Norbert Gstrein: „Das schreit nach der Zwangsjacke”

Der Tiroler Schriftsteller Norbert Gstrein über das Glück des Lesens, die Tugenddiktatur der katholischen Kirche und seinen neuen Roman „Eine Ahnung vom Anfang“.

Interview: Wolfgang Paterno

profil: In Ihrem neuen Roman laboriert einer der Protagonisten an „Bücherverrücktheit“. Kann Lesen die Gesundheit gefährden?
Gstrein: Das ist eine der zentralen Fragen des Buchs. Trägt Lesen zum Gelingen des Lebens bei? Oder macht exzessive Lektüre lebensunfähig? Der Erzähler in meinem Roman, ein Lehrer, hält seinen Bruder und einen seiner Schüler zum Lesen an – worauf beide Biografien scheitern.

profil: Gottfried Benn hatte also recht, als er meinte, dumm sein und eine Arbeit zu haben – das sei das Glück?
Gstrein: Eine Art Glück vielleicht. Aber manchmal ist das Unglück vorzuziehen. Warum also lesen? Weshalb alles verkomplizieren, wenn es vermeintlich einfach geht? Für mein eigenes Leben ist die Antwort klar: Meine Existenz- und Atemmöglichkeiten haben mit Lesen zu tun, mit der Chance, nicht der sein zu müssen, der ich immer hätte sein sollen. Literatur bietet die einzigartige Gelegenheit, sich lesend und schreibend neu erfinden zu können, anderer Leute Leben auszuprobieren.

profil: Lesen als probates Mittel, der Realität zu entfliehen?
Gstrein: Nein. Lesen als Möglichkeit, um Sinnfragen zu exemplifizieren, auf die es zwar keine Antworten gibt, aber statt einer Antwort Modelle in der Literatur. Wittgenstein meinte, die Welt sei alles, was der Fall ist. Wer eine Tendenz zum Transzendenten verspürt, kann sich damit nicht zufriedengeben.

profil: Laut jüngsten Statistiken lesen Frau und Herr Österreicher durchschnittlich knapp zehn Minuten pro Tag in einem Buch.
Gstrein: Mir sind jegliche Missionierungsambitionen fern. Ich blicke auf Menschen, die das ganze Jahr über keinen Roman aufschlagen, nicht herab. Zugleich wird mir aber der Weltzugang der Nicht-Leser immer fremd bleiben: Wie kann man sich selbst freiwillig von einem der größten Abenteuer überhaupt ausschließen?

profil: Man sei das, was man liest, heißt es dazu in „Eine Ahnung vom Anfang“.
Gstrein: Ich stimme mit diesem von Elias Canetti geborgten Gedanken völlig überein. Die jugendlichen Protagonisten im Roman nehmen die Literatur überaus ernst. Sie sind fundamentalistische Leser, die an ein moralisches Schwarz-Weiß glauben und deshalb für Grauwerte nicht sehr empfänglich sind. Sie machen keine Kompromisse in dieser Hinsicht, sondern fragen sich, ob nicht vieles besser wäre, wenn man die Moral aus den Büchern auf die Lebensrealität übertrüge. Das mögen naive Gedanken von 14-Jährigen sein, in der Art: Wenn alle sich lieb hätten, würde es keine Kriege mehr geben. Aber vielleicht könnte man es ja einmal ernsthaft damit versuchen.

profil: Das hätte Hermann Hesse nicht schöner formulieren können.
Gstrein: Hesses Literatur war mir nie besonders nahe – auch wenn ich in diesem Zusammenhang dem Verlag eine verwegene Werbelinie für den Roman vorschlagen wollte, gleichsam als ironischen Buchrückentext: „,Eine Ahnung vom Anfang’ ist ein Buch, das Hermann Hesse und Peter Handke gern geschrieben hätten – es aber nie getan haben.“ Im Roman enden die Fragen nach dem Lebenssinn, die im Grunde ohne Antworten bleiben müssen, allerdings nicht in der Esoterik dieser beiden Großmeister, sondern in der Gewalt gegen sich selbst oder ein unbestimmtes Außen.

profil: Im Roman spielen Bombendrohungen und ein tatsächlich gezündeter Sprengsatz eine Rolle ...
Gstrein: ... der Ausgangspunkt war aber ein bestimmtes Bild: ein Lehrer, zwei Jungen, ein Sommer an einem Fluss, eine beinahe paradiesisch anmutende Konstellation, die selbst der Literatur – Mark Twains Klassiker „Huckleberry Finn“ – entstammt. Daraus hat sich die Geschichte entwickelt. Die drei Protagonisten lesen und diskutieren Fragen, die man sich in den Jahren der Pubertät so intensiv wie später nie mehr stellt: Hat es überhaupt Sinn, mit dem Leben zu beginnen? Warum soll man sich damit abplacken: Beruf, Ehe, Kinder, Sterbebett? Welche Auswege gibt es?

profil: Und: Gibt es welche?
Gstrein: Kein Leben lässt sich wie ein Schulaufsatz mit Einleitung, Hauptteil und Schluss erzählen – und darin liegt ein Ausweg. Schenkt man dem Existenzialismus Glauben, birgt jeder Daseinsaugenblick die Abzweigung in etwas ganz Anderes, Ungeahntes. Einerseits ist das erschreckend. Auf der anderen Seite hält dieser Gedanke viel Tröstliches bereit, denn auf diese Art fügt sich kein einziges Leben zu einer zwingenden Einheit – auch wenn es nach dem Tod so scheinen mag.

profil: Erkunden Sie im Roman auch Ihre eigene Jugend?
Gstrein: Durchaus. Als Kind und Jugendlicher habe ich wie alle an erstaunlich viele Dinge geglaubt, die ich später aufgegeben habe, freiwillig oder aus Not. Einer der Jungen im Roman fragt einen Älteren, was dieser aus der Zeit seiner Kindheit am meisten vermisse – keine einfache Frage, weil die Gefahr von Kitschauskünften groß ist. Dessen Antwort lautet: Ich vermisse alles, woran ich als Kind geglaubt habe. Ich vermisse den Knaben, der ich einmal war.

profil: Der Erzähler bemerkt an einer Stelle, er notiere vorwiegend Unspektakuläres. Haben Sie keinerlei Bedenken, dass Ihnen die Leser in Scharen davonlaufen könnten?
Gstrein: Überhaupt nicht. Ich selbst finde den Roman ja überaus spektakulär. Man muss dem Erzähler, der seine Geschichte defensiv erzählt, ja nicht trauen, wenn er diese Auskunft gibt. Der Roman stellt den Versuch dar, vor dem Hintergrund unserer eigenen Kultur die Geschichte einer Radikalisierung zu erzählen. Kein muslimischer Attentäter treibt hier sein Unwesen, sondern ein fanatischer katholischer Ministrant, den die Sehnsucht nach Unschuld und Reinheit dazu bringt, Schuld auf sich zu nehmen.

profil: Angesichts der beinahe täglichen Meldungen über Bombenattentate ist das ein problematischer Gedanke.
Gstrein: Natürlich, aber fast jeder Attentäter oder Terrorist bewegt sich in einem verrannten System, innerhalb dessen er seine Aktionen für schlüssig und der Menschheit dienlich hält. In meinem Roman ist dieses System die katholische Religion mit ihren zentralen Rettungs- und Aufopferungsfantasien. Allerdings sind es auch die Bücher, auf fundamentalistische Art gelesen, zum Beispiel Camus.

profil: Tschechow meinte, wenn ein Gewehr an der Wand hänge, muss es schießen. Lassen auch Sie die Bombe nach diesem Rezept hochgehen?
Gstrein: Nein. Im Roman öffnet sich vielmehr die Büchse der Pandora. Die Geschichte nimmt am Ende eine Wendung ins Schrecklich-Österreichisch-Provinzielle und Fremdenfeindliche.

profil: Wie in vielen Ihrer Werke finden sich auch in „Eine Ahnung vom Anfang“ zahllose emphatische Amerika-Bilder. Fürchten Sie keine Fehlinterpretationen?
Gstrein: Nein, wenn Sie das im Augenblick kippende Amerika-Bild meinen. Die Bilder stammen aus meiner Biografie als Leser nord- und südamerikanischer Literatur – und sind Bilder der Freiheit. Ich habe zum Glück nicht Germanistik studiert und deshalb sehr wildwüchsig gelesen, vorwiegend ausländische Literatur. Wir sind nach dem Krieg amerikanisiert worden, das kann man mögen oder nicht. Meine Fantasie- und Sehnsuchtsräume sind dadurch jedenfalls mehr bestimmt als durch die deutsche oder die österreichische Literatur.

profil: Beispielsweise durch Bücher von William Faulkner und Ernest Hemingway.
Gstrein: In den Büchern Faulkners und Hemingways gibt es jedenfalls Figuren, die sich an ihre Jugend in der Wildnis erinnern, an das Jagen in den Wäldern, an das Fischen, an das freie Leben in der Natur. Ein Jugendlicher oder ein Kind kann da durchaus schon mit zehn Jahren ein Gewehr besitzen. Die amerikanisch-paradoxe Vorstellung vom Paradies ist bisweilen eine mit Schusswaffe.

profil: Viele Passagen in Ihrem Werk kreisen auch um die Frage, ob Schreiben überhaupt Wahrheit abbilden kann. Kann es das?
Gstrein: Schreiben ist ein vollkommen paradoxes Programm, da Wahrheit unmöglich abzubilden ist. Die Fragen müssten daher eher lauten: Ist das Misstrauen dem Schreiben gegenüber künstlerisch fruchtbar? Werden Erzähler und Geschichte so glaubwürdiger? Man kann das natürlich übertreiben. Wie sich ohnehin bei vielen Autoren das Problem der Selbstähnlichkeit irgendwann einstellt: Man fertigt einen Schuh, der immer so aussieht wie jener, den man schon gemacht hat. Ein Thomas-Bernhard-Roman bleibt ein Thomas-Bernhard-Roman. Vielleicht würde man große Autoren wie Bernhard noch mehr bewundern, wenn sie weniger geschrieben hätten, weil irgendwann jeder begriffen hat, dass ein Bernhard-Buch nach bestimmten Mustern funktioniert.

profil: Sie selbst betreiben doch auch eine Manufaktur mit wiedererkennbaren Literaturprodukten.
Gstrein: Einerseits ist es unumgänglich, seine eigene Stimme zu finden. Andererseits gibt es das Problem der Selbstübereinstimmung, das irgendwann unweigerlich entsteht. Viel hängt davon ab, ob ein Autor im Alter so mutig ist, seine lebenslang beherzigten ästhetischen Grundsätze über Bord zu werfen.

profil: Ist Ihnen das in „Eine Ahnung vom Anfang“ ansatzweise gelungen?
Gstrein: Mir schwebt stets vor, dass ich irgendwann eine sehr einfache Geschichte mit einfachen Mittel erzählen werde. Mit meinem neuen Roman bin ich auf dem Weg dorthin, aber vielleicht noch nicht dort.

profil: Sie machen es Ihren Lesern also weiterhin schwer. Einen Bestseller werden Sie so wohl nie landen.
Gstrein: Ich habe Schriftstellerfreunde, die selbst von obskursten Werken hoffen, es könnten daraus Bestseller werden. Das ist die normale Schriftstellerverrücktheit, ohne die es nicht geht, wobei ich eine Spur realistischer bin. Ich glaube aber fest an die Neugier der Welt – gerade auf dieses Buch, auch wenn dieser Glaube möglicherweise eine milde Form des Selbstbetrugs ist.

profil: Haben Sie in dieser Hinsicht mit den Jahren dazugelernt?
Gstrein: Man kann nicht dazulernen. Man muss davon ausgehen, dass den anderen das Gleiche Freude macht wie einem selbst. Die anthropologischen Konstanten sind die gleichen, das Verhalten ist ähnlich, offensichtlich hat man ein ähnliches Gehirn im Kopf.

profil: „Eine Ahnung vom Anfang“ wirkt stellenweise wie eine literarisierte Idylle. Wollten Sie damit den bestsellertauglichen Anti-Anti-Heimatroman etablieren?
Gstrein: Ich habe mich tatsächlich mit der Vorgabe an die Arbeit gemacht, nach all den österreichischen Anti-Heimatromanen mit ihrer Folklorisierung des Negativen einen Heimatroman zu schreiben, einen Heimatroman, der sich nicht auf das Geografische bezieht – es sei denn, man nimmt den Mississippi dazu –, sondern Heimat als eine Art paradiesische Kindheitslandschaft darstellt, allerdings mit Ambivalenzen.

profil: Als Tiroler Autor dürfte Ihnen die Heimatproblematik ohnedies vertraut sein.
Gstrein: Ich bin früher, nach dem ersten Buch, fast schon penetrant danach gefragt worden, was Heimat für mich bedeute. Damals habe ich leicht verlegen geantwortet: Literatur, Sprache. Inzwischen kann ich das nicht mehr hören. Der Erzähler im Roman meint, Heimat sei jener Fleck, an dem das Peinliche vertraut ist und das Vertraute peinlich. Dass Heimat da sei, wo man paradoxerweise die Sprache nicht versteht. Nach einem längeren Auslandsaufenthalt fragt sich der Lehrer bei seiner Rückkehr nach Österreich zu Beginn der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts auch, weshalb plötzlich alle über Heimat sprechen, ob es eine politische Verschärfung im Hintergrund gebe. Natürlich ist das der Fall: Man fühlt sich in Zeiten der Globalisierung von außen bedroht und glaubt, man müsse sich zusammenscharen und Heimat als etwas sehr Kleines definieren.

profil: Auch der Terrorismus scheint längst globalisiert. Im Roman radikalisiert sich ein Bursche vom Land. Wollten Sie die Wurzeln des radikalen Fundamentalismus poetisch erforschen?
Gstrein: Daran war ich weniger interessiert, auch wenn ich es dann getan habe. Der Ursprungsgedanke war eher: Jemand kommt mit sich und der Gesellschaft, in der er lebt, nicht zurande, und all das, was ein gelingendes und gelungenes Leben gemeinhin ausmacht, kommt für ihn, aus was für Gründen auch immer, nicht infrage: Was passiert dann? Der Übergang vom jugendlichen Alter ins selbstverständliche Erwachsensein funktioniert für die meisten offenbar nahtlos – und für einige nicht. Für diese Unglücklichen gibt es keine Ausweichmöglichkeit, weil es für das Nichtgelingen keinen Platz gibt, weil die Welt des Gelingens überall ist. Eine der Möglichkeiten, die eine Nicht-Möglichkeit darstellt, ist Radikalisierung.

profil: An einer Stelle erwähnen Sie die Taliban. Inwiefern passen da die afghanischen Extremisten ins Bild?
Gstrein: Nur als Vergleich. In der europäischen Tradition finden sich genügend Spuren des Fundamentalismus, etwa in Gestalt des italienischen Bußpredigers Savonarola, der im Roman erwähnt wird. Savonarola hat im 15. Jahrhundert eine Tugenddiktatur errichtet, in der Politik und Religion vollständig verschmolzen waren. Alles, was damals Lust und Freude im Leben bereitete, musste zerstört werden und buchstäblich auf dem Scheiterhaufen der Eitelkeit landen. Das scheint mir von den afghanischen Gotteskriegern nicht weit entfernt. Ich erwähne die Taliban und Savonarola nicht, um auf die Taliban zu zeigen, sondern auf uns selbst.

profil: Die katholischen Heiligen kommen bei Ihnen ebenfalls nicht ungeschoren davon.
Gstrein: Dabei handelt es sich um ein weiteres Element problematischen Nachdenkens: Es gibt augenscheinlich nicht wenige Heiligenfiguren innerhalb der katholischen Kirche, deren Persönlichkeitsprofil jenem ähnelt, das auch bei denjenigen zu entdecken ist, die in der Gegenwart zu terroristischer Gewalt neigen.

profil: Sie schreiben im Roman vom „völkermörderischen Gott der Juden“ und schildern gigantische Feuer in Form der Buchstaben „INRI“ an Tiroler Berghängen. Wollen Sie um jeden Preis provozieren?
Gstrein: Keineswegs. Das hat in der richtigen Perspektivierung alles seinen Platz. Ich denke über das Phänomen Religion nach. Altes Testament und Neues Testament: In beiden findet sich Gewaltverherrlichung. Und die Feuer entstammen der Realität. In Tirol werden bis heute zur Erinnerung an den historischen Freiheitskampf gegen die Franzosen am Herz-Jesu-Sonntag Kreuze und „INRI“-Schriftzüge entzündet.

profil: Jesus, schreiben Sie, sei auch der erste und einzig erfolgreiche Palästinenserführer gewesen ...
Gstrein: ... als Gegenpol zum Prädikat „König der Juden“. Dabei handelt es sich vielleicht tatsächlich um eine kleine Provokation. Auf diese Idee bin ich in einem Roman des französischen Autors Mathias Énard gestoßen. Ein zu schöner Fund, den ich zitieren musste.

profil: Der Terrorismus ist vorrangig Aufgabe von Polizei und Kriminalistik. Sollen sich Schriftsteller da überhaupt zu der Erscheinung äußern?
Gstrein: Natürlich. Solange man Verstehenwollen nicht mit Verständnis verwechselt. Oder soll man das Nachdenken einzig der Polizei überlassen?

profil: Das traditionell ambivalente Verhältnis der Kunst zum Kriminellen bedarf wohl ebenfalls einer Neuausrichtung.
Gstrein: Noch zu Beginn des Jahrtausends gab es unter manchen Schriftstellern und Künstlern das Selbstverständnis: Wäre ich nicht Künstler geworden, hätte ich mich entweder umgebracht oder wäre Verbrecher oder Terrorist geworden. Diese schon damals nicht sehr kluge Selbstromantisierung geht heute nicht mehr so einfach. Inzwischen hat man es mit einem Terrorismus einer ganz anderen Kategorie
zu tun, und man sollte sich auch nicht versuchsweise in die falsche Ecke stellen.

profil: Das Prinzip der Weltvertrautheit, die durch Weltfremdheit entsteht, zweifeln Sie ja ebenfalls an.
Gstrein: Die Frage lautet, ob man sich diese selbst auferlegen kann. Der Lehrer im Buch ist da skeptisch. An die Verherrlichung des Einfachen, wie etwa bei Peter Handke, glaubt er nicht. Er hält es auch für wenig wahrscheinlich, dass sein Schüler Daniel, der mutmaßliche Attentäter, der Mathematik studiert und sich so im komplexen Denken geschult hat, an eine Welt glaubt, in der am Wegesrand das Wahre liegt. Im Roman heißt es dazu, der Lehrer halte die Wegrandwahrheit für die Wahrheit weniger der Bedürfnislosen als der Unbedarften.

profil: Sie selbst beschreiben im Roman ebenfalls unzählige Details.
Gstrein: Das ist die Form des Romans. Ich sehe auch keine andere Möglichkeit, um meinen Erzähler glaubwürdig wirken zu lassen. Es ist für mich eine selbstverständliche Methode, Abseitiges zu erzählen, damit das weniger Abseitige umso glaubwürdiger wird. Ich setze mich ja nicht mit einem fest umrissenen Thema an den Schreibtisch, sondern mit Bildern und Situationen, von denen ich erzähle. Ein allzu fest umrissenes Thema ist in der Regel schon ein Problem.

profil: Sie misstrauen Ihren jeweiligen Romanthemen, sobald sich diese beim Schreiben herausbilden?
Gstrein: Auf jeden Fall. Jeder Autor würde Glaubwürdigkeit einbüßen, wenn er seine Geschichte als bloße Zusammenfassung erzählen würde. Das ist auch die Frage vieler Nicht-Leser an Romane: Weshalb sollen wir denn lesen, wenn der Klappentext ohnehin die Geschichte referiert? Woraus sich folgern lässt, dass der Kern jeder Geschichte nicht das Eigentliche ist, dass Erzählen per se durch ganz andere Dinge bestimmt wird.

profil:
„Eine Ahnung vom Anfang“ ließe sich so zusammenfassen: Eine österreichische Provinzstadt wird von einer Bombendrohung erschüttert. Bald darauf kehrt der Alltag wieder ein. Trifft das den Inhalt?
Gstrein: Da halte ich einen ganzen Schwall an Eigenwerbung entgegen: Aber was für wunderbare Szenen finden sich in dem Roman! Die Endlosigkeit eines Sommers! Der Schmerz über das Vergehen der Zeit! Aber im Ernst: In einer Szene mit einem Mädchen meint einer der Jungen zum Lehrer: Ich schätze, ich sollte glücklich sein. Das lässt sich nie auf schieren Inhalt herunterschrumpfen, dieser ganz frühe Schmerz, der bereits in der Jugend die Erkenntnis bereithält, dass jeder Glücksmoment im Augenblick seines Entstehens auch schon wieder vorbei ist – und davon nur eine Art literarisches Glück bleibt: Später werde ich mich daran erinnern, weil ich aus Büchern weiß, dass ich glücklich sein müsste. Das lässt sich mit keiner Inhaltsangabe erfassen.

profil: Trifft das auch auf das außerliterarische Glück eines Menschenlebens zu?
Gstrein: Am Ende haben wir alle einen Grabstein: Name. Geboren. Gestorben. Im Grunde könnte man dem Verstorbenen selbst den Namen rauben, letztlich wäre er dann Einer, der geboren wurde und gestorben ist, von dem nicht viel mehr zu berichten ist. Ich dagegen bin überzeugt, dass sich unglaublich viel, unfassbar viel erzählen lässt. Weil der Mensch im Grab in jedem einzelnen Augenblick seines Lebens lebendig war, und jeder dieser Augenblicke lässt sich in der Literatur wachrufen.

profil: Ihren Roman „Die ganze Wahrheit“ (2010) interpretierten viele Beobachter als maliziöses Porträt von Suhrkamp-Verlegerin Ulla Berkéwicz. In „Eine Ahnung vom Anfang“ erklären Sie, dass die Erfahrung niemand gern mache, sich in einem Roman zu entdecken. Sind Sie klüger geworden?
Gstrein: Im neuen Roman finden sich etliche Reflexionspassagen zu „Die ganze Wahrheit“, die Leser nicht erkennen müssen. Ich hätte „Eine Ahnung vom Anfang“ ohne das vorherige Buch nicht schreiben können. Der Gegenwind, dem ich deshalb ausgesetzt war, hat mich in die Lage gebracht, ein Buch ganz und gar von außen zu schreiben, als eine Art Paria des Literaturbetriebs, und das ist trotz aller möglichen Verranntheit und Verbohrtheit auch ein großes Glück. Ich halte es im Übrigen bis heute für eine moralische Tat, „Die ganze Wahrheit“ geschrieben zu haben.

profil: Suhrkamp kämpft inzwischen ums Überleben .
Gstrein: Was mit dem Verlag passiert, ist traurig. Mein Herz schlägt noch immer für Suhrkamp. Der Verlag wird nicht untergehen, eine Ära scheint aber zu Ende zu gehen, die nicht nur dieses Traditionshaus betrifft. Auch eine sehr gute Führung hätte es in Zeiten wie diesen äußerst schwer gehabt, den Verlag in eine sichere Zukunft zu bringen.

profil: Worum geht es dabei genau?
Gstrein: Mit legendärer Großzügigkeit Bücher zu machen, die anfangs vielleicht keiner haben will und von deren Notwendigkeit man die Leser dann überzeugen kann – diese Form der Suhrkamp-Kultur scheint sich die Gesellschaft nicht mehr leisten zu wollen. Ulla Berkéwicz’ Auseinandersetzung mit dem Hamburger Investor Hans Barlach lässt sich aber sicherlich auch als Chance begreifen. Für den Verlag wäre es das Beste, wenn eine neue Geschäftsführung die alte, die meiner Meinung nach nur mit allen Mitteln zu überwintern versucht, möglichst schnell ablösen würde.

profil: Sie wechseln mit fliegenden Fahnen ins Barlach-Lager?
Gstrein: Nein, ganz und gar nicht. Dennoch halte ich die großflächige Solidarisierung des Feuilletons mit Ulla Berkéwicz für problematisch – nicht die Solidarisierung mit dem Verlag, nicht die Solidarisierung mit Suhrkamp. Es wird da ja nicht nur für das Überleben von Suhrkamp gekämpft – die Bücher und die Autoren werden bleiben, in welchem Rahmen auch immer –, sondern vor allem für das geschäftliche Weitermachen von Berkéwicz, und das halte ich für falsch. Ich habe begründete Zweifel, ob sie die moralische und intellektuelle Integrität hat, diesen Verlag zu leiten. Von Barlach weiß ich das nicht, ich kenne ihn nicht. Aber so wie er in den Medien schwarzgemalt wird, lässt die mindestens sehr dunkelgraue, wenn nicht schwarze Verlegerin mit ihrem Hang zum Okkulten als viel zu hell erstrahlen.

profil: Was bedeutet das konkret?
Gstrein: Im deutschen Großfeuilleton ist derzeit zu lesen: Berkéwicz verliert einen Prozess nach dem anderen – und gewinnt dabei an Ansehen. Das ist doch Wahnsinn. Daran schließt sich doch die Frage nach dem Verständnis von unserer Zivilgesellschaft. Dass wir uns den schönen Dingen des Lebens widmen dürfen, hat unter anderem damit zu tun, dass es Gerichte gibt, die Recht sprechen. Wenn wir das für obsolet erklären, haben wir bald ein sehr großes Problem. Ich werfe natürlich keinem Suhrkamp-Autor vor, dass er sich mit der Geschäftsführung solidarisiert, auch wenn ich mich heute selbst frage, warum wir Autoren, solange ich noch im Haus war, nie ernsthaft über einen Aufstand nachgedacht haben. Es ist eine Loyalität, die ich wahrscheinlich auch hätte, wäre ich noch im Haus. Das Problem mancher Autoren wird allerdings bald sein, dass sich die Geschäftsführung nicht in ähnlicher Weise mit ihnen solidarisieren wird – weil sie es ganz einfach nicht kann.

profil: Peter Handke zeichnete Barlach jüngst geradezu als Teufelsgestalt.
Gstrein: Das muss wohl unter totaler Realitätsverweigerung verbucht werden. Lesen Menschen diese Tirade, müssen sie jedes Vertrauen in Autoren und in die Literatur verlieren. Handke hat Barlach unter anderem als „Feind“, „Satan“ und „Unhold“ bezeichnet. Man sagt immer, Barlach spreche die falsche Sprache. Das mag sein. Mir ist die Sprache des Managements auch fremd. Wenn Barlach meint, Suhrkamp sei ein geiler Verlag – dann möchte auch ich mich umdrehen und weinen. Der „Satan“-Sprech ist mir jedoch genauso fremd. Wir leben in der Realität und nicht in einem Märchenwald, in dem das Wünschen hilft. Die Realität ist nicht böse, wenn sie sich den eigenen Wünschen nicht fügt. Das ist Berkéwicz’sches Denken. Die Realität ist. Punktum! Und daran muss sich auch ein Autor messen oder messen lassen. Handkes Satan-Sätze schreien da im Grunde nach der Zwangsjacke.

Norbert Gstrein, 52,
schreibt seit Jahren sein formal ambitioniertes und inhaltlich verdichtetes Werk, das zugleich stets die Poetologie des Autors spiegelt, so kompromisslos wie konsequent fort. Der promovierte Mathematiker debütierte 1988 mit der in einem Tiroler Fremdenverkehrsort angesiedelten Außenseitererkundung „Einer“, der Geschichte eines Persönlichkeitszerfalls. Gstreins Romanerstling, die fern jeder Chronologie erzählte Schuldparabel „Das Register“ (1992), war ebenfalls im Milieu seiner Tiroler Herkunft angesiedelt. Mit „Fakten, Fiktionen und Kitsch beim Schreiben über ein historisches Thema“ überschrieb der Autor eine seiner Poetikvorlesungen – in den Romanen „Die englischen Jahre“ (1999), „Das Handwerk des Tötens“ und „Die Winter im Süden“ (2008) setzte der Literat sein zersplittert-mosaikartiges Schreiben eindrucksvoll um. Gstrein ist nicht zuletzt ein Virtuose der Provokation, etwa in dem Roman „Die ganze Wahrheit“ (2010), einem kaum verschlüsselten Schlüsselroman über Suhrkamp-Verlegerin Ulla Berkéwicz.