Das Opa-Komplott

Herbert Lackner über die Rückkehr der Grant-Ikone "Staberl“, 90, in die Kolumnistenriege der "Kronen Zeitung“.

Richard Nimmerrichter sitzt wie jeden Sommer in seiner kleinen Wohnung in Pörtschach. Ende vergangener Woche läutete unentwegt das Telefon: Ungläubige Anrufer fragten nach, ob es denn stimme, dass er auf seine ganz alten Tage wieder den Dienst bei der "Krone“ antrete. Nimmerrichter wiegelte neckisch ab: "Ach geh, das ist doch überhaupt nicht interessant. Das hat den Neuigkeitswert eines drei Wochen alten Fernsehprogramms.“

Am kommenden Donnerstag wird nach zehn Jahren Zwangspause wieder ein Kommentar von "Staberl“, Österreichs berühmtestem Rabiatkolumnisten, die "Kronen Zeitung“ komplettieren. Dann wird der wilde Alte den jungen Tuttern Peter Gnam und Michael Jeannée - grünschnäbelige Endsechziger - wieder zeigen, wo der Hammer hängt.

110 Zeilen zu 23 Anschlägen
- aber nur noch zwölfmal im Jahr: "Net amal denken“, dass er wieder jeden Tag schreibt, sagt der 90-Jährige. Und spricht dann doch lange über die Koalitionsregierung, die für "den Herrn Strache“ die beste PR mache und insgesamt eine "obszöne Einrichtung“ sei; und er schimpft auf das Pensionsrecht, "eine der größten Grotesken überhaupt“, weil es die Leute so früh in die Rente gehen lasse.

Er selbst ging mit 80, und das unfreiwillig: Sein gleichaltriger Chef, der inzwischen verewigte Hans Dichand, hatte sich nach einer Attacke Nimmerrichters auf den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Ariel Muzicant, im Mai 2001 nicht länger an der Mitarbeit seines Haudegens interessiert gezeigt. Das war insofern bemerkenswert, als "Staberl“ immer wieder Präsidenten der Kultusgemeinde attackiert hatte, ohne dass dies den Chef gestört hätte. Aber diesmal passte es Dichand eben nicht ins Konzept.

Damit ging eine Ära zu Ende.
Denn so entschlossen wie Nimmerrichter hatte niemand gegen die neuen Zeiten gekämpft. Feministinnen waren für ihn Frustnudeln, "die irgendwann die Überfuhr verpasst haben“, den Präsidenten afrikanischer Staaten wollte er "unter Narkose die Schuhe anziehen“. "Das Geld müssen sie hinauswerfen für so einen Blödsinn. Als ob wir auf dem Mond etwas verloren hätten“, betrachtete er 1969 die Raumfahrt aus der Perspektive des Gangfensters auf der Zweierstiege. Er verspottete die "Nudelschrift“ der Araber und lobte die Rassentrennung in Südafrika: "Es ist ein Weißer etwas ganz anderes als ein Neger … Aber wer so etwas sagt, ist im Handumdrehen als Rassist abgestempelt.“

"Staberl“ - der Chefideologe des Antimodernismus.
Er sei die "verkörperte österreichische Nachhut des Weltgeistes“, schrieb Sigrid Löffler 1974 in einem Porträt in profil. Freunde berichteten, Nimmerrichter habe seinem verblichenen schwarzen Schnauzer das seltene Hundekunststück einer Rolle rückwärts beigebracht.

Sein Publikum vergötterte ihn:
"Mein innigst geliebter Staberl / oft gehört dir eins übers Schnaberl. / Aber du bringst die Sachen so nett, / dass ich dir lieber ein Busserl geben tät’“, schrieb einmal eine Adorantin.

Um den Entzug erträglicher zu machen, ersetzte Hans Dichand seinen "Staberl“ listig durch mehrere kleine Staberln, die sich nun auf den Leserbriefseiten tummeln durften und Katschnig, Pestitschek oder Weinpoltner hießen. Sie sahen die Welt so wie ihr ins Exil gegangenes Idol: ältere Männer, die alles verbellen, was anders, neu, fremd ist.

Aber das Bedürfnis nach einem Leitwolf lebte. Vorigen Jänner forderte ein Herr Klaus Goldmann in einem Brief an die "Krone“ eine Kolumne für den Leserbriefschreiber Stephan Pestitschek aus Strasshof: "Sein Schreibstil, seine Inhalte und vor allem sein Mut, die Verfehlungen unserer linkslinken Politik anzusprechen, bräuchten einen noch größeren Leserkreis. Pestitschek ist für mich der neue, Staberl’.“

Pestitschek kann in Strasshof bleiben - jetzt kommt das Original zurück.

Und das lief so:
Kürzlich traf sich "Krone“-Zarewitsch Christoph Dichand mit Nimmerrichter, was an sich schon bemerkenswert ist. Immerhin hatte der gekränkte alte Herr 2004, als Hans Dichand seinen branchenfremden Junior als Co-Chefredakteur installierte, geätzt, das sei so, als würde man ihn, "Staberl“, zum "Vortänzer des Staatsopernballetts“ machen.

Man speiste also, vereinbarte das Comeback und besprach die Vorpropaganda. Eine Story in der "Krone bunt“ am Sonntag, ein Vorbericht im bisweilen etwas merkwürdigen "Krone“-Web-TV-Programm des Innenpolitik-Kolumnisten Claus Pándi und dann am 30. Juni der Höhepunkt: "Staberl“ kehrt zurück. Mit 90, was allerdings in einer Zeitung, in der die Gesundheitstipps seit vielen Jahren von einem Toten kommen ("Aus dem Vermächtnis von Kräuterpfarrer Weidinger“), nicht das Allerschrägste ist.

Wegen des Geldes setzt er sich wohl nicht noch einmal hinter die Schreibmaschine (modernere Hilfsmittel verweigert er). Er war schließlich schon eine Größe, als Hans Dichand ihn 1965 zur "Krone“ holte, weshalb man ihm eine Gewinnbeteiligung von 1,43 Prozent der Besitzanteile zugestand. In manchen Jahren verdiente Nimmerrichter allein damit sechs Millionen Schilling pro Jahr. Er kaufte sich Wohnungen in Gastein und Pörtschach und ein Haus bei Lilienfeld. Frauen umschwärmten den sportlichen Feschak, er heiratete mehrmals und ließ sich ebenso oft scheiden. Kinder gab es nie. Die "Krone“ bezahlt ihm bis heute eine üppige Pension, er wohnt gratis in einer Wohnung im noblen Wien-Neustift, die ebenfalls der "Kronen Zeitung“ gehört.

Sein Geld legte Nimmerrichter in Kunst an, ausschließlich Stilrichtung Biedermeier. Gauermann, Waldmüller, Rudolf von Alt - er hat alles.

Zuletzt hatte er begonnen, die Dinge zu ordnen: Die Wohnung in Gastein ist verkauft, das Haus bei Lilienfeld hat er einem Neffen geschenkt. Das Tennisspielen gab er mit 87 auf, weil es ihn in der Schulter zwickt. Die Wohnung in Pörtschach hat er behalten, dort verbringt er den Sommer. Er lebt eher zurückgezogen.

Früher waren stets Jörg Haider und Peter Westenthaler zu seinen Geburtstagsfesten gekommen. Jetzt ist Erwin Pröll der einzige Politiker, zu dem er Kontakt hält. Jedes Jahr nimmt er an dessen Donaufahrt zur Sommersonnenwende teil. 15 seiner Gemälde hat Nimmerrichter noch zu Lebzeiten der Niederösterreichischen Landesgalerie in Sankt Pölten vermacht.

Heinz-Christian Strache kenne er nicht, sagt er: "Ich hab ihn nur im Fernsehen gesehen, ich weiß nicht, was von ihm zu halten ist.“ Das klingt nicht so ablehnend. Noch 2006 hatte Nimmerrichter in einem profil-Interview befunden: "Strache ist ein reiner Demagoge, ein schlechter Aufguss vom seinerzeitigen Haider.“

Wahrheit - Tochter der Zeit.

Das Gerücht, dass auch Hans Dichand bald wieder in der "Krone“ schreibt, ist übrigens linkslinke Sudelpropaganda.