Superstar Hund: Forscher entschlüsseln die einzigartige Intelligenz der Vierbeiner

Lange galt der Hund der Wissenschaft als dümmlicher und degenerierter Wolf. Doch eine junge Forschergeneration befasst sich nun umso intensiver mit dem allerersten Haustier – und enträtselt vor allem dessen Verstand. Studien zeigen: Der Hund versteht den Menschen wie kein anderes Tier und hält ihn wohl für einen Artgenossen.

Die Einzigartigkeit des Hundes offenbarte sich in einem Augenaufschlag. Ádám Miklósi hatte lange auf diesen Moment gewartet. Der 44-jährige Verhaltensforscher an der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest musste dafür eine zwei Jahre dauernde Versuchsreihe starten. Deren Ziel war ein direkter Vergleich von Hunden und Wölfen, und Miklósi schloss einen Faktor aus, der ein solches Vorhaben sonst erschwert: die verschiedenen sozialen Bedingungen, unter denen Wild- und Haustiere üblicherweise leben. Miklósi und sein Team zogen Wölfe auf wie Hunde.

Studenten der Budapester Universität kümmerten sich um die Umsetzung des Projekts. Sie beschafften sich 13 Wolfswelpen aus einem Tierpark, fütterten sie mit der Flasche, nahmen sie im Auto, in der U-Bahn, in Restaurants und zu Besuchen bei Freunden mit. Sie brachten den Jungtieren Kommandos bei und trainierten sie, an der Leine zu gehen.

Über Monate führten die Wissenschafter insgesamt fast 150 Experimente durch. Eines davon bestand darin, Wölfe und Hunde beim Lösen einer Aufgabe zu beobachten: Beide mussten zunächst lernen, sich aus einem kleinen Haushaltsbehälter ein Stück Fleisch zu krallen. Dann wurde das Gefäß so verschlossen, dass alle Mühe vergeblich war – egal, wie sehr sich die Tiere anstrengten, sie gelangten nun nicht mehr ans Futter. Wie würden die beiden Spezies in dieser Situation reagieren?

Während die Wölfe nie aufgaben und unverzagt die Plastikbox bearbeiteten, stellten die Hunde ihre Bemühungen bald ein, setzten sich einfach hin, wendeten den Kopf zu ihren Besitzern und starrten diese an – als wollten sie ihnen signalisieren: Mach das für mich.

Die Forscher fanden diese Beobachtung erstaunlich: Der Hund und sein unmittelbarer Vorfahre verhalten sich, obwohl genetisch fast ident und in diesem Fall unter praktisch denselben Bedingungen aufgewachsen, in derselben Situation völlig verschieden – das eine Tier bemüht sich unentwegt selbst um Problemlösung, das andere sucht per Blickkontakt aktiv die Hilfe des Menschen.

Typisch menschlich. Juliane Kaminski, Ethologin am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie im deutschen Leipzig, kennt ebenfalls Vergleichsdaten zweier Tierarten. In ihrem Fall sind es jene von Hunden und Primaten, denen am Institut ein wissenschaftlicher Schwerpunkt gewidmet ist. So konnten die Forscher an Schimpansen und Hunden ein Experiment durchführen, das „Object Choice Task“ genannt wird.

Dabei finden Tiere folgendes Szenario vor: Etwa einen Meter vor ihnen steht ein Forscher. Links und rechts von ihm ist jeweils ein Blumentopf platziert. In einem der beiden Töpfe befindet sich Futter, wobei die Tiere jedoch nicht wissen, in welchem. Nun zeigt der Forscher die Position des Futters an, indem er eine Hand hebt und mit dem Zeigefinger auf den befüllten Topf deutet (siehe Grafik rechts oben). Dann dürfen die Tiere entscheiden, welchen Behälter sie ansteuern. Egal, wie oft die Versuche wiederholt wurden: Generell zeigt sich, dass Schimpansen, immerhin die nähesten Verwandten des Menschen, Zeigegesten kaum kapieren – im Gegensatz zu Hunden: Sie erweisen sich als exzellent darin, die Hinweise des Menschen korrekt zu interpretieren.

Auch diese Erkenntnis ist keineswegs banal: Denn Fingerzeige seien nicht bloß Richtungshinweise, erklärt Kaminski, sondern eine durchaus ausgereifte Form der Kommunikation, mit welcher man die Aufmerksamkeit eines anderen auf etwas lenkt, mitunter auch eine Beobachtung miteinander teilt. „Man könnte sagen, das zählt zu den typisch menschlichen Merkmalen“, sagt Kaminski. „Und dann kommt man plötzlich drauf, der Hund kann das auch.“

Kaminski und Miklósi haben mittlerweile zahlreiche Studien mit Hunden durchgeführt, und meist zeigte sich zweierlei: Bestimmte mentale Leistungen unterscheiden sich deutlich von denen anderer Tiere. Überdies scheinen viele kognitive Fähigkeiten des Hundes perfekt an jene des Menschen angepasst zu sein. Das bedeutet zwar keineswegs, dass Hunde klüger sind als andere Tiere. Der hündische Verstand sei aber gleichsam maßgeschneidert, so Miklósi, und speziell für den Zweck geformt, dass „Hunde in engem Kontakt mit dem Menschen leben“.

Identitätskontrolle. Inzwischen befasst sich weltweit ein gutes Dutzend Forschergruppen auf wissenschaftlicher Basis mit den kognitiven Fähigkeiten des Hundes. Der Japaner Ikuma Adachi beispielsweise ging im Vorjahr der Frage nach, ob Hunde die Gesichter ihrer Besitzer erkennen. In seiner Studie konnten Hunde auf einem Computermonitor Fotos ihrer Halter sowie solche fremder Personen betrachten. Zugleich kam aus einem Lautsprecher entweder die Stimme ihres Besitzers oder die eines Fremden. Adachi schuf dabei stimmige und falsche Kombinationen von Bild und Ton: Herrchens Foto samt dessen Stimme, Herrchens Porträt mit der Stimme eines Fremden, das Bild des Fremden mit Herrchens Stimme. Adachis Hypothese: Wenn Hunde ihren Besitzer erkennen, müssten sie bei unkorrekten Bild-Ton-Koppelungen verwirrt sein – und länger auf den Monitor starren. Dies geschah tatsächlich, weshalb Adachi folgerte, „dass Hunde aktiv eine innere Vorstellung vom Gesicht ihres Besitzers abrufen, wenn sie dessen Stimme hören“.

Der kanadische Psychologe Sylvain Fiset wiederum ergründete unter anderem das Erinnerungsvermögen von Hunden. Er stellte dazu vier Holzkisten in einer Reihe auf, und aus einiger Distanz konnten Hunde beobachten, wie Fiset ein Spielzeug in einer Kiste versteckte. Dann errichtete er eine Sichtbarriere und versperrte den Tieren derart den Blick auf die Kisten. Nach vier Minuten sank die Barriere wieder, und die Hunde durften nach dem Spielzeug suchen – wobei die meisten geradewegs zur korrekten Kiste trabten, den Ort des Verstecks also im Kopf behalten hatten. Zwar erklärt eine Merkleistung von ein paar Minuten noch nicht, warum Hunde etwa ihre vergrabenen Knochen nach Tagen wiederfinden. „Ich denke darüber nach, wie man auch das testen könnte“, sagt Fiset. „Aber bisher haben wir keine geeignete Methode gefunden.“

Andere Fragen, auf die Forscher bereits Antworten gefunden haben, lauteten zum Beispiel: Haben Hunde ein Zahlenverständnis? Was sind „Persönlichkeitsmerkmale“ des durchschnittlichen Hundes? Gibt es im Hinblick auf Aggressivität Unterschiede zwischen Hunderassen? Wie schneiden Hunde beim Lösen bestimmter Aufgaben im Vergleich zu Katzen ab? Gibt es messbare Unterschiede zwischen den Gehirnen eines domestizierten Hundes und eines wilden Wolfs?

Lange vernachlässigt. Das rege Interesse am Hund ist allerdings ein recht junges Phänomen: Erst seit etwa einem Jahrzehnt erscheinen in dichter Abfolge entsprechende Arbeiten, wobei die Ungarn um Miklósi als Pioniere gelten dürfen. So erstaunlich es angesichts einer Zahl von weltweit geschätzten 400 Millionen Hunden klingen mag: Lange Zeit war „Canis familiaris“, der Haushund, eine Art Stiefkind der Wissenschaft: Man beforschte die Fruchtfliege und entschlüsselte das Genom des Fadenwurms – doch das erste, das älteste Haustier des Menschen, für dessen rund 640.000 in Österreich lebende Exemplare geschätzte 885 Millionen Euro pro Jahr ausgegeben werden, wurde ziemlich vernachlässigt.

Zwar gab es immer wieder Phasen, in denen Forscher von der Klugheit des Hundes fasziniert waren (siehe Kasten „Die Pioniere“ rechts). Und allein die Debatte über Abstammung und Vorfahren des Hundes erstreckte sich über Jahrhunderte – wobei sich selbst Charles Darwin von der Vielfalt der Erscheinungsformen irritieren ließ und vermutete, der Hund stamme von mehreren Wolfs- und Schakalarten sowie von bereits ausgestorbenen Spezies ab. Konrad Lorenz wiederum hielt lange den Goldschakal für den hauptsächlichen Ahnen des Hundes.

Doch zuletzt, bevor sich Experten wie Kaminski und Miklósi des Themas annahmen, war der Hund in der seriösen Wissenschaft fast verpönt – paradoxerweise gerade wegen seiner Popularität. Es herrschte die Ansicht, dass Canis familiaris, oft auf absurde Weise „vermenschlicht“, eine Art Kunstwesen sei, ein degenerierter, verweichlichter Wolf, den man nicht einmal in seinem natürlichen Lebensraum beobachten könne.

Die heutige Generation der Ethologen postuliert, man könne dies sehr wohl: Denn der Lebensraum des Hundes sei die menschliche Familie.

Die neue Sichtweise spiegelt sich schon in der Zahl der Studien wieder. Wurden von Mitte der siebziger bis in die neunziger Jahre gerade ein bis zwei Arbeiten pro Jahr zum Thema „Dog Behaviour“ veröffentlicht, waren es 2001 rund fünfzehn. Und heute, weitere fünf Jahre später, ist nicht nur die Produktivität ungebrochen – die Studien fügen sich allmählich auch zu einem Gesamtbild, das einige Kernaussagen zulässt.

Ádám Miklósi sagt: „Hunde sind genetisch auf das Zusammenleben mit dem Menschen programmiert.“
Juliane Kaminski sagt: „Der Hund kann Dinge, von denen man bisher annahm, das ist es, was den Menschen ausmacht.“
Britta Osthaus sagt: „Hunde interpretieren menschliche Signale besser als jede andere Spezies.“

Osthaus ist eine deutsche Psychologin, die an der britischen University of Exeter forscht und wissen möchte, ob Hunde logisch denken können. Dazu benutzte sie zum Beispiel einen Bretterrahmen, dessen oberstes, waagrechtes Brett drei Öffnungen aufwies. Unter jede dieser Öffnungen stellte sie in einem Abstand eine Box, deren Oberseite ebenfalls eine Öffnung hatte. So konnte man Futter durch ein Loch im oberen Brett in die darunter befindliche Kiste fallen lassen. Weiters ergänzte Osthaus die Apparatur um einen biegsamen Plastikschlauch: Damit konnte sie eine obere auch schräg mit einer der unteren Öffnungen verbinden – etwa links oben mit rechts unten. Ein fallendes Futterstück wurde also durch den Schlauch von seiner natürlichen Bahn abgelenkt. Würden die Hunde die Funktion des Schlauchs kapieren? In welcher Box würden sie nach dem Futter suchen? Tatsächlich in jener, in welche der Schlauch mündete? Leider nein: Die Erfolgsraten beim Aufspüren des Futters waren eher dürftig.

Kreuzweise. Osthaus probierte es mit einer anderen Versuchsanordnung. Dabei sollten Hunde nach einem nicht direkt erreichbaren Fleischhappen grapschen, der an einer von zwei Schnüren befestigt war. Die Kordeln lagen in verschiedenen Positionen, mal in verschiedenen Abständen parallel zueinander, mal auch über Kreuz. Würden die Hunde verstehen, welches Schnurende wirklich zum Futter führte? Wieder Fehlanzeige: Meist tapsten die Tiere einfach auf jene Schnur, welche die kürzeste räumliche Verbindung zum Futter bot – was naturgemäß vor allem dann keinen Erfolg brachte, wenn die Fäden über Kreuz lagen.

Die Vorstellung, wonach Hunde zwar treu und anhänglich seien, aber halt ein wenig dämlich, stützen diese Resultate laut Osthaus dennoch nicht. Hunde mögen miserable Logiker sein, glaubt die Psychologin, doch sie sind auf einem anderen Gebiet hoch begabt – auf jenem der sozialen Intelligenz.

Im sechsten Stock der Budapester Eötvös-Loránd-Universität überprüft ein etwa zwanzigköpfiges Forscherteam, was Hundebesitzer immer schon geahnt haben: dass eine besondere Beziehung zwischen ihnen und ihren Haustieren besteht, dass der Hund jede Geste deuten kann, dass er den Menschen wirklich „versteht“. Freilich handelt es sich dabei um Behauptungen ohne solide Aussagekraft, oft um eine Verklärung des sprichwörtlich besten Freundes des Menschen – dem gerne auch nachgesagt wird, er benehme sich wie ein kleines Kind.

Tatsächlich jedoch konnten die Ungarn eine Anhänglichkeit gegenüber dem Menschen nachweisen, die jener von Kindern gegenüber ihren Müttern ähnelt. Dazu verwendeten sie einen Test, der bei An- respektive Abwesenheit der Bezugsperson Verhaltensweisen wie Verunsicherung, Ängstlichkeit, Suche nach Nähe, Agilität und Spielfreude misst. Das Ergebnis in den Worten der Forscher: „Die Beziehung des Hundes zum Menschen entspricht jener zwischen Kindern und Eltern.“ Diese Bindung, die sonst nur zwischen Individuen einer Art üblich sei, lasse den Schluss zu: „Der Hund hält den Menschen vermutlich für einen Artgenossen.“

Die Ungarn führten den Test auch an ihren zahmen Wölfen durch. Die seit Monaten bei den Menschen lebenden Wildtiere zeigten jedoch keinerlei Zeichen der Anhänglichkeit. Andererseits fanden die Forscher solche Merkmale sehr wohl bei Hundewelpen, die erst 16 Wochen alt und deshalb noch kaum an den Menschen gewöhnt waren. Miklósi und seine Kollegen glauben, dass der Hund das Streben nach Nähe und Kontakt zum Menschen von vornherein einprogrammiert hat: Dieses Verhalten habe wohl „eine genetische Basis“.

Brian Hare wiederum, ein Kollege Kaminskis am Leipziger Max-Planck-Institut, beobachtete, dass ein Hund, dem ein Ball zugeworfen wird, diesen Ball meist zur Vorderseite des Menschen bringt – auch dann, wenn der Mensch dem Hund absichtlich den Rücken zukehrt und er ihn erst einmal umrunden muss, um dem Menschen ins Gesicht sehen zu können. Hare geht davon aus, dass Hunde derart aktiv nach Blickkontakt suchen, um „kommunikative Interaktion herzustellen“.

In einem anderen Versuch durften Hunde um Futter betteln: An einem Tisch saßen zwei essende Frauen, wobei eine die Tiere ignorierte, während die andere sich ihnen zuwandte und Augenkontakt hielt. Sämtliche Hunde schnorrten vor allem bei jener Frau, die ihnen Aufmerksamkeit schenkte. Eine Selbstverständlichkeit, könnte man meinen – doch auch in diesem Fall liegen Vergleiche mit Schimpansen vor, und die Primaten mussten stets ordentlich üben, bis es ihnen gelang, die aufmerksame Person zu identifizieren.

Blickkontakt. Und auch ein weiterer Test an Hunden und Primaten zeigte, dass Erstere die feineren Antennen für derartige menschliche Botschaften haben. Dabei wies ein Forscher mit den Augen den Weg zu einem mit Futter gefüllten Behälter. Die Tiere mussten also dem Blick des Menschen folgen. Allerdings wurden zwei Varianten überprüft: Einmal fixierte der Forscher das Gefäß direkt, ein andermal sah er zwar ebenfalls in die korrekte Richtung, jedoch über den Behälter hinweg zur Zimmerdecke. Für die Primaten schienen beide Hinweise dieselbe Bedeutung zu haben, die Hunde dagegen wussten zwischen den beiden Signalen zu unterscheiden – und liefen seltener zum Futterbehälter, wenn der Blick des Forschers zum Plafond gerichtet war.

Wie das Betteln ist jedem Hundebesitzer wohl auch folgende Situation bekannt: Man sieht nur kurz nicht hin, und schon schnappt sich der unartige Köter einen vergammelten Brocken und würgt ihn hastig runter. Ausgehend davon fragte sich Kaminski: Der Hund sucht offensichtlich den Blickkontakt zum Menschen und dessen Aufmerksamkeit – doch weiß er auch, was der Mensch sieht? Hat er eine Vorstellung davon, ob Herrchen aufpasst oder abgelenkt ist?

Die Ethologen stellten die Situation des Futterklauens nach: In einem Raum lagen ein paar Stück Trockenfutter, und den Hunden wurde strikt verboten, diese zu fressen. Ebenfalls im Zimmer befand sich Kaminski, die während des Tests mehrere Positionen einnahm, die unterschiedlich strenge Kontrollen des Verbots repräsentierten: Einmal saß sie auf einem Sessel und fixierte den jeweiligen Hund unablässig. Ein andermal tat sie, als sei sie abgelenkt: Ihr Kopf und Körper waren zwar auf das Futter gerichtet, doch zugleich spielte sie mit einem Taschencomputer. Dann wieder schloss sie entweder die Augen oder drehte sich samt Sessel um, sodass sie den Hunden den Rücken zukehrte.

Wenn Kaminski die Hunde leicht erkennbar überwachte, klaubten sie tatsächlich weniger Kekse auf, als wenn sie am Computer spielte, sich wegdrehte oder die Augen schloss. Und wenn sie die Tiere direkt observierte, wagten sich diese kaum geradewegs ans Futter, sondern umkreisten erst mal das Ziel ihrer Begierde, näherten sich den Leckereien gleichsam auf Umwegen und blinzelten dabei ab und an verstohlen zur Herrscherin über die Knabbereien. Jedenfalls waren die Forscher überzeugt, dass die Hunde eindeutig wussten, „wann die Menschen sie sehen konnten“, und dass sie ein „Wissen von der visuellen Wahrnehmung anderer haben“. Auch die Budapester Experten glauben, dass Hunde in der Lage sind, „sich auf die gleiche Gruppe von Hinweisen zu stützen, welche beim Menschen die Basis von Aufmerksamkeit bildet“.

Vorbild Mensch. Joy ist eine begabte Imitatorin. Die Weimaranerhündin der Ethologin Andrea Szucsich aus dem burgenländischen Lackendorf ahmt Aktionen ihrer Besitzerin akkurat nach. Szucsich sagt: „Joy, aufpassen!“ Dann legt sie einen Ball in eine Kiste, hüpft auf einen niedrigen Tisch oder überspringt eine Barriere. In anderen Situationen legt sie sich auf den Boden und vollführt eine Rolle seitwärts. Anschließend sagt sie: „Do it.“ Und Joy macht es nach: schnappt einen Ball und lässt ihn ebenfalls in die Kiste fallen oder rollt ihrerseits über den Boden.

Die Fragen, die sich für Wissenschafter daran knüpfen, lauten: Sind wir ein Vorbild für den Hund? Lernt er vom Menschen wie ein Kind von der Mutter?

Das Team um Ádám Miklósi überprüfte dies mithilfe eines v-förmig angeordneten Zauns (siehe Grafik oben). Die Versuchshunde saßen so, dass sie einer der beiden Zaunschenkel von Spielsachen trennte. In der ersten Testphase mussten die Hunde selbst auf die Idee kommen, den Zaun zu umrunden, um ans Spielzeug zu gelangen. In einer zweiten Episode demonstrierte ihnen ein Forscher zuerst, wie man den Zaun umgeht. Dann erst sollten die Tiere es selbst probieren. Ergebnis: Nun schafften sie den Umweg deutlich schneller. Selbst Hunde, die das Prinzip zuvor gar nicht verstanden und die Spielsachen deshalb nicht erhascht hatten, kamen nun ans Ziel. Die Ungarn bemerkten „eine grundsätzliche Neigung, dass Hunde den Menschen beobachten und Informationen aus dessen Verhalten beziehen. Hunde könnten dazu bestimmt sein, menschliches Verhalten zu kopieren.“

Sie orientieren sich sogar dann am Menschen, wenn er ihnen scheinbar Unsinniges vorzeigt. In einer leicht abgewandelten Variante des Umweg-Tests folgten die Hunde der Route der Demonstratoren sogar dann, wenn ein Zaun verwendet wurde, der kleine Öffnungen hatte – und den Hunden einen Abschneider ermöglicht hätte. Doch sie kletterten nicht hindurch, sondern umrundeten die Barriere wie die Menschen.

Miklósi und seine Kollegen haben dafür eine Erklärung: Als der Wolf einst zum Hund wurde, die freie Wildbahn gegen seine neue ökologische Nische an der Seite des Menschen tauschte, musste er sich in der humanen Welt zurechtfinden – in einem heute hochkomplexen Umfeld voller Technik. Der Hund verlässt sich dabei auf den Menschen als „Mediator“, glauben die Forscher. Genau deshalb suchen Hunde unsere Hilfe, wenn sie vor Problemen stehen, während Wölfe um selbstständige Lösung bemüht sind; und genau deshalb kopieren Hunde menschliches Verhalten, selbst wenn es nachteilig erscheint. Dies sei, so Miklósi, ganz im evolutionären Sinn, eine Strategie, damit eine Spezies in ihrem natürlichen Lebensraum, diesfalls in der Welt des Menschen, bestmöglich zurechtkomme: „Aus dieser Sicht wäre es für Hunde unpassend, sich nicht wie Menschen zu benehmen.“

Teamarbeit. Allerdings folgen Hunde dem Menschen nicht nur blindlings. Studien zeigen auch, dass sie buchstäblich mit ihm kooperieren: Beispielsweise fanden Miklósi und seine Kollegen heraus, dass Blindenhunde, anders als vermutet, ihre Besitzer nicht bloß dank harten Drills leiten. Vielmehr ergänzen Mensch und Hund einander permanent: Manche Manöver gehen vom Tier aus, andere vom Menschen – sie bahnen sich gemeinsam ihren Weg durch die Stadt, kooperieren dabei miteinander.

Aufgrund dieser Beobachtung kamen die Ungarn auf die Idee zu einer besonderen Studie: Sie ließen „professionelle“ Blindenführer mit ihren menschlichen Schützlingen gegen „Laien“ antreten – gegen konventionelle Haustiere mit ihren Haltern. Beide Teams mussten einen Parcours absolvieren, der aus diversen künstlichen Barrieren bestand. Das Ergebnis war verblüffend: Zwar machten die geschulten Blindenhunde weniger Fehler und geleiteten ihre Besitzer schneller durch den Parcours – doch generell erwiesen sich auch die Haustiere als recht zuverlässige Blindenführer.

Miklósis Konklusion: Offenbar braucht man den Hund gar nicht speziell darauf zu trimmen, den Menschen zu unterstützen, weil er dies von Natur aus tut: „Wir glauben, dass der Erfolg beim Führungshundetraining in großem Ausmaß auf der angeborenen kooperativen Fähigkeit des Hundes fußt.“

Fast alle bisherigen Studien ergeben dasselbe Bild: Stets zeigt sich, dass die Spezialität der hündischen Klugheit in der besonderen Orientierung auf den humanen Partner besteht und dass kein Tier sensibler für Signale menschlicher Kommunikation ist, ob nun Augenkontakt oder Fingerzeige – wobei Letztere inzwischen vielfach abgetestet wurden. Dabei stellte sich sogar heraus, dass Hunde der Information des Menschen mitunter mehr vertrauen als der eigenen Wahrnehmung. Wieder einmal verwendete man dafür die beiden Blumentöpfe, wieder befand sich in nur einem davon Futter – und zwar stark riechende Salami. Und neuerlich wies ein Forscher mit dem Finger auf einen der beiden Töpfe, allerdings auf den leeren. Derart wurden zwei Hinweise in Widerspruch zueinander gesetzt. Erstaunlicherweise liefen die meisten Hunde zum leeren Topf. Die Experten konstatierten: „Der olfaktorische Hinweis war nicht genug, um die Tendenz zu überwiegen, menschlichen Gesten zu folgen.“

Eine Erklärung dafür und für den Umstand, dass Primaten mit Fingerzeigen nicht viel anfangen, könnte auch darin bestehen, dass es sich dabei um eine altruistische Geste handelt: Man vermittelt jemandem eine Information zu dessen Vorteil, etwa über eine Futterstelle. Doch Schimpansen, wissen Experten wie der Wiener Verhaltensforscher Wolfgang Schleidt, ein ehemaliger Mitarbeiter von Konrad Lorenz, sind kompetitiv veranlagt – im Gegensatz zu Wölfen, die in ihren hochsozialen Strukturen „Verantwortung füreinander übernehmen“.

Schleidt stellt gar die Frage, was der Mensch einst vom Wolf gelernt haben könnte – womöglich das Leben in komplexen gesellschaftlichen Systemen? Zumindest glaubt Schleidt nicht, dass die Domestizierung des Wolfs ein einseitiger Prozess war, der auf der Initiative des Menschen beruhte. Wohl hätten die beiden Spezies zum Vorteil beider zusammengefunden, es habe eine gemeinsame Entwicklung, eine „Ko-Evolution“ stattgefunden. Schleidt: „Unsere Kultur ist sicher auch vom Hund beeinflusst.“

Den Rest der Anpassung an den Menschen hat vermutlich jene Zeitspanne besorgt, in der sich bestimmte Prädispositionen gleichsam ins Erbgut des Hundes einbrannten, was wiederum Ursache für die heutigen Unterschiede zwischen Hund und Wolf ist: jene mindestens 15.000 Jahre, in denen Mensch und Hund nunmehr zusammenleben. Die Kombination aus beiden Faktoren – zwei in sozialen Belangen prinzipiell harmonierende Spezies, die ihr gemeinsames Dasein über Jahrtausende organisieren – ist wohl das Geheimnis des oft verblüffenden hündischen Kommunikationstalents. Und dieses reicht bis zum Verständnis von Sprache.

Sprachbegabt. Besonders beeindruckend fanden Juliane Kaminksi und ihre Kollegin Julia Fischer die Leistung von „Rico“. Der Bordercollie schafft es nicht nur, die Bezeichnungen von gut 260 Spielsachen im Kopf zu behalten und auf Zuruf seiner Besitzerin Susanne Baus den jeweils geforderten Gegenstand zu apportieren, sondern beherrscht auch so genanntes „fast mapping“, zu Deutsch „schnelles Zuordnen“. Bei einem Test mit Rico schummelten die Forscher ein für den Hund völlig neues Objekt unter die bekannten Spielsachen und wiesen ihn an, dieses zu holen – wobei sie einen Begriff benutzten, den er auch noch nie gehört hatte.

Rico brachte trotzdem fast immer den richtigen Gegenstand. Sein Gehirn arbeite, folgerte Kaminski, offensichtlich im Ausschlussverfahren, etwa nach folgender Devise: Der eben genannte Name passt zu keinem vertrauten Spielzeug, also muss das unbekannte gemeint sein. Dies grenze an „einsichtiges Verhalten“.

Zwar ist Rico wohl ein singuläres Beispiel und seine Leistung eindeutig überdurchschnittlich, doch eine beachtliche verbale Begabung zeigen auch andere Sprachstudien. Die Bedeutung des Tonfalls auf die Reaktion von Hunden wurde ebenso erforscht wie Methoden, mit denen sich die Tiere Begriffe aneignen, sowie die Frage, warum Hunde überhaupt bellen und ob verschiedene Kläffer unterschiedliche Bedeutung haben.

Die Forscher um Ádám Miklósi wiederum ermittelten eine Art „Lexikon“ der Verständigung von Mensch und Hund. Sie baten Hundehalter, alle Begriffe zu notieren, die sie dafür benutzen, und in der Zusammenschau ließ sich ein Destillat daraus erstellen – bestehend aus einem „Basis-Set“ von Befehlen, die vor allem der Kontrolle dienen, und komplexeren Ausdrücken und Wortketten, die eher eine „Konversation“ ermöglichen sollen. Überdies zeigte sich, dass ältere Hunde nicht nur mehr Worte kennen und auf diese selbst dann hören, wenn sie in längere Sätze eingebettet sind, sondern dass sie sogar ein Ohr für viele Synonyme haben. Es komme offenbar, so die Wissenschafter, zur „Verschiebung zu einer sophistizierteren und variableren Interaktion mit zunehmendem Alter“. Möglicherweise wären „nicht einmal die Besitzer selbst in der Lage zu erklären, wie sich ihre Hunde all die Begriffe angeeignet haben“.

Eine andere Studie analysierte gleichsam den umgekehrten Kommunikationsfluss und untersuchte, ob auch die Herrchen ihre Hunde verstehen – anhand von CD-Einspielungen mit Hundegebell in mehreren emotionalen Situationen. Ergebnis: Die Menschen deuteten die Laute ihrer Haustiere ebenfalls ziemlich korrekt.

Man darf also sagen: Auch der Hund hat den Menschen in ein paar Jahrtausenden ein wenig erzogen.

Von Alwin Schönberger