Stell dir vor, es ist EURO …

Verlassene Fanzonen, fluchende Gastronomen, flüchtende Einheimische: Vom angekündigten Fußballfest ist in den Host Cities nicht viel zu bemerken. Nur wenn Österreich spielt, feiert das Land. Wie viel EURO sind wir eigentlich?

Montag, 9. Juni, Wien: Ober ohne
Dienstbeflissen, ja höflich, serviert der Kellner im Schweizerhaus im Wiener Prater jedes Seidl extra. An gewöhnlichen Sommertagen wird solcher Minimalkonsum mit einem argwöhnischen „Meld di wieder, wennst an Durscht host!“ geahndet. Diesmal nicht, diesmal ist EURO. „So wenig wie heut war überhaupt noch nie los“, raunt er dem Kollegen zu. Wird im Stadion nicht gespielt, bleibt der Ansturm der Fans aus – ebenso wie die Wiener Stammkundschaft aus Angst vor eben Letzterem. Das Platzangebot in sonst überlaufenen Gastgärten übersteigt den Bedarf bei Weitem, in U-Bahnen und Bussen muss kaum jemand stehen. Wurden deutsche Innenstädte während der Fußball-WM 2006 von den Massen gestürmt, sind die Wiener – wie es scheint – auf der Flucht vor der EURO. Und anders als bei der WM, begnügen sich die ausländischen Fans mit Kurzbesuchen an den Spieltagen.

Haben die heimischen Kicker Pause, spannt auch der Fan aus. Die Wiener Ringstraße ist dann leergefegt, das Plas­tikkrügerl Bier um 4,50 Euro am Fan­zonenstand ganz ohne Wartezeit erhältlich. Wer dem frustrierten Personal auch noch einen Käsekrainer-Hotdog abkauft, hat gute Chancen, von zwei dienstbaren Geistern betreut zu werden: Einer hält das Weckerl, der zweite quetscht den Senf dazu.

Das Café Landtmann neben der Fan­zone bietet komfortablen Matchkonsum. Doch auch hier ist mehr Platz als sonst. Für Landtmann-Chef Bernd Querfeldt steht das geschäftliche Fiasko der EM schon fest. „Seit der Ö3-Verkehrsfunk am 1. Juni erstmals gemeldet hat, dass es durch die Sperre des Rings zu Verzögerungen kommen kann, sind unsere Umsätze um 40 Prozent gesunken“, sagt er. Einen Bierstand, den er extra im Garten errichten ließ, sperrte er wegen Erfolglosigkeit nach drei Tagen wieder. An zu hohen Preisen liege das nicht, sagt er. „Derzeit könnte ich das Bier verschenken, und nichts tät sich ändern.“ Am Beispiel seines Bierausschanks manifestiert sich für den Cafétier auch ein Grundproblem der Wiener Organisation. „Fünfmal hatten wir deswegen eine Kommission des Marktamtes bei uns. Das ist alles überreguliert.“

Dienstag, 10. Juni, Innsbruck: Der Fan ist der Star
7.30 Uhr, im ICE von Wien nach Innsbruck, eine erste Erkenntnis: An mangelndem Interesse krankt die EURO jedenfalls nicht. Auch die Jungmüttergruppe nebenan – gerade noch in häusliche und pädagogische Fragen vertieft – weiß Bescheid über die italienische Auftaktniederlage und findet es außerdem sehr lustig, wenn feiernde Kroaten ganze Straßenzüge kapern. Der Speisewagenkellner sieht die Sache weniger locker, vor allem wegen der etwas kapriziösen russischen Fahrgäste, die zum Spiel ihrer Mannschaft nach Innsbruck wollen – und außerdem drei Bier. Irgendwie geht uns die EURO offenbar doch alle an, ein bisschen zumindest, hin und wieder.

11 Uhr, Innsbruck, Haupt­bahnhof:
Eine Hand voll schwedischer Fans sucht den Zug nach Salzburg (wo ihr Team heute gegen Griechenland gewinnen wird, da sind sie sich zu Recht sicher), ein anderes Grüppchen bringt sich noch mit Dosenbier in Form. Ein paar Meter weiter gibt der berühmte spanische Faneinpeitscher Manolo „El del Bombo“ einem Kamerateam ein Interview. Es wird nicht sein letztes bleiben. Passanten schauen fasziniert zu, Manolo packt El Bombo aus, trommelt für die Kamera, gracias, auf Wiedersehen. Der Fan ist der Star. Und ein Profi: Auf seine Trommel hat er das Tiroler EURO-08-Logo geklebt.

13 Uhr, Fanmeile, Innenstadt:
Das Unterhaltungsprogramm beschränkt sich – noch – auf einen einsamen „El cóndor pasa“-Panflötisten, die spanischen Anhänger lassen sich davon aber nicht aus der Fassung bringen, denn: Der Fan ist auch Tourist. Bürgerhäuser werden besichtigt, in der Servitenkirche und vor dem Dom tummeln sich Menschen in Gelb-Rot. Auch in Innsbruck hatten Standbesitzer und Gas­tronomen in den letzten Tagen über die mangelnde Auslastung geklagt, ein paar haben ihre Stände bereits aufgegeben. Aber heute soll alles anders, also besser werden. Heute ist Spieltag in Innsbruck.

14.30 Uhr, Messegelände:
12.000 Schwedische Kronen, knapp 1300 Euro, haben Daniel und Oskar, Studenten aus Göteborg, in ihren EURO-Trip investiert. Zwei Wochen werden sie in der zum Fancamp ausgebauten Messehalle verbringen. Im Moment fühlen sie sich ein wenig einsam, das Camp ist praktisch leer. Dinge des täglichen Bedarfs (Isomatten, Zahnbürsten) werden am Check-in-Schalter vertrieben, Interessanteres (Matchkarten) in den spartanischen Schlafkojen. Die Stimmung ist rustikal, mit einer leichten Tendenz ins Trostlose. Daniel und Oskar spielen Karten, auf Sightseeing haben sie keine Lust.

17 Uhr, Bergisel:
Der Weg zur offiziellen Fanzone im Auslauf der Bergisel-Schanze ist steil und gut bewacht. Alle vier Meter stehen Mülleimer, allesamt unberührt, zwei Anrainerbuben verkaufen selbst gebastelte Fahnen und Müsliriegel. Germana und Gertrud, Hausfrauen im Ruhestand, lassen sich am Eingang unter Protest perlustrieren; dass sie, immerhin seit einigen Jahrzehnten Innsbruckerinnen, von der EURO zu solchen Umständen gezwungen werden, nerve schon einigermaßen. Andererseits wäre es aber auch toll, dass endlich mal etwas los sei. Germana hat sich eine Österreich-Fahne auf den Unterarm gemalt. Für 15.000 Menschen wurde die Fanzone konzipiert, mit knapp 10.000 rechnet die Einsatzleitung für den heutigen Spieltag – auch wenn man zugeben muss, nicht genau zu wissen, wie viele Russen in der Stadt sind. Was man ebenfalls nicht wuss­te: dass es kurz vor dem An-
pfiff zu regnen beginnen würde. Statt der erwarteten Massen kommen denn auch nur 600 Menschen, und mit dem Unwetter verwandeln sich die bunten Fangruppen in einheitsblaue Regenponchogruppen. Als Spaniens David Villa die russische Mannschaft in der 75. Minute endgültig von ihren Titelträumen befreit, werden die Ponchos langsam durchlässig.

22.30 Uhr, Innenstadt:
Die Linzer Mundart-Revoluzzer Attwenger spielen am Rand der Fanmeile ein Konzert – eine interessante Programmwahl: Es gibt wohl keine unpatriotischere Band auf der Welt als Attwenger, „Patrioten“ reimt sich bei ihnen höchstens auf „nationale Idioten“. Merke: Die EURO-Party gehört nicht den Österreichern, sie gehört allen. Beziehungsweise eher: den anderen. Die Stimmung wird von den Spaniern gemacht, die immer noch singen. Bis vier Uhr früh werden sie damit nicht aufhören. Ein Innsbrucker brüllt sein Handy an: „So geil! So geil!“

Mittwoch, 11. Juni, Salzburg: Nach der Party ist nach der Party
Zwischen Mönchs- und Kapuzinerberg herrscht Ausnahmezustand. Er ist in der Stadt. Bob Dylan spielt heute am Messegelände. Vom zweiten, sportiven Großereignis des Tages hingegen ist nicht viel zu bemerken, auch die patriotische Pflicht zur Autobeflaggung wird in Salzburg kaum ernst genommen. Im Medienzentrum beim Kongresshaus resümiert die Polizei den gestrigen Spieltag: Schon am frühen Nachmittag waren tausende schwedische Fans in der Fanzone, aufgrund fehlender Rahmenprogramme hätten sie sich aber bald über die Stadt verteilt. Tatsächlich dürften wohl eher die Bierpreise in der ­Zone den Ausschlag gegeben haben, und auch „über die Stadt verteilt“ ist nicht ganz korrekt: Tatsächlich haben sich die Schweden bloß fünfzig Meter weiter am Alten Markt niedergelassen, wo es weder Einlasskontrollen noch Bierdosenverbote, dafür aber auch keine Beschallung mit Werbejingles gibt. Die Stimmung hat trotzdem gepasst, sitzen durfte man auch (im Gegensatz zur Fanmeile, wo Stehplatzzwang herrscht). Vom Verkehrschaos abgesehen, kam es zu keinerlei Zwischenfällen. Die Beamten freuen sich über die eigene Professionalität und Lockerheit: Nachdem klar war, dass unter den Schweden keine Hooligans waren, habe man sogar einige Fans mit Fahnenstangen in die Fanzone gelassen (wo einem ansons­ten sogar Mozartkugeln – als potenzielle „Wurfgeschosse“ – abgenommen werden). Über eines ist man sich einig: Der Aufmarsch der Schweden war das Salzburger EURO-Highlight. Nicht einmal die Polizei weiß, ob Vergleichbares in den nächs­ten zwei Wochen wieder stattfinden wird.

Mit tränenden Augen starren Tomas und Michael, Computeringenieure aus Schweden, auf die blaugelben Primelbeete im Mirabellgarten. Ja, gestern sei es tatsächlich sehr super gewesen, hier und heute fühlen sie sich aber doch ein wenig deplatziert. Die Stadt gehört wieder den Kultur- und „Sound of Music“-Touristen, die massenhaft durch die Altstadt strömen. Dass sie sich vom Sportereignis nicht abschrecken ließen, erklärt den im Vergleich zu Wien oder Klagenfurt geringen Gas­tronomenkatzenjammer. Fußballtechnisch bleiben die Salzburger heute allerdings weitgehend auf sich allein gestellt, die meis­ten Schweden sind schon weitergezogen. Dementsprechend langsam füllt sich die Fanzone am Kapitelplatz. Die Anheizerband, eine Sixties-Kapelle aus Bayern, bemüht sich um die 200 Menschen vor der Bühne und weist mit Verve auf das bevorstehende Großereignis hin (sie meinen das Bob-Dylan-Konzert), Gott hat trotzdem kein Einsehen: Es beginnt zu schnürlregnen, die Fanzone leert sich. Im überdachten Biergarten in der Getreidegasse tummeln sich noch einige versprengte Griechen und Schweden, man versteht sich zwar nicht, spricht aber trotzdem miteinander. Österreicher sind keine da. Man fühlt sich fast ein wenig fremd im eigenen Land.

Mittwoch, 11. Juni, Klagenfurt: Eine Stadt in Angst
„Schuld san“ – für den Taxifahrer –„nur diese depperten Journalisten“: Was hat man den Klagenfurtern vor der EM nicht alles erzählt: Tausende Hooligans würden brandschatzend Kärntens Hauptstadt stürmen. Das Landeskrankenhaus fährt laut Host-City-Management verstärkte Schichten auf Unfallchirurgie und Hals-Nasen-Ohren-Abteilung wegen etwaiger Nasenbeinbrüche, das Personal der Gynäkologie wurde aufgestockt – wegen der zu befürchtenden Massenvergewaltigungen. Arbeitgeber verteilten an weibliche Angestellte kleine Alarmsirenen, um sich potenzieller Unholde zu erwehren, das Rathaus hielt eine Innenstadt-Bankfiliale mit Mühe davon ab, ihr Glasfoyer mit Brettern zu vernageln. Innenstadtbesorgungen sollte man tunlichst vor der EM erledigen, wurde gewarnt. „Nun haben die einen die Stadt verlassen und die anderen zumindest ihre Autos auswärts geparkt“, sagt der Taxler. Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben: Neben 150 temporär inhaftierten Deutschen, die rechtsradikale Lieder sangen, und einem Fan, der einen Polizisten trat, keine Rede, dass „Polen und Kroaten die Stadt zernegern würden“, wie es die PR-Dame im Medienzentrum ausdrückt. Jetzt appelliert der Bürgermeister in Schlagzeilen an die Klagenfurter, auf Latrinengerüchte nichts zu geben: „Feiert mit den Fans!“ – Bitte.

Ghost City statt Host City ist das geflügelte Wort vor Ort. „Wieder nichts los“, titelt die Austria Presse Agentur ihre Meldung über Klagenfurt. Kaum ist kein Spiel im Stadion, verwaisen die Videowalls. 50 Verlorene viewen in der Fanzone am Messegelände eher private als public. Platz wäre für immerhin 25.000. Vor der Videowall beim Lindwurm wird nicht mal ein Drittel des vorhandenen Platzes verbraucht. Und als der ORF spätnachts noch einen Live-Einstieg von den Street-Bars am Alten Platz wagt, wundert man sich, wie geschickt sich ein Dutzend Menschen hinter einem Reporter scharen kann, um Party zu simulieren, wo nur leere Heurigenbänke stehen. Einzig der DJ mit dem „Country-Roads“- und „Sierra Madre“-Faible begeis­tert eine Hand voll Kärntner. Zeltfest-Atmo statt Mulitkulti-Flair, das zieht. Da versucht selbst der Landeshauptmann die Fremdenangst zu dämpfen: „So sicher wird Klagenfurt nie mehr sein“, sagt er der Presse. Danach gibt er sich für fünf von ihnen zum „Journalisten-Wellness“ her, um Kärntens Schönheiten vorzuführen. Das „Journalisten-Golf“ wurde übrigens mangels Teilnehmer abgesagt.

Achtung! Die Austria Presse Agentur titelt „Wenig Arbeit für Reparatur-Sondertrupp in Klagenfurt“ und berichtet: „Kaputte Lichter repariert und eine umgekippte Toilette wieder aufgestellt. Auch einige Flaggen an einer Straßenböschung wurden in Mitleidenschaft gezogen. ‚Sie wurden Objekt der Zerstörungsbegierde gegnerischer Fans‘, konstatiert der Stadtgartenamtsleiter.“

Die Schlachtenbummler im deutschen Europapark-Fancamp am Wörthersee kamen zum Bummeln, nicht zum Schlachten. Völkerverbindende Hobbys werden über trennende Trikotfarben gestellt: „Parole?!“ – „Fi-cken!“ Der Stuttgarter Vorbeter brüllt die Frage, die Österreicher mit Bier und Badehose skandieren die korrekten Antworten an der Strandbar. Ein Pole schwenkt am Steg seine Fahne, ein paar Kroaten versuchen sich in die Herzen der zwinkernden Kärntnerinnen zu gaberln. Schlechte Erfahrungen mit Randalieren hat nur der Taxifahrer, der den Journalisten die Schuld gibt: Zwei Fahrgäste stritten sich über die Richtung zum nächsten Puff. Der Spinnennetz-Sprung auf der Windschutzscheibe zeugt noch vom Wutausbruch des einen. „Und dann muss i mi von dem Ang’soffenen no als ‚Eierschädl‘ beschimpfen lassen“, flucht er. Klingt irgendwie so gar nicht nach Kroa­ten, Polen oder Bundesdeutschen …

Donnerstag/Freitag, 12./13. Juni, Wien: Patriots act!
Nachmittags beten die Polen in der Kirche der Resurrektionisten zu Ehren des gekreuzigten Heilands im dritten Bezirk, abends tanzen die Kroaten auf der Ottakringer Straße. Und in der Nacht davor haben sich die Türken durch Favoriten gehupt: Wenn eines der Wiener Heimteams spielt, kennt der Patriotismus keine Grenzen mehr. Neu nur: Plötzlich verstecken sich die Auch-Österreicher nicht mehr nur in den Ethno-Enklaven der Rand-Rayons. Zu tausenden ziehen sie mit „Türkyie, Türkyie!“-Rufen vors Rathaus oder singen „Mi Hrvati“ mitten am Ring. „Ein bissl skeptisch schauen die meisten noch, wenn wir so auftreten. Da braucht dieses Land leider noch ein bissl“: Wer das sagt, ist Österreich-Türke, Ex-Kicker bei den Austria-Amateuren und von Beruf Fiaker.

Donnerstagnacht trauen sich dann auch die gelernten Österreicher, ihren Vastics und Korkmaz zuzujubeln. 80.000 fiebern vor den Riesenbildschirmen in den Zonen, stolze 1,7 Millionen vor den kleineren daheim. Schon die Niederlage Deutschlands wurde von 6000 Fans – ganz rot-weiß-rot! – auf der Kaiser-Wiese vor dem Riesenrad mit einem „Schade Deutschland – alles ist vorbei“ besungen.

0:0 – Österreich stürmt. Da skandieren die Sängerknaben von vorhin ein hämisches „Um acht – müsst ihr im Baumarkt sein“ in Richtung der Polen. (Die Replik der deutschsprachigen Polen sitzt: „Ohne uns – bringt ihr die Tür nicht rein!“) 0:1 – die Fanzone vor dem Burgtheater muss wegen Überfüllung abgeriegelt werden, am Rathausplatz gibt es kein Durchkommen mehr. 1:1 – „Wir singen rot! Wir singen weiß! Wir singen rot-weiß Österreich!“ Der Gesang verliert sich im Jubel, der Rathausplatz in einem Meer von Rot-Weiß-Rot bis kurz nach Mitternacht.

Vor der EURO hatte der Deutschschweizer Fernsehmeteorologe Jörg Kachelmann via Talkshow auch Österreich angestachelt, sich trotz problematischer Historie dem sportlichen Patriotismus hinzugeben: „Man sollte die Hymnen und Fahnen nicht den rechten Arschlöchern überlassen.“ Zumindest bis zum Entscheidungsspiel gegen Deutschland wird diese Aufforderung nicht ungehört verhallen.

Von Josef Barth und Sebastian Hofer