Sturm und Zwang

Fußball. Zwei Siege gegen Wales haben Teamchef Hans Krankl gerettet. Er wird seinen Job fürs Erste behalten. Zumindest der Unterhaltungswert der National-mannschaft ist damit gesichert.

Der 22. März ist nicht Hans Krankls bester Tag. Irgendetwas scheint ihm zu fehlen, hoffentlich nichts Ernstes. Krankl sitzt da, bewegt sich nicht, schaut ins Leere. Atmet er noch? Ja, zum Glück. Gerade hat er tief Luft geholt, jetzt presst er sie leise zischend durch die Nase wieder heraus. Er reibt sich die Augen. Er kratzt sein linkes Ohr. Er legt die Hände zurück auf den Tisch. Damit ist der kurze Energieschub auch schon verpufft. Krankl wird wieder zu Stein.
Man würde den armen Mann gern in Ruhe lassen. Aber das geht schlecht auf einer Pressekonferenz, die seinetwegen stattfindet. „Hans, kann man sagen, dass Wales in der Defensive schwächer ist?“, fragt ein Journalist vorsichtig. Krankl unterdrückt einen Seufzer, vielleicht ist es auch ein Gähnen, bevor er sich zu einer Antwort aufrafft: „Ja, aber das müssen wir erst einmal ausnützen.“
Wie soll es nur weitergehen mit dem österreichischen Fußball, wenn schon der Trainer so am Sand ist?
Entwarnung – noch geht die Welt nicht unter. Krankl ist, wie sich herausstellt, nicht depressiv, sondern nur grantig. Er mag die Pressetermine vor den Spielen nicht. Er mag auch keine Journalisten. Und er zeigt das gern.
Acht Tage später ist Hans Krankl nicht wiederzuerkennen. Die österreichische Fußballnationalmannschaft hat gerade ihr zweites Spiel gegen Wales gewonnen. Krankl steht vor den Kameras und wirkt beseelt wie ein Pilger nach der Marienerscheinung. Höhere Mächte sind seiner Meinung nach auch tatsächlich im Spiel gewesen: „Ich danke dem lieben Fußballgott, der einmal auch auf mich runtergeschaut hat.“

Der Gott der Kicker hat mit Hans Krankl wahrhaftig beide Hände voll zu tun. Seit der ehemalige Stürmerstar im Februar 2002 Trainer der österreichischen Nationalmannschaft wurde, verfolgen ihn die Gerüchte über seinen bevorstehenden Rauswurf ebenso hartnäckig wie früher die Manndecker gegnerischer Teams. Alles andere als zwei Siege gegen Wales hätte nun wohl sein Schicksal besiegelt. Friedrich Stickler, Präsident des Österreichischen Fußballbundes (ÖFB), hatte für den Fall eines Misserfolgs bereits angekündigt, „über alles zu diskutieren“. Nun bekommt Krankl einen weiteren Aufschub. Mit Jahresende läuft sein Vertrag aus, aber vielleicht darf er sogar bleiben und das Team in die Heim-Europameisterschaft 2008 führen.

Es ist unter heimischen Fußballfans noch umstritten, ob das ein Grund zur Freude wäre. Hans Krankl war als Stürmer Weltklasse, aber sein Genie als Trainer leidet bis dato an Beweisnotstand. Zwar findet er selbst, „dass es keinen Besseren als mich gibt“. Leider hat das Nationalteam unter seiner Führung trotzdem die Qualifikation für die Europameisterschaft 2004 in Portugal verfehlt, und auch die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland wird, aller Wahrscheinlichkeit nach, ohne Österreich stattfinden. In der FIFA-Weltrangliste liegt das Team derzeit auf Platz 80 – gut 20 Ränge schlechter als bei Krankls Amtsantritt.

Grund zur Hoffnung. Es gibt nicht wenige Trainer, die mit einer solchen Bilanz zum Spazierengehen auf Vereinskosten geschickt wurden, damit sie nicht noch mehr Schaden anrichten.
Andererseits: Immer wieder einmal, wenn schon keiner mehr damit rechnet, spielt die Krankl-Truppe so, als wäre der österreichische Fußball doch irgendwie ernst gemeint. Als bestünde Grund zur Hoffnung auf bessere Zeiten. Als seien diese Zeiten vielleicht gar nicht so fern. Und die Zugabe kommt nach dem Match: Hans Krankl im Adrenalinrausch, völlig aufgelöst, mit den Nerven am Ende und nur durch seinen Helmut-Lang-Anzug daran gehindert, aus der Haut zu fahren. So etwas haben nicht einmal die Brasilianer.
Mancher Ausnahmezustand des Trainers ist satirisch nicht mehr zu erhöhen. Das Kabarett-Duo Stermann und Grissemann bestreitet einen Teil seines neuen Programms einfach damit, O-Töne von Krankl einzuspielen. Eines der Highlights sind die Kommentare nach dem Spiel gegen Nordirland im Oktober des Vorjahres. Ein Gegentor in der 94. Minute hatte die Österreicher den Sieg gekostet, und der Trainer war außer sich – vor Begeisterung und vor Enttäuschung: „Wenn ich seh, wie der 33-jährige Kühbauer 70 Meter geht in einem Konter in der 88. Minute – lacht da nicht jedem das Herz in Österreich?“, sprudelte Krankl. „Das dritte Tor der Nordiren war irreregulär. Dieser Schiedsrichter hat in Europa nix verloren, da muss sich die UEFA was überlegen.“
Als Fan hat einen das irgendwie getröstet. Krankl ist bekannt für extreme Stimmungsschwankungen. Und er wirkt damit wie ein Abziehbild der österreichischen Fußballwirklichkeit. Raunzerei und Raserei liegen bei ihm, wie beim Publikum, nur einen Steilpass voneinander entfernt. Jedes Spiel entscheidet aufs Neue zwischen Depression und gnadenloser Selbstüberschätzung. Krankl personifiziert so ziemlich alles, was man über den heimischen Fußball wissen muss, die glorreiche Vergangenheit inklusive. In dieser Hinsicht gibt es tatsächlich keinen Besseren.
Am Tag nach dem Match sitzt Krankl im Hotel Hilton Vienna Danube, trinkt einen kleinen Braunen und ist bestens gelaunt. Es war ein armseliger Kick, das kann auch er nicht bestreiten. Aber ein Sieg ist ein Sieg. Krankl hat seinen Gegnern wieder einmal heimgeleuchtet. Bis zum Spiel gegen Polen im September sollte jetzt Ruhe einkehren rund um seinen Dienstvertrag. „Nach sechs Punkten gegen Wales kann die Stimmung nur positiv sein.“ Er lächelt freundlich, daran muss man sich erst wieder gewöhnen. In den Wochen davor war sein TV-Werbespot für Zucker die einzige Gelegenheit gewesen, einen entspannten Krankl zu besichtigen. Die häufig zur Schau getragene schlechte Laune sei bloß eine Maske, behauptet er. „Außerdem sollen die Journalisten ruhig mein grantiges Gesicht kennen lernen, wenn sie mich schlecht behandeln.“

Mehr Respekt. So furchtbar war die Behandlung eigentlich nicht. Da und dort wurde über eventuelle Nachfolgekandidaten spekuliert – nur für den Fall. Aber der Mann ist nun mal sensibel. „Ich vermisse manchmal den Respekt gegenüber meiner Person“, sagt Krankl. „Dagegen wehre ich mich. Ich verlange Respekt, weil ich der Herr Krankl bin und einiges für dieses Land im Fußballsport geleistet habe.“ In Kroatien, Italien oder Spanien werde er deutlich zuvorkommender behandelt als daheim, findet er. „Es geht nicht, dass meine Aufstellung kritisiert wird oder meine Taktik. Das lass ich mir nicht gefallen.“ Schließlich sei er 20 Jahre lang Fußballer gewesen und jetzt auch schon wieder 15 Jahre lang Trainer. „Ich war im Paradies, hab die besten Trainer gehabt. Mir die Kompetenz abzusprechen ist unfassbar.“
Didi Constantini, früher Co-Trainer des Nationalteams und ein alter Krankl-Freund, hält diese Empfindlichkeiten für übertrieben: „Sein Verfolgungswahn ist nicht angebracht.“ Diskussionen über den Coach seien im Fußball schließlich ganz normal. „Krankl beklagt sich dauernd über seine vielen Neider. Da muss ich ihn schon fragen: Wäre es ihm lieber, wenn er bemitleidet wird?“
Krankl ist von Natur aus mit einem großen und folglich pflegebedürftigen Ego ausgestattet. Und er hatte lange Zeit kaum Gelegenheit, sich an Kritik zu gewöhnen. Solange er selber spielte, hörte er meistens nur Lob. An seinen Leistungen als Stürmer gab es nichts zu bekritteln. Krankl war einer der wenigen Stars, die das heimische Kickerwesen hervorgebracht hat – und ein guter Schmähführer obendrein. Zum Nationalhelden wurde er bei der WM 1978 in Argentinien, als er in Cordoba zwei Tore gegen Deutschland schoss. Danach ging Krankl zum FC Barcelona, einer Weihestatt des Fußballs, wo er nicht nur seinen Ruf als Goleador festigte, sondern auch die Allüren-Sammlung komplettierte. Einem Barca-Star wird in Spanien jeder Wunsch von den Lippen abgelesen. An so etwas gewöhnt man sich.
Natürlich nahm Krankl an, dass es in dieser Tonart ewig weitergehen würde. Doch der Rollenwechsel ins Trainerfach bereitete Probleme. Sieben Vereine beglückte der Ex-Goleador bisher mit seinem Know-how, keiner schaffte den großen Erfolg. Der Trainer Krankl sei ein guter Motivator, heißt es; einer, der die Mannschaft zusammenschweißt und für Stimmung sorgt. Strategie und Taktik dürften ihn weniger enthusiasmieren. Der Fußballer Michael Hatz, der bei Rapid und Admira unter Krankl gespielt hat, bestätigt das vorsichtig: „Es gibt vielleicht Trainer, die dem mehr Bedeutung beimessen. Aber es war toll, für ihn zu spielen.“
Als Krankl Teamchef wurde, galt sein Bestreben zunächst fast ausschließlich der
Suche nach jungen Talenten. Zeitweise herrschten für die Aufnahme ins Nationalteam ähnliche Bedingungen wie bei der Musterung für das Bundesheer: Wer einen österreichischen Pass besaß und nicht schwer lahmte, musste mitmachen. In 28 Spielen setzte Krankl bis dato 63 Spieler ein, darunter 37 Frischlinge. Nur wenige Entdeckungen erwiesen sich als guter Griff, etwa der GAK-Mittelfeldspieler René Aufhauser. Die meisten Beförderungen mussten wegen Nichteignung wieder rückgängig gemacht werden. Dafür verzichtete Krankl zu lange auf Routiniers wie den Mattersburger Didi Kühbauer und Ivica Vastic, derzeit bei Austria Wien. Beide hatten den Teamchef zuvor verärgert, Kühbauer mit seinem losen Mundwerk, Vastic mit seiner Weigerung, aus Japan zur Nationalmannschaft anzureisen. Krankl ist leider nachtragend.
Andere sind das auch. Dass der Teamchef im Vorjahr nur ein EM-Match in Portugal live sah und den Rest via TV verfolgte, hängt ihm bis heute nach. Krankls patziger Konter machte die Sache nicht besser. „Ich weiß, wie die aufwärmen, ich weiß, was der Beckham für ein neues Tatoo hat, im Fernsehen kriegst ja heute schon alles besser mit“, sagte er damals. Heute bezeichnet er diese Aussage als Trotzreaktion. „Das hab ich nur zu Fleiß gesagt. Weil ich lass mich nicht zu etwas zwingen.“
Dass er gelegentlich Fehler gemacht hat, will Krankl nicht völlig ausschließen. „Man macht nie alles richtig. Richtig ist das, was wir seit ungefähr einem Jahr machen.“ Jetzt habe er eine Mannschaft mit Charakter und Herz. „Dafür hab ich lange gebraucht. Ob es zu lange war, wird sich zeigen.“
Didi Constantini muss Krankl in dieser Hinsicht verteidigen. Es wäre nicht dessen Schuld, wenn das Team nicht zur WM nach Deutschland fahren sollte. „Als Teamchef ist man abhängig von der Zahl der Klassespieler. Wir sind drittklassig im Fußball. Aber dafür ist hauptsächlich das System im ÖFB verantwortlich“, sagt Constantini. „Im Moment wäre es das Beste, wenn Krankl mit diesem Team bis zur EM 2008 weiterarbeitet.“
Auch Rudolf Quehenberger, Präsident von Austria Salzburg, lässt über Krankl nichts kommen. „Er ist ein großartiger Motivator. Aber Tore schießen müssen die Spieler.“
Das werden sie auch, glaubt Krankl. Zumal es neulich so einfach war. Als er im walisischen Cardiff 15 Minuten vor Schluss Ivica Vastic einwechselte, lautete des Trainers Anweisung schlicht: „Geh eini und moch a Goal!“ Vastic gehorchte umgehend. Jeder Laie hätte dem Spieler wohl Ähnliches empfohlen. „Aber wer weiߓ, sagt Krankl, „ob er es dann auch gemacht hätte?“
Das war ein Scherz. Hoffentlich.

Von Rosemarie Schwaiger