„Klagt nicht, putzt!“

Franz Hammerbacher, Autor und ehemaliger UN-Soldat auf dem Golan, über die Beobachtung der Tomatenernte und andere Aufgaben einer Friedensmission.

Warum tut man sich das an? Räumliche Enge in den Baracken, Privatsphäre kaum vorhanden, Dienstbereitschaft rund um die Uhr, teilweise Schichtbetrieb. Man hängt am Gängelband von Ranghöheren, die Bewegungsfreiheit ist auf den Stützpunkt oder das Camp beschränkt. Draußen unterwegs wird einem das Funkgerät zur elektronischen Fußfessel. Ein „gut bezahlter Urlaub“, den manche in den Auslandseinsätzen des Bundesheers wähnen, sieht anders aus.

Trotzdem haben seit beinah vier Dezennien Zigtausende österreichische Soldaten freiwillig auf dem Golan gedient. Manch einem ist das Camp Faouar zum Mittelpunkt der Lebensinteressen geworden. (Für die Pension wird dann vorzugsweise Thailand auserkoren.) Ich selbst habe ein Jahr, von Juni 2008 bis Juni 2009, als Wachsoldat mit Chargendienstgrad auf dem Golan verbracht. Die Frage „Warum?“ hat sich mir immer wieder neu gestellt. Die bündigste Antwort wäre die Formel „Love & Peace“. Andere halten es eher mit einem Song von ABBA: „Money, Money, Money“. Aber selbst jenen, die behaupten, sie machten den Einsatz vor allem des Geldes wegen, ist die Fähigkeit und Bereitschaft zu einer gleichsam monastischen Lebensform eigen, die vielen Zivilisten als unannehmbar gilt.

Ein Militärcamp oder ein Stützpunkt ist eine Art geschlossene Gesellschaft, ein Mikrokosmos, in dem die gesamte Bandbreite menschlichen Verhaltens in konzentrierter Form deutlich wird. Die Frage, wie man sich darin fühlt, hängt primär davon ab, ob es gelingt, eine lebbare Beziehung zueinander herzustellen.

Jedem Einzelnen wird dabei eine gewisse Anpassungsleistung abverlangt. Was das Einsatzleben schwer macht, ist nie der Job an sich, nur die enge Form des Zusammenseins in der Zwangsgemeinschaft.
Ein auf dem Golan oft gehörter Satz lautete: „Da herunten fehlt einem nichts.“ Der Zivilist in mir denkt: Traurig, wenn das wahr ist. Der Soldat in mir aber kennt diese Abwesenheit von Mangelgefühl. Man lernt, mit dem Nötigsten auszukommen, und beginnt zu verstehen, dass Glück nicht die Annehmlichkeit ist, die einem zufällt, sondern innere Freiheit, die man erringt.

Ein Kamerad hat sich die Worte „Klagt nicht, kämpft!“ in den rechten Unterarm tätowieren lassen, und ebenso konnte man diesen sonderbaren Spruch auf T-Shirts, Schlüsselanhängern und Kaffeetassen finden. Dabei haben UN-Soldaten bekanntlich keinerlei Mandat zu einem veritablen Kampf. Wacker Dienst zu versehen heißt, dass man Putzdienste leistet, ohne zu murren. In Wahrheit müsste es also lauten: „Klagt nicht, putzt!“
Der Satz ist freilich bezeichnend für die enorme Diskrepanz zwischen dem Selbstbild der Soldaten, die sich als Kämpfer sehen, und der meditativen Alltagswirklichkeit in einer Friedensmission. Einer unserer Aufträge bestand darin, den ganzen Tag lang syrischen Bauern bei der Tomatenernte zuzusehen. Da die Felder direkt an der Waffenstillstandslinie lagen, mussten die „tomato picking activities“ permanent observiert werden. Nicht jeder Soldat kam damit gut zurecht.

Für Einsätze wie diesen erhielten die UN-Blauhelme 1988 den Friedensnobelpreis – ein Zusammenhang, der sich im Alltag des einzelnen Soldaten oft nicht unmittelbar erschließt. Eine Szenerie, die üblicherweise als Inbegriff von Friedlichkeit gilt – ein Schäfer mit Herde in sonst menschenleerer Weidelandschaft –, war auf dem Golan der Hotspot der multinationalen Beobachtermission.

Viele jammerten, der Dienst sei furchtbar zäh, „verlorene Lebenszeit“. Ich hingegen erfuhr es als Intensivierung der Existenz. Wachdienst beim Militär ist eine Lebensschule. Die Meisterklasse. „Was soll ich tun, was darf ich hoffen?“ Die Antwort ist beide Male: nichts.

In mancher Hinsicht verschafft einem ein Jahr Auslandseinsatz mehr Lebensintensität, als man sie während eines Daseins zusammenkratzen kann, das mit anderem beschäftigt ist. Gerade jene, die während des Einsatzes unentwegt nörgeln, bekommen daheim dann den Blues – eine Art Veteranenblues: „Wir waren alle wie Brüder ...“ Der Satz ist insofern treffend, als man sich Freunde aussuchen kann, seine Brüder hingegen nicht.

Was mich betrifft: Ich wurde, als nicht mehr ganz junger Mensch mit ungewöhnlichem Background, von der Truppe als einer ihresgleichen akzeptiert, und also fiel es mir leicht, zu akzeptieren. Darin steckt die sozialpolitische Dimension meiner Bundesheer-Erfahrung.

Was bringt einen auf den Weg? Die Ahnung von etwas, das es vielleicht nicht gibt, vielleicht gar nicht geben kann, ohne das man dennoch nicht leben will. Der Ethnologe Marc Augé spricht von der „communauté illusoire“ und empfiehlt einen „politischen Existenzialismus“, für den die Idee von Gemeinschaft und Gemeinwohl nur als Projekt bestehen kann. Man darf davon ausgehen, dass auch Kameradschaft immer ein Stück Illusion enthält, also kontrafaktisch ist. Dennoch trägt der Glaube an die Illusion, die man zur Prämisse seines Handelns macht, entscheidend zur Annäherung an das Ideal bei. Mir wurde das unter recht extremen Lebensumständen klar: auf einem kleinen UN-Stützpunkt auf dem Golan.

Zur Person
Franz Hammerbacher, geboren 1967, ist Zeitsoldat, UN-Blauhelm und Autor des Buchs „Bravo Hotel“ (Edition Korrespondenzen), in dem er über seine Erfahrungen bei Friedenseinsätzen berichtet.