Telekoma Austria

Affäre. Der geplatzte Verkauf der Telekom Austria an die schweizerische Swisscom weitet sich zum Krimi aus. Die Finanzmarktaufsicht jagt jetzt mutmaßliche Börseninsider. Und bringt ÖIAG und Telekom in Bedrängnis.

Es könnten nur Sekundenbruchteile gewesen sein, vielleicht einige Minuten, allenfalls auch eine Stunde. Aber die Zeit hat möglicherweise ausgereicht, um dem Wiener Aktienmarkt eine der spektakulärsten Insideraffären der vergangenen Jahre zu bescheren.
Freitag, 27. August 2004, 17 Uhr. In der Zentrale der Finanzmarktaufsicht (FMA) in der Wiener Praterstraße schieben die Mitarbeiter des Bereichs III/1 „Börsenaufsicht und Marktanalyse“ Überstunden. Nicht zum ersten Mal in diesen Tagen. Mit rot geränderten Augen brüten sie über endlos langen Zahlenkolonnen, die das Computersystem der FMA zuvor ausgespuckt hat. Wertpapierorders werden mit Aktienumsätzen verglichen, Kurs- und Zeitdiagramme erstellt. Das Interesse der Schnüffler gilt zwei wesentlichen Fragen: Wer hat wann was gewusst? Und wer hat wie darauf reagiert?
Der Auslöser des behördlichen Interesses liegt zu diesem Zeitpunkt annähernd eine Woche zurück. Donnerstag, 19. August 2004, 12.54 Uhr. Über die Schirme der Nachrichtenagenturen flimmert ein dürrer Dreizeiler: „Die ÖIAG teilt mit, dass die mit Swisscom geführten Gespräche über eine allfällige Zusammenführung von Telekom Austria und Swisscom ohne Ergebnis beendet wurden.“
Was dann folgen sollte, dürfte zahlreichen Anlegern noch lange in schmerzvoller Erinnerung bleiben. Nach regelrechten Notverkäufen fiel die Aktie der Telekom Austria, die in den Tagen zuvor unter dem Eindruck eines nahenden positiven Abschlusses gut zehn Prozent zugelegt hatte, buchstäblich in den Keller. Von 14 Euro auf elf. Ergab ein Minus von satten 21 Prozent.
Noch ehe die Panik am Parkett verflogen war, hatten die Überwachungscomputer der FMA bereits Alarm geschlagen und die Abteilung III/1 in Marsch gesetzt.
Bald zwei Wochen nach diesem denkwürdigen Donnerstag zeichnet sich ab: Rund um den Verhandlungsabbruch und die Kursbewegungen dürfte es nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Ein hochrangiger FMA-Vertreter: „Es gibt Verdachtsmomente, dass Insiderinformationen missbräuchlich verwendet wurden.“ Mehr will er dazu mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen nicht sagen.
Die Affäre ist tatsächlich mehr als delikat. Führt sie doch mitten ins Allerheiligste der Verstaatlichtenholding. Am 19. August, kurz nach 9 Uhr, hatte Aufsichtsratspräsident Alfred Heinzel die ÖIAG-Spitzen Peter Michaelis und Rainer Wieltsch nebst handverlesenen Rechtsanwälten und Investmentbankern zu einem geheimen Treffen in seinem Büro in der Wiener Wagramer Straße empfangen. Inhalt des kurzfristig angesetzten Meetings: der Verkauf der teilverstaatlichten Telekom Austria AG an die schweizerische Swisscom.

Geheimes Meeting. Annähernd vier Stunden später stand fest: Die Telekom Austria wird nicht verkauft. Das ist zumindest die offizielle Version. Die FMA vermutet hingegen, dass die Information schon früher durchgesickert und missbräuchlich verwendet worden sei. Die Frage ist nur, wann und von wem. Zuletzt gingen die Spekulationen sogar so weit, dass ein ausgewählter Personenkreis bereits am Tag vor dem Meeting von dessen Scheitern wusste. So wurden etwa an der Terminbörse ÖTOB am Mittwoch überdurchschnittlich hohe Umsätze mit Telekom-Verkaufsoptionen verzeichnet. Dass hier bereits Insider zugange waren, die mit ihren Optionen auf fallende Kurse setzten, erscheint jedoch wenig plausibel. Schließlich hätten sie damit definitiv vorab gewusst, dass der Verkauf platzt. Eine reichlich gewagte Annahme.
Die von Andreas Grünbichler geleitete FMA konzentriert sich bei ihren Ermittlungen daher vor allem auf die Vorkommnisse ein bis eineinhalb Stunden vor Veröffentlichung des Verhandlungsabbruchs. profil-Recherchen ergaben: 90 Minuten vor dem offiziellen Verhandlungsabbruch wechselten nicht weniger als 610.109 Telekom-Aktien den Besitzer – so viel wie an einem gewöhnlichen Handelstag. Und allein in den 18 Minuten davor, zwischen 12.36 Uhr und 12.54 Uhr, waren es 296.499 Stück. Ein FMA-Vertreter: „Wir können zur Stunde nur sagen, dass eine ganze Reihe von Aufträgen über in- und ausländische Banken abgewickelt wurde. Die Auswertung wird Wochen dauern.“ Der schwer wiegende Verdacht: Vorerst unbekannte Täter hätten jedenfalls unmittelbar vor dem offiziellen Scheitern der Verhandlungen Wind davon bekommen und ihre Papiere rechtzeitig abgestoßen.

Ehernes Schweigen. In der kritischen Zeitspanne kurz vor 12.54 Uhr muss zumindest den Anwesenden in Heinzels Büro klar gewesen sein, dass der Verkauf an die Swisscom zu keinem guten Ende kommen würde. ÖIAG-Sprecherin Anita Bauer weist jedes Versäumnis entschieden zurück: „Wir haben unmittelbar nach Abbruch der Verhandlungen die Öffentlichkeit informiert.“ Die entsprechende Pressemitteilung sei jedenfalls in „zwei oder drei Minuten“ geschrieben und verschickt worden.
Auch Bauer kann nicht verhehlen, dass die Optik für die Verstaatlichtenholding mehr als schief ist. Denn die Insiderinformationen, so es wirklich welche gegeben hat und diese auch missbräuchlich verwendet wurden, konnten nur von Aufsichtsratspräsident Heinzel, den ÖIAG-Vorständen Michaelis und Wieltsch oder den anwesenden Beratern kommen. Bauer: „Wir sind uns dieser Verdachtslage bewusst. Aber sie entbehrt jeder Grundlage.“ Details zum Sitzungsverlauf will sie vorsichtshalber nicht preisgeben. „Dazu sagen wir nichts.“
Das könnte sich demnächst ändern. Sollte sich der Verdacht auf Kursmanipulationen erhärten – auf Insiderhandel stehen hohe Geldstrafen und bis zu zwei Jahre Haft –, blühen der ÖIAG-Spitze hochnotpeinliche Befragungen durch die Justiz.
Die Affäre bringt auch das Management der Telekom Austria, welches an der Sitzung nicht teilgenommen hat, zunehmend in Verlegenheit. Fügt sie sich doch in eine immer längere Liste von Pleiten, Pech und Pannen am Kapitalmarkt.
Nachdem die Gesellschaft im Jahr 2000 in Wien ihr Börsendebüt gefeiert hatte, führte die ÖIAG die Telekom-Aktie auch an der Wall Street in New York ein (konkret: „American Depository Receipts – ADRs). Das erwies sich als nicht unbedingt gute Idee: Von Anbeginn fristete Telekom dort ein Schattendasein. Das Papier litt an Liquiditätsproblemen. Selten überschritten die Umsätze ein paar hundert Stück pro Tag.
Für die TA fielen hohe Listinggebühren an der New Yorker Stock Exchange an, und für Berichte an die US-Börsenaufsicht muss seither regelmäßig viel Geld ausgegeben werden. Dazu kommt, dass die TA laut US-Vorschriften nun Bilanzen gemäß dem Bilanzierungssystem US-GAAP zu erstellen hat, die umfangreicher und aufwändiger als die hierzulande verlangten sind.
Das Renommee, an der Wall Street präsent zu sein, würde man mit der Weisheit der Rückschau vermutlich nicht so teuer bezahlen. Ein „Delisting“, also der Rückzug von der Wall Street, wurde zuletzt mehr als einmal erwogen.

Optionen. Anfang des heurigen Jahres setzte sich die Finanzmarkt-Debatte um das Unternehmen fort, als die TA-Manager darangingen, ihre Aktienoptionen im Gegenwert von insgesamt rund neun Millionen Euro einzulösen. Die ÖIAG hatte den leitenden Mitarbeitern des Unternehmens eine Karotte vor den Karren gehängt: Wenn der Kurs der Telekom-Aktie an der Wiener Börse zwischen dem 20. Februar und dem 26. Februar 2004 im Durchschnitt über 11,70 Euro liegen würde, dann dürften diese die ihnen eingeräumten Aktienoptionen realisieren. Widrigenfalls verfielen die Rechte.
Nachdem es alles andere als sicher schien, dass die Kursentwicklung dem Hoffen der Manager entgegenkommen würde, rettete just der Schlusskurs am 26. Februar den Geldsegen. Der Kurs stieg plötzlich von 11,66 auf 11,73 an. Tags darauf gab die Aktie dann wieder nach.
Natürlich rief diese wundersame Wertvermehrung die Börsenaufsicht auf den Plan. Die FMA roch Marktmanipulationen, untersuchte Umsätze, Orders und Depots der Handelsteilnehmer, kam aber bezüglich der Auftraggeber dieser Orders zu keinen erhellenden Erkenntnissen.
So gab Börsenvorstand Erich Obersteiner schließlich Entwarnung: Dass sich bei einem öffentlich bekannten Auslaufen von Optionen verschiedene, auch spekulativ orientierte Marktteilnehmer (Beispiel: Hedgefonds) einschalten, sei durchaus nichts Unübliches. Dass Marktteilnehmer ihre Positionen absichern, auch nicht. Mit einem Wort, der auffällige Ausschlag des Kurses nach oben, just dann, als es für maßgebliche Manager um gutes Geld ging, sei auch mit ganz normalen Marktvorgängen erklärbar. Ein illegales Verhalten als Insider konnte niemandem nachgewiesen werden.
Was Finanzmarktexperten nicht daran hinderte, nach Abschluss dieser Transaktion heftige Kritik an dem gesamten Vorgang zu üben: Zu der Zeit, als den Managern diese Optionen eingeräumt wurden, sei man sich der Probleme einer solchen Form der Optionsgestaltung schon bewusst gewesen. Moderne Gesellschaften seien dazu übergegangen, Erhalt oder Nicht-Erhalt dieser Boni nicht mehr an den Börsenkurs eines oder weniger Stichtage, sondern an Kriterien zu knüpfen, die den Unternehmenserfolg nachhaltiger spiegeln.

Passé. Doch die Kritiker beklagten verschüttete Milch: Im Fall der Telekom hingen zu dieser Zeit 25 Prozent der Manager-Bezüge an einem Cent Kurswert auf oder ab, an einem einzelnen Tag. Dass dies zumindest der Spekulation, wenn schon nicht versuchter Marktmanipulation Tür und Tor öffnen könne, war immer bekannt.
Was bisher öffentlich kaum Beachtung fand, ist freilich eine zumindest diskussions-würdige Telekom-Aktion der ÖIAG, die schon eine Woche vor dem ominösen 26. Februar stattgefunden hat. Damals verstieg sich der Vorstand der (an der TA zu gut 42 Prozent beteiligten) Staatsholding zu der Bekanntgabe, dass die ÖIAG ihren TA-Anteil abzugeben beabsichtige – aber nicht unter 15 Euro pro Aktie.

Kurstreibend. Dass es sich bei diesem Statement nicht um eine beiläufige Bemerkung von zeitloser Schönheit handelt, war jedem versierten Marktteilnehmer klar: Diese Aussage des maßgeblichsten TA-Aktionärs war eindeutig dazu angetan, den Aktienkurs der Telekom in die Höhe zu treiben.
Dies sei, murrten damals schon die Befürworter glasklarer Börsenverhältnisse, ein „schwerer Fehler“ der ÖIAG-Führung gewesen: Als wichtiger Aktionär dürfe man keine „Kursmitteilungen ins Blitzblaue“ machen. Ob es nun im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Fälligkeitstermin der TA-Optionen geschah oder nicht – vor dem Hintergrund des von den ÖIAG-Verantwortlichen damals schon ins Auge gefassten Swisscom-Deals sei die Ankündigung jedenfalls fragwürdig. So habe die ÖIAG selbst eine Kurs-Blase erzeugt, ohne sicher sein zu können, dass sie das implizite Versprechen eines Swisscom-Deals zu diesem Preis auch würde einlösen können.
Wie man heute weiß, konnte sie es nicht. Und der Kurs der TA-Aktie fiel nach Platzen des Swisscom-Projekts wieder in sich zusammen.
Er fiel in etwa auf jenes Niveau, von dem aus die ÖIAG ihre Blasebalg-Aktion gestartet hatte.