Strahlenschmutz

Affäre. Eine angeblich gefälschte Studie über die Wirkung von Handystrahlen erschüttert die Wiener Medizinuniversität und liefert ein Sittenbild des AKH. profil dokumentiert den Fall.

Der Rektor der Wiener Medizin­universität schweigt: Wolfgang Schütz will zur Affäre um die angebliche Fälschung einer Handystudie derzeit nicht Stellung nehmen. Alle Beteiligten belegte er mit Redeverbot gegenüber Journalisten. Doch Ende Mai hatte Schütz die Affäre selbst ins Rollen gebracht. „Frau K. hat sofort gestanden“, erklärte er gegenüber dem Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“.
K. war Laborassistentin an der Klinischen Abteilung für Arbeitsmedizin im Wiener AKH. Dort wurde in den Jahren 2000 bis 2004 unter der Leitung von Hugo Rüdiger, bis Ende des Vorjahres Chef der Arbeitsmedizin, ein Teil der EU-weiten Reflex-Studie durchgeführt. Das von der EU geförderte, 3,2 Millionen Euro teure Projekt sollte vor allem klären, ob ­Handystrahlen Auswirkungen auf menschliche Zellen haben oder nicht.
Wenn man diese Frage mit Nein beantworten könnte, so die Idee hinter dem Projekt, könnte man sich alle weiteren teuren Studien über die gesundheitlichen Auswirkungen von Handystrahlen sparen. „Wir haben selbst nicht damit gerechnet, überhaupt jemals etwas zu finden, konnten jedoch Strangbrüche des ­Erbguts schon bei geringer Dosis feststellen“, berichtete Rüdiger nach Vorliegen der Ergebnisse.
Solche DNA-Strangbrüche könnten ein erhöhtes Krebsrisiko bedeuten, meinte Rüdiger, schränkte aber ein, dass man das Ergebnis nicht ohne Weiteres auf die menschliche Gesundheit übertragen könne. Denn der menschliche Körper würde über größere Abwehrmecha­nismen und Reparaturpotenziale verfügen als ­einzelne Zellen im Reagenzglas.
Für die Mobilfunkindustrie war das Ergebnis dennoch ein Schlag ins Gesicht.
Gleich nach Veröffentlichung der Studie im Jahr 2005 meldete sich eine Reihe von Kri­tikern zu Wort: Es sei schlicht fragwürdig, wie eine Studie zu solchen Ergebnissen kommen könne, wo doch bekannt sei, dass eine ­Strahlung von so geringer Energie wie die im Mobilfunkbereich überhaupt keine Auswir­kungen auf Zellen haben könne. Zweifel gab
es auch an der statistischen Auswertung der ­Daten.
Aber erst drei Jahre später machte die Studie neuerlich Schlagzeilen: Im vergangenen April hatte Alex Pilger, Laborleiter in der Abteilung für Arbeitsmedizin im Wiener AKH, eine seltsame Entdeckung gemacht: Auf dem Arbeits­tisch der Assistentin K. fand er ein Notizheft, in dem die junge Frau Zahlencodes aufgelistet hatte. Solche Codes dienen der so genannten Doppelverblindung wissenschaftlicher Studien, um Manipulationen auszuschließen. Doch in dem von Pilger vorgefundenen Notizheft waren die Codes entschlüsselt, woraus der Laborleiter schloss, die Assistentin habe nicht nur die Codes geknackt, sondern die Studienergebnisse aktiv verfälscht.

Studie gefälscht? Pilger und der von ihm informierte provisorische Leiter der Arbeitsmedizin, Christian Wolf, führten erst ein klärendes Gespräch mit Frau K., nachdem sie auch den Rektor von dem Fälschungsfall unterrichtet hatten. Dabei soll die Laborassistentin gestanden haben, die entschlüsselten Codes bereits seit Jahren zu kennen. Das könnte aber bedeuten, dass die Daten der Reflex-Studie, die mit den gleichen Expositionskammern und Codes durchgeführt wurde, gefälscht waren.
„Um einen nachhaltigen Imageschaden von der Medizinischen Universität abzuwenden“, ging nun Rektor Schütz mit einer Presseaussendung an die Öffentlichkeit: Darin bat er Hugo Rüdiger als Leiter der Wiener Teilstudie sowie den Koordinator des Reflex-Projekts, den Münchener Medizinprofessor Franz Adlkofer, ihre Studienergebnisse zurückzuziehen.
„Ich habe über 400 Publikationen veröffentlicht, und es wäre kein persönliches Drama, zwei davon zurückziehen zu müssen“, sagt der seit Jahresbeginn emeritierte Rüdiger. „Aber es geht hier nicht um das Liebesleben der Maikäfer.“ Sowohl Rüdiger als auch Adlkofer waren bereit, von ihren Studienergebnissen zurückzutreten, obwohl sie nach wie vor von der Richtigkeit der Daten überzeugt sind.
Doch gleich mehrere in der Zwischenzeit bekannt gewordene Auffälligkeiten des Falles veranlassten sie, von ihrem Vorhaben Abstand zu nehmen: Erstens wurde bekannt, dass der Leiter einer von Rektor Schütz einberufenen dreiköpfigen Untersuchungskommission ein Jurist der Mobilkom ist. Den Namen wollte Schütz nicht preisgeben.

Nie gestanden. Zweitens war auffällig, dass die Kommission von jenen neun Studien, an denen Frau K. mitgearbeitet hatte, nur jene zwei Untersuchungen aus dem Reflex-Projekt begutachtet hatte, die auch auf internationale Kritik gestoßen waren. Drittens wurde bekannt, dass die Laborantin nie Fälschungen der Reflex-Studie gestanden hatte. Sie gab lediglich zu, um die Weihnachtszeit des Vorjahres von einer Kollegin erfahren zu haben, wie einfach die Codes der Expositionsmaschine zu knacken seien.
Frau K. gegenüber profil: „Ich arbeite seit Jahren mit dieser Maschine, deshalb wollte ich es genau wissen. Das ist einem ja nicht egal.“ Sie habe im vergangenen April selbst eine Testreihe gestartet, um herauszufinden, ob die Codes tatsächlich so leicht geknackt werden könnten wie von der ­Kollegin behauptet. Erst wenn sie sich dessen sicher sein sollte, wollte sie sich an den Laborleiter wenden, sagt die Frau.
Doch dazu sei es nicht mehr gekommen, nachdem Laborleiter Pilger in K.s Abwesenheit das Notizheft entdeckt hatte. Als Rüdiger davon erfuhr, ließ er sich diese Darstellung von der Laborantin, die inzwischen selbst gekündigt hat, schriftlich bestätigen. Darin heißt es: „Ich erkläre, dass die von Prof. Wolf und DI Pilger unterschriebene Erklärung vom 5.5.2008 – dass ich seit zwei Jahren den Code der Expositionskammer gekannt und somit nicht unter Blindbedingungen gearbeitet habe – unrichtig ist.“
Wahr sei vielmehr, dass sie erst im vergangenen April realisiert habe, wie man herausfinden könne, in welcher der beiden Expositionskammern die Bestrahlung erfolgt. Die beiden im Rahmen des Reflex-Projekts durchgeführten Handystudien ­habe sie „ausnahmslos unter Doppelverblindung durchgeführt und ausgewertet“. Dieses Schreiben legte Rüdiger am 19. ­Juni einer neuen, von Rektor Schütz einberufenen Kommission vor, welcher der Jurist der Mobilkom nicht mehr angehört.
In dieser Sitzung wurde erstmals klar, dass es das behauptete Geständnis der ­Laborassistentin nie gab. Doch noch während der Sitzung tauchte plötzlich eine neue, angeblich ebenfalls im Labor gefundene Unterlage mit entschlüsselten Codes auf – diesmal allerdings datiert mit dem Jahr 2005. Frau K. sagt, sie habe dieses Papier weder verfasst noch jemals gesehen. Zur Klärung dieser Frage ist für den 23. Juli eine neuerliche Sitzung der Kommission anberaumt, in der erstmals auch die Laborassistentin angehört werden soll.
Die Geschichte hat aber noch einen anderen Hintergrund. Zwischen Rüdiger und seinem damaligen Stellvertreter Wolf gab es heftige Spannungen. Wolf ist stellvertretender Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats Funk (WBF), eines Gremiums des Verkehrsministeriums, das im Jahr 2004 vom seinerzeitigen Verkehrsminister Hubert Gorbach (FPÖ/BZÖ) mit der ausdrücklichen Intention gegründet wurde, „die oftmals vorhandenen Ängste und Sorgen (vor Handymasten und Handystrahlen, Anm.) einzudämmen oder zu zerstreuen“.
Laut seinen Grundsätzen ist der WBF „ein unabhängiges Gremium, das eine bedeutende medizinisch-technische Kompetenz zum Thema Funkanwendungen in Österreich darstellt“. Der Beirat soll Empfehlungen als Grundlage für politische Entscheidungen abgeben und helfen, die öffentliche Diskussion über elektromagnetische Felder zu versachlichen. Kritische Stimmen wollen aber wissen, dass es in dem Beirat nur einen einzigen Wissenschafter gibt, der selbst über elektromagnetische Felder forscht. Rüdiger bezeichnet den WBF als den „größten Verharm­losungsklub unter dem Deckmantel der Objektivität“.
Der WBF evaluiert jährlich dutzende Studien zum Thema Mobilfunk und kommt dabei regelmäßig zu dem Schluss, dass bei den derzeit geltenden Grenzwerten keine Gesundheitsgefährdung zu erwarten sei.
Wolf hat deshalb die Ergebnisse der Reflex-Studie immer bezweifelt: „Ich habe die Ergebnisse nie geglaubt.“ Wolf wurde nach Rüdigers Emeritierung im vergangenen Jänner zum provisorischen Leiter der Klinischen Abteilung für Arbeitsmedizin der Wiener Medizinischen Universität bestellt. Ein neuer ordentlicher Leiter der Abteilung wird voraussichtlich erst im Herbst bestellt. Um den Posten sollen sich an die 20 Kandidaten, darunter auch Wolf, beworben haben. Rüdiger vermutet, Wolf wolle nicht nur seine Reflex-Studie kippen, sondern quasi auch den Augiasstall ausmisten, den er, Rüdiger hinterlassen ­habe, um so seine Chancen auf den Leiter­posten zu erhöhen. Wolf hält diese Überlegung für eine „bodenlose Frechheit“.

Erklärungsversuche. Rektor Schütz will zu der Angelegenheit erst wieder Stellung nehmen, wenn alle Fragen geklärt sind. Noch im vergangenen Mai gab er sich gegenüber dem „Spiegel“ redselig und tippte auf eine psychologische Dimension des Fälschungsdramas: „Das ist ganz typisch für wissenschaftliche Betrugsdelikte. Nicht selten steckt dahinter eine junge Mitarbeiterin, die sich mit ihrem Chef sehr gut stellen will.“ Der „Spiegel“ zitierte dazu Franz Adlkofer, den Koordinator der Reflex-Studie, der das Verhalten der jungen Mitarbeiterin in einer Ferndiagnose als „psychopathologisch“ abtat. „Spiegel“-Kommentar: „Auf Deutsch: Sie hatte einen Knall.“

Von Tina Goebel