Terrorismus: Dschihad für den Frieden

In den islamischen Staaten sinkt die Zustimmung der Bevölkerung für die Heiligen Krieger. In Europa wenden sich moderate Moslems gegen den Terror. Gelingt es nun, die Extremisten zu isolieren?

An sich ist General Pervez Musharraf, der pakistanische Präsident, kein Freund großer Worte und schon gar keiner von militant islamischen Floskeln. Doch vergangene Woche rief ausgerechnet Musharraf, ein enger Verbündeter der USA, zum „Heiligen Krieg“ auf – freilich nicht, wie die militanten Islamisten, zum Dschihad gegen die Ungläubigen, sondern zum „Heiligen Krieg“ gegen den Terrorismus. „Steht auf und beginnt einen Dschihad gegen Extremismus; einen Dschihad für den Frieden“, forderte der Staatschef bei einer Ansprache vor Jugendlichen.

Schließlich war sein Land gerade wieder ins Gerede gekommen. Drei der vier Bombenleger von London waren Briten pakistanischer Abstammung, alle drei trieben sich im vergangenen Winter monatelang in der düsteren Halbwelt der pakistanischen Koranschulen herum, der Kaderschmieden eines verbohrten, rückwärts gewandten Islam.

Während Musharraf sprach, traf sich, ein paar tausend Kilometer weiter westlich, der britische Premier Tony Blair in London mit Repräsentanten der britischen Moslems. Sie sollten alles tun, „junge Moslems vor dem Einfluss der Extremisten“ zu schützen, rief er die Vertreter eines moderaten Islam auf.

Die führenden islamischen Rechtsgelehrten hatten gerade in einem dramatischen Akt ihren Beitrag dazu geleistet. In einer formvollendeten Fatwa – einem verbindlichen Scharia-Gutachten – erklärten sie Selbstmordanschläge zu einem Sakrileg: „Jeder, der Selbstmord begeht, kommt in die Hölle“, verkündeten sie – also auch dann, wenn er glaubt, dass er sich in einem berechtigten Krieg gegen die „Ungläubigen“ befinde.

Zunehmend setzt sich die Einsicht durch: Der Kampf gegen den islamistischen Terror kann mit polizeilichen und militärischen Mitteln allein nicht gewonnen werden. Die al-Qa’ida-Zentrale in Afghanistan ist zerschlagen, Osama Bin Laden sitzt irgendwo im pakistanischen Bergland, abgeschnitten von der Außenwelt, und auch die Schläfer-Zellen der al-Qa’ida-Gruppen in Europa sind durch den polizeilichen Fahndungsdruck aufgerieben worden. Dennoch rücken überall neue Militante nach, die allenfalls von al-Qa’ida-Mittelsmännern lose zusammengehalten werden. Junge Moslems reisen in den Irak, lernen das Dschihad-Handwerk und kehren in ihre Heimat zurück. In den Moscheen predigen Scharfmacher und Heißsporne. Die Attentäter von London waren vor wenigen Monaten noch ganz normale Menschen. Germaine Lindsay etwa, einer der vier, war ein „liebender Familienvater“, sagt seine Frau Samantha Lewthwaite. „Aber innerhalb von vier Monaten veränderte er sich zu einem Mann, den ich kaum wiedererkannte.“

Unscheinbar. Männer wie Lindsay sind keine Berufs-Dschihadisten, die mit polizeilichen Mitteln ausgeschaltet werden können. Sie sind so unscheinbar, dass sie außerhalb des Radars der Sicherheitskräfte bleiben. Wenn sie sich radikalisieren, fällt dies zunächst ihren Familien, ihren Freunden, ihren Bekannten und den Menschen in ihrer Nachbarschaft oder in den Moscheen auf. Daher müssen die moderaten Moslems gewonnen werden, wenn der Kampf gegen den Terror Erfolg haben soll – diejenigen also, die heute blutige Anschläge zwar ablehnen, für die Motive der Dschihadisten jedoch empfänglich sind, mit ihnen heimlich sympathisieren oder die Täter decken, weil sie sie für „unsere Leute“ halten. Heute, so das Urteil der meisten Terror-Experten, stellt sich das Verhältnis der moslemischen Mehrheit zu den Extremisten ähnlich dar wie vor Kurzem noch jenes der christlichen Nordiren zur IRA: Man ist gegen den Terror, aber man würde die Terroristen auch nicht der Polizei melden; man lehnt es ab, Zivilisten in die Luft zu sprengen, aber man teilt den Zorn der Extremisten. Symptomatisch dafür ist die Stellungnahme von Azzam Tamimi, Sprecher der Muslim Association of Britain, von vergangener Woche. „Wir sind nicht dafür verantwortlich, was am 7. Juli passiert ist“, sagte er. „Wir haben diese Jungs nicht wütend gemacht, wir haben den Irak nicht bombardiert, wir sperren niemanden in Guantanamo Bay ein, und wir haben nichts mit Abu Ghraib zu tun. Ihr Politiker, seht euch an, was ihr der Welt angetan habt.“

So denken nicht wenige, denen trotzdem nicht im Traum einfallen würde, Bomben auf belebten Plätzen zu deponieren. Es ist dieses Klima der verdrucksten Zustimmung, in dem sich die Mörder sicher fühlen können. Und dennoch sehen viele Insider die Chance wachsen, dass die Extremisten in ihren Kreisen isoliert werden könnten – wenn auch nur langsam. „Es gibt deutliche Zeichen, dass die Unterstützung schwindet, die die Dschihadisten in der breiten moslemischen Bevölkerung hatten“, sagt der britische Terror-Experte Jason Burke. „Das ist eine direkte Folge der Brutalität der jüngsten Terroranschläge, die Moslems ebenso abstößt wie alle anderen Menschen auch“ (siehe Interview). Der französische Islam-Kenner Gilles Kepel sieht das ähnlich: Da die Dschihadisten nichts als Chaos und Zerwürfnis – arabisch „Fitna“ – über die moslemischen Gesellschaften brächten, würden diese sich gegen sie wenden.

Gestützt wird diese Ansicht von einer dieser Tage veröffentlichten Umfrage des amerikanischen Pew Research Center, das die Meinung in verschiedenen moslemischen Ländern abgefragt hat. Die Zahlen sind zwar widersprüchlich, zudem wird die Meinung der moslemischen Minderheiten in Westeuropa nicht in allen Details mit den Haltungen in mehrheitlich moslemischen Ländern übereinstimmen, aber zumindest die Tendenz ist eindeutig: Der islamistische Extremismus verliert an Unterstützung. So ist der Anteil derjenigen, die Selbstmordattentate gegen Zivilisten niemals, unter keinen Umständen, für gerechtfertigt halten, in einigen islamischen Ländern in den vergangenen Jahren dramatisch angestiegen: im Libanon von 12 auf 33 Prozent, in Pakistan von 38 auf 46 Prozent, in Indonesien von 54 auf 66 Prozent und in Marokko gar von 38 auf 79 Prozent. Auch der Anteil derjenigen, die Selbstmordattentate im Kampf gegen die US-Besatzung im Irak für gerechtfertigt halten, sinkt signifikant: von 66 auf 56 Prozent in Marokko, von 70 auf 49 Prozent in Jordanien, von 46 auf 29 Prozent in Pakistan und von 31 auf 24 Prozent in der Türkei. Den islamischen Extremismus werten in Pakistan 52 Prozent, in Marokko 73 Prozent und in Indonesien 45 Prozent als große Gefahr für ihr Land.

Heldenfigur. Wie verworren die Stimmungslage ist, zeigen die hohen Popularitätswerte, die Osama Bin Laden immer noch genießt. Zwar erklären heute in den meisten der abgefragten Länder deutlich weniger Menschen als noch vor zwei Jahren, sie hätten „Vertrauen“ in den al-Qa’ida-Anführer, dennoch bleibt er für viele Moslems eine Heldenfigur. Bin Ladens Zustimmungsraten: 60 Prozent in Jordanien, 51 Prozent in Pakistan, 35 Prozent in Indonesien, 26 Prozent in Marokko. Das Emotionsbild hinter den Zahlen lässt sich wohl folgendermaßen beschreiben: Wer den Kampf gegen den übermächtig und arrogant erscheinenden Westen aufnimmt, imponiert den Menschen, auch wenn sie von den Blutbädern der Terroristen abgeschreckt werden.

Immerhin: Der Wind bläst den Islamisten mittlerweile in ihren eigenen Gesellschaften ins Gesicht. Vor vier Jahren hatten noch viele Moslems die Anschläge auf das New Yorker World Trade Center begrüßt. Hatte die Invasion im Irak durch die USA das Gefühl der Demütigung noch gesteigert, so wendet sich nun das Blatt allmählich. Die Terroranschläge in Marokko 2003, denen hauptsächlich unbeteiligte Passanten zum Opfer fielen, die Anschläge auf die Pendlerzüge in Madrid im Vorjahr, die Attentate von London und auch die täglichen, wahllosen Bombenanschläge im Irak mit unzähligen Toten – darunter zuletzt sogar dutzende Schulkinder, die amerikanische Soldaten um Schokolade anbettelten – werden von einer wachsenden Mehrheit der Moslems abgelehnt.

Die Dschihad-kritischen Stimmen in der arabischen Welt werden lauter, und keineswegs nur vereinzelt. „Wir haben gedacht, die irakischen Widerstandskämpfer seien Helden“, schreibt etwa ein User in einer Internet-Diskussion auf einer ägyptischen Webpage, „doch jetzt haben wir erkannt, dass es sich nur um eine Gruppe blutrünstiger Mörder handelt.“ Ebenso deutlich äußert sich der in radikalen Kreisen durchaus populäre Prediger des TV-Senders Al-Jazeera, Yussuf Qaradawi, in Bezug auf die Londoner Anschläge – diese seien „grausam, barbarisch und ein Akt, der den Islam schädigt“. Auch die traditionellen islamistischen Terrororganisationen wie die palästinensische Hamas und die libanesische Hisbollah verurteilten prompt die Anschläge von London.

Videobotschaft. Dass sich sogar im Lager der Heißsporne bereits Ernüchterung breit macht, hat man offenbar auch in den Schlupfwinkeln der al-Qa’ida-Führung registriert. So richtete sich Ayman al-Zawahiri, der Stellvertreter Osama Bin Ladens, in seiner jüngsten Videobotschaft direkt an jene Islamisten, die heute eher auf Reformen als auf Terror setzen. „Ich rufe die Brüder und Löwen des Islam, die ihre Garnisonen an den heiligen Fronten des Islam in Jerusalem aufgebaut haben, im Namen Gottes auf, ihren Dschihad nicht aufzugeben und nicht ihre Waffen niederzulegen“, verkündete der ägyptische Terror-Doktor.

Wie irritiert die losen al-Qa’ida-Gruppen von der wachsenden Kritik aus einstmals solidarischen Kreisen sind, zeigt die Nervosität, mit der sie auf diese reagieren. Selbst islamische Gelehrte, die nicht unter allen Umständen Selbstmordattentate ablehnen, werden in al-Qa’ida-Erklärungen immer häufiger zu „Apostaten“ (also zu „vom Glauben Abgefallenen“) erklärt, wenn sie die wachsende Brutalität der Dschihadisten kritisieren. Das ist in islamischen Kreisen der schwerwiegendste Bannfluch überhaupt: Wer als „Apostat“ gilt, ist selbst ein legitimes Ziel für Anschläge. Der Streit innerhalb des islamistischen Lagers wird jedenfalls zusehends schärfer. Erst unlängst haben 180 prominente Scheichs im jordanischen Amman in einem Rechtsgutachten proklamiert, dass es einem Moslem verboten ist, einen anderen Moslem ohne Weiteres zum „Ungläubigen“ zu erklären.

Die Stimmung kippt. „Ich möchte weinen“, bekundete ein User auf der viel gelesenen britischen Website Islamonline. „Wo sind die Moslems, die gegen diese Ungerechtigkeit gegen Unschuldige aufstehen?“, fragte ein anderer und ergänzte im Jargon der Anti-Irakkriegs-Bewegung des Jahres 2003, nur jetzt gegen die Dschihadisten gewendet: „Not In Our Name“ („Nicht in unserem Namen“). Wieder ein anderer bekundete, er habe sich geschämt, weil sein Imam beim Freitagsgebet die Anschläge nicht verurteilt hatte, und eine Moslemin aus Katar notierte: „Das sind Mörder. Wann wachen wir endlich auf?“ Selbst Anhänger eines militanten Islamismus fragten: Wenn die Attentäter „so tapfere Leute sind, warum kämpfen sie dann nicht in offener Feldschlacht gegen die amerikanischen und britischen Soldaten im Irak?“ Und ein anderer formulierte die Umstände, unter denen er Gewalt im Dschihad für gerechtfertigt hält, um dann zum Schluss zu kommen, die Taktik der al-Qa’ida-Leute sei „dreckig und blöd und bringt nur Zerstörung über die Umma“, die Gemeinschaft der Moslems.

Defensive. Die Terroristen verspielen die Sympathien, die sie in ihren Kreisen bis vor Kurzem noch genossen. Das bedeutet freilich noch lange nicht, dass die Tage des islamischen Terrorismus gezählt sind. In die Defensive gedrängt, könnten die Dschihadisten sogar noch gefährlicher werden. In der Geschichte des militanten Islamismus gibt es dafür mehrere Beispiele: In Algerien überzogen die islamistischen Terrorgruppen in den neunziger Jahren ganze Landstriche mit brutalstem Terror, in Ägypten wurden sie immer rücksichtsloser, gerade deshalb, weil ihr Rückhalt in der Bevölkerung schwand. Das wahllose Wüten und Morden kostete sie dann freilich die letzten Sympathien und führte schließlich zur Vernichtung der Terrorgruppen. „Etwas Ähnliches kann auf globaler Ebene auch geschehen“, meint der al-Qa’ida-Experte Jason Burke: Erst wenn die breite Mehrheit der 1,3 Milliarden Moslems in den Dschihadisten „keine Märtyrer, sondern Mörder“ (Burke) sieht, wird es möglich sein, dem Spuk ein Ende zu setzen.

Von Robert Misik