Syrien: Eskalation im Nahen Osten

Syrien - Syrien: Eskalation im Nahen Osten

Immer mehr deutet darin hin, dass in Syrien Chemiewaffen eingesetzt werden. Nur: Welche? Von wem? Und warum zieren sich die USA mit den Konsequenzen, die sie dafür angedroht haben? Fragen und Antworten zur jüngsten Eskalation im Nahen Osten.

Niemand kann mit Sicherheit sagen, was am 19. März in Khan al-Assal wirklich geschah. Nur so viel ist klar: Die Katastrophe, die in der kleinen Stadt an diesem Tag mehr als zwei Dutzend Todesopfer forderte, könnte für den weiteren Verlauf des syrischen Bürgerkriegs entscheidende Bedeutung bekommen.

Überlebende schildern, wie sich plötzlich ein stechender Geruch ausbreitete, dem schwere Atemnot folgte - und wie auf den Straßen und in Häusern Menschen in sich zusammensackten und starben.

Angesichts dieser Schilderungen liegt ein böser Verdacht nahe: In Khan al-Assal könnte ein Giftgas-Angriff verübt worden sein. Damit wäre eindeutig jene Grenze überschritten, die US-Präsident Barack Obama als "rote Linie“ definiert hatte. Es wäre ein "game changer“, der "heftige Konsequenzen“ haben könnte, sollten in Syrien Chemiewaffen zum Einsatz kommen.

Im Lauf der vergangenen Tage sind entsprechende Indizien immer zahlreicher geworden. Obama selbst sprach von "Anhaltspunkten“ dafür, der britische Premierminister David Cameron von "begrenzten, aber zunehmenden Hinweisen“, der Chef des israelischen Armee-Nachrichtendienstes gab sich sogar überzeugt davon. Zuletzt berichtete auch der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan von Verdachtsmomenten: Vor wenigen Tagen seien in einem türkischen Spital nahe der Grenze mehrere Verwundete aus Syrien eingeliefert worden, die an schweren Atembeschwerden litten.

Chemiwaffenexperten wiederum sehen bislang keine eindeutigen Beweise.

Und die angedrohte Reaktion der westlichen Welt lässt weiterhin auf sich warten. Warum ist Obamas "rote Linie“ so dehnbar? profil beantwortet die wichtigsten Fragen zum Giftgas-Rätsel von Syrien.

Wann und welche Hinweise auf den Einsatz von Chemiewaffen gab es bislang?

23. Dezember 2012, Homs (Distrikt Homs): "Weißer Rauch“ aus einer Panzergranate verursacht schwere Husten- und Erstickungsanfälle, Schmerzen in der Brust, Pupillenverengung, Krämpfe und tödliche Flüssigkeitsansammlungen in der Lunge. Von mindestens fünf Todesfällen und insgesamt rund 100 Opfern ist die Rede. Rebellen und Regierung schieben einander gegenseitig die Verantwortung dafür zu.

19. März, Khan al-Assal (Provinz Aleppo): Betroffene berichten von Chlorgeruch und Atemnot, 32 Menschen sterben.

19. März, Ateibeh (Provinz Rif Dimaschq): Nach Raketeneinschlägen wird eine dunkle, faulig riechende Flüssigkeit freigesetzt. Eine unbekannte Zahl von Verwundeten muss wegen Erstickungssymptomen, Krämpfen und extrem niedrigem Blutdruck behandelt werden.

13. April, Bezirk Sheikh Maksoud (Aleppo Stadt): Nach einem Luftangriff klagen Passanten über Atembeschwerden, Erbrechen und Schwindel. Videoaufnahmen zeigen Patienten mit Zuckungen und Schaum vor dem Mund. Oppositionelle zählen mindestens vier Todesopfer.

29. April, Saraqeb (Provinz Idlib): Eine unbekannte Zahl von Verwundeten klagt über Atembeschwerden.

Welche Kampfstoffe und Giftgase wurden bislang als Auslöser genannt?

Sarin: Nervenkampfstoff. Verursacht unter anderem Sehstörungen, Pupillenverengung, Atemnot, Krämpfe, Schweißausbrüche, Erbrechen, unkontrollierbaren Stuhlabgang, Bewusstlosigkeit. Zum Tod führt schließlich Atemlähmung.

Agent 15: Psychokampfstoff. Verursacht trockene Schleimhäute, Hautrötung, starke Pupillenerweiterung und Kopfschmerzen sowie in weiterer Folge Kopfschmerzen, Verwirrung, Halluzinationen, Angstzustände und Realitätsverlust.

Chlorgas: eine der meistproduzierten Chemikalien für industrielle Zwecke. Verursacht Haut-, Augen- und Atemwegsreizungen, Husten, Brustschmerzen, Wasseransammlungen in der Lunge.

Tränengas: nach der Chemiewaffenkonvention für Polizeieinsätze erlaubt, in kriegerischen Konflikten seltsamerweise aber verboten. Verursacht in geringen Dosen Husten- und Brechreiz, in hoher Konzentration auch Lungenödeme und Krämpfe.

Wie lässt sich der Einsatz von Chemiewaffen oder Giftgas nachweisen?

Bei Chlorgas nur schwer, weil sich die Rückstände rasch verflüchtigen. Bei chemischen Kampfstoffen durch Boden-, Blut- oder Urinproben - wobei die Frage ihrer Herkunft derzeit vermutlich nicht mit letztgültiger Sicherheit beantwortet werden könnte, weil Chemiewaffeninspektoren keinen freien Zugang haben. In diesem Punkt trauen die USA und ihre westlichen Verbündeten den Angaben des Regimes offenkundig überhaupt nicht, jenen der Rebellen aber auch nur teilweise.

Wer könnte es gewesen sein?

Regierungstruppen: Es ist ein offenes Geheimnis, dass das Regime von Bashar al-Assad über Chemiewaffen verfügt, auch wenn das nie offiziell zugegeben wurde, sondern nur indirekt: "Syrien wird keine chemischen oder anderen unkonventionellen Waffen gegen seine Bürger verwenden, sondern nur im Falle einer externen Aggression einsetzen“, erklärte der Diktator im Sommer vergangenen Jahres. Unter anderem sollen sich Senfgas sowie die Nervenkampfstoffe Sarin und VX in seinem Arsenal befinden. Derzeit gibt es keine Hinweise darauf, dass Teile davon den Rebellen in die Hände gefallen sind.

Die Rebellen: Sie haben zwar offenbar noch keine Chemiewaffen erobert, Berichten zufolge allerdings eine Fabrik unter ihre Kontrolle gebracht, in der zu industriellen Zwecken Chlorgas hergestellt wird -Letzteres soll von al-Kaida-Kämpfer im Irak zumindest zweimal eingesetzt worden sein. Die Islamisten waren laut Informationen des Gulf Research Center in Genf allerdings so enttäuscht über die geringe Wirkung, dass sie wieder Abstand davon nahmen.

Wem nutzt der Einsatz von chemischen Waffen in Syrien?

Den Rebellen: falls sie darauf spekulieren, die internationale Gemeinschaft zum Eingreifen zu zwingen. Allerdings, würden sie damit auffliegen, wäre der Schaden für ihre Reputation desaströs.

Dem Regime: wenn es austesten will, wie weit es gehen kann. Bereits in der Vergangenheit haben die Assad-Truppen die Gewaltanwendung stets in kleinen, sorgfältig geplanten Schritten von Kleinwaffen bis zu Fliegerbomben gesteigert - und zwischendurch die Reaktionen abgewartet. Möglicherweise will Syrien damit aber auch Verhandlungen erzwingen oder ein für alle Mal sicherstellen, dass es keine Militärintervention von außen gibt. Für all das spricht, dass die Hinweise auf Chemiewaffen immer nur sehr kleine Bereiche betreffen und die Einsätze fast bewusst darauf angelegt zu sein scheinen, keine eindeutigen Beweise zuzulassen.

Wird die internationale Gemeinschaft militärisch reagieren?

Nein - zumindest nicht mit einer Bodenoffensive. Diese verbietet sich nicht nur aufgrund der komplett unklaren Frontlinien und der Befürchtung, in eine Situation wie im Irak hineinzugeraten, sondern eben auch aufgrund der Gefahr durch Massenvernichtungswaffen. Nach Schätzungen des Pentagon wären bis zu 75.000 Mann nötig, um die Chemiewaffendepots des Regimes zu sichern - mit entsprechendem Zeit-und Kostenaufwand. Die Einrichtung einer Flugverbotszone wäre zwar denkbar, aber ebenfalls teuer und im Fall von Syrien, wo sich der Bürgerkrieg vor allem im Häuserkampf abspielt, nur begrenzt wirksam.

Ja: vermutlich mit verstärkter Direkthilfe an "verlässliche“ Rebellenfraktionen.

Warum ist Obama so zögerlich, auf die Verletzung seiner "roten Linie“ zu reagieren?

Weil der US-Präsident offenbar verhindern will, mit direkter Einmischung auch die befürchteten Folgen des Konflikts zu erben: sei es, dass Waffen aus dem Westen in die falschen Hände geraten, sei es, dass die Aufständischen nach dem Fall von Assad die Angehörigen der regimetreuen alawitischen Minderheit massakrieren . Hinzu kommt, dass hinter Syrien ein für die USA weit dringlicheres Problem lauert: der Iran und sein Atomprogramm. Eskaliert der Konflikt deswegen, steht Obama den gleichen Großmächten gegenüber, die jetzt Syrien unterstützen: Russland und China. Und nicht zuletzt hat das Weiße Haus den Fokus der amerikanischen Außenpolitik längst in den pazifischen Raum verlagert und verspürt wenig Interesse, sich in einen neuen Konflikt im Nahen Osten hineinziehen zu lassen.

Warum sollte er trotzdem handeln?

Weil er sonst Gefahr läuft, dass seine "roten Linien“ von niemandem mehr eingehalten werden.

+++ "Ein Land zerfällt" - Blogeintrag von Martin Staudinger +++