Startklar?

„Es fällt mir bei der Lektüre etlicher Artikel schwer, ernst zu bleiben. Selten wurde derart blühender Unsinn geschrieben.“ Aus einem Gastkommentar des Parteichefs für „Die Presse“

Armer! Jetzt wird er vielleicht nicht mehr lachen. „Kann er politisch überleben?“, fragte die „Kronen Zeitung“ am vergangenen Freitag in einer Überschrift. Das kommt einer Aufforderung zum Rücktritt gleich.

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hält ihn für einen „redseligen Windikus“, für einen, der vor allem als „Fachmann für Karriereplanung“ gelte. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ macht sich über seine Berufserfahrung lustig, ebenso die „Süddeutsche Zeitung“.

Es gibt wohl keinen anderen, der über so lange Zeit so schlechte Presse hatte – und nach wie vor hat. Mehr noch: eine Mischung aus Hohn und Spott. Der Eindruck, dass er die falsche Besetzung in einem wichtigen Amt ist, hat sich unter den Meinungsbildnern bereits etwa so verfestigt wie die Erkenntnis, dass private Betriebe besser wirtschaften als staatseigene Unternehmen.

Für ihn ist dieses festgefügte Bild mitterweile zu einer ernsthaften Hypothek geworden. Wann immer er mit einem neuen Vorschlag an die Öffentlichkeit geht, darf er sicher sein, ein paar Tage später Kommentare zu lesen, die im besten Falle als milde mitleidig zu charakterisieren sind. Das ist nicht nett, aber charakteristisch für die Art und Weise, wie er normalerweise abgehandelt wird. Zwangsläufig stellt sich hier die Frage: Wird er von einer düsteren medialen Verschwörung gehetzt – oder ist er tatsächlich jenes Leichtgewicht, als das er immer wieder und jetzt besonders dargestellt wird?

Die Kritik nimmt zu, sein Ende naht. Seine Ablöse ist in der Parteispitze abgesprochen, der Zeitpunkt noch offen. Er dementiert: „Da ist überhaupt nichts dran. Man sollte sich mit Spekulationen über meinen Abgang noch gedulden.“

Keine Erfolgsstory. So gut wie gescheitert.
Ein Selbstfaller, dass die Partei keinen Macher in die Schlüsselposition gesetzt hat, Eigentore. Wie viele Jahre ins Land gezogen sind, seit er sich auf seinen Sessel gehockt hat, kann niemand ohne längeres Grübeln beantworten. Denn die Amtszeit des Mannes war von besonderer Langeweile geprägt. Abgesehen von – vielleicht – professionellem Agieren am internationalen Parkett, geben keinerlei positive Ereignisse Anhaltspunkte für die Dauer seines Verweilens. Er tritt mit den gleichen Worthülsen an die Öffentlichkeit; jährlich wird ein neuer Stehsatz hinzugefügt.

Sein Hauptproblem war immer, seine Gescheitheit in seinem Äußeren zu verbergen. Ein sehr intelligenter, gebildeter Mann: Wenn man ihn interpretieren soll, sagt eine enge Vertrauensperson, dann wolle er „was Gescheites machen“ mit einem echten Reformprogramm.

Ein wichtiger Grund für sein Scheitern: Es kommt oft zu Schlampereien, mangelhaft vorbereiteten Arbeitsunterlagen oder voreilig angekündeten Maßnahmen, die dann nicht greifen. Brigitte Ederer: „Ein Mann großer Ideen. Die Mühen der Ebene aber sind seine Sache nicht.“

Organisation alleine genügt nicht, wenn keiner da ist, der mitmachen will. Der hausinterne Koordinierungsaufwand ist hoch. Er hätte seine fehlende Erfahrung durch die kluge Auswahl eines entsprechenden Experten (oder einer Expertin) ausgleichen können, konkret durch die Besetzung mit einem schlauen Manager. Wieder einmal wird vorgeführt, dass er zu eitel ist, Fehler einzusehen.

Warum die Aufregung? Er wird nicht nur zu einem Problem für sich selbst und für seine Partei – was uns herzlich gleichgültig sein kann –, sondern auch für jenes Gedankengut, für das zu stehen er behauptet. Peter Rabl über „die unklare und riskante Strategie des Obmannes“: „Langsam kommen Zweifel auf, ob dahinter mehr steckt als ebenso kurzfristige wie kurzsichtige Taktik. Das Kanzleramt ist sicher eigentliches Ziel.“

Selbst Walter Nettig, sonst voller Lob, findet kritische Worte: „Er ist zwar am Höhepunkt seiner Karriere, aber er hat die Anforderungen unterschätzt.“ So groß die Erwartungen waren, die man vor Jahren in den Knaben gesetzt hat, so groß ist heute die Enttäuschung über ihn. Madeleine Petrovic: „Er steht symptomatisch für die Krise der Partei.“

Bei jedem politischen Schritt, den er tut, sitzen ihm die angeblich Schutzbedürftigen im Nacken. Er wird von seiner eigenen Partei desavouiert. Im Grunde ist er an seiner Mannschaft gescheitert.

Anmerkung: Der Text dieses Kommentars besteht ausschließlich aus Zitaten. Sie alle stammen von Kommentaren oder Artikeln über Wolfgang Schüssel. Die Zitate sind unverändert und nicht aus dem Zusammenhang gerissen. Die – rund 30 – Text-Passagen wurden von Hubertus Czernin, Sandra Fahmy, Rainer Himmelfreundpointner, Christian S. Ortner, Walter Ostovics, Peter Rabl, Christian Rainer, Hans Rauscher und Andreas Weber in verschiedenen Medien zwischen Jänner 1987 und Dezember 1999 geschrieben. Das Zitat zu Beginn ist von Wolfgang Schüssel selbst.