St. Pölten: Kostenfrage

Das Ende der Amtszeit von Kurt Krenn rückt näher. Für einen Beschuldigten in der Sexaffäre soll die Diözese nun die Prozesskosten bezahlen.

"Ich darf alles“, ließ Kurt Krenn noch Anfang vergangener Woche per Interview wissen. In der St. Pöltener Diözese wurden die Äußerungen des von der Affäre um sein Priesterseminar sichtlich geschockten und de facto bereits von der Macht entfernten Bischofs als Indiz gewertet, dass Krenn sich immer weiter von der Realität entfernt.

Denn der Bischof darf gar nichts mehr.

Seit Donnerstag vergangener Woche ist ihm auf Anordnung des apostolischen Visitators Klaus Küng sogar untersagt, was er besonders gerne tut: Interviews geben.

In einer seiner letzten Amtshandlungen als uneingeschränkter Diözesanbischof, gesetzt am Montag, dem 12. Juli, einige Stunden nachdem profil jene Fotos publiziert hatte, die zum Auslöser der öffentlichen Debatten um das St. Pöltener Priesterseminar wurden, erließ Kurt Krenn ein Dekret: Er ordnete an, dass die Finanzkammer der Diözese für Wolfgang Rothe, den wegen eines „Weihnachtskusses“ zurückgetretenen Subregens des Priesterseminars, alle Kosten allfälliger zivil- und strafrechtlicher Prozesse übernimmt. Anders ausgedrückt: Rothes Kosten werden aus Mitteln des Kirchenbeitrags beglichen.

Auch Bischof Klaus Küng, der von Rom eingesetzte Visitator, der seit zwei Wochen in St. Pölten das Sagen hat, setzte das Dekret bislang nicht außer Kraft – was unter jenen, die auf rasche Klärung und einen baldigen Schlussstrich unter die Affäre hoffen, für Verwunderung sorgt.

Für Ulrich Küchl, den Ex-Regens des Priesterseminars, muss das Kirchenvolk nicht einspringen. Er erhält von Krenn keinerlei Unterstützung. Ein Priesteranwärter aus dem Seminar wirft Küchl nun zudem „Unterlassung“ vor. Dabei geht es um den früheren Priesterschüler Ewald S., dessen Leiche im Oktober des Vorjahres in der Alten Donau in Wien gefunden worden war und dessen Tod für zahlreiche Gerüchte gesorgt hat. Nach Erkenntnissen von Ermittlern dürfte der damals 53-jährige Seminarist Selbstmord begangen haben.

Dass S., der ein Liebesverhältnis zu einer in Wien lebenden Frau unterhielt, schon lange vor seinem Tod stark depressiv und akut selbstmordgefährdet gewesen war, sei im Seminar allgemein bekannt gewesen, lautet der Vorwurf. Jener Priesterschüler, der nun Vorwürfe gegen den früheren Regens erhebt und Anzeige erstatten möchte, behauptet, Ulrich Küchl zweimal auf die akute Gefährdung von Ewald S. hingewiesen zu haben – einmal sogar in Anwesenheit eines Arztes. Doch Küchl habe nichts unternommen. Er war für profil vergangene Woche trotz mehrmaliger Versuche nicht erreichbar.

„Nicht homosexuell“. Küchl hatte energisch versucht, die Veröffentlichung der nunmehr zu erheblicher Aufmerksamkeit gelangten Fotos zu verhindern. Am 9. Juli, unmittelbar vor Drucklegung des Artikels, erreichte die Redaktion ein Fax eines Florian Wladowsky1), in dem dieser behauptet, die Urheberrechte von Fotos zu besitzen, von denen er glaubt, dass sie „in Besitz der Redaktion“ gekommen seien. Wladowsky wollte „hiermit“ die Veröffentlichung „verbieten“. Wladowsky kann zumindest jenes Foto nicht angefertigt haben, auf dem Küchl einem Alumnen die Hand an den Schritt legt. Er ist nämlich der auf dem Foto zu sehende Priesterseminarist.

Noch am selben Tag versuchte Ulrich Küchl bei Gericht eine einstweilige Verfügung zu erwirken, die profil die Veröffentlichung der Fotos untersagen sollte. Das Gericht wollte Küchls Antrag freilich nicht folgen. Nach Erscheinen des Artikels und der Fotos ließ Küchl eine Klage gegen profil einbringen. Sein Griff ans Gemächt seines Schülers sei kein „sexueller Kontakt“, wie profil suggeriert habe. In Küchls „Aufforderung zur Klagebeantwortung“ schreibt er unter Punkt 4: „Die Behauptung, es gebe ein Lichtbild, das den Kläger eindeutig bei einem homosexuellen Kontakt zeige, ist unwahr. Der Kläger ist nicht homosexuell und hatte auch niemals homosexuelle Kontakte.“

Beweiszwang. Küchls sexuelle Orientierung war für profil ausschließlich im Zusammenhang mit seiner Funktion als Priester und Leiter eines Priesterseminars Gegenstand der Berichterstattung. Durch die Klagseinbringung macht der ehemalige Regens seine Sexualität nun freilich zum Thema eines Gerichtsverfahrens.

In der profil-Redaktion haben sich in den vergangenen Wochen mehrere Personen gemeldet, die sich selbst als homosexuell bezeichnen und sich enttäuscht zeigten, dass Küchl nicht zu seiner sexuellen Orientierung stehe. Teilweise sind das Personen, die selbst mit Küchl sexuellen Kontakt gehabt haben wollen; teils solche, die behaupten, Küchl persönlich zu kennen; teils Schwule, die über angebliche gemeinsame Reisen mit dem Priester berichten. So etwa einen Ausflug nach Budweis im Sommer 1990, an dem vier Personen teilgenommen haben sollen. Von der Reise, die Küchl gemeinsam mit seinem damals angeblich „fixen Freund“ unternommen haben soll, existieren auch Fotos. Eines zeigt Küchl, wie er den Freund des vierten Teilnehmers umarmt.

Ebenfalls mit profil Kontakt aufgenommen hat Werner P., 52, der behauptet, Küchl Ende der siebziger Jahre kennen gelernt und mit ihm damals auch sexuell verkehrt zu haben (siehe Interview). Er habe Küchl bis vor etwa vier Jahren hin und wieder getroffen (aber nicht mehr mit ihm geschlafen). Er ist bereit, seine Aussagen vor Gericht zu bezeugen. Aus Rücksicht auf seine Eltern möchte P., der Chef der Jungen ÖVP in einer größeren niederösterreichischen Stadt und Werbechef eines Wiener Unternehmens gewesen ist, anonym bleiben.