Teuerung bei Kartoffeln: Preise sind explodiert

Teuerung bei Kartoffeln: Preise sind explodiert

Kartoffeln galten einmal als Arme-Leute-Essen. Doch innerhalb eines Jahres sind die Preise explodiert. Auf der Suche nach den Gründen wird klar: Das Geschäft mit den biederen Knollen ist erheblich komplizierter als sein Ruf.

Der Laie sieht bloß einen endlosen Acker mit grünem, etwas struppigem Kraut. Der Fachmann aber spaziert von einer Furche zur nächsten, zieht an dem einen oder anderen Stängel und holt erstaunliche Schätze aus dem Boden. „Das ist die Violetta, die wird nicht jedes Jahr ein Erfolg“, erklärt Edmund Rauchberger, Kartoffelbauer aus Aspersdorf bei Hollabrunn. Das launische Früchtchen mit dem dunkelblauen Teint wächst heuer prächtig und wird, so Rauchberger stolz, wohl unter anderem in der Top-Gastronomie landen. Die Küchenchefs machen gerne blaue Chips daraus. Gleich daneben ist Marizza zu besichtigen, korallenrot und so hübsch, dass man sie ohne Weiteres als Zierde in einen Obstkorb legen könnte. Ihre Zukunft ist nicht ganz so glamourös wie die von Violetta; Marizza steht mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Karriere als Püree bevor. Ein paar Reihen weiter schlummert die optisch unscheinbare, aber sehr populäre Ditta. „Das ist die wichtigste Sorte in Österreich“, sagt Rauchberger. Solange seine Landsleute wie verrückt Schnitzel essen, muss er sich um den Absatz dieses Schützlings keine Sorgen machen. Die gelbfleischige Ditta liefert nämlich den Kartoffelsalat dazu.

Edmund Rauchberger gehört mit 85 Hektar Anbaufläche zu den größten Kartoffelbauern Österreichs. Nebenbei amtiert er auch als Geschäftsführer der „Erzeugergemeinschaft Bauernerdäpfel, deren Mitglieder gemeinsam rund 1000 Hektar bewirtschaften. Rauchberger ist also ausgewiesener Experte für alle Auskünfte rund um des Österreichers liebste Feldfrucht. Und derzeit muss man ihn vor allem eines fragen: Warum, Herr Rauchberger, sind Kartoffeln plötzlich so absurd teuer geworden?
Eine Preissteigerung von nicht weniger als 74 Prozent innerhalb eines Jahres erhob die Arbeiterkammer jüngst bei Testkäufen in Wiener Supermärkten. Die Statistik Austria kam mit einer anderen Methodik (siehe Kasten am Ende) zwar nur auf ein Plus von fast 20 Prozent. Aber selbst das bedeutete den Spitzenplatz unter den Gütern des täglichen Bedarfs. Beachtlich sind beide Werte, wenn man bedenkt, wie schlecht die vergangenen zwölf Monate für andere Commodities liefen. Wer im Juli 2012 Gold kaufte, hat ein Viertel des Einsatzes verspielt. Weizen verlor fast 30 Prozent seines Werts, Kaffee annähernd 40. Falls stimmt, was AK und Statistik Austria da berechnet haben, war ein Kartoffelacker vor einem Jahr eine bessere Investition als eine Ölquelle. Rohöl schaffte in zwölf Monaten bloß ein mickriges Plus von 5,3 Prozent.

Was ist nur los mit den Knollen, die einmal als Arme-Leute-Essen galten? Kaiserin Maria Theresia hatte ihren Bauern einst befohlen, Kartoffeln anzubauen, um Hungersnöte zu verhindern. Und jetzt können sich bald nur noch Reiche eine ordentliche Portion Bratkartoffeln leisten? Hatten all die hysterischen Bobos vielleicht doch Recht, die sich im Schock der Wirtschaftskrise einen Landsitz samt Acker zulegten und seither die Selbstversorgung predigen?

„Das ist absolut unseriös“
Ganz so schlimm ist es nicht. Mit dem von der Arbeiterkammer erhobenen Kilopreis von 75 Cent stellt die beliebte Sättigungsbeilage nach wie vor als ziemlich billiges Lebensmittel dar. Die Teuerung sollte bloß nicht im selben Tempo weitergehen. Sonst wird es irgendwann ungemütlich.
„Die 74 Prozent sind ein Blödsinn. Das ist absolut unseriös“, erklärt Edmund Rauchberger. Es stimme zwar, dass die Preise derzeit höher seien als vor einem Jahr. „Aber damals waren sie viel zu niedrig. Da hat keiner von uns Geld verdient.“ Weil der Markt so stark schwanke, würden Kartoffelbauern in Fünfjahreszyklen kalkulieren. „Innerhalb dieser Zeit muss es sich rechnen“, sagt Rauchberger. Dann legt er einen Zettel auf den Tisch in seinem Büro, auf dem er die Preise seit 2008 notiert hat. Im Jahr 2012 geerntete Kartoffeln brachten der Erzeugergemeinschaft, je nach Saison und Sorte, 260 bis 300 Euro pro Tonne. Im Jahr davor gab es nur 160 Euro. Wieder ein Jahr davor waren es 320 Euro. Laut Rauchbergers Aufzeichnungen geht es auf dem vermeintlich rural-gemütlichen Erdäpfelmarkt zu wie bei den Hedgefonds-Heuschrecken. Womit die 74 Prozent, die der Experte eben noch so unwirsch geleugnet hat, eigentlich schon belegt wären. Die Arbeiterkammer kommt übrigens auf einen ganz ähnlichen Zyklus wie der Landwirt: Im Juni 2011 kosteten Erdäpfel laut ihren Testkäufen noch mehr als jetzt, nämlich einen Euro pro Kilo. Auch zwei Jahre davor gab es ein kurzes Hoch mit 76 Cent. Dazwischen ging es auch einmal tief runter auf 24 Cent.

Jetzt fragt sich bloß, welcher Umstand solche Schwankungen verusacht. Ganz logisch scheint das nicht: Der Bedarf im Land ist mit 55 Kilo pro Kopf und Jahr seit Langem ziemlich konstant. Auch die Anbaufläche blieb fast gleich – es sind rund 21.000 Hektar, der Großteil davon im politisch stabilen Niederösterreich. Die früher gefürchtete Kartoffelfäule lässt sich mit chemischen Spritzmitteln heute gut bekämpfen. Von den Launen der Globalisierung werden Ditta und Kolleginnen weitgehend verschont; in Österreich verspeiste Erdäpfel stammen hauptsächlich von österreichischen Äckern. Und schließlich kennt jeder die Redensart, wonach der dümmste Bauer die dicksten Kartoffeln habe. Die Vermutung liegt also nahe, dass es sich um ein eher schlichtes Geschäftsmodell handelt.

Kartoffeln wachsen fast überall auf der Welt. Das beförderte ihren Siegeszug rund um den Globus und machte sie zu einem auf allen Kontinenten beliebten Grundnahrungsmittel. Auch ein mäßig talentierter Hobbygärtner schafft es ohne großen Aufwand, hinterm Haus den Eigenbedarf zu kultivieren. Doch ihre grundsätzliche Genügsamkeit macht die braunen Knollen noch lange nicht zu einer einfachen Handelsware. Das Kartoffelbusiness ist erheblich komplizierter als sein Ruf.

Es fängt damit an, dass Erdäpfel zu den wenigen landwirtschaftlichen Produkten gehören, die keiner Marktordnung unterliegen. „Das ist und war immer ein freier Markt“, sagt Christian Jochum von der österreichischen Landwirtschaftskammer. „Es gibt keine Förderungen und keine Preisregulierung.“ Jeder kann im Prinzip tun, was er will, und muss selber schauen, wo er bleibt. Das klingt fair, macht einen aber schnell etwas unrund, wenn man auf Tonnen von Ware sitzt, oder im Winter nicht weiß, wie viel Saatgut man kaufen soll. Kartoffelanbau ist vergleichsweise teuer. Bis zur Ernte verschlingt ein Hektar rund 4000 Euro – wesentlich mehr als Getreide. Um dem Markt nicht hilflos ausgeliefert zu sein, wurden einige große Kartoffelbauern in der EU selbst zu Lebensmittelspekulanten. Sie sichern einen Teil ihrer Ernte über Futures auf den Kartoffelpreis ab. Gehandelt werden diese Derivate unter anderem an der Eurex in Frankfurt.
Heimische Landwirte sind dafür zu klein. Sie liefern entweder an Genossenschaften, oder tun sich – wie Edmund Rauchberger und seine Kollegen – zu Erzeugergemeinschaften zusammen. Die „EZ Bauernerdäpfel“ hat mit den großen Handelsketten Verträge abgeschlossen, die beiden Seiten das Leben einfacher machen. Die Supermärkte geben ihren Bedarf bekannt, die Bauern bestellen daraufhin ihre Felder. In schlechten Jahren gibt es für die Ernte den vereinbarten Mindestpreis, in guten einen vorher festgelegten Höchstpreis. Wo genau man einander trifft, hängt von vielen Faktoren ab, die der einzelne Landwirt kaum beeinflussen kann: „Da geht es zum Beispiel um die Marktlage in Österreich, um die Qualität der Produkte, um das Angebot in Deutschland und Großbritannien und um die Entwicklung an den Terminbörsen“, erläutert Bauer Rauchberger im Stil eines Aktienanalysten.

Faktor Jahreszeit
Der aktuelle Preisschub liegt einerseits an der Jahreszeit. Im Sommer gehen die Lagerbestände aus dem Vorjahr zur Neige. Wer noch gute Kartoffeln hat, kann sie meistbietend verkaufen. Der große Unterschied zum Vorjahr wurde nach Ansicht von Experten vor allem durch schlechte Ernten in einigen europäischen Anbauländern ausgelöst. So gebe es etwa eine verstärkte Nachfrage aus Großbritannien, der Kartoffelessernation Nummer eins in der EU. Deutschland wiederum kann nicht so viel liefern wie gewünscht, weil der lange Winter und der Dauerregen im Frühling den Erntebeginn der frühen Sorten verzögerten. Wie immer nach einem Jahr mit tiefen Preisen ging die Anbaumenge auch im Vorjahr europaweit etwas zurück. Das verknappt nun das Angebot und belohnt jene Bauern, die ihren Erdäpfeln treu geblieben sind. So funktioniert das eben in der Marktwirtschaft. In Deutschland ist das biedere Nachtschattengewächs jedenfalls flott unterwegs in Richtung Luxusprodukt. „Kartoffelpreise so hoch wie seit Jahrzehnten nicht“, schrieb die Deutsche Presse Agentur Anfang Juli.

Dass der Konsument – gefühlt – immer mehr bezahlt, sei aber auch die Schuld der Handelsketten, kritisiert ein Agrarexperte. „Es kommt vor, dass die gleichen Kartoffeln im Ein-Kilo-Sackerl pro Kilo dreimal so viel kosten wie im Fünf-Kilo-Sack. Da wird einfach ausgenützt, dass die Leute heutzutage kleinere Mengen kaufen wollen.“ Nicole Berkmann, Sprecherin der Handelskette Spar, hält die ganze Diskussion für verzichtbar. Es handle sich um ganz natürliche Preisschwankungen, die auch bei anderen Produkten vorkämen. „Im Frühling werden zum Beispiel österreichische Äpfel rar. Also müssen wir importieren, und das macht die Ware dann teurer.“ Der Konsument könne leicht darauf reagieren und seine Einkäufe nach der Saison richten. Berkmanns origineller Tipp: „Man kann ja auch einmal etwas anderes pürieren. Karotten oder Sellerie zum Beispiel.“
Aber die Leute sind halt verwöhnt und wollen ganzjährig nur das Feinste. Landwirt Rauchberger kann darüber viel erzählen. Ungefähr ein Viertel seiner Kartoffeln muss er jedes Jahr in die Biogasanlage transportieren – nur weil die Schale einen Sprung hat oder die Form nicht perfekt ist. „Das wird immer ärger. Die Ansprüche sind gewaltig“, sagt er. Dazu kommen regionale Vorlieben. Im Osten Österreichs will der Kunde kleine Knollen, westlich von Oberösterreich bevorzugt er große. Und obwohl das Gemüse ungewaschen länger haltbar wäre, wollen die Leute nur blitzsaubere Ware, an der kein Körnchen Erde klebt.

Dem Massengeschmack zum Opfer fiel auch die gute alte Sieglinde, lange Zeit die meistverkaufte Sorte in Österreich. Familie Rauchbauer stellte die Produktion letztes Jahr ein, in den Supermärkten findet man sie kaum noch. Sieglinde hat nichts falsch gemacht. Zum Verhängnis wurde ihr das helle, fast weiße Fruchtfleisch. Im Trend liegen aber gelbe Kartoffeln.
Die dürfen dann auch ruhig etwas teurer sein.

Infobox

Billig oder beliebt
Wie die Arbeiterkammer und die Statistik Austria ihre Preiserhebungen durchführen.

Die Vorgangsweise war unterschiedlich, aber die Ergebnisse ähneln einander. Innerhalb einer Woche präsentierten sowohl die Statistik Austria als auch die Arbeiterkammer ihre Erhebungen zum Preisniveau im Land. Beide bestätigten, was sich der Konsument eh schon gedacht hatte: Viele Artikel des täglichen Bedarfs sind empfindlich teurer geworden – und zwar um deutlich mehr, als die allgemeine Inflationsrate das rechtfertigen würde.
Die Arbeiterkammer vergleicht regelmäßig die Preise von 40 Lebens- und Reinigungsmitteln. Eingekauft wird in fünf Supermärkten und drei Diskontern der Bundeshauptstadt, wobei jeweils das billigste Produkt der Warengruppe in den Korb kommt. Das Ergebnis: Insgesamt ist dieser Einkauf seit dem Juni des Vorjahrs um 8,2 Prozent teurer geworden. Einzelne Lebensmittel übertreffen diesen Wert allerdings um ein Vielfaches. Hinter dem Spitzenreiter Kartoffeln mit plus 74 Prozent rangieren Tafeläpfel (plus 47), Cola-Getränke (plus 28,5) und Teebutter (plus 25,2).

Die Statistik Austria erhebt den Verbraucherpreisindex und geht dabei viel wissenschaftlicher vor. Ein aus fast 800 Produkten bestehender Warenkorb wird mindestens einmal im Monat neu bestückt. Sogenannte Preiserheber sind ­dafür in ganz Österreich unterwegs. Die gute Nachricht in der vergangenen Woche lautete, dass die allgemeine Inflation leicht gesunken ist, und zwar von 2,3 Prozent im Juni 2012 auf 2,2 Prozent ­aktuell. Die schlechte Nachricht: Der tägliche Einkauf verteuerte sich im gleichen Zeitraum um 3,6 Prozent. Spitzenreiter in diesem Mikrowarenkorb waren auch bei der Statistik Austria die Kartoffeln mit ­einem Plus von über 19 Prozent.

Im Unterschied zur Arbeiterkammer berücksichtigen die Preiserheber der Statistik Austria nicht das billigste Produkt, sondern das meistgekaufte. Eine ganz ­genaue Abbildung des Marktes gelinge aber auch so nicht, seufzt Josef Auer von der Direktion Volkswirtschaft. „Am lieb­sten hätten wir die Scannerdaten der ­Supermärkte. Aber das scheiterte bisher an den Handelsketten.“