Symptomschmerztherapie

Muss die Finanz- und Wirtschaftskrise ausschließlich eine Domäne der Ökonomen, Geldexperten und Politiker sein? profil holt die Meinungen heimischer Kunstschaffender zur Dauermisere ein.

Von Karin Cerny, Wolfgang Paterno, Nina Schedlmayer und Florian Wörgötter

Muss die Finanz- und Wirtschaftskrise ausschließlich eine Domäne der Ökonomen, Geldexperten und Politiker sein? profil holt die Meinungen heimischer Kunstschaffender zur Dauermisere ein.

Die Diskussionen um die Finanzkrise samt deren Auswirkungen sind längst im Lebensalltag einer breiten Öffentlichkeit angekommen. Die Kommentierung und Analyse der Misere obliegt, so scheint es, einer überschaubaren Gruppe von Finanzexperten, Wirtschaftsforschern – und Börsenmaklern. So avancierte der deutsche Bankkaufmann Dirk Müller international zum „Mr. DAX“, weil sein Arbeitsplatz unter der Kurstafel der Frankfurter Wertpapierbörse lag und Müllers Mienenspiel mit der jeweiligen Performance des Index korrespondierte.

Weshalb schweigt die Kunst? Ist die Krise vielleicht zu komplex? Befinden sich Kunst und Kultur ohnehin in Dauerkrise? Existieren mögliche Gegenentwürfe zu dem in der westlichen Hemisphäre vorherrschenden Neoliberalismus?

profil holte dazu Perspektiven und Meinungen von heimischen Kunstschaffenden aus Literatur, Theater, Kabarett, Musik und Malerei ein. Für den Schauspieler Erwin Steinhauer hat die Krise beispielsweise mit festgefahrenen Strukturen zu tun: „Bei unseren beiden großen Parteien geht es doch nur um Machtpositionen.“ Der junge Dramatiker Ewald Palmetshofer wiederum beklagt das Fehlen von Wahlmöglichkeiten zum neoliberalen Weltbild. Gerade die Kunst könne das scheinbar Alternativlose sichtbar machen: „Die Idee der Gleichheit, der Gerechtigkeit, der Solidarität.“ Hoffnung spendet schließlich Austrofred, Österreichs Parade-Pop-Rampensau: „Für mich zählen Geisteszustände wie Angst und Unsicherheit mehr als konkrete Themen wie DAX und Triple-A.“

„Ausbeuterische
Wichtigtuer“


Marlene Streeruwitz, 61,

zählt zu Österreichs renommiertesten Autorinnen. Zuletzt erschien ihr Roman „Die Schmerzmacherin“ (Fischer Verlag).

Politik oder Wirtschaft: Wer ist der Hauptverursacher der Krise?


Wie immer. Beide. Das Ziel muss doch heißen: das Bestmögliche für alle. Das würde Demokratie bedeuten und den Markt gemeinnützig einbinden. Solange aber die Wirtschaft ein außerstaatlicher Bereich bleiben will und die staatliche Ordnung, die ja durchaus demokratisch funktionierte, nicht auf ihrem Territorium anerkennt, so lange wird dieser Gegensatz bestehen bleiben. Solange die Politik aus diesem Gegensatz wiederum ihren Gewinn zieht, weil dieser Gegensatz ein wunderbares Mittel darstellt, Bewegung in der Politik vorzutäuschen, während alles beim Alten bleibt, so lange werden wir in dieser Krise festgehalten werden. Es geht also um die alte Frage: Wo gilt der Staat? In Österreich versuchte die Regierung 2000 mithilfe der Rechten, die Staatlichkeit in die Wirtschaft zu verlegen und die Demokratie damit hinter sich zu lassen. Das wurde Deregulierung oder Privatisierung genannt, und im Grunde leben wir spätestens seit damals in einem schleichenden Staatsstreich, dessen Kosten uns aufgebürdet werden.

Ihr Lösungsvorschlag?


Eliten haben sich in Österreich die Geschichte hindurch immer auf Kosten der Steuerleistung der Bürger und Bürgerinnen gerettet. Es wäre an der Zeit, diese uralte Linie zu unterbrechen. Dafür müsste Demokratie als Berechtigung aller verstanden werden und nicht – wiederum in der langen Linie österreichisch-geschichtlicher Sprechmacht – als „linkes Teufelswerk“ empfunden werden. Dazu wiederum wäre die Teilnahme aller an der Politik notwendig, um der Entmächtigung durch Mutlosigkeit, Desinteresse und Vernachlässigung zu entgehen. Es ginge also um politisches Motivieren, das gemeinnütziges wirtschaftliches Handeln nach sich zöge. Es gibt keinen Grund, warum es nicht großartig sein sollte, in Österreich zu leben.

Wer versagt bei der möglichen Lösung der aktuellen Probleme?


Politik und Wirtschaft. Die Politik steckt seit den fünfziger Jahren in der Frühaufstellung einer Familientherapie. Die Politik lebt eine Diagnose, statt die Verantwortung zu übernehmen. Es herrscht Geschwistersadismus und Geschwisterneid im Parlament und in den diversen Koalitionen. Diese Stimmung überträgt sich allgemein. Nutzen können diese Stimmung allerdings – wie immer – nur die Eliten, die durch Bereicherungen aller Art in triumphaler Weise dieser Stimmung entkommen können und sich dadurch gerettet fühlen. Derartige Überwertigkeiten tragen noch weiter zu den Einkommensunterschieden bei. Armut tritt ja auch als kulturelle Beraubung mit den folgenden seelischen Verarmungen auf. In Abwesenheit einer entschlossen demokratischen Politik kann die Geldwirtschaft machen, was sie will.

Nestroy meinte einst: „Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang.“


Die Welt steht schon nicht mehr. Das tat sie ja auch zu Nestroys Zeiten nicht, und ich werde nie verstehen, warum seine exakte Zustandsbeschreibung der äußersten Depravierung der Menschen als Humor aufgefasst werden konnte. Spätestens seit damals ist der Steuerzahler in Österreich damit beschäftigt gewesen, für die Fehlleistungen der Eliten aufzukommen. Das herzigreden zu wollen ist Selbstverletzung.

Was ist also zu tun?


Das ist eine moralische Frage und betrifft jede einzelne Person und wie sie den Zustand „Zweite Welt“, in den wir unvermeidlich absteigen werden, für sich selbst in Fasson bewältigen wird. Die Anstrengungen, die zu leisten sind, sind moralischer Art und betreffen ein Erwachsenwerden in Demokratie und das Ablegen von Geschwisterneid. Es gibt nur uns, und wir haben nur uns. Retter sind in jedem Fall und ausnahmslos ausbeuterische Wichtigtuer.

„Ich glaube,
dass Wut jung hält“

Erwin Steinhauer, 60,

ist Film- und Theaterschauspieler sowie Kabarettist. Im Theater in der Josefstadt spielt er gerade in „Blackbird“ von David Harrower. In Horváths „Geschichten aus dem Wienerwald“ wird er dort demnächst den Zauberkönig verkörpern.

Ist das gutbürgerliche Publikum des Theaters in der Josefstadt von der Wirtschaftskrise eigentlich auch betroffen?


Wenn man sich die Auslastungszahlen ansieht, geht es der Josefstadt noch sehr, sehr gut. Und jeder, der wie ich ein festes Engagement hat, ist in einer privilegierten Situation. Aber ich kenne viele Kollegen, auch in meinem Alter, die seit Jahren von der Notstandshilfe abhängig sind, und das ist schrecklich. Die Theater sind ohne Subventionen nicht lebensfähig, und die Subventionen werden weniger.

Wird die Kunst dadurch gefälliger?


Das glaube ich nicht. Weil der Mensch mehr braucht als Saufen und Fressen, wird die kritische Kunst überleben. Die Gagen werden freilich schrumpfen. Aber im Vergleich zu Deutschland geht es den hiesigen Theatern ohnehin sehr gut, deshalb arbeiten so viele deutsche Kollegen bei uns: weil es noch immer ein kleines Paradies ist. Aber es wird auch hier härter werden. Als Erstes wird immer bei der Kultur gespart.

Wird die Kunst dann direkter auf die Krise reagieren?


Das Kabarett reagiert ja schon jetzt sehr stark darauf. Für Leute, die nur im Fernsehen arbeiten, wird es allerdings schwieriger werden: Da spürt man schon jetzt, dass Kritik nicht erwünscht ist. Dann gibt es ein paar Telefonate, und schon wird ein Format abgesetzt – natürlich nur aus finanziellen Gründen. Aber man kann ja wunderbar ohne Fernsehen leben.

Trauen Sie der heimischen Politik zu, die Krise in den Griff zu bekommen?


Der österreichischen Politik traue ich nichts zu, weil sie völlig vom Ausland abhängig ist. Aber ich vertraue auf die europäische Politik. Ich hoffe, dass dieses krampfhafte Festhalten an fixen Strukturen anderswo aufgebrochen wird. Bei unseren beiden großen Parteien geht es doch nur um Machtpositionen. Die eine Partei sagt: „Meine Beamten.“ Die andere darauf: „Meine ÖBBler, meine Gewerkschafter.“ Niemand will etwas hergeben. Das muss sich ändern, und sei es durch Druck von außen. Wahlen bewirken bei uns ohnehin nichts. Ich fürchte, dass bald ohnehin keiner mehr wählen gehen wird.

Wird die Krise nicht instrumentalisiert, um die Menschen in Angst zu halten?


Nicht nur in Niederösterreich haben viele Gemeinden an der Börse Geld verspekuliert. Das müssen jetzt die Steuerzahler ausbaden. Was hilft es da, ein Wutbürger zu sein?

Der persönliche Handlungsspielraum ist also gering?


Diese Wut resultiert ja aus Ohnmacht. Ich glaube aber, dass Wut jung hält und der Schritt zum Widerstand klein ist. Und dann werden sich ein paar Leute warm anziehen müssen.

„Utopielose Wirklichkeit“

Ewald Palmetshofer, 33,

Dramatiker, war in der Saison 2007/2008 Hausautor am Wiener Schauspielhaus, wo auch viele seiner Stücke uraufgeführt wurden, darunter „hamlet ist tot. keine schwerkraft“ oder „faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete“. Derzeit ist er Gastdramaturg am Nationaltheater Mannheim.

Die Wirtschaftsprognosen sind einhellig: 2012 wird ein hartes Jahr. Wie gehen Sie mit der Katastrophenstimmung um?


Es ist mittlerweile schon fast ein Allgemeinplatz, dass alles schlechter wird. Vielleicht aber ist das nur ein Symptom eines ganz anderen Problems. Wir haben lange darüber geredet, dass Utopien tot seien. Jetzt ist die Trauerarbeit vorbei, und wir sind ganz in dieser völlig utopielosen Wirklichkeit angekommen. In ihr gibt es keine Vision einer anderen, besseren Welt. Und wenn es nicht besser werden kann, kann es nur mehr schlechter werden.

Es gibt keine Gegenentwürfe zu unserem Gesellschaftssystem mehr?


Nein, und es spricht kaum jemand mehr von der Ursache der Krise 2008: den deregulierten Finanzmärkten, dem ungezügelten Finanzkapitalismus. Und fast vergessen ist, dass die öffentliche Hand wahnwitzig viel Geld in einen Sektor schieben musste, der die ganze Zeit über formuliert hatte, staatliche Zugriffe seien unzulässig. In der nun aktuellen Schuldenkrise ist kein Platz für Systemkritik. Überraschenderweise hilft die Krise der Stabilisierung jener Ideologie, die die Krise verursacht hat und über die man schon gar nicht mehr spricht. Es scheint keine Alternativen zum neoliberalen Weltbild mehr zu geben. Man hat über den Symptomen die Krankheit vergessen.

Man hat vor Weihnachten wieder gemerkt, dass Konsum als Allheilmittel gesehen wird: Trotz Krise wurden stolz Rekordumsätze vermeldet.


Ich glaube nicht, dass jemand konsumiert mit dem Ziel, die Wirtschaft anzukurbeln. Die Gründe für den steigenden Konsum sind andere. Abgesehen von den kurzfristigen Glücksgefühlen ist der Konsum eine der wenigen Möglichkeiten – sofern man noch Geld hat –, an einem gesellschaftlichen Vollzug teilzunehmen, der außerhalb der eigenen vier Wände passiert. Die Solidargemeinschaft ist traurigerweise eine Konsumgemeinschaft.

Welche Antworten hält die Kunst bereit?


Kunst hat keine Expertise anzubieten, was die Sachzusammenhänge betrifft. Aber Kunst kann gegen das scheinbar Alternativlose sichtbar machen, dass es andere Kategorien jenseits der Ideologie des Neoliberalismus gibt. Dass es Ideen gibt, denen man die Treue halten kann und muss.

Welche Ideen wären das?


Die Idee der Gleichheit, der Gerechtigkeit, der Solidarität. Das sind politische Ideen. Der französische Philosoph Alain Badiou sagt, dass es in unserer Welt heute schrecklicherweise nur mehr einen beherrschenden Imperativ gebe – den Imperativ: „Lebe ohne Idee!“ Kunst könnte sich gegen diese politische Ideenvergessenheit wenden. Also gegen das Vergessen der Politik.

„Lust an der Angst“

Florian Scheuba, 46,

ist Kabarettist, Schauspieler, Kolumnist und Autor. Derzeit ist er gemeinsam mit Thomas Maurer und Robert Palfrader im ORF-Satireformat „Wir Staatskünstler“ zu sehen.

Zum Frühstück via Medien schon die Krise genossen?


An sich nichts Akutes. Wenn man Krise konsumieren will, empfehle ich die jüngsten Leitartikel des profil-Herausgebers. Liest man diese geballt hintereinander, wird einem vermittelt, die Welt stehe kurz vor ihrem Ende.

Ihre persönliche Gefühlslage?


Das Problem der medialen Berichterstattung ist, dass seriöse Prophezeiungen in der jetzigen Situation nicht wirklich möglich sind. Der Börsenhandel funktioniert in Tausendstelsekunden und ist selbst für Ökonomen unberechenbar. Die Ansage, es komme zur Totalkatastrophe, hat in etwa den gleichen Wahrscheinlichkeitswert wie die Aussage, alles werde wieder gut.

Wem vertrauen Sie noch?


Ich sage nicht, dass man den Kommentatoren nicht glauben kann. Aber wenn selbst Wirtschaftswissenschafter sich ehrlich eingestehen, nicht zu wissen, wie es weitergeht, ist es unseriös, fixe Mechanismen zu predigen.

Was macht Ihnen mehr Angst: die Krise oder die Berichterstattung darüber?


Natürlich gibt es Indikatoren, die darauf hinweisen, dass Probleme real vorhanden sind, und wir wissen nicht, welche Folgen die Krise und ihre Auslöser noch mit sich bringen. Es wäre falsch, das alles nur auf ein Medienphänomen zu reduzieren. Auch wenn Medien große Lust an der Angst haben und, um Geschichten besser verkaufen zu können, diese gerne übertreiben.

Ist die Finanzmisere zu ernst, um sich über sie lustig zu machen?


Die Krise hinterlässt viele Verlierer. Trotzdem gibt es genügend Menschen, die, warum auch immer, von ihr verschont bleiben, sogar davon profitieren. Über jene sollte man sich sehr wohl lustig machen.

Ist das Kabarett Krisengewinner?


Die These, dass in schlechten Zeiten das Kabarett besser sei, ist genauso wenig haltbar wie das Gegenteil davon.

Bieten härtere Zeiten nicht zwangsläufig mehr Stoff?


Nur wenn wir von einer moralischen Krise sprechen wie jener, die mit der Aufdeckung der Korruptionsskandale sichtbar wurde.

Ist die Krise zu komplex, um sie in einem Kabarettprogramm zu verarbeiten?


Nein. In „Wir Staatskünstler“ beschäftigen wir uns mit der Krise, ohne auf komplexe Weise die Welt zu erklären: Wir haben Katholizismus mit Kapitalismus verglichen und die Frage gestellt, was man alles zu glauben bereit sein muss, wenn die Märkte die Funktion Gottes übernommen haben.

Die Krise scheint Ihr tägliches Brot zu sein. Haben Sie nicht allmählich genug davon?


Unabhängig davon, ob nun Krise herrscht oder nicht, sehe ich es als Aufgabe der Satire, Missstände aufzuzeigen. Wenn selbst erfahrene Aufdeckungsjournalisten mit der Behandlung virulenter Skandale nicht mehr nachkommen, ist es mir ein Anliegen, Übersicht zu schaffen und dafür zu sorgen, dass manche Geschichten nicht untergehen. Das ist mein Job.

„Power und
positive Energie“

Austrofred, 41,

ist Österreichs größter selbst ernannter Entertainer. Zuweilen wird er von Franz Adrian Wenzl verkörpert, Sänger der Band Kreisky und Brieffreund historischer Größen („Du kannst Dir Deine Zauberflöte in den Arsch schieben – Mein Briefwechsel mit Wolfgang Amadeus Mozart“, Czernin ­Verlag).


Ist die Krise auch bei Austrofred angekommen?


Man merkt, dass Konzertveranstalter und Publikum konservativer rechnen. Auch bei Firmenfeiern wird nicht beim Bier gespart, sondern beim Künstler.

Sind Sie gar darauf angewiesen, Ihren Schnauzer nun selbst zu stutzen?


Ich bin passionierter Eigenfriseur und schneide meine Haare immer selbst.

Aber sonst sind Sie weitestgehend sorgenfrei?


Ich bin ja positiv gesinnter Allrounder, spiele auch auf Hochzeiten und halte Trauerreden. Dieses Segment wäre indes noch ausbaufähig.


Und wenn diese krisenfesten Maßnahmen nicht mehr greifen?


Dann arbeite ich devisensicher in einem Nicht-Euro-Land wie den USA oder der Türkei an einer neuen Karriere.

Der finnische Komponist Jean Sibelius sagte einmal, Künstler reden nur übers Geld, über Musik redet man am besten mit Bankdirektoren.


Geld ist nicht uninteressant, solange es einen Zug in meine Richtung hat. Bankdirektoren reden natürlich gern über Kunst und Musik, weil sie dort ihr Mäntelchen zeigen können. Aber sie reden halt nichts Gescheites.

Sie sprechen aus Erfahrung?


Ich habe schon vielfach festgestellt, dass Banker zwar stark an Kunst interessiert sind, aber einfach keine Fachmänner.

Kann Musik helfen, die Krise zu bewältigen?


Das Problem ist, dass Musiker oft nicht mehr Ahnung von der Finanz haben als Bankdirektoren von der Musik. Klar reden sie darüber, aber mit wenig nachhaltigem Erfolg. Wenn man die Krise künstlerisch zu verarbeiten versucht, sollte man das aus der psychologischen Sicht der Menschen tun. Für mich zählen Geisteszustände wie Angst und Unsicherheit mehr als konkrete Themen wie DAX und Triple-A.

Ihr größter Hit heißt „Eich Dodln gib i Gas“. Wem würden Sie aktuell gern aufs Pedal treten?


Grundsätzlich bin ich kein Wutbürger, sondern reflektierender Geistesmensch. Aber auch mich ärgern die Korruptionsaffären um den ehemaligen Finanzminister. Ich wundere mich auch, dass Institutionen wie Ratingagenturen, die vor drei Jahren noch kein Mensch gekannt hat, nun weltbestimmend sein sollen. Was die Finanzkrise betrifft, ist es schwer, Einzeltäter auszumachen.

Mit welchem Rezept führt uns Austrofred aus der Krise?


Mit Power und positiver Energie.

„Geldgier, die sich durch
die Gesellschaft frisst“

Sabine Gruber, 48,

gehört zu den profiliertesten Autorinnen der österreichischen Gegenwartsliteratur. 2011 erschien ihr vierter Roman „Stillbach oder Die Sehnsucht“ (C. H. Beck Verlag).

Die Finanzkrise ruft vorwiegend Ökonomen und Wirtschaftsredakteure auf den Plan. Ist die Krise zu komplex?


Ich habe zumindest mehrere Versuche unternommen, die Zusammenhänge im Detail zu realisieren. Die Kompliziertheiten und Unübersichtlichkeiten breche ich zuweilen auf ein für mich verständliches Niveau herunter, wobei es mir unangenehm ist, auf dieser Ebene darüber zu sprechen. Die Aufgabe von Autorinnen und Autoren sollte ohnehin sein, all die Nachteile, die aus der Finanzkrise erwachsen, mit persönlichen Lebenswelten zu verbinden. Dabei ist es nicht unbedingt erforderlich, die Finanzkrise en détail zu verstehen.

Müssen sich nicht gerade viele Intellektuelle selbstkritisch fragen, ob sie die Interpretation der Krise vorschnell dem Fachpersonal überlassen haben?


Durchaus. Es ist aber auch eine Frage der persönlichen Situation. Die meisten Autorinnen und Autoren verfügen über so wenig Eigentum und Geld, dass die Welt der Finanzspekulation weit entfernt scheint.

Üben sich nicht viele Intellektuelle zu sehr in Zurückhaltung?


Das hat wohl den Grund, dass die Zusammenhänge komplex und je nach Land unterschiedlich sind. Die Überschuldung in Italien kommt vor allem aufgrund der korrupten und überfinanzierten Staatsadministration zustande, in Spanien führten kreditfinanzierte Immobilienblasen zur Überschuldung. Diese Differenzierungen lassen sich treffen. Zu Detailfragen im Bankenwesen kann man sich dagegen nur schwer eine Meinung bilden.

Schwingt bisweilen die Angst mit, sich im Reden über die Krise zu blamieren?


Die Krise im Großen und Ganzen abzuhandeln fällt mir schwerer als die Analyse von Land zu Land. Ein ungutes Gefühl schleicht sich ein, wenn über die finanzpolitische Krise im Allgemeinen gesprochen wird.

Vor allem Banker und Investoren müssen als Sündenböcke herhalten. Handelt es sich dabei nicht um eine allzu simple Erklärung?


Die Politik hat den Finanzmärkten freie Hand gelassen; es muss sich vor allem politisch was ändern. Der Staat muss in Wirtschaftsprozesse eingreifen, sie kontrollieren. Die Erklärungen der Krise in den diversen Medien sind zu hinterfragen – aus welcher ideologischen Position heraus spricht die Verfasserin, der Verfasser? Eine neutrale und glaubwürdige Berichterstattung scheint ohnehin Chimäre zu sein, weil hinter jedem Medium wirtschaftspolitische Interessen stecken.


Wer trägt dann die Schuld an der Misere?


Das neoliberale System fördert die Geldgier, die sich durch die ganze Gesellschaft frisst. Ein grundlegendes Umdenken ist dringend erforderlich, ebenso gehört der Gemeinsinn wieder in den Vordergrund gestellt, übermäßiges Vermögen besteuert.

„Die Kunst ist
mit der Krise verheiratet“

Anna Meyer, 47,

lebt und arbeitet als Künstlerin in Wien. Die Demos an der Wall Street fanden jüngst Eingang in eine ihrer Plakatarbeiten, die ab Mitte Februar die Arbeiterkammer Wien präsentiert. Derzeit sind Meyer-Werke im öffentlichen Raum (Guglgasse 1, 1030 Wien) und in der Ausstellung „Eat the Rich“ (Artelier Contemporary, Herrgottwiesgasse 43, 8020 Graz; bis Ende Jänner) zu sehen.

Ihre aktuelle Arbeit „Angestellt in der Firma Welt“ thematisiert unter anderem die Occupy-Bewegung. Was interessierte Sie daran?


Ich begann mich verstärkt mit der Krise zu beschäftigen, als es hieß, sie sei jetzt zum zweiten Mal da: Nach der Krise ist also vor der Krise. Die beschleunigte Zeit, in der wir leben, ist von raschen Wechseln geprägt, fast manisch-depressiv. In den vergangenen Jahren konnte man, nicht nur wegen der Finanzkrise, weltweit Demonstrationen beobachten: Es begann mit den Protesten zu Stuttgart 21, darauf folgte der arabische Frühling – bei dem spätestens die Kinderkrankheiten der Revolution sichtbar wurden. Danach kam die Occupy-Bewegung …

… die ebenso unter Startschwierigkeiten leidet.


In anderer Form als bei den Revolutionen im arabischen Raum. Die zu befürwortende Occupy-Bewegung wird teilweise aufgefressen von den eigenen Inhalten, die sehr breit gefächert sind. Das Problem selbst wird etwa entpolitisiert, indem via Finanzrettungsschirm erneut die Geldmaschine angeworfen wird. Problematisch ist zudem, dass wir diese Vorgänge auf den Finanzmärkten nie ganz begreifen, sie sind völlig abstrakt. Jedenfalls fließt dort offenbar das Wasser nicht abwärts, sondern immer aufwärts: nach oben, zu jenen, die ohnehin schon viel zu viel Geld haben.

In der öffentlichen Diskussion ist die Wirtschaftskrise überaus präsent. Beobachten Sie deren Auswirkungen auch in Ihrem persönlichen Umfeld?


Zu Recht wird momentan gern das Krisenlied angestimmt. Natürlich bangen auch wir Künstlerinnen und Künstler um unsere Einnahmequellen. Ebenso droht manchen Bekannten, die im Gegensatz zu mir fix angestellt sind, der Verlust ihrer Jobs – und es wurden ja tatsächlich viele arbeitslos. Ich sehe die Ängste. Sich da jedoch hineinzusteigern, finde ich aber auch albern.

Zu Beginn der Krise zeigte sich der Kunstmarkt stark davon betroffen: Galerien in London und New York kündigten Mitarbeiter. Erlebten Sie auch selbst Einschnitte?


Ich habe gesehen, dass es zunächst eine Irritation am Markt gab, später aber machten die Galerien wieder tolle Umsätze, vor allem mit vermeintlich sicheren Werten und Shootingstars. Die Wellenbewegungen des Kunstmarkts sind nicht unbedingt synchron mit denen der Wirtschaft – daher kann ich den wirtschaftlichen Aspekt für mich selbst nicht beurteilen. Mir ist aber aufgefallen, dass mehr Interesse an meinen Arbeiten da ist – vielleicht gerade deshalb, weil es in ihnen um politisch relevante Inhalte geht und sich Menschen in Krisenzeiten dafür mehr zu interessieren scheinen.

Befindet sich die Kunst nicht permanent im Krisenzustand?


Die Kunst ist mit der Krise verheiratet, denn sie durchlebt prekäre Zustände, Notlagen und Chaos, aus denen sie etwas kreiert. Für mich selbst müssen Dinge brennen, damit ich an ihnen arbeiten kann.