Tavernen, Thermen und Bordelle: Funde bei der Albertina gewähren Alltags-Einblicke

Wertvolle Funde aus einem Gräberfeld bei der Wiener Albertina beweisen, dass Vindobona mehr war als nur ein militärischer Außenposten. Der Lebensstil der ­Reichen im antiken Wien orientierte sich am dekadenten Rom. Die Fundstücke werden nun erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.

Von Peter A. Krobath

Der Anruf kam von den Verantwortlichen jener Baustelle, die mit der Errichtung einer neuen Ausstellungshalle bei der Wiener Albertina betraut waren: „In zwei von drei Schächten liegen Knochen“, vermeldete der Anrufer. „Vielleicht schauen Sie sich das einmal an.“ Elfriede H. Huber von der Forschungsgesellschaft Wiener Stadtarchäologie war keineswegs überrascht. Bevor Bauarbeiten im Zentrum Wiens etwas Neues entstehen lassen, fördern sie zumeist Altes zutage. „Notgrabungen“ sind die Tugend der städtischen Archäologie. Und in diesem Fall brachte auch das Alte Neues.

Denn von Oktober 2000 bis April 2001 legten die Archäologinnen der Forschungsgesellschaft nicht nur einen Teil des bislang größten römischen Friedhofs Wiens frei, sie fanden dabei auch ungewöhnlich prächtige Grabbeigaben: wertvollen Gold- und Silberschmuck sowie ausgefallene Glas- und Keramikgefäße. Es handelte sich um Grabbeigaben, die jedenfalls auf eine wohlhabende Bevölkerungsgruppe deuten und das Bild verstärken, welches schon die Forschungen der letzten Jahre entwarfen: Vindobona war in seiner Blütezeit weit mehr als nur ein Legionslager.

Lange Zeit konzentrierte sich die Darstellung Vindobonas auf das 6000 Mann starke Legionslager, das zwischen dem heutigen Donaukanal und dem Graben lag. Da außerhalb des Militärareals wenige bauliche Reste erhalten sind, wurde die Existenz einer Lagervorstadt von manchen Archäologen sogar bezweifelt. Die neuesten Forschungen ergeben indes ein komplexeres Bild – mit einer großen Lagervorstadt und einer Zivilstadt im Bereich des heutigen 3. Bezirks, entlang des Rennwegs, vom Botanischen Garten bis zur Höhe Schlachthausgasse. In der Zeit vom späten 2. bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts lebten – so der aktuelle Wissensstand – mehr als 30.000 Menschen in Vindobona, ein buntes Völkergemisch aus allen Teilen des Römischen Reiches.

Das Legionslager , das im Jahr 97 nach Christus gegründet wurde, diente zur Sicherung der nördlichen Grenze des Imperiums, das sich von Britannien bis Syrien erstreckte. Ursprünglich stammten viele Soldaten aus Italien oder Gallien. Später wurden die Truppen mit neuen Rekruten dort ergänzt, wo einzelne Abteilungen an Kriegszügen teilnahmen. Die für die bisherige Form der Geschichtsschreibung bekanntesten Ereignisse: Von Vindobona aus unternahm Kaiser Marc Aurel zwischen den Jahren 166 und 180 Feldzüge gegen die Markomannen. Im Jahr 180 starb er – ob in Vindobona oder im serbischen Sirmium, ist ungeklärt.

Bestochene Beamte. Doch die Zeiten, in denen an der nördlichen Grenze Friede herrschte, dauerten weit länger als jene, in denen Kriege geführt wurden. Von den 380 Jahren, welche die römische Legion an der Donau stationiert war, verliefen 350 ohne Kämpfe. Entsprechend zivil ging es im Lager zu, wie aktuelle Ausgrabungen Am Hof belegen. Die Soldaten vergeudeten ihre Zeit nicht mit Waffenputzen, sondern nutzten ihre Kräfte für Handwerks­tätigkeiten und ihre Freizeit für Besuche von Tavernen, Thermen, Theatern und Bordellen. Auch das Glücksspiel erfreute sich großer Beliebtheit, wie die Reste von Würfelspielen vermuten lassen, die in alten Abfallgruben gefunden wurden.

Das Lager war jedenfalls ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Die städtischen Siedlungen im Umkreis stellten die Versorgung mit Gebrauchsgegenständen und Lebensmitteln wie Getreide, Speck und Käse sicher. Selbst Olivenöl und sogar Austern konnte man hier kaufen. Die Grenze und die nahe Bernsteinstraße dürften den Standort Vindobona auch für Großhändler attraktiv gemacht haben. Sind unter ihnen jene reichen Römer zu vermuten, auf deren Grabbeigaben die Archäologen bei der Albertina stießen?

Obwohl auf dem 400 Quadratmeter großen Areal vermutlich nur ein Teil des Friedhofs untersucht werden konnte, stieß die von Elfriede Huber geleitete Forschungsgesellschaft Wiener Stadtarchäologie auf etliche bisher einzigartige Kostbarkeiten. Darunter war ein fein gearbeitetes Paar Ohrgehänge aus Gold mit Smaragden und Granaten. Es wurde im Grab einer Frau von etwa 25 bis 40 Jahren gefunden, der auch Silber- und Bronzeringe und ein so genannter Trierer Spruchbecher mit­gegeben worden waren. Diese wertvollen Keramikbecher mit typischem schwarz glänzendem Überzug stammen eigentlich aus dem Rheinland des 3. und 4. Jahrhunderts und sind ungewöhnlich für den ­pannonischen Raum. Bei einer anderen Toten wurde ein goldener Halsreifen ­gefunden, der bisher nur ungefähr – „aus dem Osten stammend“ – zugeordnet ­werden konnte.

„Goldfunde sind in römischen Gräberfeldern außerordentlich selten“, erläutert Huber. „Das war damals schon sehr teuer, man hat es eher vererbt als mitgegeben.“ Darüber, wer diese Frauen waren, kann freilich nur spekuliert werden. Es könnte sich um Frauen von Händlern oder auch Frauen von hohen Militär- oder Verwaltungsbeamten gehandelt haben. Denn ­Beamte hatten im Römischen Reich einige zusätzliche Einnahmequellen.

„Der unbestechliche Beamte ist eine Besonderheit des modernen Westens“, stellt Paul Veyne in der „Geschichte des privaten Lebens“ fest. Im Römischen Reich plünderten Höhergestellte ihre Untergebenen gern aus, und da bildete Vindobona gewiss keine Ausnahme. „Die Soldaten zahlten seit jeher den Offizieren Schmiergelder, um vom Dienst verschont zu bleiben“, berichtete schon Tacitus. Noch das unbedeutendste Amt wurde von seinem Inhaber an seinen Nachfolger verkauft, garantierte es doch ein festes Einkommen in Form von Bestechungsgeldern. Und in der Spätzeit des Römischen Reiches mussten selbst die höchsten Würdenträger, die der Kaiser persönlich ernannt hatte, den Souverän in ihrem Testament bedenken.

Reiche Römerinnen und Römer schmückten sich gern mit Gold, Silber und Perlen. Schmuck galt als Statussymbol. Um Fülle vorzutäuschen, behalfen sich die adeligen Frauen mit Haarteilen und Perücken. Besonders beliebt waren blonde Perücken, die man aus den Haaren germanischer Sklavinnen fertigte. Die adeligen Männer nahmen sich bei der Mode den jeweiligen Kaiser zum Vorbild. So waren bis ins 2. Jahrhundert alle Männer glatt rasiert. Als Kaiser Hadrian mit dieser Tradition brach, trugen auch die modebewussten Römer ab sofort Bart.

Luxus braucht Bewunderer. Wie sehr die Reichen im antiken Wien Luxus und Dekadenz auslebten, lässt sich nur vermuten. In welcher Art und Weise das die oberen Zehntausend des damaligen Imperiums taten, insbesondere jene, die ihre Sommervillen am Golf von Neapel hatten, ist hingegen ausführlich überliefert. Die gigantischen Summen, welche die Erobe­rungszüge des Römischen Weltreichs eintrugen, wollten schließlich auch ausgegeben werden. „Luxus braucht Bewunderer und Mitwisser“, beschrieb der römische Philosoph Seneca den demonstrativen Prunk seiner Zeitgenossen.

Ein öffentliches Forum für einen größeren Teil der Bevölkerung bildeten die Straßenränder vor den Mauern einer Stadt. Sie waren Eigentum aller, und so standen hier auch die Grabmäler. Wer das Stadttor passierte, bewegte sich zwischen einer Doppelreihe von Gräbern. Die Inschriften von damals sprachen nicht zur Familie, sondern erzählten aller Welt, welch wichtige Rolle der hier Bestattete zu Lebzeiten gespielt hatte.

Auch das Gräberfeld bei der Albertina lag „ex muros“, vor den Mauern des Militärlagers. Grabsteine fand man dort allerdings nicht. Der ausgegrabene Teil beherbergte rund 150 Gräber, genauer gesagt: 34 Brandbestattungen und 118 Körperbestattungen. Die Toten lagen in vier Etagen übereinander. Die Knochenreste aus dem größten römischen Friedhof Wiens wurden von den Anthropologinnen des Naturhistorischen Museums ausgewertet. Dass die Burghauptmannschaft als Grundeigentümer nicht nur die Grabungen bezahlte, sondern auch die Auswertung (einen Teil finanzierte die Albertina), ist eine rühm­liche Ausnahme in der städtischen Notgrabungs-Archäologie.

„Es ist auch die erste in Bezug auf Pathologie, Epidemiologie und Demografie untersuchte römerzeitliche Population in Österreich“, fasst Maria Teschler-Nicola die Arbeit der Anthropologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums zusammen. Der feinen römischen Gesellschaft von Vindobona, die offenbar in diesem Gräberfeld ruhte, attestiert sie keinen allzu guten Gesundheitszustand. „Ernährungsbedingte Mangelerkrankungen waren an der Tagesordnung“, so Teschler-Nicola. „Weiters weisen Knochenhautentzündungen und Zahnschmelzdeformationen auf chronischen Vitamin-C- und Eisenmangel hin. Frisches Obst und Gemüse dürfte also nicht auf dem täglichen Speiseplan gestanden haben.“ Ob die Reichen gesundheitlich trotzdem besser dastanden als die ­Armen – wie das in unseren Tagen tenden­ziell der Fall ist –, wird sich erst bei Vergleichen mit anderen Gräberfeldern ­erweisen.