Was den Mann treibt

Trotz seiner spektakulären Freilassung steht Dominique Strauss-Kahn vor den ­Trümmern seiner Reputation. Warum riskieren Männer wie er, Arnold Schwarzenegger oder Jörg Kachelmann für Sex den existenziellen Totalschaden? Sind sie gar Opfer einer Sucht oder doch nur narzisstisch gestörte Egomanen?

Anne Sinclair könnte sehr bald die mitgebrachten Picassos wieder von den knallweißen Wänden des Hausarrest-Domizils gleich neben Robert De ­Niros Sushibar „Nobu“ pflücken.

Was manchen Journalisten „schockierend“, „unglaublich“ und „völlig unerwartet“ scheint, dessen war sie sich immer gewiss. „Wir werden mit Würde und Anstand, Hand in Hand, aus dieser Angelegenheit gehen“, hatte die Millionenerbin, Journalistin und Ehefrau von Dominique Strauss-Kahn immer wieder betont.

Am Freitagnachmittag trug Sinclair erstmals eine weiße Jacke und ein Lächeln, als sie ihren Mann zum Gericht begleitete. Doch noch ist die Schlacht nicht gewonnen. Dominique Strauss-Kahn wurde zwar nach der Anhörung „gegen Auflagen“ aus dem Hausarrest entlassen und muss auch keine elektronische Fußfessel mehr tragen, doch er musste seine Reisedokumente bei Gericht hinterlegen und darf die USA bis auf Weiteres nicht verlassen.

Die CNN-Reporter ließen bei der Verkündigung der kopernikanischen Wende im Fall Dominique Strauss-Kahn fast ein wenig Bedauern durchblitzen. Denn schließlich geht mit der massiven Entlastung des ehemaligen Chefs des Internationalen Währungsfonds auch ein Quotengarant dahin. Eigentlich sollte Dominique Strauss-Kahn, 62, ab 18. Juli jeden Morgen, gestützt von seiner Jeanne-d’Arc-gleichen Frau, mit gesenktem Blick das Townhouse in der Franklin Street 153 im schicken Stadtteil Tribeca verlassen, um sich in einer Limousine zum Gerichtssaal chauffieren zu lassen. Die beste Offensive gegen das Sommerloch.

Doch dieses Spektakel wird aller Wahrscheinlichkeit nach, wenn überhaupt, unter merklich veränderten Umständen ablaufen. Aufgrund der inzwischen ramponierten Glaubwürdigkeit der Klägerin und Kronzeugin.
Das 32-jährige „Sofitel“-Zimmermädchen, das Strauss-Kahn der versuchten Vergewaltigung, sexuellen Nötigung, Freiheitsberaubung und noch vier anderer ­Delikte bezichtigt hatte, die ihm im schlimmsten Fall bis zu 25 Jahre Haft eingebracht hätten, scheint für die New Yorker Staatsanwaltschaft inzwischen alles andere als eine brauchbare Waffe, um einen derartig hochkarätigen Prozess ohne Blamage zu schlagen.

„Die Klage“
, so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft am Freitag, „steht knapp vor dem Zusammenbruch.“ Denn die aus ­Guinea stammende Nafissatou D., die vor neun Jahren in die USA eingewandert war, hätte nicht nur bei ihrem Asylantrag gelogen, sondern sich auch bei ihren Vernehmungen wiederholt widersprochen. Vor allem aber wurden auf dem Konto des Zimmermädchens immer wieder an die 100.000 Dollar zwischengeparkt, und die alleinerziehende Mutter steht damit unter Verdacht, in Drogenschmuggel und Geldwäsche verwickelt zu sein. Außerdem hätte sie an jenem fatalen 14. Mai mit einem inhaftierten Mann telefonisch besprochen, „wie man aus diesem Franzosen Geld machen könne“.

Dass Strauss-Kahn mit der Frau Sex gehabt hatte, ist zwar auf Basis einer DNA-Probe weitgehend außer Zweifel, aber, so prognostiziert der US-Justizspezialist Jeffrey Toobin, „aufgrund des katastrophalen Charakterzeugnisses der Klägerin stehen die Chancen gut, dass trotz des DNA-Beweises für praktizierten Sex sämtliche Anklagepunkte fallen gelassen werden“. Eine Blamage für die Staatsanwaltschaft, die „so laut wie selten für diese Anklage trompetet und sich mit der Glaubwürdigkeit dieser Frau gebrüstet hat“, so Toobin. Wann die endgültige Entscheidung, ob der Fall gänzlich zusammenbricht oder nur auf einer zivilrechtlichen Ebene weitergeführt wird, fällt, steht noch nicht fest. Spätestens am 18. Juli wird das Verfahren wieder aufgenommen werden.

Kenneth Thompson, der prominente Anwalt des Opfers, schoss nach der Verkündigung von Strauss-Kahns „Auflagen“-Freilassung, emotional hoch aufgeladen zurück. Mit zitternder Wut in der Stimme brüllte er in die Mikrofone, dass „das Opfer, meine Klientin, eine von Strauss-Kahn verletzte Vagina sowie eine Schulterverletzung davongetragen habe und von ihm nachweislich die Strümpfe zerrissen wurden“. Alle „medizinischen Beweise“ wären fotografisch dokumentiert. Und jeder, der behaupte, es ging um „einvernehmlichen Sex“, lüge. Die Vorwürfe des Staatsanwalts Cyrus Vance wären „alles Lüge“. Nur weil er es sich zurzeit nicht leisten könne, noch einen prominenten Prozess zu verlieren, wolle Vance den Rückzug antreten. Ganz abgesehen davon, dass eine Prosekutorin in seinem Büro mit einem Anwalt aus dem Strauss-Kahn-Verteidigungsteam verheiratet wäre.
Fortsetzung der Schlammschlacht folgt, bleiben Sie dran.

Doch selbst wenn DSK sein von glattem Designerschick dominiertes Mietdomizil mit Heimkino und Fitnessraum (Monatsmiete: 50.000 Dollar) als gänzlich freier Mann ver­lassen wird, wird die ­Reputation des linken Hoffnungsträgers ein Trümmerfeld bleiben. Dass selbst ein glatter Freispruch nicht einem Rückfahrticket in das alte Leben gleichkommt, ist evident. Auch Jörg Kachelmann, der seit seinem Freispruch zweiter Klasse im Juni auf rachelüsterner Interviewtournee durch die Medien wütet, wird von der ARD „bis auf Weiteres nicht“, aber wahrscheinlich nie wieder als Wetterfrosch eingesetzt werden.

Auch Anthony Weiner
, der Hoffnung der US-Demokraten, sind die Frauen zum Verhängnis geworden: Der Mann, dessen Nachname in englischer Aussprache zur Freude der Late-Talker wie die Kurzform für das männliche Geschlechtsteil klingt, verschickte ein Foto von seiner Unterhose, unter der sich sein semi-erigierter Penis abzeichnete, an seine 56.000 Mitglieder zählende Twitter-Gemeinde – statt an eine Studentin in Seattle. Anfang Juni trat er nach einer tränenreichen Pressekonferenz zurück, in der er sich bei seiner hochschwangeren Frau, einer engen Vertrauten Hillary Clintons, entschuldigte.

Dass Frauen nicht immer zu hilflosen Opfern sexuell-aggressiver Handlungen machtbesessener Egomanen werden, sondern manche das gesellschaftliche Klima zu ihren Gunsten zu instrumentalisieren wissen, zeigen die jüngsten Ermittlungen in New York. Auch die Anklage von zwei Schwedinnen gegen das noch immer unter britischem Hausarrest stehende WikiLeaks-Mastermind Julian Assange wegen Vergewaltigung im vergangenen Winter riecht nach abgekartetem Spiel. Wurden diese Frauen doch mit Assange auch nach den vermeintlichen Vergewaltigungen bei trauten Dates beobachtet. Schützenhilfe bekam Assange im Jänner sogar von einer prominenten US-Feministin. Naomi Wolf schrieb ironisch-süffisant in ihrem Blog: „Liebe Dating-Polizei! Als feministische Aktivistin bin ich voller Freude angesichts der Bereitwilligkeit, auf Männer, die sich gegenüber Frauen wie narzisstisch gestörte Mistkerle verhalten, globale Menschenjagden zu veranstalten!“

Die Verleumdungspraktiken nehmen auch bei Scheidungs- und Obsorgekämpfen zu. „Dass Frauen Männern Missbrauch der Kinder oder sexuelle Nötigung vorwerfen, ist ein wachsendes Phänomen“, so die Grazer Scheidungsanwältin Karin Prutsch, „sie tun es aus Rache oder um Aufmerksamkeit zu erregen. Auf der anderen Seite schweigen viele echte Opfer aus Scham.“

Experten schätzen, dass nur zehn Prozent aller strafrechtlichen relevanten Vergewaltigungsdelikte in Österreich zur Anzeige kommen.
Mit dem Charakter-Bankrott des „armen, wehrlosen“ Zimmermädchens ging in New York auch „ein feministisches Cinderella-Märchen“ (Catherine Millet) zu Ende. Und Frankreich amüsiert sich, dass die puritanischen Spaßbremsen-Amerikaner eine moralische Bauchlandung hingelegt haben. Bleibt die Frage, warum die mächtigsten und reichsten Männer der Welt, die sich jedes Edelcallgirl diskret aufs Zimmer schleusen lassen könnten, überhaupt ein solches Risiko eingehen. Warum ließ sich Arnold Schwarzenegger auf ein jahrelanges Verhältnis mit der Haushälterin, inklusive „Lovechild“, ein, das ihn jetzt nicht nur 270 Millionen Euro kosten wird, sondern auch seine Familie und sein gesellschaftliches Ansehen.

„J’ai pété les plombs“ , hat Strauss-Kahn wiederholt als Rechtfertigung für die versuchte Vergewaltigung der jungen Journalistin Tristan Banon im Jahr 2002 geäußert, was so viel heißt wie „Ich bin ausgerastet“. Banon hatte sich erstmals 2007 in einer Talkshow öffentlich über den Vorfall geäußert und erklärt, dass jemand wie „ein brünftiger Schimpanse“ über sie hergefallen wäre. Strauss-Kahns Name wurde für das Publikum ausgeblendet, doch die anwesenden Diskutanten hörten ihn.

„Ausrasten“, „nicht ich selbst sein“, „sich vergessen“ sind immer wieder Zustandsbeschreibungen, die im Zusammenhang mit impulsiven sexuellen Handlungen als Entschuldigung fallen. „Das ist ein völliger Blödsinn“, erklärt die Gerichtspsychiaterin Heidi Kastner, denn selbst in höchster Erregungsstufe seien Männer „nicht unzurechnungsfähig, sondern sehr wohl für ihre Handlungen zur Verantwortung zu ziehen“.

„Offensichtlich gehört Strauss-Kahn zur Spezies der mächtigen Männer, die mit dem Nein einer Frau schlicht nicht zurechtkommen“, erklärt der Psychotherapeut, klinische Psychologe und Leiter der Wiener Männerberatung Jonni Brem. In Brems sozialtherapeutischem Programm werden derzeit rund 200 Sexualstraftäter behandelt, zum Teil im Rahmen ihres Strafvollzugs, zum Teil in der Nachbetreuung. Rund zwei Drittel von ihnen kamen wegen Kinderpornografie oder Kindesmissbrauch vor Gericht, ein Drittel wegen sexueller Nötigung oder Vergewaltigung. Das Verhältnis bleibt seit Jahren stabil. ­Einen klassischen Typ des Vergewaltigers gebe es unter seinen Klienten nicht, meint Brem: „Wir haben sozial unfähige Männer, die keinen normalen Kontakt zu Frauen herstellen können und dann aus einer Frustration heraus zum Sexualstraftäter werden. Wir haben sadistisch veranlagte Männer, die in der Missbrauchssituation vor allem Macht und Kontrolle ausüben wollen und dabei eher rational als triebhaft agieren. Und wir haben Männer, die aus verschiedenen Gründen einen übersteigerten Sexualtrieb aufweisen.“ Eine Gemeinsamkeit ließe sich allerdings sehr wohl ausmachen: „Nur die wenigsten haben eine problematische Wahrnehmung von sich selbst – auch wenn sie ihre Tat als objektiv böse beurteilen können. Zwischen der Tat und dem eigenen Selbst wird radikal unterschieden.“

Laut einer parlamentarischen Anfragebeantwortung vom Februar dieses Jahres waren in Österreich im Jahr 2009 insgesamt 1095 Fälle von sexueller Nötigung oder Vergewaltigung gerichtsanhängig. Tatsächlich liegt die Zahl der Übergriffe wesentlich höher. Zur Anzeige kommt nur ein Bruchteil. Das zeigt auch der internationale Vergleich: Nach einer EU-Studie im Rahmen des Kinder- und Frauenschutzprogramms „Daphne“ werden in Österreich jährlich neun Vergewaltigungen pro 100.000 Einwohner angezeigt. In Schweden sind es dagegen 46,5. Unwahrscheinlich ist, dass im hohen Norden fünfmal mehr Sexualstraftaten passieren. Der Weg zur Strafverfolgungsbehörde scheint für österreichische Opfer ein schwerer zu sein. Der Grund: „Die Toleranzschwelle bezüglich sexueller Übergriffe ist in Österreich sehr hoch“, so die Wiener Scheidungsanwältin Andrea Wukovits, „ich habe ganz selten erlebt, dass Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, in einem Scheidungsverfahren auch ernst genommen wurden.“

Aber was macht brave Familienväter, mächtige Player oder auch kirchliche Würdenträger immer wieder zu skrupellosen Triebtätern? Wann, wie und warum wird Geilheit zu Gewalt? „Das Zeichen eines echten Gewalttäters ist, dass er Grenzen nicht respektiert“, sagt die Psychoanalytikerin und Sexualforscherin Rotraud A. Perner. Männer seien gerade in dieser Hinsicht auch kulturell vorbelastet: „Männer haben ein Problem mit Grenzen, und zwar in beide Richtungen. Weil von ihnen kulturell erwartet wird, über Grenzen zu gehen und sich nach außen durchzusetzen, andererseits ihre eigenen Grenzen geschlossen zu halten und niemand eindringen zu lassen.“
Viel weniger als um Sex geht es bei sexuellem Missbrauch und Übergriffen innerhalb der Familie, am Arbeitsplatz oder in einer zufälligen Situation um Macht, Dominanz, Kontrolle und das Gefühl, „sich selbst groß zu fühlen“, so die Gerichtspsychiaterin Heidi Kastner. Wie in der Kirche wird auch in der Familie in Missbrauchsfällen „Autorität mit ­Sexualität vermischt“, meint der Wiener Dompfarrer Toni Faber. Er hatte auch als Zeremonienmeister des Missbrauch-Kardinals Hans Hermann Groer fungiert. Wie viele Täter war auch Groer frei von jedem Unrechtsbewusstsein und konterte die Vorwürfe gegen ihn auch intern stets mit dem Satz: „Das kann doch alles nicht wahr sein.“

Der Täter-Therapeut Jonni Brem hält es für kontraproduktiv, gestörtes Sexualverhalten allzu eindeutig zu klassifizieren: „Wir versuchen in der Therapie, unseren Patienten keine einfache Erklärung für ihr Verhalten anzubieten. Es ist nicht hilfreich, wenn sich ein Straftäter denkt: Aha, zu viel Testosteron. Oder: Klar, die Familiengeschichte. Wir versuchen, tiefer zu gehen und die dahinterliegenden Ursachen zu erkunden.“

Nicht, dass es eine einfache Erklärung gäbe.
Martin Kafka, Psychiater an der Harvard Medical School und einer der renommiertesten Experten auf dem Feld der pathologisch übersteigerten Sexualität, sagt über deren Ursachen: „Die kurze Antwort lautet: Wir wissen es nicht.“ Die längere Antwort umfasst ein vielfältiges Zusammenspiel von biologischen, biografischen und sozialen Umständen. Immerhin konnte Kafka einige Kategorien bestimmen, um den Grad der Sexualisierung eines Mannes einzuschätzen. Mehr als fünfmaliges Onanieren täglich und über mehrere Monate hinweg könnte demnach auf ein einschlägiges Problem hindeuten.

Kafkas Klassifizierung kommt auch in der Begutachtungsstelle für Sexualstraftäter in Floridsdorf zum Einsatz, wo österreichische Sexualstraftäter von Psychiatern und Psychologen auf ihre Gefährlichkeit und Rückfallwahrscheinlichkeit hin untersucht werden. Zugleich wird über die Möglichkeit einer medikamentösen Behandlung entschieden. Diese reicht von Hormonpräparaten und libidosenkenden Psychopharmaka bis zur chemischen Kastration über ein Hormondepot. Jonni Brem: „Das kann für die Täter sehr beruhigend wirken, wenn sie auf Freigang gehen und nicht mehr zwanghaft jede Frau, jedes Kind taxieren und kategorisieren müssen.“

Wie groß die Macht des Sexualtriebs sein kann, konnten US-Verhaltensforscher in Studien eindrucksvoll zeigen – an Ratten: In Laborversuchen reagierten die Tiere auch nach tagelangem Futterentzug in erster Linie auf sexuelle Reize und erst danach auf Nahrung. Für sie gilt, was Richard von Krafft-Ebing in seiner „Psychopathia Sexualis“ 1886 geschrieben hat: „Diese krankhafte Sexualität ist eine fürchterliche Plage für ihr Opfer, das in ständiger Gefahr lebt, die Gesetze des Staates und die Moral zu verletzen oder seine Ehre zu verlieren oder gar sein Leben.“

Für den erwachsenen Mann des 21. Jahrhunderts gilt jedoch nicht, dass die Kruste der Zivilisation im Testosteronfeuer schmilzt, weil das Zimmermädchen an der Tür klopft. „Wenn das jemand behauptet, handelt es sich entweder um eine Schutzbehauptung oder um reine Autosuggestionen“, sagt Rotraud A. Perner. „Im Berufsalltag können sich Männer, und wenn sie noch so wütend sind, schließlich auch beherrschen. Aber wenn es um Sexualität geht, haben Männer eine andere Vorstellung davon, was es heißt, ein Mann zu sein. Uns wird medial das Bild des enthemmten, sexualisierten Mannes als Norm vorgespielt. Manche verwechseln das mit einer Anleitung für den Alltag.“ Den rein biologistischen Blick auf die männliche Sexualität hält sie für verkürzt: „Unsere Hormontätigkeit ist nicht gottgegeben. Sie steht immer auch in Wechselwirkung zu den sozialen Gegebenheiten. Körperliche, sexuelle Erregung ist immer eine Reaktion. Und wie diese Reaktion aussieht, kann man selbst steuern. Zwischen dem Feuern der Wahrnehmungsneuronen und dem Feuern der Handlungsneuronen gibt es immer eine Lücke.“

Wenn es Männern, vor allem prominenten Männern nicht gelingt, diese Lücke sinnvoll, nämlich mit der nötigen Portion Vernunft und Selbstreflexion zu füllen, attestieren Fachleute und Medien schnell eine Sexsucht. Zu deren mutmaßlichen Opfern zählen – unter vielen anderen – David Duchovny, Charlie Sheen, Michael Douglas und Tiger Woods, der sich nach seinen zahllosen Affären öffentlichkeitswirksam in therapeutische Behandlung begab. Laut Schätzungen sollen zwischen drei und sechs Prozent der Bevölkerung betroffen sein, das wären in Österreich 120.000 bis 240.000 Männer. Der Diagnose-Katalog der Weltgesundheitsorganisation WHO kennt diese Erkrankung trotzdem nicht. In dem Manual ist lediglich die Möglichkeit eines „gesteigerten sexuellen Verlangens“ verzeichnet. Ob dieses aber als Suchterkrankung, Zwangsstörung oder Störung der Impulskontrolle klassifiziert werden sollte, bleibt auch unter Spezialisten umstritten. Der deutsche Psychiater und Psychotherapeut Kornelius Roth, Autor einer Monografie zum Thema, geht zwar von einer Suchtkomponente aus, schränkt aber ein: „Psychische, soziale und biologische Faktoren spielen bei der Entwicklung der Sucht eine Rolle. Auch bei der Sexsucht gibt es differenzierte Modelle, die den unterschiedlichen Einflussfaktoren und ihren Wechselwirkungen Rechnung tragen.“

Der prominente US-Suchtforscher Mark S. Gold stuft Sexualität und insbesondere Pornografie eindeutig als Suchtmittel ein: „Früher wurde Sucht durch Entzugserscheinungen definiert. In meiner frühen Arbeit konnte ich zeigen, dass Entzugserscheinungen und Sucht voneinander unabhängig sind und Sucht vielmehr einem er­worbenen Trieb entspricht.“

In diesem ­Sinne können, wie Gold zeigte, auch Glücksspiel, Essen und Sex Suchterkrankungen auslösen. Kritiker dieses Ansatzes halten dagegen, dass mit der Rede von der Sexsucht nur konservative Propaganda betrieben werde, um Sex als gefährlich, weil gottlos zu brandmarken. Das ist gar nicht so weit hergeholt: Die ersten Berichte von Sexsucht tauchten in den USA in den fünfziger Jahren tatsächlich im Umfeld der – christlich-spirituell geprägten – „Anonymen Alkoholiker“ auf. Als Therapie propagieren die „Sex Addicts Anonymous“ bis heute Enthaltsamkeit und das AA-12-Schritte-Programm.

„Sexsucht ist längst eine Phrase geworden, die so missbräuchlich verwendet wird wie die Begriffe Burn-out oder Mobbing“, meint Rotraud A. Perner. „Das heißt nicht, dass es sie nicht gibt. Tatsächlich steckt hinter jedem Suchtverhalten eine depressive Störung. Eine Sexsucht entwickelt sich aus der Suche nach dem Kick und der Erregung. Der Depressive sucht einen Ausweg aus dem Energiemangel der Depression. Aber natürlich könnte dieser Ausweg auch ganz anders aussehen.“

Aus seiner Beratungspraxis kennt Jonni Brem viele einschlägige Fälle. „Diese Männer sind nicht mit dem Gesetz in Konflikt, aber sozial of schwer auffällig. Da hat einer 7000 Porno-DVDs zu Hause stehen, alle Darstellerinnen samt Karriereverlauf präsent und ist ausschließlich auf dieses Thema fixiert – durchaus auch parallel zu Partnerschaft und Familie. Ihr eigenes Verhalten kommt diesen Männern meistens gar nicht seltsam vor.“ Warum es bei manchen Männern gerade die Sexualität ist, auf die sie sich so stark fokussieren, dass ein Zwang, möglicherweise auch eine Sucht daraus wird, erklärt Brem so: „Sex ist für Männer oft mit einer übergroßen Bedeutung befrachtet. Es wird viel hineinprojiziert. Auch wenn der Job uninteressant ist, die Beziehung kriselt und das Leben keine Perspektive mehr aufweist, können Sex und Pornografie eine Art von ultimativer Erfüllung versprechen.“

Dafür sind Frauen aber durchaus auch anfällig. Und was ihre Gewaltbereitschaft betrifft, steht das schwache Geschlecht den Männern um wenig nach.

„Frauen können genauso bösartig und grausam wie Männer sein“, ist Heidi ­Kastner überzeugt, „allein ihre physisch begrenzteren Möglichkeiten verhindern, dass sie dabei so oft strafrechtlich belangt werden wie Männer. Ihre Methoden sind notgedrungen einfach nur subtiler.“

Lesen Sie im profil 27/2011 ein Interview mit Catherine Millet über den Fall DSK und "sexuellen Faschismus".