Suchtgift: Erntedank am Hindukusch

Das größte Drogenlabor der Welt wird von NATO-Truppen beschützt: Noch nie hat ein Land so viel Heroin hergestellt wie Afghanistan in diesem Jahr. Der Westen weiß fast alles darüber – und findet trotzdem keine Abhilfe dagegen.

Der Drogenfahnder kam mit 27.000 km/h, und er kam immer wieder, an manchen Tagen sogar alle zwei Stunden. Trotzdem blieb er völlig unbemerkt – was daran lag, dass er sich den Dealern nie weiter näherte als auf 680 Kilometer.

Aus seiner Umlaufbahn hoch über der Erde zoomte der Beobachtungssatellit Ikonos das ganze Frühjahr 2007 hindurch immer wieder auf Afghanistan hinunter und fotografierte ins Grüne: dorthin, wo sich in der kargen Landschaft die Felder der Opiumbauern abzeichneten.

Inzwischen sind die dabei entstandenen Fotos von der Unodc (Büro der Vereinten Nationen für Drogen und Verbrechen) ausgewertet und mit Informationen vom Boden abgeglichen. Das Ergebnis übertrifft alle Befürchtungen: Afghanistan ist im sechsten Jahr nach dem Sturz des radikalislamischen Taliban-Regimes zum größten Drogenlabor der Welt geworden – unter den Augen von fast 40.000 Soldaten unter Befehl der NATO, die hier für Sicherheit und Stabilität sorgen soll.

Das einzig greifbare Ergebnis ihres Einsatzes ist bislang, dass in Afghanistan mittlerweile 93 Prozent der weltweiten Opiumproduktion abgewickelt werden. „Kein anderes Land der Welt hat jemals zuvor Betäubungsmittel in einem so tödlichen Ausmaß hergestellt“, bilanziert Antonio Maria Costa, Direktor der Unodc.

Auf insgesamt 193.000 Hektar (einer Fläche von der Größe des halben Burgenlands) wurde die robuste Pflanze vergangenes Jahr in Afghanistan angebaut.

3,3 Millionen Menschen (so viel wie die Bevölkerung von Wien, Niederösterreich und dem Burgenland zusammen) waren mehr oder weniger unmittelbar mit Aufzucht, Ernte und Verarbeitung beschäftigt.

Sie produzierten insgesamt 8200 Tonnen Opium. Der Großteil davon wurde umgehend exportiert – 3300 Tonnen als Rohopium, schätzungsweise 660 Tonnen als Heroin und seine Ausgangssubstanz Morphin.

Verkaufswert insgesamt: vier Milliarden US-Dollar, die Hälfte des Bruttoinlandsproduktes von Afghanistan. Ein Gutteil davon fließt in die Kassen der Taliban.

Marktwert des Endprodukts, das in verschnittener Form auf den Schwarzmärkten von Europa, Asien oder sonst wo landet: bis zum Hundertfachen, also 400 Milliarden Dollar (270 Milliarden Euro).

Zum Vergleich: Das österreichische BIP wird 2007 bei rund 260 Milliarden Euro liegen.

Comeback. Dass der Westen der Opium-Überproduktion in Afghanistan hilflos gegenübersteht, ist nicht nur ein Beweis für das Scheitern aller bisherigen Bemühungen, die Lage im Land unter Kontrolle zu bringen. Es belegt auch das Comeback der Taliban. „Sie haben sich als echte Widerstandsbewegung erwiesen“, analysiert der internationale Think Tank Senlis Council in einem jüngst publizierten Report. „Ihre Fähigkeit, eine Präsenz im ganzen Land zu entwickeln, ist inzwischen zweifelsfrei belegt … vor allem in Südafghanistan.“

Die wichtigsten Anbaugebiete für Schlafmohn liegen jedoch genau dort. Und somit im Kernland der Gotteskrieger. Von hier aus übernahmen die radikalen Islamisten im Lauf der neunziger Jahre schrittweise die Macht im Land – und dort befand sich nach ihrem Fall im Herbst 2001 auch ihre letzte Bastion.

Dann verschwanden sie im unwegsamen Gelände abseits der Städte und Hauptverkehrsrouten. Aber je weiter die westlichen Soldaten dorthin vordrangen, desto mehr wurde auch klar, wie wenig sie eigentlich zu bestimmen hatten. Überall, wo die Truppen der ISAF (International Security Assistence Force) nicht präsent waren – also im Großteil des Landes –, machten sich die Gotteskrieger wieder breit.

Besonders in der Provinz Helmand, wo sich rund 50 Prozent der Opium-Anbauflächen Afghanistans und damit annähernd die Hälfte aller Schlafmohnfelder der Welt befinden: Fast 102.000 Hektar entdeckten die Auswerter der Unodc auf den Satellitenbildern von Ikonos. Im Jahr 2003 waren es gerade einmal 15.000 Hektar gewesen.

Korruption. Vier- bis fünfmal pro Saison können die Schlafmohnkapseln der dort angebauten Sorten angeritzt werden, um aus der austretenden Milch Opium zu gewinnen. Alleine in Helmand waren damit nach Berechnungen der Unodc im vergangenen Sommer mehr als 1,5 Millionen Menschen beschäftigt.

Während sich die NATO darin versucht, die afghanische Regierung bei der Bildung stabiler Strukturen zu unterstützen, entwickelt sich parallel dazu eine Volkswirtschaft, die völlig auf dem Handel mit Suchtgift basiert. Staatsform: halbdemokratisches Drogenkartell.

Es kommt nicht von ungefähr, dass Unodc-Direktor Costa die „wohlwollende Duldung von Korruption“ durch die Regierung von Präsident Hamid Karzai kritisiert. Ein Bruder des Staatschefs war in Kandahar lange Zeit dick im Opiumgeschäft. Wie auch der oberste Suchtgiftfahnder des Landes. Beide Herren sollen auf einer geheimen Fahndungsliste für Drogenbosse gestanden, nach deren Bekanntwerden aber umgehend davon gestrichen worden sein.

Noch geringer als auf die Regierung ist der Einfluss des Westens naturgemäß auf die Taliban im Süden des Landes. Nahezu ungehindert können sie Drogenlabors und Großmärkte betreiben, obwohl deren Standorte der Unodc inzwischen weitgehend bekannt sind. Die Grenzen nach Pakistan, Iran und Tadschikistan sind weitgehend offen. 167 illegale Übergänge haben die Drogenfahnder der Unodc bereits ausfindig gemacht. Sie wissen, wie viel afghanisches Opium im Osten des Iran kostet (durchschnittlich 600 US-Dollar pro Kilo) und wie viel man in Tadschikistan für Heroin zahlt (4500 Dollar pro Kilo). Sie haben sogar nachvollzogen, wie sich ein Gramm Heroin am Weg nach Europa schrittweise verteuert: von 2,50 Dollar mit 90 Prozent Reinheitsgrad in Afghanistan auf 18 in Slowenien. Sie wissen, dass man in Österreich am Schwarzmarkt 65 bis 80 Euro dafür zahlt – bei einem Reinheitsgrad von nicht mehr als fünf Prozent.

Was sie aber immer noch nicht wissen: warum der Markt in Europa nicht mit billigem Suchtgift aus Afghanistan überschwemmt wird (siehe Kasten), obwohl in Afghanistan fast 3000 Tonnen mehr Opium hergestellt wurde, als für den langjährigen Bedarfsdurchschnitt weltweit nötig wäre. Vielleicht geht viel davon nach Zentralasien, Russland und China. Vielleicht wird es aber auch bloß gebunkert, um die Preise nicht zu ruinieren.

Die Opiumbauern kümmert all das nicht. Lediglich in jenen Dörfern, die spürbare Unterstützung von der Regierung oder von Hilfsorganisationen erhalten hatten, stieg die Bereitschaft, auf den Schlafmohnanbau zu verzichten. Und in Afghanistan gibt es viele Dörfer, in die noch keine Hilfe vorgedrungen ist.

Und die Mehrzahl jener Bauern, deren Felder 2006 von der Regierung und der NATO niedergepflügt wurden, haben 2007 wieder Opium gepflanzt. Um, wie viele von ihnen bei Befragungen durch die Unodc angaben, ihre Armut zu lindern.

Und an dieser Motivation wird sich, solange in Afghanistan ein Hektar Schlafmohn den zehnfachen Gewinn eines Hektars Weizen abwirft, so bald auch nicht viel ändern.

Von Martin Staudinger