­Stephen Grosz: „Ein paar Aussagen von Freud ­­gelten noch“

 ­Stephen Grosz: „Ein paar Aussagen von Freud ­­gelten noch“

Der Londoner Bestseller­autor und Psychoanalytiker ­Stephen Grosz über den Dogmatismus seiner ­Branche, Sigmund Freuds Gegenwartstauglichkeit und die ­Konflikte seiner ­Patienten.

Von Tessa Szyszkowitz

Sigmund Freuds Haus im Londoner V­illenbezirk Hampstead übt bis heute magnetische Wirkung aus. Der Gründer der Psychoanalyse lebte hier noch ein Jahr, nachdem die Nazis ihn 1938 aus der Wiener Berggasse vertrieben hatten. Nicht nur Touristen und Fans aus aller Welt pilgern ins Hausmuseum. Freud zieht bis heute auch seine Nachfolger in diese Gegend. Viele Nordlondoner Psychoanalytiker sind wie der Urvater „Zugereiste“. Auch Stephen Grosz, der in den 1970er-Jahren aus Berkeley zum Studieren nach Oxford kam, in England blieb und heute einige Straßen weiter ordiniert.
Der neue Star unter den Freud-Jüngern aber folgt dem Gründer der Psychoanalyse nur noch in einigen Kernthesen. In Theorie und Praxis ist er ihm entwachsen. Mit dem Vielschreiber Freud teilt er zumindest eines: die Liebe zum Publikum. Der hochgewachsene 60-Jährige schreibt seit Jahren eine Psycho-Kolumne für die „Financial Times“. Sein erstes Buch „Die Frau, die nicht lieben wollte und andere wahre Geschichten über das Unbewusste“ hält sich seit Monaten auf der britischen Bestsellerliste, hat sich rund 50.000 Mal verkauft und erscheint soeben in 21 Sprachen, darunter auch auf Deutsch bei S. Fischer.
Obwohl er sich im Interview als „enorm freudianisch“ beschreibt, verschleiert er doch gleichzeitig seine ideologische Herkunft. Nichts weist beim englischen Original darauf hin, dass es sich um ein psychoanalytisches Lebenshilfe-Buch handelt. „Ich wollte keinen Leser mit sperrigen Begriffen vom Kauf abhalten“, gesteht Grosz. Modebewusst kurz trägt er das weiße Haar, dazu eine Brille mit starkem schwarzen Rahmen. Er sitzt ganz zufrieden und freundlich hinter der Couch, auf der ihm seine Patienten Woche für Woche den Stoff für seinen Bestseller lieferten.

profil: Wenn ich Ihre Patientin wäre, würde ich die Therapie sofort beenden. Ist es nicht ein Vertrauensbruch, Krankengeschichten öffentlich abzuhandeln?
Grosz: Fast alle Kapitel wurden von den betroffenen Patienten abgesegnet. Die meisten sind sehr lange bei mir, da besteht ein großes Vertrauensverhältnis. Ein Patient liegt schon seit 22 Jahren auf dieser Couch.

profil: Ist das nicht sehr lang für eine erfolgreiche Therapie?
Grosz: Kommt darauf an, um wen es geht. Dieser Patient kam zu mir, weil er HIV-positiv ist. Er denkt, dass die Psychoanalyse ihm das Leben gerettet hat. Damals haben ihm die Ärzte zwei Jahre gegeben. In der Therapie hat er gelernt, nicht nur mit seiner Krankheit umzugehen, er hat sich auch damit auseinandergesetzt, was es heißt, als Infizierter eine Ehe zu führen und Vater zu werden. Eine andere Patientin kommt zu mir, um einmal in der Woche ihre Träume mit mir zu besprechen. Sie ist Witwe und 90 Jahre alt.

profil: Das klingt alles sehr nett, aber eher wie eine Luxusbeschäftigung. Ist die Psychoanalyse bei wirklichen psychischen Störungen überhaupt ein wirksames Instrument? Manche bezweifeln das.
Grosz: Die Psychoanalyse ist kein Spaß. Die Therapie ist hart. Die Patienten lernen Dinge über sich selbst, die sie verdrängt haben, weil sie unangenehm sind. Die meisten kommen zu mir, weil ihr Leben nicht mehr funktioniert. Manche kämpfen mit Depression, manche wissen noch gar nicht, dass sie depressiv sind, können aber nicht mehr schlafen. Oder arbeiten wie besessen. Trinken zu viel, nehmen Drogen, gehen zu Prostituierten – oft handelt es sich um sehr erfolgreiche Leute. Sie führen zumeist ein hektisches Leben. Sie haben Angst davor, kurz innezuhalten. Weil dann ihr ganzes Leben zusammenbrechen könnte.

profil: Bei der Lektüre Ihres Buches drängt sich der Vergleich mit Oliver Sacks auf. Der britisch-amerikanische Neurologe hat jahrzehntelang die kuriosen Geschichten seiner Patienten in Bestsellern wie „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ ausgeschlachtet.
Grosz: Wir sind sehr verschieden. Ich bin kein Neurologe, ich bin Psychoanalytiker. Ich liebe Sacks‘ Bücher, aber ich schreibe ganz anders. Es geht bei mir weniger um eine Patientengeschichte als um Momentaufnahmen. Meine Geschichten sind sehr kurz. Ich will etwas beschreiben, in dem sich die Leser wiederfinden können.

profil: Ich finde es irritierend, dass Ihre Fallgeschichten so kurz sind. Ich will immer noch mehr wissen, es ist unbefriedigend, nur so wenig zu erfahren.
Grosz: Ist es nicht immer so im Leben? Ich habe das absichtlich gemacht. Ich habe die ursprüngliche Textfassung auf ein Drittel gekürzt. Ich konzentriere mich auf das Wesentliche: Warum vergisst mein Patient seine Brieftasche in der U-Bahn genau an dem Tag, an dem er befördert worden ist? Kann er seinen eigenen Erfolg nicht aushalten? Fürchtet er, dass er durch den neuen Job etwas von seinem alten Leben verliert? Jeder Leser kann solche Momente für sich interpretieren.

profil: Ist Ihr Buch als Ratgeber gedacht? Oder geht es Ihnen nicht doch auch um Ihre eigene Berühmtheit – ein Vorwurf, den sich schon Sigmund Freud gefallen lassen musste.
Grosz: Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich einen Bestseller schreiben würde. Doch natürlich geht es auch um mich. Ich bin spät Vater geworden, mit 50, meine Kinder sind jetzt sieben und zehn Jahre alt. In meinem Alter ist meine Mutter gestorben. Ich wollte meinen Kindern etwas hinterlassen. Ich las ihnen „Just so Stories“ von Rudyard Kipling vor. So kam ich auf die Idee, kurze Geschichten aus meinem Erfahrungsschatz zu destillieren.

profil: Von der Zäsur durch den Nationalsozialismus hat sich die Psychoanalyse in Österreich erst sehr spät erholt. Viele halten sie bis heute für eine gefährliche Geheimsekte. Hier in London dagegen wohnen Sie gleich neben Freuds Haus, in dem seine Tochter Anna bis 1982 gelebt und gelehrt hat. Ein paar Straßen weiter südlich lebte die Kinder-Analytikerin Melanie Klein. Viele haben Freud weiterentwickelt, auch Bausteine von Freuds Lehre über Bord geworfen. Ist die Analyse in England weniger dogmatisch?
Grosz: Es hat lange gedauert, bis die Psychoanalyse in Österreich und Deutschland revitalisiert wurde. Sie galt noch bis in die 1970er- Jahre als „jüdische Wissenschaft“. Das aber hat sich in den vergangenen 20 Jahren stark geändert. In Deutschland und Österreich zahlt inzwischen die Krankenkassa zumindest einen Teil der Psychoanalyse. Und bei Ihnen gibt es auch psychosomatische Abteilungen in Krankenhäusern – der ganzheitliche Ansatz für die Heilung ist eindeutig dem Einfluss der Psychoanalyse zuzuschreiben. Hier in Großbritannien sind wir leider noch nicht so weit.

profil: Die Psychoanalyse wird von vielen Dogmatikern noch als eine Art religiöse Sekte betrieben. Warum ist das so?
Grosz: Das ist mehr ein überstrapazierter Witz. In jeder Komödie und Fernsehserie bekommen wir unser Fett ab, denken wir nur an Woody Allen. Die Leute machen sich ständig über uns lustig. Mein Buch soll auch dazu beitragen, dass man versteht, worum es bei dieser Therapieform wirklich geht. Ich schreibe auch über meine Fehler, es soll den Analytiker menschlicher machen. In England galt es bis vor Kurzem als unschicklich, um Hilfe zu bitten. Wenn man ein Problem hatte, dann löste man das selbst. Heute aber sind die Menschen zunehmend damit überfordert und suchen Hilfe bei Experten. Ihre häufigste Frage lautet: „Warum bin ich nicht fähig, mein Leben zu ändern, auch wenn ich unglücklich bin?“ Ich glaube, das liegt vor allem an ihren Verlustängsten.

profil: Sie klingen jetzt ein bisschen wie Dr. Ruth, die berühmte amerikanische Sexualtherapeutin. Was ist an Ihrer Art der Lebenshilfe noch im klassischen Sinn freudianisch?
Grosz: Enorm viel. Ich will nicht den Oberlehrer spielen, deshalb vermeide ich Freuds Begriffe. Doch ich habe die Psychoanalyse in meiner DNA. Mit Sigmund Freud ist es wie mit Isaac Newton. Ein paar zentrale Aussagen gelten heute noch. Manches ist natürlich nicht mehr zeitgemäß. Bei Freud sind es die Idee der Geschichte, die zentrale Bedeutung der Sexualität und des Unbewussten, die ungebrochen ihren Gültigkeitswert besitzen.

profil: Psychoanalytiker heute halten also Mädchen nicht mehr für „Buben ohne Penis“?
Grosz: Ich halte die feministische Kritik von Juliet Mitchell an Freuds Theorien für enorm wichtig. Zu Freuds Zeiten gab es eben leider noch keine Mitchell.

profil: Sind Freuds Texte heute überhaupt noch auf unsere Zeit transponierbar?
Grosz: Ich finde, man soll alles lesen. Ich gehe selbst immer wieder zurück zu Freuds Texten und finde etwas, das mich inspiriert und erfrischt. Was ich bei Freud und auch von den Kurzgeschichten von Anton Tschechow gelernt habe, ist, dass ein kleines Ereignis eine enorme Wirkung entfalten kann. Wir müssen uns dessen nur bewusst sein.

Zur Person
Stephen Grosz, 60. Mit seinem Buch „The Examined Life”, das jetzt in der deutschen Übersetzung vorliegt, hielt sich der britisch-amerikanische Psychoanalytiker wochenlang auf den englischen Bestsellerlisten. Wie der Urvater der Psychoanalyse Sigmund Freud ist Grosz durchaus Popularität nicht abgeneigt: Er gilt als der Psychotherapeut mit der intensivsten Talkshow-Erfahrung. Grosz ist auch Kolumnist der „Financial Times”.

Stephen Grosz: Die Frau, die nicht lieben wollte. S. Fischer, 19,99 Euro

Foto: Tessa Szyszkowitz