Streik bedroht die Eröffnung: Bayreuther Festspiele von der Realität eingeholt

Die altehrwürdigen Bayreuther Festspiele sind nach dem Führungswechsel in der Realität angekommen: Ein Streik bedroht die Festspieleröffnung.

Von Manuel Brug

Auf die Wagners ist Verlass. Pünktlich zu Sommerbeginn versorgt Deutschlands berühmteste Familie den Boulevard regelmäßig mit gutem Stoff. Wolfgang Wagner richtete seiner Tochter Eva etwa 2001 via Medien aus, dass er sie für „unfähig“ halte; seinem Sohn Gottfried entzog er einst die Gunst, nachdem dieser ein Buch über die NS-Vergangenheit der Familie publiziert hatte.

Nun scheinen zwar die familiären Kalamitäten beigelegt zu sein: Wolfgang Wagner, 89, hat sich mit Ende der vergangenen Saison als Festspielchef zurückgezogen und die Leitung des berühmtesten Opernfestivals Deutschlands in die Hände seiner beiden Töchter Katharina Wagner, 31, und Eva Wagner-Pasquier, 64, gelegt. Stattdessen sorgt nun die deutsche Dienstleistergewerkschaft ver.di für Negativschlagzeilen: Sie droht dem Festival mit Streik.

Die feierliche Eröffnung von Bayreuth 2009 ist für 25. Juli mit einer Wiederaufnahme von „Tristan und Isolde“ (Regie: Christoph Marthaler) geplant. Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kultur hat sich angekündigt, auch Bundeskanzlerin Angela Merkel ist wieder mit dabei. „Es ist nicht unsere Absicht, die Festspiele zu gefährden“, sagte Gewerkschaftssprecher Hans Kraft gegenüber Journalisten. Doch sollte die Festspielleitung nicht einlenken, hätte man leider keine andere Wahl.

Die Vorwürfe der Gewerkschaft sind gewichtig: Mindestens 60 fest angestellte Bühnenarbeiter samt saisonalen Aushilfen würden unmoralisch schlecht bezahlt, teilweise lägen die Löhne unter vier Euro pro Stunde. Bislang wurden die Gehaltsverhandlungen von Wolfgang Wagner patriarchalisch im Zwiegespräch geführt. Doch nach dem Einstieg von Bund, Land und Stadt in die Festspiele GmbH muss nun ein Tarifvertrag für die bühnentechnischen Angestellten her.

Mit Wagners Abgang ändern sich nicht nur die Eigentümerverhältnisse: Das traditionsreiche Festival, dessen Pressestelle bis vor wenigen Jahren noch am liebsten postalisch mit Journalisten verkehrte, muss sich in der Realität des modernen Klassikbusiness behaupten. Die Sonderstellung Bayreuths ist vorbei.

In kleinen Schritten führen Katharina Wagner und ihre Halbschwester Eva das Vermächtnis des Urgroßvaters an die Gegenwart heran. Der Internetauftritt wurde erneuert, seit einem Jahr werden Festspielinszenierungen auf dem Bayreuther Festplatz übertragen, außerdem erscheinen die Produktionen auf DVD. Neu in diesem Jahr: Den „Fliegenden Holländer“ gibt es für Kinder, erstmals wird es zu jeder Produktion ein eigenes Programmheft geben, und in Einführungsveranstaltungen stehen die Regiekonzepte zur Debatte.

NS-Archiv. Am Grünen Hügel brechen neue Zeiten an, auch politisch gibt man sich versöhnlich: Bis 2013 sollen alle Wahnfried-Archive für Forscher offenstehen, und die dortige Dauerausstellung, die bisher die Nazi-Zeit fast zur Gänze aussparte, wird grundlegend überarbeitet werden.

Noch vor einem Jahr schienen derartige Innovationen ausgeschlossen: Eva Wagner-Pasquier produzierte Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ nicht in Bayreuth, sondern noch beim Festival in Aix-en-Provence, Katharina ließ sich damals gerade dazu überreden, den „Tannhäuser“ im Frühjahr 2009 auf ihrer Ferieninsel Gran Canaria zu inszenieren.

Nun lenken die beiden einander ziemlich unbekannten Halbgeschwister die Geschicke Bayreuths, wobei Katharina medial im Vordergrund steht, während Eva im Hintergrund die Fäden zieht. Selbst ihren Auftritt in der Bayerischen Landesvertretung, wo die beiden Leiterinnen erstmals gemeinsam hätten auftreten sollen, sagte Eva kurzfristig ab – und gilt seither als das neue Phantom der Oper.

Von den Kanaren ließ Katharina nun verlauten, dass sie den Tarifkonflikt gütlich beilegen wolle. „Uns ist klar, dass es mehr Geld und neue Verträge geben muss, aber so schnell geht das nicht. Das sollte auch ver.di einsehen“, sagte sie profil. 16 Millionen Euro beträgt der Etat der bisher sparsam wirtschaftenden Festspiele. Auf dem Hügel besteht nicht nur ideell, sondern auch materiell dringender Investitionsbedarf.