege agiere.

Bernhard Augustin, der Sekretär des Visitators in St. Pölten, Klaus Küng, bestätigt den inoffiziellen Charakter dieser Bescheide. Während der nächsten Tage und Wochen würden den Kandidaten Gelegenheiten eingeräumt, noch einmal beim Visitator vorzusprechen. Dann, wenn Kurt Krenn auch physisch weg ist und Klaus Küng St. Pölten regiert. Als Visitator oder als neuer Bischof.