Tatort Familie. 'Im Namen des Vaters'

Familie ausgelöscht. Am Dienstag der Vorwoche ermordet Reinhard St. seine Frau, seine Tochter, seine Eltern sowie seinen Schwiegervater mit einer Hacke.

Reinhard St. wird diese Woche noch einmal alles durchspielen müssen: Er wird in die große Eigentumswohnung seiner Familie nach Wien-Hietzing zurückkehren und im Badezimmer mit der Attrappe einer Axt demonstrieren, wie er seine Frau erschlug. Wie er ihre Leiche „aus Pietätsgründen“ (so St. im Polizeiverhör) mit Tüchern verhüllte, wie er danach mit der Hacke auf seine siebenjährige Tochter einschlug, ihren Lieblings-Teddy an ihrer Seite platzierte und auch ihre Leiche mit Tüchern zudeckte. Danach wird Reinhard St. gemeinsam mit einem Staatsanwalt und der ermittelnden Einsatzgruppe der Polizei nach Ansfelden fahren und dort rekonstruieren, wie er seine Eltern ermordete. Und schließlich wird er noch einmal nach Linz in die Wohnung seines Schwiegervaters gebracht werden, um zu zeigen, wie er den im Fernsehstuhl schlafenden Mann erschlug. Die fünf Morde des Reinhard St. stürzten Österreich knapp zwei Wochen nach dem Schock von Amstetten erneut in tiefes Entsetzen. Eine „nette, moderne, erfolgreiche“ Familie, aus scheinbar heiterem Himmel ausgelöscht: Wie konnte es dazu kommen? Die Antwort liegt in einer bislang viel zu wenig beleuchteten Problematik: der spezifischen Gewalt durch Männer.

Männer sind für mehr als 95 Prozent der weltweit ausgeübten Gewalt verantwortlich. Dies ist in Zusammenhang mit anderen statistischen Fakten zu sehen: Männer sterben früher als Frauen, erleiden öfter Herzanfälle, verüben öfter Selbstmord, bilden öfter Magengeschwüre aus, verfallen öfter und massiver dem Alkohol. Nach Ansicht namhafter Soziologen und Psychotherapeuten befindet sich praktisch das gesamte männliche Geschlecht in einer Krise. Die „Modernisierung der Männlichkeit“ und die Werteverschiebung zwischen den Geschlechtern während der vergangenen Jahrzehnte hätten die Männer zutiefst irritiert: Das „starke Geschlecht“ dürfe einerseits nach wie vor keine Schwäche zeigen, gleichzeitig hielten viele jedoch den gesellschaftlichen Druck nicht mehr aus – mit teilweise so drastischen Folgen wie im Fall Reinhard St. Deshalb fordern Experten, ein neues politisches Feld zu eröffnen: Männerpolitik.

Reinhard St. wurde am Samstag in der Justizanstalt Josefstadt in Untersuchungshaft genommen, nachdem er dem Haft- und Rechtsschutzrichter (früher Untersuchungsrichter) vorgeführt worden war. Am Freitag hatte er drei Stunden lang mit seinem Anwalt Ernst Schillhammer gesprochen und ihn beauftragt, für seine Verteidigungsstrategie „keine anwaltlichen Tricks“ anzuwenden. St. werde sich auch in den bevorstehenden Gesprächen mit dem Gerichtspsychiater „nicht verstellen, um etwa unzurechnungsfähig zu erscheinen“, erklärte Schillhammer gegenüber profil. Sein Mandant werde in den Bou­levardmedien als „kalt“ beschrieben, tat­sächlich versuche er, sich während der Einvernahmen zu konzentrieren, um klare Angaben zu machen. Doch kaum komme die Sprache auf seine Tochter, beginne er zu weinen. Schillhammer: „Er will größtmögliche Kooperation.“ Verantwortung. Schon die Tatsache, dass St. sich nach den Verbrechen bei der Polizei stellte, wird von Psychologen als Demonstration gewertet, die Kontrolle über das Geschehen behalten zu wollen. Obwohl seine „Kooperationsbereitschaft“ am drohenden Strafausmaß kaum etwas ändern wird, scheint St. zu suggerieren, dass alles erklär- und nachvollziehbar sei und er – quasi „als Mann“ – zu seinen Taten stehe und die Verantwortung dafür übernehme.

St. hatte sich selbst die Rolle des erfolg­reichen Aufsteigers mit Bilderbuchfamilie verpasst. Im Internet bot er eine überzogene, an Hochstapelei grenzende Selbstdarstellung: Er habe sechs, sieben verschiedene Fächer studiert, kenne die Medien und die Politik in- und auswendig, er sei ein „Info-Broker“ und biete als PR-Berater „Story-Placement“ an. Kein einziger seiner auf der Internetseite angeführten „Referenzkunden“ war auffindbar. Gesichert scheint, dass St. Geschäfte in größerem Maßstab machen wollte: Er versuchte sich unter anderem als Schrotthändler und als Aktienspekulant. Der Nationalratsabgeordnete Erwin Spindelberger (SPÖ) war einer der vier Abgeordneten, für die St. „zur vollen Zufriedenheit“ Assistenzarbeiten wie die Vorbereitung von parlamentarischen Anfragen erledigt hat. Spindelberger erinnert sich, vor etwa zwei Jahren von St. darauf angesprochen worden zu sein, ob er nicht Interesse hätte, in „extrem gewinnträchtige Erdölaktien zu investieren“. Spindelberger: „Doch ich hatte keine Lust. Da bin ich eher einfach strukturiert.“ St. nannte in den Verhören als Ursache für seine Taten den Verlust von 300.000 Euro, die er teilweise von Familienmitgliedern geliehen hätte. Er habe seine Familie ausgelöscht, „um ihr die Schmach zu ersparen“. Gewaltverbrechen wie diese sind weitgehend Männersache. Im Vorjahr wurden in Österreich insgesamt 113 Morde und Mordversuche verübt, davon 75 im sozialen Nahraum Familie. Die Opfer waren fast ausnahmslos Frauen und Kinder.

Ebenfalls 2007 wurden 27 Männer und sieben Frauen wegen Mordes verurteilt. Wegen Körperverletzung ergingen Schuld­sprüche gegen mehr als 5500 Männer und rund 400 Frauen. Die Zahlen lassen erahnen, was männliche Gewalt bedeutet: Im Englischen werden die Opfer als „survivors“, Überlebende, bezeichnet. Und in der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie werden professionell „Sicherheitspläne“ erarbeitet: für Trennungsphasen, denn dann steigt das Risiko für Frauen, ermordet zu werden, auf das Fünffache. Immer mehr Frauen werden aufgrund von männlicher Gewalt zu Flüchtlingen im eigenen Land: In den vergangenen 25 Jahren retteten sich – nach meist schon langer Gewaltgeschichte – beinahe 40.000 Frauen und Kinder in eines der 26 autonomen Frauenhäuser. Allein im Vorjahr waren es mehr als 3000.

Gleichzeitig wies die Polizei 2007 mehr als 6000 gewalttätige Männer aus ihren Wohnungen und sprach vorübergehend ein Betretungsverbot aus – österreichweit 20 einschlägige Einsätze pro Tag. Sie verlaufen meist nach einem Muster: Die Gewalttäter streiten alles ab, Frauen und Kinder schweigen aus Angst und Scham. Die rechtliche Grundlage für die Exekutive, eingreifen zu können, bevor die Gewalt eskaliert, schuf Österreich 1997 mit dem so genannten Gewaltschutzgesetz, das der Polizei die Möglichkeit gibt, „Gefährder“ der Wohnung zu verweisen. Seither sind Beamte in derartigen Fällen österreichweit 100.000-mal eingeschritten. Auf der Suche nach den Ursachen männlicher Gewalt wurde lange versucht, Männer als Gefangene ihres Geschlechts zu sehen. Das Sexualhormon Testosteron stand im Ruf, aggressives Verhalten zu fördern. Ein wissenschaftlicher Nachweis für einen eindeutigen kausalen Zusammenhang zwischen Testosteronproduktion und männlichem Aggressionspegel konnte bisher aber nicht erbracht werden.

Testosteron. Die US-Biowissenschafterin Anne Fausto-Sterling zitierte 1988 in ihrem viel beachteten Buch zu biologischen Theorien über Mann und Frau zahlreiche Studien zum Verhältnis von Aggression und Testosteronspiegel bei Männern. Unter anderem wurden unauffällige Männer der Altersgruppen bis 28 und darüber untersucht. Gemessen wurden ihr Testos­teronspiegel und – in psychologischen Tests – feindselige Gefühle, Depression und Aggressivität. Ergebnis: Bei der jüngeren Gruppe gab es einen Zusammenhang zwischen (hohen) Aggressionswerten und der Testosteronproduktion, bei den älteren Probanden nicht. In einem anderen Programm wurden 24 Studenten untersucht. Die Hälfte von ihnen zeigte bei Tests hohe Aggressionswerte, die zweite Hälfte niedrige. Messungen der Testoste­ronproduktion während dieser Tests ergaben keine Unterschiede. Die Wissenschafterin kam zu dem Schluss, dass simple lineare Modelle versagen: „Wir müssen uns stattdessen mit der Auffassung auseinandersetzen, nach der Geist, Seele, Körper und Gesellschaft in einer unauflöslichen Wechselbeziehung stehen.“ Die Suche nach genetischen Faktoren für Aggression erbrachte ähnliche Ergebnisse: Aggressives Verhalten beruht auf einem extrem komplexen Zusammenwirken von genetischen Anlagen und einer Vielzahl weiterer Faktoren.

Die Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ fasste die Ergebnisse der Aggressionsforschung so zusammen: „Auch Frauen sind zu allem fähig. Die Angriffslust unter den Geschlechtern ist gleichmäßig verteilt. Allerdings greifen Frauen eher zu Worten als Waffen.“ Wenn überhaupt, sei größere männliche Aggressivität bei Kindern und Heranwachsenden nachzuweisen. Während Buben sich prügelten, lernten Mädchen, Attacken sprachlich oder etwa mit Freundschaftsentzug auszuleben. Und so bleibe es auch im Erwachsenenalter. Die Bielefelder Soziologin Christiane Sperl kam zu dem Schluss, dass der „instrumentelle Einsatz von Aggression für die weibliche Rolle in unseren Gesellschaften nicht vorgesehen ist“ und Frauen sich entsprechend verhalten. Die britische Aggressionsforscherin Anne Campell hat über zwanzig Jahre hinweg Straßengangs, Straftäter und Mittelschichtsbürger beiderlei Geschlechts befragt. Ergebnis: Frauen erleben Aggressivität als Verlust ihrer Selbstkontrolle, Männer hingegen als Mittel, Kontrolle und damit Macht über andere auszuüben. Der deutsche Soziologe Michael Meuser sieht Männer „in radikaler Weise mit den Ambivalenzen der Moderne konfrontiert und in einem Netz von Konfusion, Ängsten, Zweifel und Unsicherheiten gefangen“. Mit dem Aufstieg der Frau erlebe der Mann einen Abstieg. Unterschiedliche Erwartungen an seine Männlichkeit beantworte er mit Irritation und Identitätsverlust. Den drohenden Prestigeverlust durch das Auffliegen seines beruflichen Versagens nannte Reinhard St. indirekt als Tatmotiv. Harald Burgauner von den „männerwelten“ in Salzburg, der über 20 Jahre Erfahrung in Männer- und Gewaltberatung verfügt, sagt: „Offensive Auseinandersetzung mit den eigenen Schwierigkeiten hieße streiten, Übernahme von Verantwortung. Das meiden diese Männer. Und dann kann es zur Katastrophe kommen.“

Ethischer Nullpunkt. Der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner beschäftigt sich seit Langem mit Männerfragen. In Anbetracht der sich häufenden „Superverbrechen“ sieht er die Gesellschaft an einem „ethischen Nullpunkt angekommen“. Zulehner: „Dieses Übel kann so dicht werden, dass alles kippt und eine Reethisierung und Resolidarisierung Platz greift.“ Am meisten Gewalt übten Burschen ­zwischen 16 und 25 Jahren aus. Die ­meisten von ihnen hätten keine taugliche Vaterfigur als Vorbild gehabt, mit der sie etwa hätten raufen können, um die Unterschiede zwischen Kraft, Gewalt und Macht zu erkennen. Ähnlich argumentiert der Wiener Psychiater und Familientherapeut Walter König: „Kuschelpädagogik funktioniert nicht. Aggression muss angesprochen werden, um Rituale und Grenzen dafür zu finden.“

Alle Männer- und Gewaltberatungseinrichtungen in Österreich orten massiven Bedarf für eine „Männerpolitik“. Der Tiroler Gewaltberater Karl-Heinz Stark hat zahlreiche gewalttätige, aber therapiewillige Männer auf seiner Warteliste. Sie müssen rund drei Monate auf einen Termin warten. Eine Beratungsstelle koste maximal 20.000 Euro pro Jahr, so Stark, aber in der Politik sei dafür nichts zu holen, obwohl es sich bei der Arbeit um einen sozialen Bombenentschärfungsdienst handle. Martin Christandl vom Männerzentrum Innsbruck, wo man im Vorjahr 900 Anmeldungen zählte: „Wir wissen, wie es geht, und obwohl es nicht viel kostet, zeigt die Politik kein Bewusstsein für dieses Problem.“ Dabei sei Männerpolitik indirekt auch Frauen- und Familienpolitik. Gewaltprävention läge auch im Interesse des öffentlichen Gesundheitswesens. Laut einer Studie der Weltbank verursacht Gewalt gegen Frauen in den Niederlanden 210 Millionen Euro jährlich an Folgekos­ten, in der Schweiz sind es sogar 314 Millionen Euro.

Mitarbeit: Eva Linsinger, Edith Meinhart