Tanzschritte am Abgrund

In der jungen britischen Literatur ist die Schottin A. L. Kennedy eine Ausnahmeerscheinung: Ihre Bücher sind hochriskante, messerscharfe Berichte aus dem Kampfgebiet der zwischenmenschlichen Annäherung. Diese Woche erscheint ihr neuer Roman „Also bin ich froh“, am 21. März liest Kennedy in Wien.

Bevor A. L. Kennedy irgendetwas Wichtiges tut, zieht sie sich erst einmal die Schuhe aus. Als Persönlichkeitsmerkmal, gibt sie zu, „ist das ziemlich armselig“. Als Kind hatte Kennedy sich eine spektakulärere Art von Exzentrik gewünscht: vielleicht einen Papagei zu halten, der ordentlich fluchen kann, oder auffällig zu hinken, wie sie es damals heimlich übte. Geblieben ist das Schuheausziehen. Es hilft ihr „beim Konzentrieren“.

Vor einigen Jahren an einem milden Frühlingssonntag zog A. L. Kennedy ihre Schuhe aus und stieg in ihrer Glasgower Dachwohnung aufs Fensterbrett: „Ein Mann, den ich geliebt habe, ist gestorben, ein anderer hat mich verletzt, es geht mir gesundheitlich nicht gut, und ich kann nicht schlafen, ich habe ein ganz gewöhnliches gebrochenes Herz, und ich brauche diese Wohnung nicht mehr ... ich brauche das Arbeitszimmer nicht mehr, weil ich nicht mehr schreibe.“

Letzte Bewegung. Eine lebensmüde Schriftstellerin Anfang 30, eine Autorin, die nicht mehr schreibt, nutzlos und ohne Wert. Doch bevor Kennedy ihre „letzte willentliche Bewegung“ machen und loslassen konnte, setzte plötzlich von irgendwoher diese Musik ein. Deutlich vernahm sie aus Richtung Vorstadt den Song „Mhairi’s Wedding“, ein „besonders misslungenes Beispiel pseudokeltischer Kitschkost“ und der „allerschlechteste Folksong der Welt“, in dem es um Heringe, Haferbrei und Torf geht. Kennedy kletterte zurück ins Wohnzimmer und weinte. „Stellen Sie sich ruhig meine grenzenlose Freude vor, die jedes Mal in mir emporsteigt, wenn ich mich daran erinnere, dass „Mhairi’s Wedding“ – jedenfalls zum Teil – dafür verantwortlich ist, dass ich heute am Leben bin und diese Zeilen tippe.“

Wichtiger ist es, sich die schriftstellerische Kühnheit und den halsbrecherischen Sinn für Humor vorzustellen, die es braucht, um sich mit der gesamten Lächerlichkeit, Peinlichkeit und Verzweiflung eines missglückten Selbstmordversuchs vor seine Leser zu stellen. Dann nämlich kommt man dem Schreiben von A. L. Kennedy bereits sehr nahe. Man ahnt die Doppelbödigkeit der Liebesgeschichten, die sich diese schottische Risikoschreiberin ausdenkt; die tragikomischen Tanzschritte, die sie ihre Figuren im Reigen der Geschlechter aufführen lässt, und die rasiermesserscharfe Erbarmungslosigkeit, mit der sie deren Innerstes bloßlegt.

Kennedys wahnwitziges Spektrum menschlicher Interaktionen reicht von grotesken „Streit bei Serienmörders zu Hause“-Szenarien wie in der Kurzgeschichte „Die liebe Familie“ („Ich weiß nicht, wieso ich wegen dir und deinen ach so wichtigen Serienmorden all meine Wurzeln aufgeben soll!“) über die halluzinatorisch dichte Beschreibung nonverbaler homoerotischer Annäherung am Pissoirbecken („Ein makelloser Mann“) bis zu aufwühlenden Vater-Kind-Konflikten („Alles was du brauchst“) und entgleisendem Sado-Maso-Sex in ihrem diese Woche erscheinenden Roman „Also bin ich froh“. In der Beschreibung von Schmerz ist Kennedy unpathetisch, ihre Sexszenen – selbst die abgründigsten – kippen niemals ins Kitschige, Pornografische oder Schwülstige, und ihre Dialoge sind raffiniert und präzise.
Kaum vier Jahre ist es her, dass Kennedys erster, schmaler Roman auf Deutsch erschien. Er hieß „Gleissendes Glück“ und erzählte von Mrs. Brindle, einer Glasgower Hausfrau mit gewalttätigem Ehemann, die im braun gebrannten Fernseh-Selbsthilfepsychologen Edward E. Gluck den Erlöser aus ihrer ehelichen Brutalo-sex-Hölle vermutet – und in der aufwändig inszenierten Liebesgeschichte mit ihrem Retter bald vor noch deutlich tieferen Abgründen steht.

Das Buch wurde durch Mundpropaganda bekannt – und mit ihm seine Autorin. In kurzem Abstand folgten fünf weitere Bände: Romane, Short Stories und ein – als Auftragsarbeit entstandenes – Sachbuch über den Stierkampf, in dem Kennedy nicht nur ihren Selbstmordversuch beschreibt, sondern vor allem die spanische Corrida als rituellen Totentanz, Exorzismus und Glaubensakt: keine Hemingway’sche „Männer in der Midlife-Krise“-Mystifikation des Kampfes Mann gegen Bestie, sondern eine atmosphärisch dichte, brillante Reflexion, gespickt mit technischen Details. Um Begriffe wie „duende“ (im Spanischen ursprünglich: der Kobold) geht es da – ein Wort und ein Konzept zum Verständnis der Corrida, das für den spanischen Dichter und Stierkampf-Aficionado Federico García Lorca bald zur Kurzformel für die Quelle jedes Kunstwerks wurde, das dunkle Untertöne besitzt. Denselben „transzendenten, aber auch melancholischen Moment, den das Kunstwerk hervorruft, das aus schmerzhafter Inspiration geboren wurde“, findet man auch in Kennedys Geschichten.

Lügen strafen. A. L. Kennedy – die Initialen stehen für Alison Louise – ist eine kleine, faltenlose, blassgesichtige Frau, unprätentiös, ironisch und burschikos, als wäre sie – obwohl ein Einzelkind – mit einer ganzen Reihe von älteren Brüdern aufgewachsen. Die Jeans, das knallrote T-Shirt aus Fußballerdressen-Stoff und die dunkelblaue Sweatshirt-Kapuzenjacke, die sie trägt, strafen die von ihr kursierenden Fotos als langhaarig gelockte Elfe Lügen.

Das Wohnzimmer ihrer Glasgower Dachwohnung liegt in wohligem Halbdunkel: zerknautschte Polstermöbel, ein Videoregal, einige japanische Lackdöschen, eine Messingfigur des indischen Elefantengotts Ganesha im Fenster, ein indianischer Brustschmuck an der Wand. „Right!“, sagt sie auffordernd-abwartend. Es klingt wie „ru-a-i-d“ – mit langen schottischen Vokalen.
Sie erzählt mit tiefer, leiser Stimme, gelegentlich unterbrochen von gutturalen Lachern. Erzählt von ihrer Theaterarbeit, von der Krimiserie „Dice“, die sie für das kanadische Fernsehen geschrieben hat, und davon, dass sie schon, bevor sie überhaupt schreiben lernte, erste Bildergeschichten kritzelte. Schließlich spricht sie von ihrem Roman „Also bin ich froh“, der diese Woche auf Deutsch erscheint. Darin serviert Kennedy die groteske Geschichte eines Mannes, der wie aus dem Nichts als neuer Mitbewohner in einer Glasgower Wohngemeinschaft der neunziger Jahre auftaucht, nur um sich schließlich als der Gascogner Dichter, Philosoph, Haudegen und Fantast Cyrano de Bergerac (1619–1655) zu entpuppen. Wie vom Himmel fällt die Figur – die man vor allem aus Edmond Rostands Theaterstück und der Verfilmung des Stücks mit Gérard Depardieu kennt – ins Jetzt und gleichzeitig ins Leben der Ich-Erzählerin Jennifer. Diese ist eine Frau mit einem deutlichen „Mangel an romantischem Enthusiasmus“, deren erotischer Motor bisher höchstens bei freudlosen Sado-Maso-Spielen ein wenig in Schwung gekommen ist. „Schon mal ausprobiert? Handschellen? ... Klickklickklick. STOP ... Sie sind eine Tür, die man öffnet, um zu weit zu gehen.“ Cyrano und Jennifer: der kampferprobte, mit Amnesie geschlagene Schwadroneur aus der Vergangenheit und die kontrollierte, mehrfach gebrochene Radiosprecherin. Eine infernalische Paarung, an der Kennedy untersucht, „wie sich zwei Menschen gegeneinander verteidigen können oder sich damit einverstanden erklären, einander ungeschützt zu begegnen“.

Barbarische Gegenwart. Geschrieben hat Kennedy das Buch Mitte der neunziger Jahre, als der Jugoslawien-Krieg tobte. Die historische Figur des Cyrano faszinierte die Schottin, sie lernte eigens Französisch, um in Paris in der Bibliothèque Nationale in dessen Originalmanuskripten recherchieren zu können. Die Vergangenheit des 17. Jahrhunderts, in der Cyrano sich so ungeheuer selbstsicher als Soldat bewegte, schien ihr um nichts weniger barbarisch als die Gegenwart, in der sie lebte.

Angriff und Verteidigung, im privaten wie im öffentlichen Raum, Kämpfe ums soziale Überleben, intime Kämpfe zwischen zwei Körpern, der Konflikt zwischen innerem Empfinden und äußerer Fassade: Das sind die Schauplätze der A. L. Kennedy. Politisch steht sie links, sie ist eine vehemente Gegnerin der Politik des britischen Premierministers Tony Blair, schreibt eine monatliche politische Kolumne in der linksliberalen Tageszeitung „Guardian“ und hat öffentliche Auftritte als Rednerin gegen den Irak-Krieg absolviert.

Ihr politisches Bewusstsein schärfte die Tochter eines Psychologieprofessors und einer Lehrerin in Dundee, ihrer Heimatstadt an der schottischen Ostküste. Als eine Art „Dritte-Welt-Stadt in Europa“ beschreibt Kennedy den Ort ihrer Kindheit, geschlagen mit gewaltiger Langzeitarbeitslosigkeit und einer korrupten Stadtverwaltung, die eifrig in die eigene Tasche wirtschaftete. Kennedy lernte in der Schule, dass Südafrika als großes Erfolgsprojekt zu gelten habe, die Apartheid halb so schlimm sei und dass Indien sich dem British Empire gegenüber höchst undankbar verhalten habe. Die schottische Version des Calvinismus trug ihr Übriges zum reaktionären Klima bei: „Jede Glaubensrichtung, die in Schottland landet, scheint zu einer frauen-, lust- und körperfeindlichen Religion zu werden“, sagt Kennedy. Unterwerfung oder Rebellion prägten das schottische Bewusstsein, auch in der Literatur: „Es gibt kaum schottische Literatur, in der Moral keine Rolle spielt. Es gibt richtig und falsch. Bei uns heißt es: Ich mache etwas falsch, aber ich weiß, dass es falsch ist.“
Und was könnte in dieser Atmosphäre falscher und mit mehr Problemen und Schuld befrachtet sein als das Minenfeld der zwischenmenschlichen Annäherung? Was ergiebiger für eine Autorin, die sich deutlich auf die dunkle Straßenseite der schottischen Literatur schlägt? Auch das ist ein Grund, warum A. L. Kennedy in Schottland bleibt – in ihrer Glasgower Wohnung mit dem selbstmörderischen Fensterbrett.