Tanz der Vampire

Fünf übervolle Festivaltage: Die Austro-Filmschau Diagonale konzentriert sich heuer erneut auf innovatives Kino.

In die Zwielichtzone zwischen Phantasma und Wirklichkeit steigt jeder ab, der ein Kino besucht: Gespenster aus Licht und Schatten tanzen da ihre voraufgezeichneten Bewegungen; Nachtgestalten gaukeln ein Leben vor, das es vielleicht einst gab, seither aber zu einer Art Totentanz fixiert wurde. Filme, die den eigentümlichen Charakter des Kinos betonen, gibt es bei dem am Dienstag dieser Woche startenden Festival des österreichischen Films en masse zu besichtigen. Die Grazer Diagonale richtet ihren Blick, wie gewohnt, nicht nur auf die traditionelle Leistungsschau aktueller Spiel- und Dokumentarfilme, sondern insbesondere auch auf innovative Formate, die im Kino-Normalbetrieb bekanntlich keinen leichten Stand haben. Unter den zahllosen Premieren, die bei der Diagonale 2013 zu sehen sein werden, stechen etwa Mara Mattuschkas und Chris Harings neue Zusammenarbeit „Perfect Garden“ hervor, ein Traumtanzspiel der bizarren Art, aber auch Norbert Pfaffenbichlers „A Messenger from the Shadows“, eine Found-Footage-Arbeit über den Stummfilm-Horrorstar Lon Chaney. Regie-Außenseiter wie Ludwig Wüst und Peter Schreiner zeigen ebenfalls neue Werke.

Einige der interessantesten Arbeiten dieses Jahrgangs stammen aus einem anderen Zwischenbereich: dem Gebiet zwischen bildender Kunst und Kino. Josef Dabernig , ein Virtuose des ironisch-dramatisierten Stillstands, hat nicht nur den Festivaltrailer gestaltet, ihm gelten auch eine Diagonale-Werkschau sowie eine Retrospektive im Kunsthaus Graz. Und Constanze Ruhm legt eine neue Produktion mit Regie-Komplizin Christine Lang vor: „Kalte Probe“ untersucht in abstrakten Spielszenen das Wesen der filmischen Erzählung. Im Rahmen zahlreicher Gesprächsveranstaltungen wird in Graz auch die Frage debattiert werden, wie die Stoff- und Projektentwicklung kommender Filmprojekte zu unterstützen wäre. Festivalchefin Barbara Pichler sieht darin einen entscheidenden Schwachpunkt im heimischen Filmgeschehen: Sowohl Förder- als auch Unternehmensstrukturen seien primär auf die Herstellung von Filmen ausgerichtet, sagt sie. Zudem sei „der wirtschaftliche Druck zu groß, um Projekte, wenn nötig, auch mal verwerfen zu können“. Wichtiger als die aktuelle Oscar-Hysterie wäre, „dass eine solche Auszeichnung die Entschlossenheit der Förderstellen und ihrer Jurys stärkt, weiterhin individuelle, riskante und kompromisslose Projekte wie ,Amour’ zu unterstützen“.