Starmania: Helden wie wir

Michael Tschuggnall wirkt ein wenig so, als wolle er, guten Tag, sein Leben zurück. Sein altes Leben.

Jenes Leben, in dem er noch eine Freundin hatte, mit der er ins Schwimmbad gehen konnte, und es passierte nichts. Kein Geschrei, kein Getuschel, keine Autogrammwünsche. Er hat Freunde getroffen, ist geschwommen, hat sich ein bisschen Bräune geholt und vielleicht ein Eis gekauft, was ganz normale Menschen halt im Bad so tun. Jetzt ist er kein normaler Mensch mehr, die Freundin ist weg, dafür hat er einen Hit und einen Plattenvertrag. In der Auftaktshow zu „Starmania – The New Generation“ trägt er ein T-Shirt mit der Aufschrift „The Great Rock ’n’ Roll-Swindle“, vermutlich mit einer gewissen Absicht.
Tschuggnall, der Sieger der ersten „Starmania“-Staffel, ist jetzt ein Star. Allerdings ist er ein Star von ORF-Gnaden, ein Vertragsstar sozusagen, was bedeutet, dass er nicht nur an eine Plattenfirma, sondern auch an den ORF gebunden ist durch einen Vertrag, den er unterschrieben hat, als er noch kein Star war und nur eine minimale Ahnung hatte, was das bedeutet. Jetzt weiß er es, und es bedeutet, dass er unter anderem beim ORF Stardienst abzuleisten hat und sich Sachen gefallen lassen muss, zu denen andere, freie Stars sagen würden, dass man sie bitte schön mal kann. Während Tschuggnall im „Rock ’n’ Roll-Swindle“-Shirt nur gequält lächeln darf, während die schreckliche Arabella Kiesbauer ihm aufdringliche Fragen über sein Privatleben stellt. Und Tschuggnall gibt brav Auskunft über den aktuellen Stand seiner Beziehung, wo andere Stars sagen würden: „Das geht Sie eigentlich überhaupt nichts an.“ Oder: „Guten Tag, guten Tag, ich will mein Leben zurück“, wie es die reizende, wenngleich sichtlich ungecastete Berliner Band „Wir sind Helden“ in ihrem Hit „Reklamation“ formuliert. Es hat also wieder angefangen. „Starmania“ ist in seiner nächsten Generation angekommen, neue Stars werden gebastelt. Diese nächste Generation, 40 bislang wahrscheinlich einigermaßen normale junge Frauen und Männer, haben viel auf sich genommen, damit sie auserwählt werden für das ORF-Umerziehungslager, wo man aus langweiligen Durchschnittskreaturen disziplinierte Formationstänzer und Leih-Hitinterpreten formt, wo man sie zu tadellos funktionierenden Starpersönlichkeiten dressiert, die nie ihre Autogrammkarten vergessen und die man bedenkenlos auf Bezirkskirtagen, Verkehrsbetriebsjubiläen und in Discos auftreten lassen kann.

Ex-Universal-Chef Bogdan Roscic, der in der ersten Staffel den Oberjuror gab und dessen Kollaboration mit „Starmania“ bis heute unerklärlich bleibt, weil er es nämlich viel besser weiß, hat den ersten Gewinner Tschnuggnall wiederholt einen „Rockgott“ genannt. Interessanterweise hatte dieser Rockgott vor allem einen Traum, nämlich mit seiner Freundin in ein Reihenhaus in Tirol zu ziehen. Offensichtlich sind Rockgötter heute nicht mehr das, was sie mal waren. Denn in den Biografien jener Rockgötter, die von den Fans einer Generation vor dem glorreichen Zeitalter von „Starmania“ adoriert wurden, kamen Reihenhäuser auf keinen Fall als Zielgebiet vor. Reihenhäuser dienten allenfalls als Ausgangspunkt für jene Rebellion, die sie genau da raus, weit weg, in eine große, schmutzige, gefährliche Stadt, in eine Band, in einen Proberaum, in dunkle Clubs führen sollte und in eine Welt voller Drogen, Alkohol und Sex. Für die Anerkennung als Rockgott musste man früher den Mut aufbringen, sich sozusagen stellvertretend für die Fans schlecht zu benehmen und ein gefährliches Leben zu führen, weil die Fans selbst dafür zu feige waren.
Heutzutage wird eine derartige Differenz zwischen Rockgott und Fan nicht mehr verlangt; alle dürfen gleich brav, feige und vom selben Willen zum Mittelmaß beseelt sein. Glücklicherweise gibt es ein paar Ausnahmen: Bands wie The Strokes, The Libertines, The Yeah Yeah Yeahs, die Liars, The Datsuns, die fragwürdige Manieren haben, gerne im Dreck wühlen, ihr Leben auf manchmal riskante Weise übertreiben und Dinge tun, die Durchschnittsmenschen nicht tun und nicht tun dürfen.

Und möglicherweise hängen die properen, sicheren, garantiert persönlichkeitsfreien Starsearch-Formate und die Rückkehr des guten, alten dreckigen Sex-and-Drugs-and-Rock-’n’-Roll ja unmittelbar zusammen. Vielleicht gibt es nicht nur in der Natur, sondern auch im Musikbusiness eine Art natürliches Gleichgewicht. Denn in einer Welt, in der Leute wie die Musical-Managerin Marika Lichter Moralparolen ausgeben dürfen (welche sich in der Formel „Disziplin, Disziplin, Pappn halten, pariern und Disziplin, du dummes, kleines Arschloch“ zusammenfassen lassen), muss es naturgemäß einen Ausgleich, eine Balance geben, also ein paar Leute, die es als ihre Aufgabe erachten, endlich wieder mal ein paar Fernseher aus Hotelzimmern zu werfen, zugedröhnt von der Bühne zu fallen und, wenn es die Situation erfordert, auf Marika Lichters Couchtisch zu pinkeln.
Wie heißt es im neuen „Starmania“-Song so schön: „Die Jungen und Wilden sind aufgewacht.“ Das stimmt hoffentlich, aber vermutlich möchten Marika Lichter und die ganze polierte „Starmania“-Partie nicht in der Nähe sein, wenn die Jungen und Wilden von den Matratzen rollen und ein Tagwerk beginnen, in dem Tanzchoreografien und Vocalcoaches eher untergeordnete Rollen spielen.
Die Teilnehmer von „Starmania“ sitzen dem Missverständnis auf, dass als Belohnung für freiwillige Unterwerfung eine große Freiheit winke; ein besseres, spannenderes Leben.
Michael Tschuggnall scheint dieser Irrtum gerade aufzugehen, ein paar andere werden es auch gleich lernen.
Oh ja, natürlich ist Robbie Williams ein viel zitiertes Gegenbeispiel. Aber wie viele Robbies gibt es pro Dekade?
Und glaubt irgendjemand ernsthaft daran, dass der nächste Robbie aus einem „Starmania“-Casting hervorgehen wird? Wahrscheinlich ist eher, dass, wer sich einmal freiwillig dressieren und disziplinieren hat lassen, sich Derartiges vermutlich sein Leben lang gefallen lassen wird. Wer sich einmal so weit erniedrigt hat, dass er sich von Leuten der Kategorie Marika Lichter, Markus Spiegel und Arabella Kiesbauer aus freien Stücken herumkommandieren und den Lebensstil vorschreiben lässt, wird sich vermutlich nie besonders hoch übers Mittelmaß erheben. Aber das Mittelmaß ist heute eben auch im Stargeschäft das Maß der meisten Dinge.

Das kommt nun dem religiösen Aspekt von „Starmania“ sehr gelegen. Denn wie jede Religion funktioniert „Starmania“ nur deshalb, weil Menschen an DIE Botschaft glauben, wobei die Botschaft in diesem Fall aus der Zahl jener Menschen besteht, die bereit sind, für ihren Glauben einzustehen – also das TV-Gerät auf den richtigen Sender einzustellen und Teil einer Quote zu werden, welche den Fortbestand der Religion rechtfertigt. Weil das aber als Botschaft nur wenig identifikationstauglich ist, muss eine Sinn gebende Botschaftsoberfläche mit tüchtig Erleuchtungs- und Erlösungspotenzial vorgeschoben werden, und die Botschaft lautet: „Jeder Trottel kann ein Star werden, selbst du!“
Im Unterschied zu den Big-Brother-Formaten gaukeln die Starsearch-Sendungen vor, man müsse dafür etwas können, nämlich singen, aber wie sich in der ersten „Starmania“-Staffel gezeigt hat, ist auch das nicht unbedingt notwendig; tatsächlich reicht es manchmal schon, den eigenen Namen zu vergessen, und schon sind Jury und Publikum bereit, den Begriff „singen können“ neu zu definieren. Man braucht nicht gut zu sein, nur willig. Auch dazu haben „Wir sind Helden“ einen Song geschrieben: „Wir können alles schaffen, genau wie die tollen, dressierten Affen, wir müssen nur wollen, wir müssen nur wollen.“
Wir müssen nur wollen. Diese Niederschwelligkeit ist ein praktischer Unterschied zu den meisten anderen Religionen und eine gute Grundlage für den Erfolg. Denn da glauben viele gerne mit, das ist einfach, das kann jeder, kosten tut es nichts und passieren kann auch nichts. Da ist „Starmania“ sowieso doppelt sicher, da sich ein plötzlicher, eventuell schmerzhafter Erkenntnisgewinn während des Gottesdienstes mit hoher Sicherheit ausschließen lässt. Da passt Arabella Kiesbauer schon auf, dass nie jemand ausschert aus dieser kollektivierenden Niveaulosigkeit, die keinen ausschließt, außer jene, die sowieso nicht daran glauben wollen. Denen tut es dann halt auch ein bisschen weh, für die ist das dann quasi eine Art Mini-Hölle in ihrer diesseitigen Vorform, aber die haben das dann ja auch verdient.
Michael Tschuggnall sah in der Auftaktsendung von „Starmania – Die neue Generation“ so aus, als sei ihm mittlerweile aufgefallen, dass sein Starstatus vom Glauben der ORF-Verantwortlichen und des Publikums abhängt.
Und er sah ein wenig so aus, als habe sein eigener Glaube daran unter der Star-Realität stark gelitten. „Guten Tag, ich gebe zu, ich war am Anfang entzückt, aber euer Leben zwickt und drückt nur dann nicht, wenn man sich bückt.“ So geht der Song der Berliner „Helden“ weiter. Und „Starmania“ geht auch weiter, weil sich immer genug finden, die sich gerne bücken, guten Tag.