Terror: Tod aus der Flasche

Wie die britischen Behörden einen monströsen Plan radikaler Islamisten zur konzertierten Sprengung von Passagierjets über dem Atlantik aufdeckten.

Hätte das der große Anschlag werden sollen, den das al-Qa’ida-Phantom Osama Bin Laden seit geraumer Zeit androht – und den Sicherheitsexperten zum fünften Jahrestag der Attentate vom 11. September 2001 befürchten?

Das Potenzial dazu hätte der Plan, den Sicherheitsbehörden vergangene Woche in Großbritannien aufdeckten, allemal gehabt: Neun, vielleicht auch zwölf Passagierjets, auf dem Weg in die USA von Selbstmordattentätern aus dem Himmel gebombt; schätzungsweise 3000 unschuldige Todesopfer; die völlige Lahmlegung des internationalen Flugverkehrs – vermutlich auf Monate hinaus. Die Anschläge sollten nämlich in mehreren Phasen ablaufen: Jeweils drei gleichzeitige Sprengungen, dazwischen ein paar Wochen Pause. Zudem wären die Maschinen allesamt über dem Atlantischen Ozean zum Absturz gebracht worden, um Rückschlüsse auf die Vorgangsweise und Hilfsmittel der Attentäter möglichst zu verhindern.

Die erwartbaren Folgen: globale Terrorangst, Panik an den Börsen, Chaos in der westlichen Welt.

Wie nahe die mutmaßlichen Attentäter – mehr als zwei Dutzend überwiegend aus Pakistan stammende, junge Moslems – der Realisierung dieses monströsen Vorhabens tatsächlich gekommen waren, blieb bis Freitag vergangener Woche unklar. Nach britischen und US-amerikanischen Angaben soll es bis zum Beginn der Attentatsserie allerdings nur eine Frage weniger Stunden gewesen sein. „Der Plan befand sich im finalen Stadium“, erklärte US-Heimatschutzminister Michael Chertoff. „Es wurden bereits sehr konkrete Schritte gesetzt, ihn auszuführen.“

Für die Regierung von George W. Bush war die Beinahekatastrophe ein willkommener Anlass, die Bevölkerung der Vereinigten Staaten vor den Kongresswahlen im November nochmals auf den Feldzug gegen den Terror einzuschwören. „Das ist eine starke Erinnerung daran, dass sich diese Nation im Krieg mit islamischen Faschisten befindet, die alle Mittel anwenden, um diejenigen von uns zu zerstören, welche die Freiheit lieben“, erklärte der US-Präsident.

Gleichzeitig kam es den Amerikanern wohl nicht ungelegen, dass sich der Fokus der medialen Aufmerksamkeit von der verfahrenen Situation im Nahost-Konflikt auf ein anderes Thema verschob.

Al-Qa’ida-Sympathien. Indirekt brachten sie den Terrorplan zudem mit den Palästinensern und der Hisbollah in Verbindung: Ein Memo, das von amerikanischen Sicherheitsbehörden an die Öffentlichkeit gespielt wurde, merkt an, dass sich Selbstmordattentäter aus den besetzten Gebieten immer wieder mit Sprengstoff auf Basis von Peroxyd in die Luft gejagt haben – einer Chemikalie, die auch jetzt wieder als möglicher Bombenbestandteil genannt wird. Die „New York Times“ wies zudem darauf hin, dass die libanesische Hisbollah 1986 in Frankreich einen Anschlag mit Flüssigsprengstoff, der per Flugzeug in einer Flasche des Reisbranntweins Arrak eingeschmuggelt wurde, geplant habe.

Die Frage nach den unmittelbaren Hintermännern war für die US-Regierung jedenfalls rasch geklärt: FBI-Chef Robert Mueller erkannte im Plot eindeutig das „Markenzeichen der al-Qa’ida“. Immerhin hatte eines der Masterminds des Terrornetzwerks Mitte der neunziger Jahre einen Plan entworfen, der so etwas wie eine Blaupause für das nunmehr vereitelte Vorhaben zu sein scheint.

Ramzi Yousef, am 1993 erfolgten, ers-ten Anschlag auf das World Trade Center beteiligt, wollte 1995 ein Dutzend Jumbojets über dem Pazifik sprengen – mit Nitroglyzerin, das in Kontaktlinsenbehältern versteckt an Bord geschmuggelt werden sollte. Auch er wurde kurz vor Beginn der Operation verhaftet.

Obwohl die meisten vergangene Woche in Großbritannien festgenommenen Moslems zwar Sympathien für al-Qa’ida gehegt haben sollen, waren ihnen direkte Verbindungen vorerst offenbar aber nicht nachzuweisen. Allerdings läuft in Pakistan die Suche nach dem angeblichen Hauptdrahtzieher der Verschwörung: Der 29-jährige Matiur Rehman wird als führendes al-Qa’ida-Mitglied geführt.

Bereits vor mehr als einem Jahr war die Polizei auf ein Netzwerk von verdächtig scheinenden Pakistanis gestoßen – anscheinend durch einen Tipp aus der moslemischen Gemeinde. Als sich herausstellte, dass sie auf radikalislamischen Websites im Internet nach Informationen über Bombenanschläge auf Flugzeuge suchten, wurde die Überwachung ausgeweitet.

Antiterrorfahnder begannen, E-Mails und Telefongespräche zu überwachen und die Autos der Verdächtigen mit elektronischen Mitteln zu verfolgen. Im März, so der britische Inlandsgeheimdienst MI5, sei ersichtlich geworden, dass die Observierten eine große Operation planten. Dass sie gegen Amerika gerichtet sein sollte, wurde klar, als einige von ihnen um US-Visa ansuchten – etwa mit der Begründung, Disneyland besuchen zu wollen.

Die Jagd. Im April waren bereits 1500 Ermittler hinter den Verdächtigen her. Vorerst ließen die Fahnder ihre Zielobjekte unbehelligt. Ende Juli begannen einige der Möchtegernterroristen jedoch, per Internet Chemikalien zu ordern, die zur Herstellung von Nitroglyzerin dienen können.

Die Fahnder befürchteten, dass sie am zweiten Augustwochenende – zur Hauptreisezeit in Großbritannien – zuschlagen würden. Daher wurde entschieden einzugreifen: Am Freitag, den 11. August, sollten die Verdächtigen verhaftet werden. Premierminister Tony Blair war in die Grundzüge der Ermittlungen eingeweiht, ebenso US-Präsident Bush. Die beiden Herren sollen sich bereits in den vergangenen Wochen mehrfach über die drohende Gefahr unterhalten haben, etwa in einem Telefonat am vorvergangenen Sonntag. Blair brach tags darauf zu einem lange geplanten Urlaub in die Karibik auf.

Er ahnte anscheinend nicht, dass sich die Lage wenig später dramatisch zuspitzen würde. Nach Aussage des pakistanischen Außenministers wurden in Lahore und Karachi mehrere Terrorverdächtige festgenommen, die mutmaßlich mit der Verschwörung in Verbindung standen. „Wir dachten: Wenn die Täter das herausfinden, werden sie loslegen“, wird ein Geheimdienstler in der Zeitung „Daily Mirror“ zitiert. Die Rede ist auch davon, dass die Attentäter bereits einen „Einsatzbefehl“ aus Pakistan erhalten hatten – und binnen 48 Stunden mit einer Art Probelauf beginnen wollten, um herauszufinden, ob es möglich sei, Bomben auf Basis von Flüssigsprengstoff unbemerkt in Flugzeuge zu schmuggeln (siehe Kasten rechts).

In der Nacht zum Donnerstag wurden im Großraum London daraufhin 24 Verdächtige verhaftet, der jüngste davon gerade einmal 17 Jahre alt. Bei zweien von ihnen wurden nach einem Bericht der Londoner „Times“ so genannte „Märtyrervideos“ sichergestellt, wie sie islamistische Selbstmordattentäter vor Anschlägen anzufertigen pflegen. Nach zumindest fünf weiteren wurde bis Freitagabend noch gesucht. Zu den mutmaßlichen Terroristen gehören auch zwei Briten, die erst vor Kurzem zum Islam übergetreten sind.

In der Früh erklärte Innenminister John Reid dann via TV, dass die verhinderten Attentate „eine bedeutende Gefahr für Großbritannien und seine internationalen Partner“ dargestellt hätten.

Sicherheitshalber hatte er seine Landsleute bereits am Mittwoch unauffällig darauf vorbereitet, was wenig später passieren würde. Bei einer Rede wich Reid überraschend vom geplanten Thema Immigration ab und sprach stattdessen über Terrorismus: „Manchmal müssen wir möglicherweise einige unserer eigenen Freiheiten kurzfristig modifizieren, um ihren Miss-brauch durch diejenigen zu verhindern, die alle unsere Freiheiten in der modernen Welt zerstören wollen.“

Was er damit konkret sagen wollte, war am darauffolgenden Morgen zumindest allen Flugpassagieren klar.

Von Martin Staudinger