Statt Planung

„Alternative Strafen statt Häfen“ ist ein guter Ansatz. Auch für höllische Ideen.

Die Fachvokabel heißt „Diversion“: Wenn jemand was anstellt, soll er nicht durch – pädagogisch meistens wertlosen – Freiheitsentzug bestraft werden, sondern mittels einer individuell auf ihn zugeschnittenen Wiedergutmachung an der Gemeinschaft. So müssen, berichtete der „Kurier“, derzeit 65 junge Neonazis an der Uni Linz ein Seminar für Zeitgeschichte, inklusive eines Besuchs in einem ehemaligen KZ, belegen; das Projekt läuft seit 2001, und noch keine dazu zwangsverpflichtete Person ist rückfällig geworden. Richter in allen Bundesländern, denen es nicht leid um ihre Nachdenkzeit ist, sind befugt, anlässlich minderschwerer Delikte anstatt des hurtig verhängten Häfens alternative Strafen zu verordnen, die den gestrauchelten Menschen (nebst eines möglichen Schadensausgleichs) die Situation ihrer oder ihres Opfer(s) einsichtig machen.

Der sinnvolle Gedanke hat, höhersphärisch fortgesponnen, nur einen Haken: Die Übeltäter müssen rechtskräftig verurteilt werden … können.

Wer aber und vor allem womit öffnet jenen nachhaltig die Augen, die Entwicklungen veranlassen, die unsere ungläubig starrblickend machen? Wer fällt ein Urteil über kauderwelsche Kavaliersdelikte, die „Pensionssicherung“, „TV-Unterhaltung“, „Frauengleichberechtigung“, „Minderheitenschutz“, „Entbürokratisierung“, „Wettbewerbslauterkeit“, „Privilegienabbau“ oder gar „Stadtplanung“ genannt werden? Wer vermag die Erfinder dieser ausgeworfenen Worthülsen der uns niederpalavernden Waffe zur Rechenschaft zu ziehen?

Nehmen wir einmal den letztgenannten Euphemismus her; die Hauptstadt eines Landes muss es sich gefallen lassen, als womöglich Schule machendes Beispiel betrachtet zu werden.

„Wien ist anders“, und wahrhaftig entsteht es vielfach nicht infolge einer Stadtplanung, sondern infolge einer Werdung statt Planung. Die Werdung gliedert sich zum einen in eine Gewohnheitswerdung dank eines nicht immer wertvollen, beharrlich historisierenden Denkmal- und eines städtebaulich biedermeierlichen Ensemble-Schutzes; zum andern in eine oft parvenuhafte Partial-Motorik, von der aus Achtung vor der Sozialdemokratie per se nicht behauptet werden soll, sie lasse sich am treffendsten mit „Wo rote Kräfte sinnlos walten“ umreißen.

Nun ist Michael Häupl gewiss nicht direkt verantwortlich für alle gerissenen Brezzn, aber er ist Wiens Stadtvater, und das ist gut so, denn er ist ein jederzeit hervorragend praktizierender Demokrat. Setzen wir ihn als „alternativen Ausgleich“ darum also nicht auf den Sündenbock eines Fiakers (damit er alle paar Stunden seinen Pferden die Windeln wechseln muss und die Lackerln aufwischen, die olfaktorisch auch kein Hund sind), sondern, wie es sich für den Bürgermeister einer „radfreundlichen Stadt“ gehört, auf ein robustes Radl, damit er per Velozipedes genießen kann, was seine Rathäusler ausgeheckt haben (damit verinnerlicht er auch den Slogan: „Wien nimmt ab“).

Wenn er durch die gnadenlos zubetonierten Bezirke fünf, sieben, acht, fünfzehn fährt oder durch die himmelhoch häuserschluchtige Wienerberg City, die offensichtliche Schwarzenbergplatz-Angst der Entwerfer sieht, das sorgfältig umfassende Park-and-Ride-Defizit einer „Metropole“, mag ihn reuen, dass er einmal wohl zu einem Mann, der an Lego-rhoe leidet, leichtfertig gesagt hat: „Die Stadt gehört dir!“
Leicht fertig machen wird ihn auch die nun schon tägliche U-Bahn-Doku-Soap „Fakes and the City“; die in Kauf-Ketten gelegte Innere Stadt; das ausgefuchste Park-Pickerl-System, das Anrainern verwehrt, an der gegenüberliegenden Straßenseite zu parken, wenn dort der Nachbarbezirk beginnt; die architektonische Vergreisung Cis-Danubias, denn die moderne Skyline erhebt sich nur nördlich der Donau; das permanente Überschreiten jeglicher Bauzeit für öffentliche Projekte; die weder von der Wiener Rettung noch der Polizei und den Taxlern durchschaubaren, willkürlichen Einbahnregelungen und vor allem der halbherzig beatmete Gürtel.

Im Prater blühen wieder die Albträume: während das famose Konzept Bernhard Pauls, dessen stilsicherer „Roncalli“ zum Kult-Zirkus wurde, seit zwölf Jahren im Rathaus vermodert, soll ein Masterplan realisiert werden, dessen bisher bekannte Highlights eine kurze Seilbahn über und gut 2000 neue Parkplätze neben dem Wurstelprater sind, und bei dem kein Schausteller weiß, ob ihm nicht gekündigt wird.
Anstatt das „Ronacher“ wieder zu einer Show-Stätte zu machen – alle europäischen Großstädte haben florierende Varietés –, will sich Wien, mitten im internationalen Musical-Breakdown, eine weitere Musikbühne leisten. Der Streich, die Mariahilfer Straße in eine „Geschäftsstraße“ umzuwidmen (und damit Großmärkte ins Stadtzentrum zu holen), scheint in Klein-Schilda noch einmal vereitelt worden zu sein. Palais Schönburg, Sofiensäle, Arsenal liegen therapiefrei scheintot da. Den „Praterstern neu“ wagen sich nur Nekrophile auszumalen. Wer nach der Zukunft des Wientals fragt, wird ausgebürgert.
Wien bleibt – wie?