Star am Boulevard: Österreichs Museums-chefs sind mediengewandte Kunstmanager

Aus ehemals beschaulichen Orten der Kontemplation wurden Tummelplätze für die Seitenblicke-Gesellschaft: Museumsdirektoren posieren mit Hollywood-Stars, geben Partys, entzünden Skandale, braten Maroni und stellen ihre Haustiere der Öffentlichkeit vor. Im gnadenlosen Kampf um Besucher und Sponsorengelder erobern Österreichs Museumschefs den Boulevard.

In der wärmeren Jahreszeit bevorzugt er Anzüge aus den späten vierziger Jahren, während er ab Oktober lieber historischen Zwirn aus den frühen Sechzigern trägt, schmal geschnitten im Stil des jungen Sean Connery. Die Schneider seines Vertrauens sind Leslie Roeder in New York und Dragan Princip in Novi Sad. Auch seine Körperpflege unterliegt strengen Prinzipien: „Kernseife und nochmals Kernseife ist meine Lieblingskosmetik!“, erklärte Gerald Matt 2004 emphatisch in „News“.

Auch über Klaus Albrecht Schröder sind die Society-Reporter bestens informiert. Er schätzt Anzüge von Giorgio Armani, Ermenegildo Zegna und Nino Cerutti, trinkt gerne ein Gläschen Amarone di Valpolicella (Jahrgang 1997), und auf seiner persönlichen Speisen-Hitliste ganz oben stehen Crème brûlée sowie Escargots. Sein Lieblingsduft: „Romance“ von Ralph Lauren.

Der Kanarienvogel von Agnes Husslein heißt Florian, der Hund von Ingried Brugger Jules. Ferner ist bekannt: Max Hollein träumt noch nicht von einem Haus im Grünen.

Zwar leitet Gerald Matt seit 1995 die Wiener Kunsthalle, ist Klaus Albrecht Schröder Direktor der ehrwürdigen Albertina, wurde Agnes Husslein soeben zur neuen Chefin der Österreichischen Galerie Belvedere desginiert (siehe Kasten Seite 135), ist Ingried Brugger Chefin des Kunstforum und Max Hollein Direktor sowohl der Frankfurter Schirn Halle als auch des dortigen Städel. Doch ein Museum zu leiten bedeutet keineswegs nur, die Öffentlichkeit in Interviews mit kunstsinnigen Expertisen zu erfreuen. Auch über Kleidungsgewohnheiten lässt sich hingebungsvoll parlieren.

„Ein Museumsdirektor ist nicht mehr oder weniger interessant für Society-Reporter als ein Koch, ein Szene-Friseur oder ein Schauspieler“, erklärt Gesellschafts-Kolumnistin Karin Schnegdar von der „Kronen Zeitung“. „Wichtig ist die Bereitschaft, Fragen zu beantworten, die nichts mit dem eigentlichen Museumsberuf zu tun haben. Es geht um knackige, flotte Sprüche.“ Wilfried Seipel, der Direktor des Kunsthistorischen Museums, sei da „eher mürrisch“. Aber auch der mächtigste Museumsboss Österreichs ließ sich schon im Tiroler Seefeld in einer Wellness-Liege ablichten: „Das sind die Bilder, die man braucht“, sagt Schnegdar.

Immer häufiger führen Österreichs Museumsdirektoren in bunt bebilderten „Homestorys“ durch ihre privaten Ge-mächer, lachen den potenziellen Besuchern ihrer Goya- und Klimt-Schauen aus den ORF-„Seitenblicken“ entgegen und geben in allen möglichen – keineswegs nur kunstsinnigen – Zeitschriften Auskunft über ihr ganz persönliches Glück. „Weihnachten ist für uns ein einmaliges Fest, gerade heuer“, flötete Schröder etwa nach der Geburt seines Sohnes Konstantin: „Unser Sprössling wird dieses Jahr zum ersten Mal vom Christkind besucht und beschenkt.“

Seitenblicke. Im gnadenlosen Kampf um Besucher und Sponsorengelder sind Österreichs Museumschefs dabei, den Boulevard zu erobern. Wer pro Ausstellung mindestens 100.000 Besucher in seine Institution locken muss, um positiv bilanzieren zu können, „kann es sich nicht leisten, auf wichtige Marketinginstrumente wie die ‚Seitenblicke‘ zu verzichten“, urteilt Seipel nüchtern. Gerald Matt brät medienwirksam Maroni, Agnes Husslein bäckt im Salzburgischen Weihnachtskekse, und Klaus Albrecht Schröder eilte vergangenen Februar Brad Pitt und Angela Jolie mit seiner Visitkarte in der Hand entgegen, als das schillernde Hollywood-Pärchen unangemeldet die Schiele-Ausstellung seiner Albertina besuchte. Die Stippvisite bescherte dem Haus europaweite Medienpräsenz.

„Natürlich kann man der Hohepriester der Kunst im Elfenbeinturm sein und dort nur für eine Schar von Eingeweihten arbeiten“, sagt Kunsthallen-Direktor Matt. „Wenn man aber glaubt, dass Kunst für alle da ist, muss man sich fragen, wie man schwierige Inhalte vermitteln kann. Wenn ein Direktor seine Persönlichkeit einbringt, um Interesse für die Kunst zu wecken, dann finde ich das gut.“

Matt bringt seine Persönlichkeit besonders freizügig ein. Ein Jahr lang verlas der „Dandy“ (Matt über Matt) jeden Morgen auf dem Wiener Lokalsender puls-TV recht persönliche Ansichten zum Tag. „Gestern mit Jeannine Schiller darüber diskutiert, ob man Beethovens Musik als Klang-Rede begreifen könne“, hob er da zu hochtrabendem Unsinn an. „Wir versuchten rhetorische Formeln wie Dubitatio, Katachrese und Interrogation in den Tönen des zweiten Satzes der Hammerklaviersonate wiederzufinden. Bis Jeannine seufzend abbrach (Suspiratio) und sagte, sie müsse unbedingt noch vor Ladenschluss diese entzückenden Prada-Patschln kaufen.“

Penibel pflegt Matt seine Lust an der Selbstdarstellung und macht daraus kein Geheimnis. Bei der Eröffnung der Ausstellung „Skulptur, Skulptur“ im Oktober 2004 küsste er leidenschaftlich den Künstler Erwin Wurm, „zumal der Kuss in der Wiener Tradition von Gustav Klimt“ stehe. Als eingefleischter Melancholiker wiederum besucht er jeden Herbst einen berühmten Friedhof und vergewissert sich seit Jahren seiner Existenz, indem er sich selber („Lieber Gerald!“) Ansichtskarten zuschickt – freilich nicht, ohne die Medien geflissentlich darüber zu informieren.

„Es geht um die Bereitschaft der Direktoren, sich selbst zu inszenieren“, taxiert Schnegdar von der „Krone“ den Society-Wert eines Museumsdirektors. Nicht alle Ausstellungsmacher beurteilen diese Entwicklung positiv: „Das Bild des Museumsdirektors als jemand, der inhaltlich arbeitet, sehe ich gefährdet“, sorgt sich Stella Rollig vom Linzer Lentos-Museum. Das deutsche Wochenblatt „Die Zeit“ unkte: „Der Direktor droht vollends zum Unterhaltungskünstler und Werbeonkel zu werden.“

Starprinzip. Tatsächlich rückt anstelle der Leistung des Instituts zusehends dessen Impresario in den Blick der Öffentlichkeit. Zu Schröders 50. Geburtstag schickte der oberösterreichische Landeshauptmann Josef Pühringer eine Blasmusikkapelle, zum Sechziger von Wilfried Seipel lud Ministerin Elisabeth Gehrer zu einem Cocktail-Empfang, zur Feierstunde für Peter Noever, den Direktor des Museums für angewandte Kunst, brachte sie gar 600 getrocknete Rosenköpfe mit: zehn Rosen für jedes Lebensjahr des Jubilars. Am Boden des Hauses waren frische, nicht mehr bloß getrocknete Rosenblüten zu den riesigen Initialen P und N drapiert – der Kunstmanager als Star.

„Der Direktor ist eine immer stärker in der Öffentlichkeit bekannte Person – ein für mich nicht unbedingt immer wünschenswerter Nebeneffekt“, meint Wilfried Seipel, der sich dennoch als Namenspatron auf der Speisekarte des Wiener Edel-Italieners Grotta Azzurra wiederfindet: „Gamberoni a piacere: alla Prof. Seipel“ werden nach Wunsch mit Curry, gegrillt, gebraten, mit Tomaten und Knoblauch oder in Whiskysauce serviert. „Er ist der einzige Promi, nach dem bei uns eine Speise benannt ist“, sagt Wirt Uwe Kohl.

Natürlich gehört ein gerüttelt Maß an Eitelkeit dazu, für Fotografen zu posieren und sich im Dienst der „Seitenblicke“ am Parkett der allabendlichen Buchpräsentationen, Filmpremieren, Vernissagen, Geburtstagsfeiern, Charity-Events und Gala-Diners als Salonlöwe zu versuchen. „Ich brauche die Öffentlichkeit, aber nicht den Boulevard“, mäkelt Edelbert Köb vom Museum Moderner Kunst und bleibt gesellschaftlichen Veranstaltungen entschieden fern. „Wie man damit umgeht, ist eine Frage der Persönlichkeitsstruktur.“

Doch kaum ein Museumsdirektor teilt Köbs konservative Diagnose. Der Nutzen branchenfremder Präsenz gilt den neuen Stars der Adabei-Spalten als ausgemacht: „Den Zusammenhang zwischen Society-Berichterstattung und Besucherzahlen gibt es, und ich sehe ihn mit Schrecken“, urteilt Stella Rollig vom Linzer Lentos-Museum. Fußballer, Friseure und Fashion-Victims stellen das neue Personal der Vernissagen: Die ehemaligen Paradebezirke der Hochkultur sind konsequent demokratisiert worden. „Es ist gelungen, die Museen in die Gesellschaft zu tragen“, urteilt Seipel.

Adabei. Niemand agiert dabei geschickter als Agnes Husslein-Arco, die designierte Direktorin der Österreichischen Galerie Belvedere. Seit jeher repräsentiert die gebürtige Gräfin zuvorderst Österreichs High Society und erst in zweiter Linie jene Institution, die sie als Direktorin gerade führt. Auf Einladung der kunstsinnigen Gräfin Manny Seyn-Wittgenstein speiste sie 2004 mit Prinz Charles, bat die Königlichen Hoheiten von Belgien in ihr Salzburger Museum der Moderne und präsentiert in Zeitschriften neue Luxusroben für den Wiener Jägerball.

Die Museen profitieren von Hussleins Beziehungen zur höheren Gesellschaft. Millionär Donald Kahn stand dem Museum der Moderne während Hussleins Amtszeit (2000 bis 2005) finanzkräftig zur Seite, der Anwalt Herbert Batliner und auch Francesca Habsburg stellten Dauerleihgaben ihrer imposanten Privatsammlungen freundlich zur Verfügung. Mit dem Abgang von Husslein freilich versiegte die bis dahin munter sprudelnde Sponsorenquelle: Die Zuwendungen durch private Geldgeber gingen seither um 70 Prozent zurück. „Sponsoren sind manchmal offensichtlich nicht an den Inhalten, sondern an den Personen interessiert“, konstatiert Matthias Herrmann von der Secession.

Seit der Finanzminister die Subventionen für die Bundesmuseen eingefroren hat und nicht einmal mehr um die Inflationsrate erhöht, sind die Ausstellungsmacher zunehmend auf Drittmittel angewiesen. „Es ist beim Knüpfen von Kontakten hilfreich, wenn man den Direktor bereits aus den Medien kennt“, gesteht Johanna Rachinger, die Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek. Auch Wilfried Seipel pocht auf den Mehrwert seiner medialen Omnipräsenz: „Das ist eine Art öffentliches Networking.“

Nur noch entfernt erinnert das Jobprofil eines Museumsdirektors modernen Zuschnitts an das Gebaren jener liebenswürdigen älteren Herren, die in repräsentativen Chefetagen residierten und mit krakeliger Schrift an Katalogtexten feilten. Smarte Management-Profis von heute steuern ihre Häuser stattdessen in die Kampfzone der Gewinnoptimierung. „Die Anforderungen sind unvergleichlich“, sagt Klaus Albrecht Schröder von der Albertina. „Ein Museum ist heute in vieler Hinsicht – vom Personalmanagement bis zum Rechnungswesen – ein Unternehmen wie jedes andere auch.“ Dementsprechend glanzvoll gestiegen sind die Gehälter der Kunstmanager: Wilfried Seipel verdient 230.000 Euro Jahresgehalt.

Muss ein Museumsdirektor über eine gehörige Portion Machtbewusstsein, Führungsstärke, Eitelkeit und Entscheidungsfreude verfügen? „Ja, ganz sicher“, antwortet Johanna Rachinger: „Es gehört ein ganz bestimmtes psychologisches Profil dazu, um diese Arbeit machen zu können. Im Unterschied zu früher sind Direktorenverträge zeitlich begrenzt. Man muss zeigen, was man kann.“

Erfolg. Und so sprang Wilfried Seipel während einer Pressekonferenz im vergangenen Jänner stolz an die Seite von Elisabeth Gehrer und griff nach der wiedergefundenen Saliera. „Kurz konnte man glauben, sie würden das Ding vor laufender Kamera fallen lassen“, wie der „Standard“ tags darauf feixte. Gerald Matt wiederum schreckte nicht davor zurück, seine Besucherzahlen jahrelang gehörig zu frisieren, um den Erfolgskriterien Genüge zu leisten. Und Agnes Husslein posierte 2003 lächelnd vor der Salzburger Skandalfigur „Arc de Triomphe“, dem nach hinten gebogenen Plastilinmann, der sich zum Ärger der Lokalpolitiker selbst in den Mund pinkelte. Zur Steigerung des persönlichen Bekanntheitsgrades macht sich ein kleiner Skandal noch immer prima.

Der Direktor ist das Prinzip, lässt sich die Maxime der schönen neuen Museumswelten auf eine griffige Formel bringen. Gerald Matt wird von „News“ ganz selbstverständlich als „Mr. Kunsthalle“ tituliert, Schröder griff massiv in den Umbau der Albertina ein und drückte dem Haus nicht nur architektonisch seinen Stempel auf. „Das gesamte Programmkonzept, die Identität eines Hauses wird von seinem Direktor definiert“, betont der Medienprofi. „Die Sammlung allein gibt noch keine ausreichende Identität. Sie muss immer neu und relevant interpretiert werden.“

„Wenn über meine Leidenschaften und Obsessionen ein gewisser Bekanntheitsgrad entsteht, dann stört es mich nicht“, sagt Matt. Der bekennende Narziss programmierte die Ausstellung „Superstars“, eröffnet diese Woche eine Schau zum Thema Don Juan und leuchtete vor Jahren in der Kunsthalle den Mythos des Heiligen Sebastian aus. Seit vielen Jahren nämlich bricht Matt am 20. Jänner, dem Namenstag Sebastians, zur Wallfahrt nach Neapel auf, um in amalfitanischen Villen den von Pfeilen durchbohrten Märtyrer zu ehren. 1993 ließ sich Matt vom Künstler Paul A. Leitner gar in Sebastian-Posen fotografieren. Der Direktor ist nicht mehr bloß ein Teil der Inszenierung. Er wird zum Schaustück selbst.

Von Peter Schneeberger
Mitarbeit: Nina Schedlmayer