Studie zeigt: Es wäre unsozial, die Globalisierung rückgängig zu machen

Wer die österreichische Industrie durch Abschottung schützen will, schadet Arbeitnehmern und Konsumenten. Eine profil exklusiv vorliegende Studie zeigt: Die Globalisierung rückgängig zu machen wäre unsozial.

Es klingt bisweilen lächerlich. Da streiten die mächtigen Politiker dieser Welt über Hähnchenkeulen und Bananen, über Schuhe, Reifen oder Hormone im Fleisch. Doch zum Lachen ist Pascal Lamy schon längst nicht mehr. Der oberste Wächter des freien Handels hat jüngst festgestellt, dass allein seit März dieses Jahres mehr als 80 neue Handelsbeschränkungen eingeführt wurden. Doch der Chef der Welthandelsorganisation (WTO) kann nur zuschauen, wie in der Wirtschaftskrise das Gebot des fairen Handels leichtfertig beiseitegeschoben wird. Denn solange kein Mitgliedsstaat den anderen verklagt, kann die WTO keine Sanktionen verhängen. Und derzeit traut sich niemand zu klagen: Es wird subventioniert und abgeschottet, was das Zeug hält. Wer jetzt mit dem Finger auf die anderen zeigt, steht morgen selbst am Pranger.

Das neuerliche Aufkeimen des Protektionismus bedroht unseren Wohlstand, zeigt eine profil exklusiv vorliegende Studie im Auftrag des Management Clubs deutlich. Denn sie rechnet vor, was passiert, wenn sich Österreich der Globalisierung versagt und so viel wie möglich im Inland herstellt. Ein komplett in Österreich hergestellter Kleinwagen würde beispielsweise statt 20.000 Euro über 72.000 Euro kosten.

Die Devise „buy Austrian“ ist nicht weit hergeholt. Sowohl die Amerikaner als auch die Chinesen haben eine derartige Klausel für öffentliche Aufträge in ihr Konjunkturprogramm geschrieben. Dass auch hierzulande Politiker den Reflex haben, heimische Industrie und Arbeitsplätze schützen zu wollen, ist verständlich. Denn die negativen Effekte der Globalisierung sind viel offensichtlicher als die Vorteile: Wer seinen Arbeitsplatz verliert, weil künftig in Fernost produziert wird, ist politisch leichter zu mobilisieren als die Vielzahl von Konsumenten, die profitieren. Doch tatsächlich wäre es unsozial, die Globalisierung rückgängig machen zu wollen.

Politiker aller Couleur schelten Unternehmen, die im Ausland produzieren, gern als „unsozial“. Doch dabei blenden sie aus, was passieren würde, wenn die Betriebe ihren Ratschlägen folgen würden – und nur noch in Österreich produzierten. Ein Unternehmen kann nur so lange existieren, wie seine Kosten unter den Einnahmen sind. In den meisten Branchen ist der Wettbewerbsdruck so hoch, dass sich Unternehmen nicht willkürlich hohe Gewinnspannen abverlangen können. Wer unter diesen Bedingungen mit höheren Arbeitskosten in Österreich das Gleiche produziert wie ein Unternehmen im Ausland, muss seine Produkte teurer anbieten.

Das Wirtschaftsforschungsinstitut icei hat sich im Auftrag des Management Clubs genauer angesehen, was es für den österreichischen Konsumenten bedeutet, wenn Österreich beispielsweise eine Waschmaschine komplett im Inland fertigt: Statt 550 Euro müsste der Käufer 1900 Euro hinblättern. Für einen LCD-Fernseher macht der Unterschied 284 Prozent aus – er würde dann statt 1100 Euro 4200 Euro kosten. Doch darin ist noch nicht eingerechnet, dass sich vieles in Österreich ohne enorme Investitionen gar nicht produzieren ließe: Es fehlt an Know-how und der notwendigen Infrastruktur. Und an Abnehmern. Österreichs Binnenmarkt ist schlicht zu klein. Doch selbst wenn man versuchte, den inländisch gefertigten Anteil auf zwei Drittel zu erhöhen, müsste der Konsument für einen Wagen der Golfklasse noch immer 46.300 Euro statt 20.000 Euro zahlen. „Nur noch ein kleiner Kreis von privilegierten Personen könnte sich dann ein Auto leisten“, sagt Herbert Paierl, Chef des Management Clubs. „Der politische Reflex derjenigen, die dem Protektionismus das Wort reden, richtet sich gegen Mittelstand und sozial Schwache.“

Tatsächlich findet sich kein ernst zu nehmender Politiker, der sich dezidiert für mehr Protektionismus aussprechen würde. Die Argumentation stützt sich stets auf Einzelfälle: Die deutschen Opel-Standorte seien eben besonders produktiv, die europäischen Milchbauern ausnehmend wichtig für Umwelt und Versorgungssicherheit, Fleisch aus den USA sei ungesund – und so weiter. Diese Ausreden zeigen, dass es bei protektionistischen Maßnahmen stets um Partikularinteressen geht – und nicht um das Gemeinwohl.

Dass die Jagd nach Wettbewerbsvorteilen auch zulasten sozial Schwacher geht, ist nicht von der Hand zu weisen. Doch es ist nicht die Globalisierung an sich, die eine ungerechtere Verteilung der Einkommen nach sich zieht, sondern das Versäumnis der Politik, internationale Standards zu formulieren, die von internationalen Organisationen durchgesetzt werden können. „Es ist kein Geheimnis, dass in anderen Ländern billiger, aber auch zu oft untragbaren sozialen und ökologischen Bedingungen produziert wird“, sagt Arbeiterkammer-Präsident Herbert Tumpel. Der Konsument kann sich nicht sicher sein, ob das Produkt, das er billig ersteht, möglicherweise von Kinderhänden hergestellt wurde. Um dem Konsumenten freie Wahl zu lassen, ob er trotzdem zugreifen will, schlägt Tumpel vor, die Herkunftsländer der Produkte genau zu kennzeichnen. Doch die Beispiele, in denen Konsumenten bessere Arbeitsbedingungen durchsetzen konnten, sind äußerst dünn gesät.

Wo auf der einen Seite Konsumenten profitieren, leiden auf der anderen Seite Arbeitnehmer: nämlich dann, wenn ihr Arbeitsplatz aufgrund des immer größer werdenden Drucks, Waren günstig anzubieten, ins Ausland verlegt wird. „Wer seinen Arbeitsplatz verliert, kann sich auch keine billigeren Produkte mehr kaufen“, sagt Tumpel sarkastisch.

Verlagerung 2.0. Arbeitsplatzverlagerung ist ein Thema, das im Gefolge der Krise ­wieder an Dynamik gewinnt. Auch das ­verschweigt die Studie nicht. „In den vergangenen Jahren hat die Anzahl der Arbeitsplatzverlagerungen zwar deutlich abgenommen. Aber aufgrund der großen Sparzwänge stehen wir am Anfang einer neuen Welle“, sagt Studienautor Florian Schwillinsky vom icei. Das Institut hat mehr als 850 Unternehmen befragt, die international ausgerichtet sind – sprich mehr als zehn Prozent exportieren oder an Vorprodukten importieren oder einen Teil der Produktion ins Ausland verlagert haben. Aus Österreich wandern jährlich etwa 9000 Arbeitsplätze ab.

Auffällig ist jedoch, dass die Verlagerung langsam ein anderes Gesicht bekommt: Anstatt Tochterunternehmen zu gründen, suchen sich die Firmen Partner im Ausland, schließen mit ihnen detaillierte Lieferungsverträge für Vor- oder Zwischenprodukte ab. Damit umgehen sie eine Reihe von Problemen, mit denen sich die Unternehmen in der Vergangenheit blutige Nasen geholt haben: Zu groß waren oft die kulturellen Unterschiede, um über Landesgrenzen hinweg ein einheitliches Unternehmen zu schmieden.

Häufig ist noch nicht einmal der erhoffte Spareffekt eingetreten, weil die Produktivität im Ausland enorm hinter der österreichischen lag. „Ein Unternehmen hat mir berichtet, dass sie für die gleiche Arbeit in Österreich ein Team von drei Personen und in China 13 brauchen“, so Schwillinsky.

Doch selbst wenn Arbeitsplätze nicht mehr unter dem Unternehmensnamen verlagert werden – der negative Effekt auf die Beschäftigung in Österreich ist ähnlich groß. Betrachtet man die internationalisierten Unternehmen jedoch insgesamt, so schlägt der negative in einen positiven Effekt um: Für jeden verlagerten Arbeitsplatz entstehen in diesen Unternehmen 1,55 neue. Auch Studien des österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts, der Nationalbank und zahlreiche Studien aus Deutschland belegen die positiven Beschäftigungseffekte der Internationalisierung von Unternehmen. Die Gründe dafür sind, dass die Unternehmen wettbewerbsfähiger werden und international bessere Chancen haben, ihre Produkte abzusetzen. Sie erschließen neben dem gesättigten österreichischen Markt neue Märkte und stärken mit dem Wachstum im Ausland den heimischen Mutterbetrieb.

Allerdings verändert sich die Art der Arbeitsplätze. „Bildung ist der Treibstoff, den der Arbeitsmarkt braucht“, fordert Paierl. „Arbeitsplätze werden in Zukunft nur noch im innovativen Bereich entstehen. Einfache Jobs wird es bestenfalls im gleichen Umfang wie jetzt geben“, so Schwillinsky. Er ärgert sich über die fehlgeleiteten Heilsversprechungen der Politik: „Man muss den Leuten ehrlich sagen, dass man bestimmte einfache Jobs nicht retten kann.“

Bildung. Während einfache Tätigkeiten zunehmend im Ausland verrichtet werden, steigt die Nachfrage nach hoch qualifiziertem Personal. Für den Einzelnen ist die Tatsache, dass insgesamt mehr Arbeitsplätze entstehen als wegfallen, wenig tröstlich. Ein Fließbandarbeiter kann nicht von heute auf morgen Ingenieur werden. In den USA gibt es deswegen einen speziellen Fonds, der „Globalisierungsverlierern“ Hilfe in Form von Umzugs- und Umschulungsbeihilfen anbietet. „In Europa federt der Sozialstaat viel ab“, sagt Annika-Stormy Mildner von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. Doch mit Arbeitsplatzgarantien und Subventionen für Industrien, die keine Zukunftsperspektive haben, kann man die Entwicklung bestenfalls verzögern, nicht aber aufhalten.

Gänzlich ohne Produktion wird Österreich dennoch nicht auskommen. Um sinnvolle Forschung und Entwicklung zu betreiben, braucht es die Anbindung an die Praxis. Österreichische Unternehmen sind vor allem bei Weiterentwicklungen stark. Könnten die Ingenieure nicht mehr in die Werkshallen gehen, um eine Idee auszuprobieren, würde der Innovationsprozess stocken.

„Trotz Krise ist der Export noch immer der Jobmotor in Österreich“, so Schwillinsky. Ein Motor, der sich durch protektionistische Maßnahmen leicht abwürgen lässt. Denn die Erfahrung zeigt, dass Schutzzölle oder Einfuhrbeschränkungen nur kurze Erleichterung schaffen. Die betroffenen Staaten schlagen zumeist umgehend zurück. Der Effekt: Kurzfristig können inländische Betriebe aufatmen, doch die exportorientierten Unternehmen bekommen Schwierigkeiten. In den dreißiger Jahren haben vor allem die protektionistischen Maßnahmen dafür gesorgt, dass aus der Wirtschaftskrise eine tiefe Depression wurde.

Anstatt sich gegenseitig mit protektionistischen Klauseln in Konjunkturpaketen zu schaden, hat WTO-Chef Pascal Lamy ­einen anderen Vorschlag: „Der Abschluss der Doha-Runde wäre ein globales Wachstumspaket.“ Das Ziel der Verhandlungen unter dem Dach der WTO ist es, Handelshemmnisse abzubauen, unter denen vor allem die Entwicklungsländer leiden. Davon könnte ein wirtschaftlicher Stimulus ausgehen, von dem alle profitieren können. Insbesondere Entwicklungsländer, die sich ­eigene Konjunkturpakete nicht leisten können. Notwendigerweise müs­ste das jedoch von einem Investitionspaket in die internationalen Organisationen begleitet werden, damit die Politik eine Chance hat, der Wirtschaft Paroli zu bieten – und untragbare Arbeitsbedingungen zu unterbinden.