Suppentheater

Society. Ab Ende dieser Woche ist der Themenpark Salzburg wieder viel gescholtene Kulisse für eines der besten Kulturfestivals der Welt samt Promi-Auflauf. Daran darf man sich reiben: gestern wie heute.

Es gibt Momente, da erfährt Salzburg schon vor Beginn der Festspiele seine totale Verdichtung. Ein Vorspiel auf der Bühne: in diesem Fall Getreidegasse 45. Ein heißer Juli-Frühabend. Menschentrauben vor der örtlichen Filiale der glamourösen Kofferkette Louis Vuitton. Ein Rolls-Royce mit Bad Tölzer Kennzeichen. Kleine Mädchen im Dirndl. Gegenüber, im Fingerfood-Restaurant Carpe Diem, haben sich die Gäste aus den Polstern auf der Terrasse erhoben und genießen die Aussicht auf eine etwas pummelige, mit Perlen behängte Dame, die gerade den Laden verlässt und für ihren Einkauf mit einem Blumenstrauß belohnt wird. Königin Sirikit von Thailand ist zu Besuch in der Stadt. Sie lächelt huldvoll, auch als von hinten ein groß gewachsener Mann im hellblauen Trachtenjanker nach vorne drängt und ihr unter Verbeugungen ein Buch überreicht.

Herbert Pöcklhofer hat es ja nicht weit. Sein Büro liegt gleich nebenan im Hotel Goldener Hirsch, dessen Generaldirektor er seit 2002 ist, und er fühlt sich verpflichtet, das Haus so gut wie möglich – das Buch handelt naturgemäß vom Hotel – ins Rampenlicht zu rücken. Schließlich geht er heuer in seine 44. Saison. Mit 14 war er als Lehrling in die Küche des Goldenen Hirschen eingetreten und hatte – in Gestalt von Sirikit – erstmals eine leibhaftige Majestät beim Mittagessen erblickt; mit 16 durfte er die Grüße des Hauses zum 60. Geburtstag Herbert von Karajans in dessen Haus nach Anif tragen: das Leibgericht des Titanen am Pult, gegrilltes Selchkotelett mit Sauerkraut und Leberknödel. Solch seltsame Gelüste hatte in Salzburg bis dahin wohl nur Wolfgang Amadeus Mozart, aber die Einblicke, die Pöcklhofer nehmen durfte, waren für einen Adoleszenten sensationell. Der Dirigent lag am Swimmingpool, seine Frau Eliette lehnte im Bademantel an der Tür.

Durchhaus Hirsch. Jetzt sitzt Pöcklhofer im Restaurant des Hotels, in dem Ruhe vor dem Sturm herrscht, obwohl gestern schon Eliette von Karajan, frisch aus St. Tropez, im hoteleigenen Restaurant Herzl nebenan gespeist hat, und rechnet vor: Jedes Jahr, wenn vom Dom zum ersten Mal der „Jedermann“-Ruf ertönt, schnellt der Umsatz seines Hotels einen Monat lang auf das bis zu Zehnfache hoch. „Es ist wie Tag und Nacht“, sagt Pöcklhofer. „Plötzlich tritt der Jetset in geballter Ladung auf.“ Der „Hirsch“, wie in der 150.000-Einwohner-Stadt gesagt wird, wird zum Durchhaus, in dem allerlei ungeladenes Tagestouristenvolk von der Rezeption in der Getreidegasse zum Restauranteingang auf dem Herbert-von-Karajan-Platz weht oder umgekehrt, stets in der Hoffnung, illustres Premierenpublikum beim Aperitif beobachten zu können. Zum Essen bleiben die wenigsten, sie würden ohnehin keinen Tisch mehr bekommen. Und sich das Gebotene wohl auch gar nicht leisten wollen.
Stichwort Frittatensuppe. Wenn Pöcklhofer das Wort hört, weiß er, was jetzt kommt. Die Frittatensuppe in seinem Restaurant ist zur fettäugigen Allegorie für die überteuerte Stadt geworden, in der auch die Festspielmacher achselzuckend beteuern, dass ihnen noch kein Heilmittel gegen Kartenpreise von bis zu 600 Euro eingefallen ist. Ab dem Tag vor der Eröffnung kostet sie 7,50 statt 6,60 Euro, das Backhendl übrigens 24 statt 21 Euro. Anders geht es aber nicht, sagt der Hoteldirektor, denn im August „läuft der Betrieb bis zwei oder drei Uhr Früh. Das erzeugt enorme Kosten.“ Egal, für seine Suppenpreise gab es zwar „fürchterliche Verrisse, aber berühmt geworden sind wir auch“. Und neu ist das in Salzburg auch nicht mehr. Schon Karl Kraus höhnte 1925 über die klerikal angehauchten Inszenierungen der Festspielgründer Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal zum Wohl des Salzburger Hotelgeschäfts: „Ehre sei Gott in der Höhe der Preise.“
In Festspielbeschimpfungen solcher Art haben sich seither Scharen von Künstlern, Schriftstellern und Intellektuellen geübt. Es gehört sogar schon dazu, den Ort der Festspielaustragung – besonders im August – als Hölle auf Erden zu empfinden; der Spott über die Salzburger Folklore ist längst selber zur Folklore geworden. Den Band über Thomas Bernhards Beziehung zu Salzburg mit all den wunderbar fiesen Zitaten über die Stadt gibt es im Festspiel-Shop zu kaufen. Und auch sonst wird, wer sich für Salzburg-Polemik begeistern kann, reich mit Wortspenden belohnt.

Wenn etwa die in Berlin lebende Schriftstellerin Kathrin Röggla nur an den Aufmarsch des Premierenpublikums vor dem Festspielhaus denkt, bekommt sie „spontan Lust zu pöbeln“. Vom kaltblütigen Einzug der „selbstverständlichen Verquickung von Macht und Wirtschaft“ in den Kunstbetrieb der Stadt spricht die Komponistin Olga Neuwirth. „Hier ist alles so wunderbar gelogen und unglaublich schön und dick aufgetragen“, fand der zwischenzeitliche Schauspielchef Martin Kusej. Und Ioan Holender, Wiener Staatsopernchef, ortete erst vergangenes Jahr „billigen Seitenblicke-Gottschalkismus“, die Stadt sei „mehr denn je Treffpunkt der Adabeis“. Da unterliegt der Hausherr des alljährlichen Avantgarde-Spektakels Opernball freilich einem Irrtum. „So war es in Salzburg doch schon immer“, sagt Suzanne Harf, die langjährige Protokollchefin der Festspiele.
Den Keim des Bombastischen säten nämlich bereits die Gründer der Salzburger Festspiele, allen voran Max Reinhardt. Und frei von Spott blieb auch er nicht. Als der Regisseur 1918 Schloss Leopoldskron als Salzburger Domizil erwarb, gestaltete er seine Bleibe alsbald zum Hort des Prunks. Bertha Zuckerkandl schwärmte von dem „mit tausend Kerzen erleuchteten Saal“, ein Anblick, der Hollywood-Mogul Louis B. Meyer allerdings an Reinhardt die Frage richten ließ, ob der Professor „einen Kurzschluss“ habe. Über die hundert Schwäne in Reinhardts Schlossteich witzelte Egon Friedell: „Mein Gott, ich habe den Max Reinhardt noch gekannt, da hat er nicht in einem Schloss gewohnt, sondern im Mietshaus im dritten Stock, und nur zwei, drei Schwäne. Und es ist auch gegangen.“

Seit der Festspielgründung war es in der Tat allsommerlich „mit der Stille vorbei“, wie Stefan Zweig notierte, der heute noch gerne als uneingeschränkter Salzburg-Freund zitiert wird, gelegentlich jedoch sein Haus „mit der Kraft eines Verzweifelten“ verteidigen musste: Denn seit Reinhardt und Hofmannsthal das Sagen haben, „sammelt sich das Volk wie schwarze Fliegen“. Über solche Polemik kann Suzanne Harf freilich nur lächeln: „Wenn Sie mich fragen, war er krankhaft eifersüchtig auf Hofmannsthal.“
Geändert hat sich seither nicht allzu viel, höchstens vielleicht, dass die Wortkünstler der Gründerzeit etwas pointensicherer formulierten. Aber Hauen und Stechen, das gab es später auch. Schauspieldirektor Frank Baumbauer, der Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler am liebsten den Hals umdrehen wollte? Auch nicht von schlechten Eltern.
Sechs Jahrzehnte dauerte es jedenfalls, bis erstmals ein Festspielintendant sich immer wieder gerne fragen hörte, wohin er denn da geraten sei. Doch seit Gérard Mortier weg ist und bleiben will, weil er sich in der Stadt zu Tode langweile, wird subtil auch an seiner Eingemeindung gearbeitet. „Das ist ja gar nicht wahr, dass er Salzburg nicht mag“, glaubt Hoteldirektor Pöcklhofer zu wissen. Und die unzähligen Ausritte gegen Lodenhaftigkeit und Fremdenverkehrshysterie? Alles Attitüde? „Also wir haben bei seinen privaten Essen, die wir gestaltet haben, immer unser traditionelles Hirschenbauernleinen aufgedeckt, und ihm hat’s gefallen“, verrät Pöcklhofer. Außerdem sei es Mortier immer ein Anliegen gewesen, der gesamten Belegschaft des Hotels, vom Zimmermädchen bis zum Oberkellner, persönlich das Festspielprogramm zu präsentieren, „damit wir Auskunft geben können“.

Falsche Zitate. Alles eitel Wonne also, und Recht haben jene, die Salzburg durch seine lange Geschichte hindurch mit Lob überschütteten. Alexander von Humboldt etwa, der „die Gegenden um Salzburg, Neapel und Konstantinopel zu den schönsten der Welt“ zählte. So lange und in so aberwitzigen Klitterungen kursierte der Spruch durch die Fremdenverkehrsliteratur der Stadt, dass sich der Historiker Robert Hoffmann schließlich auf die Spuren des Lobes heftete. Sein Fazit: Es gibt keinen Beleg für die Authentizität des Ausspruchs, bloß „skurrile Umdeutungen“, die darin gipfelten, dass Humboldt in Wahrheit bestimmte Hotels der Stadt als die schönsten der Welt empfand. Ist die Humboldt-Vereinnahmung noch eine belächelbare Schlitzohrigkeit, so erscheint der Umgang mit Theodor Herzls Äußerungen über die Stadt nahezu programmatisch. „In Salzburg brachte ich einige der glücklichsten Stunden meines Lebens zu“ – dieses Zitat des Begründers des Zionismus war auf einer 2001 am Salzburger Landesgericht angebrachten Tafel zu lesen. Kurze Zeit später ergänzte es der Künstler Wolfram P. Kastner handschriftlich. Herzl hatte nämlich weiter formuliert: „Ich wäre auch gerne in dieser schönen Stadt geblieben, aber als Jude wäre ich nie zur Stellung eines Richters befördert worden.“ Die erste Reaktion: sofortige Übermalung der Handschrift und eine Anzeige wegen schwerer Sachbeschädigung. Das Ende der Geschichte: Auf internationalen Druck wurde das Zitat vervollständigt, der Imageschaden für die Stadt aber blieb.

Für Bürgerlisten-Stadtrat Johann Padutsch erzählen solche Aktionen einiges über Salzburg: „Sobald der Begriff Kunst im öffentlichen Raum nur fällt, kommt es zum Aufstand.“ Lang ist die Liste der Skandale, die mitunter auf billiger Provokation beruhen. Sattsam bekannt: der „Arc de Triomphe“ der Künstlergruppe Gelatin, 2003 gut sichtbar vor dem Festspielhaus platziert. Die Figur, die sich mit erigiertem Penis selbst in den Mund urinierte, mobilisierte die Stadt wie auf Knopfdruck – und wurde schließlich abmontiert. Fast scheint es, als würde
die ständig auf Ausbruch lauernde Empörungskraft der Salzburger den Künstlern etwas von der Vielschichtigkeit ihrer Kreativität rauben, weil es ja simpel und eindimensional auch geht. 1991: Anton Thuswaldner verbarrikadiert die Mozartstatue im Mozartjahr mit Einkaufswagen. Mozart und Kommerz? Nicht gerade subtil, aber für Entrüstung allemal ausreichend.

Erregbare Stadt. Selbst Festspielpräsidentin Rabl-Stadler ortet eine „leichte Erregbarkeit“, was das ästhetische Empfinden ihrer Mitbewohner betrifft. Deshalb wagt sie auch, das eigentlich Denkunmögliche zu formulieren – was Salzburg nämlich ohne die Festspiele wäre: „Eine liebenswerte kleine Barockstadt, die einem in ihrer Kleinbürgerlichkeit oft auf die Nerven gehen würde.“
Ähnlich formuliert auch der Galerist Thaddaeus Ropac, der 1983 seine erste Galerie in der Stadt eröffnete und in der Folge zum Doyen des gepflegten und diskreten gesellschaftlichen Lebens in der Stadt avancierte. Für ihn ist Salzburg „eine Kleinstadt, die sich einmal im Jahr zu einem Kulturmonster im positiven Sinn erhebt“. Aber wie dieses Salzburg abseits der Festspiele tickt, versteht er, wie er räsoniert, „bis heute nicht“. Er weiß nur, dass moderne Kunst hier einen schweren Stand hat: „Das stört mich – und manchmal schockiert es mich auch.“ Erst vergangene Woche kam der Galerist aus Paris, wo er die meiste Zeit des Jahres verbringt, nach Salzburg. Es war der Tag, als Studenten der Karlsruher Kunstakademie die Kugelskulptur „Sphaera“ des Künstlers Stephan Balkenhol auf dem Kapitelplatz aufstellten: „Die haben mir dann erzählt, wie sie von den Salzburgern dabei angepöbelt wurden.“

Ungetrübt ist die Stimmung in Salzburg nur, wenn die Stadt sich frei von Installationen und Objekten als das präsentieren kann, was sie längst geworden ist: ein Themenpark, der sich selbst darstellt. Zu unwirklich wirkt der in Angemessenheit und Würde gekleidete Kitsch. Nirgendwo sonst auf der Welt außer in der Getreidegasse muss McDonald’s mit einem gusseisernen, ins Stadtbild passenden Zunftschild auf sich aufmerksam machen. Die Altstadtgesetze sind auf den ersten Blick so rigid wie kaum anderswo; darüber wacht der Runde Tisch Altstadt, der mit seinen Forderungen Ursula Stenzel wie die Event-Managerin des ersten Wiener Gemeindebezirks wirken lässt. Dennoch: „Salzburg lebt nicht mehr vom Geschäft, sondern stirbt für den Tourismus“, schreibt der Schriftsteller Karl-Markus Gauß. „Mit rabiatem Klamauk“ werde die Stadt zum Standort zugeschliffen: Christkindlmarkt, Altstadt-Langlauf, Beach-Volleyball vor dem Dom, „billige Buden und pseudoalpine Hütten“ (Gauß) und Sponsorenpräsenz satt in den Tagen der Festspiele. Schwer tut sich da Planungsstadtrat Padutsch, die Ansinnen der Festspielförderer in etwas dezentere Bahnen zu lenken. Als er vor Kurzem den Leuten von Audi erklärte, dass es nicht möglich sei, in einer Wagenkolonne aus grauen Ingolstädter Nobelkarossen auf den verkehrsberuhigten Mönchsberg zu fahren, „sind die aus allen Wolken gefallen“. Ob sie sich heuer daran halten werden, weiß er noch nicht.

Die wohlsituierte Festspielkarawane mag sich daran nicht stören, schließlich dienen die Audis ja auch dazu, Premierengäste zum Festspielhaus oder zu den anschließenden Empfängen zu karren. Das wahre Salzburg-Erlebnis, inklusive Glamour und Abgeschiedenheit unter seinesgleichen, findet in den seltensten Fällen im Trubel der engen Gassen und weiten Plätze statt. Villen am Stadtrand oder das eine halbe Autostunde entfernt liegende Fuschl sind weit maßgeblicher. Die schon aufgrund ihres Preises exklusiven Events sind teilweise sogar buchbar. Seit 2003 findet alljährlich das „Amadeus Weekend“ statt – ein mit Highlights künstlerischer wie gesellschaftlicher Art voll gepfropftes Wochenende zum Preis von 3000 Euro (exklusive Übernachtung); ein Teil des Geldes fließt an die Festspiele. Auszug aus der Gästeliste eines Empfangs im Vorjahr: Anna Netrebko, Bianca Jagger, Thomas und Thea Gottschalk, Baron Eric de Rothschild, Karl und Francesca Habsburg. Die Montblanc-Füllfeder aus der Mozartedition ersteigerte ein Investmentbanker für 55.000 Dollar. Die Veranstaltung wurde von Donald Kahn ins Leben gerufen, einem in Salzburg ansässigen US-Millionär aus der Verlegerdynastie Annenberg. Schon vor Langem hat sich Kahn in die „very gemütliche“ Stadt verliebt. In guten Taten ausgedrückt heißt das: Mit 4,4 Millionen Euro sponserte er den Bau des Hauses für Mozart, erkleckliche Summen spendete er auch für die Neugestaltung der Salzburger Universitätsaula, und wenn der Salzburger Geiger Benjamin Schmid zu seinem Instrument greift, wird er mit Sicherheit ebenfalls dankbar an den guten Mann aus den USA denken: Schmid spielt auf einer Dauerleihgabe der Donald Kahn Foundation, der Stradivari „Lady Jeanne“ aus dem Jahr 1731.

Kahn-Connection. Wahrscheinlich würde Kahn noch mehr seiner Ansicht nach Gutes für die Stadt tun, aber das ist gar nicht so einfach. „Man musste ihm erst nahebringen, dass freihändige Vergaben für die Stadtgestaltung in Salzburg nicht möglich sind“, sagt Stadtrat Padutsch. So zog der edle Spender denn auch seine Unterstützung für den Umbau des Furtwängler-Parks vor dem Festspielhaus zurück. Aber Kahn hilft auch mit Beziehungen weiter. Da sein Onkel Botschafter in London war und mit der Royal Family bestens bekannt, tauchte gleich im ersten Jahr Prinz Charles als Werbeträger für den dreitägigen Elitetrip auf – noch dazu erstmals offiziell mit seiner späteren Frau Camilla Parker-Bowles im Schlepptau. „Das haben wir nur Donald zu verdanken“, schwärmt Protokollchefin Harf.
Buchbar ist seit einiger Zeit auch ein illustrer Salzburg-Abstecher mit den britischen Freunden der Festspiele. 2006 kostete die fünftägige Tour inklusive Mozart-Premiere mit Anna Netrebko 3500 Euro. Der betörend duftende Society-Lockstoff: eine Einladung zur jährlichen Gartenparty bei Graf Jakob Moy; Journalisten sind nicht explizit ausgeschlossen.
Jener Mann aber, dem die besten Abende in erlauchtem Kreis nachgesagt werden, hat von Medienvertretern im Haus mittlerweile genug. Eigentlich will Thaddaeus Ropac über die „kleinen privaten Abendessen“ in seiner Villa Emslieb nicht einmal mehr sprechen – jene vor allem für Künstler abgehaltenen Diners, von denen die 87-jährige Fürstin Marianne „Mamarazza“ zu Sayn-Wittgenstein, in ihrem Haus in Fuschl ebenfalls eine beliebte Gastgeberin zur Festspielzeit (siehe Kasten Seite 82), nicht nur deshalb schwärmt, weil sie dort immer am Ehrentisch sitzen darf. „Das hat keine öffentliche Relevanz“, beteuert Ropac – er werde dann sowieso nur auf den Partylöwen reduziert. Dass er früher offener war, hänge ihm in Österreich und Deutschland bis heute nach. Er will in Ruhe den Wünschen seiner Gäste entsprechen – und beispielsweise den Maler Georg Baselitz endlich mit dem Pianisten Alfred Brendel bekannt machen oder den Pianisten Lang Lang über den Sommer bei sich aufnehmen.

Früher hat er bisweilen noch Medienvertreter eingeladen. Doch damit ist bereits seit zehn Jahren Schluss. Die renommierte Salzburger Society-Fotografin Doris Wild kann sich noch an den „denkwürdigen Abend“ erinnern, als in der Villa Emslieb an die 15 Reporter und Fotografen, „von denen zehn sich nicht benehmen konnten“ (Wild), die Gäste umrannten. Das wäre ja noch halb so schlimm gewesen. In der Woche darauf allerdings machte sich eine „Spiegel“-Reporterin genüsslich über die Salzburger Gesellschaft im Allgemeinen und den Abend bei Ropac im Besonderen her. So blau wie das Bühnenbild der Robert-Wilson-Inszenierung sei die Runde spätabends gewesen. Der Gastgeber: ein Vertreter der Kaufmannsaristokratie, dem es am Glamour der goldenen Karajan-Jahre mangle.

Seither ist Wild wieder öfter auf die Hofstallgasse vor dem Festspielhaus angewiesen, um zu verwertbaren Bildern zu kommen. Und was es heißt, im Pulk der Schaulustigen und Fotografen auf die Roben und Smokings des Premierenvolks zu zielen, weiß sie nach 20 Jahren Berufserfahrung nur allzu gut: „Straßenkampf pur.“

Von Klaus Kamolz