„Theater, das bleibt, ist grauenvoll“

Festwochen-Intendant Luc Bondy über seine Vertragsverlängerung, seine Pläne, sein Gehalt, Wiens Kulturpolitik, das Älterwerden, Wut und den Tod seines Vaters.

profil: Herr Bondy, Sie sind seit 2001 Intendant der Wiener Festwochen. Warum haben Sie Ihren Vertrag kürzlich bis 2010 verlängert?
Bondy: Freie Regisseure haben es zunehmend schwer, für aufwändige Projekte die nötigen Gelder zu bekommen. Die Festwochen sind da eine wunderbare Ausnahme: Ich fühle mich als Regisseur unabhängiger. Zweitens macht es mir noch immer enormen Spaß, nicht nur mich selbst, sondern andere zu produzieren und Projekte auszutüfteln.
profil: Sie waren auch als Intendant des Deutschen Theaters in Berlin im Gespräch.
Bondy: Wie viele andere auch. Aber ich möchte so ein Haus nie alleine leiten, sondern könnte das nur in einem Team machen. Ich möchte nicht jeden Morgen vor einem Ensemble stehen, das man zum Teil vielleicht nicht richtig eingesetzt hat. Ich könnte das nur als Bedrohung empfinden – und diese möchte ich gerne mit jemandem teilen.
profil: Sind Sie deshalb als Nachfolger von Peter Stein an der Berliner Schaubühne gescheitert, die Sie von 1985 bis 1988 leiteten?
Bondy: Zum Scheitern hatte ich kaum Zeit. Ich bin damals schnell schwer krebskrank geworden, als hätte ich mich dagegen gewehrt. Außerdem war die Berliner Schaubühne ein gemachtes Bett, und man soll sich in kein gemachtes Bett legen. Um ein Theater zu leiten, muss man jünger sein. Die Energie reicht zwar noch, um eine gute Inszenierung zu machen, aber nicht, um ein Theater zu leiten.
profil: Haben Sie bei den Verhandlungen in Wien mit dem Abgang nach Berlin gedroht?
Bondy: Nein, aber ich habe gesagt, dass es viele Anfragen gibt, was auch gestimmt hat.
profil: Wie harmonisch verliefen die Verhandlungen? Zuletzt waren Sie mit Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny aneinander geraten, weil er mit Regisseur Martin Kusej über Ihre Nachfolge verhandelt hatte.
Bondy: Die Kulturstadträtin Ursula Pasterk hat mich 1998 als Schauspieldirektor nach Wien geholt, Peter Marboe hat mich 2001 zum Intendanten gekürt, Mailath-Pokorny hat meinen Vertrag bereits einmal bis 2007 verlängert. Ich verstehe, dass er gern mal selbst jemand Neuen gefunden hätte. Aber lassen wir das, darüber ist schon genug geschrieben worden. Auch Mailath ist, glaube ich, über die Entscheidung froh.
profil: Hat sich Ihr Verhältnis zu Mailath durch den Eklat verändert?
Bondy: Ich muss jetzt an die Festwochen und deren Mitarbeiter denken und nicht an mein verletztes Ego. In den Gängen der Festwochen-Büros freuen sich die Leute über meine Vertragsverlängerung, und hoffentlich tut dies das Publikum in den nächsten Jahren auch.
profil: Wie werden sich die Festwochen im Jahr 2010 von den Festwochen des Jahres 2005 unterscheiden?
Bondy: Das hängt von der Frage ab, wie die Welt aussehen wird. Wie werden sich die politisch-ökonomischen Verhältnisse in Europa verschoben haben? Hat es eine Naturkatastrophe gegeben? Lebe ich 2010 überhaupt noch? Das ist die Frage, die ich mir als Erstes gestellt habe. Das ist die Frage, die man sich immer als Erstes stellt.
profil: Wollen Sie die Festwochen strukturell verändern?
Bondy: Es wäre gut, wenn ich 2010 ein Festival übergeben könnte, welches das beste Renommee hat und mehr Eigenproduktionen bietet als in den vergangenen Jahren. Wir haben nicht genügend Autorenverträge vergeben. Es gibt sehr gute Leute, etwa den jungen Österreicher Xaver Bayer. Außerdem möchte ich erreichen, dass manche unserer Produktionen während der Saison in der Stadt bleiben und von anderen Theatern in ihren Spielplan übernommen werden.
profil: Wurde im Zuge der Vertragsverlängerung Ihr Gehalt erhöht?
Bondy: Nein, es wurde nur die Struktur meines Gehaltes verändert. Mein Gehalt finde ich gut genug. Verhandlungsgegenstand war das Budget der Festwochen. Die Stadt Wien wird die Inflation und die hohen Mietkosten, welche die Festwochen an Theater zahlen müssen, mit einer Million Euro ausgleichen. Ich habe auch zugesagt, jedes Jahr eine Produktion bei den Festwochen selbst zu inszenieren, was bisher nicht vereinbart war. Wäre ich nicht in Wien geblieben, könnte ich mit Operninszenierungen viel Geld verdienen. Aber ich will meine Regie-Möglichkeiten nicht vollständig in die Oper stecken. Oper tötet das Talent. Man kann sich in ihrem Glamour vollständig verlieren.
profil: Wie viele Inszenierungen werden Sie außerhalb der Festwochen machen?
Bondy: Eigentlich nur noch eine Produktion pro Jahr. Man kann nicht einfach immer nur machen. Im Machen liegt auch Verdrängung. Ich habe vor Kurzem am Berliner Ensemble das neue Stück von Botho Strauß herausgebracht. Das lief gut. Aber wenn ich jetzt, so wie andere Regisseure, schon wieder vor einem Stück sitzen müsste, wüsste ich nicht, was ich machen soll.
profil: Haben Sie Angst, dass Ihre Kreativität irgendwann versiegen könnte?
Bondy: Eher habe ich Angst, dass die Lust versiegt. Denn wenn die Lust verschwindet, versiegt auch die Kreativität.
profil: Sie zählen seit 30 Jahren zur Regie-Elite: Was treibt Sie noch an?
Bondy: Mich treibt ein Gespür, was man aus einem Stück machen könnte. Es reizt mich, mir eine Inszenierung vorzustellen, aber nicht so weit vorzustellen, dass sie schon fertig ist. Ich habe etwa nie erwartet, dass ich den zweiten Teil von Schnitzlers „Anatol“ so stark zerklüften würde. Aber irgendetwas hat mich gelockt. Als Regisseur bin ich auf der Suche nach den feinsten Nuancen – im Gegenlauf zu einer Gesellschaft und einer Kunst, die Nuancen langweilig finden. Aber ich kann mich nicht anpassen. Ich muss meinen Weg gehen.
profil: „Wut zu erhalten ist eigentlich das Hauptproblem“, sagte einmal der Regisseur Frank Castorf. Spielt Wut bei Ihnen eine Rolle?
Bondy: Der Pianist Sviatoslav Richter hat einmal gesagt: „Ich ertrage mich nicht.“ Das finde ich aufrichtiger als die erfundene Wut der Angry Old Men. Ich hatte eine komplizierte Kindheit und drücke Dinge aus. Aber Wut? Worauf denn? Die muss man in unserem wohlhabenden System erfinden. Wir leben in einer absolut liberalen Wirklichkeit. Die einzige Bedrohung ist die Leere, die Gleichgültigkeit und Gleichwertigkeit aller Dinge. Bloß in Österreich gibt es noch eine Kultur der Empörung. Ein seltsames Land. Nirgendwo sonst hätte es eine Künstlerfigur wie Otto Mühl geben können. Die Deutschen haben diese Form von Dekonstruktion und Verhässlichung in der Kunst nur durch Frank Castorf hervorgebracht. Die Deutschen und Franzosen leben in der absoluten Liberalität. Österreich lässt zu, aber es mäkelt auch.
profil: Wie viel verraten Ihre Inszenierungen über Sie selbst?
Bondy: Meine Freunde sagen, sie würden mich auf der Bühne wiedererkennen. Ich arbeite sehr offen und wund. Ich versuche, so wenig wie möglich theoretisch zu konstruieren. Wenn ich eine Kränkung inszeniere, denke ich an die Kränkungen, die mir widerfahren sind.
profil: Nach dem Tod Ihres Vaters sagten Sie die Uraufführung von Peter Handkes „Untertagblues“ ab.
Bondy: Der Schock, der Verlust haben mich ausgeleert. Ich hatte nicht genügend Energie, um dieses Stück über einen misanthropischen, wilden, wütenden Mann zu inszenieren. Ich habe die Trauer immer noch nicht genug zugelassen. Man trauert nicht genug, sondern macht zu schnell weiter. Man geht zu schnell weg.
profil: Sie selbst sind zweimal lebensgefährlich an Krebs erkrankt.
Bondy: Der Tod ist in meinem Alter die Bedrohung, die mich am meisten beschäftigt – nicht nur die narzisstische Angst des eigenen Sterbens, sondern diese absolute Zumutung, dass man verschwindet. Ich bin ja Diabetiker, also muss ich mit Arthrosen und anderen physischen Problemen rechnen. Ich müsste viel disziplinierter leben, als ich es tue. Aber die Zeit rast so schnell an einem vorbei. Es gibt so viele tolle Sachen, so viele tolle Bücher, die man nie kennen wird. Ich will mehr Zeit darauf verwenden, diese Dinge in mich aufzunehmen, anstatt selber zu produzieren.
profil: Theater hat einen ephemeren Charakter: Wenn eine Inszenierung von den Spielplänen verschwindet, ist sie unwiederbringlich verloren.
Bondy: Das stört mich nicht, im Gegenteil. Theater, das bleibt, ist grauenvoll. Theater muss vergehen. Das ist sein Wesen, und daraus bezieht es seine Kraft. Ich finde es nur manchmal traurig, wenn sich eine Gruppe von Schauspielern auflöst. Bei der letzten Vorstellung von „Cruel and Tender“ in Lyon bin ich in Tränen zusammengebrochen. Alle haben geweint. Ich glaube, ich kann das ganz gut: Leute zusammenzubringen, die gern mit mir arbeiten.
profil: Sie haben auch für das Kino gearbeitet. Beneiden Sie den Film darum, dass er mehr Menschen erreichen kann?
Bondy: Das ist natürlich ein Vorteil dieser Kunstform. Aber von tausend Filmen bleibt auch nur einer.
profil: Warum ist Ihnen der Durchbruch als Filmregisseur nie gelungen?
Bondy: Ich wäre vielleicht für den Film geeignet gewesen, vor vielen Jahren, aber ich war nicht geduldig genug dafür. Filmregisseure warten oft fünf Jahre, um ein Projekt umsetzen zu können. Hat man das nötige Geld zusammen, die Crew, den Verleih – dann platzt alles aus irgendeinem Grund wieder. Als Filmregisseur nicht vollkommen durchzudrehen ist eigentlich unmöglich.
profil: Die Mittel der Festwochen wurden um eine Million Euro erhöht. Haben Sie Verständnis dafür, dass die Off-Theaterszene die Erhöhung kritisiert?
Bondy: Das ist absurd. Als ich zu inszenieren begann, habe ich mich nie über das Geld beklagt. Ich habe nur an die Sachen gedacht, die ich machen wollte. Hatte ich kein Geld, habe ich halt mit wenig Geld etwas gemacht. Jemand, der etwas zu sagen hat und den Willen, sich durchzusetzen, der drängt sich ins Zentrum. Was interessant ist, bleibt nicht am Rand. Das ist am Theater gleich wie im Pop.
profil: Der Regisseur Peter Sellars beklagt, dass in Wien 90 Prozent des Kulturbudgets im Zentrum der Stadt ausgegeben würden. Sein Mozart-Festival „New Crowned Hope“ verlegt er deswegen an die Peripherie.
Bondy: Auch die Festwochen finden nicht nur im ersten Bezirk statt. Sellars’ Gedanke ist interessant, aber ein bisschen ausgetüftelt. Er geht an die Peripherie, aber das Geld ist nicht peripher. Ich meine auch nicht, dass die Menschen in der Peripherie bessere Menschen sind. Wahrscheinlich gibt es dort genauso viele Spießer und Reaktionäre wie im Zentrum, vielleicht sogar mehr. Ich würde mich nie trauen, diese sentimentalen Dinge zu sagen. Denn sie sind einfach nicht wahr.
profil: Die Festwochen-Eröffnung trägt heuer das Motto „50 Jahre Österreich“: Was haben die Auftritte von Marianne Faithfull, Nina Hagen, Chaka Khan und Omara Portuondo mit Österreich zu tun?
Bondy: Bei den diesjährigen Jubiläumsfeierlichkeiten ist meist von Männern die Rede. Wir wollen zeigen, welche Rolle Frauen bei der Gründung der Republik gespielt haben.
profil: Marianne Faithfull, Nina Hagen …?
Bondy: Das sind Frauen, welche die zweite Jahrhunderthälfte miterlebt und mitgestaltet haben. Wir geraten mit der Festwochen-Eröffnung jedes Jahr in das Dilemma, einen Abend zu programmieren, der einerseits unseren Ansprüchen gerecht werden soll und andererseits die Menschen vor den Bildschirmen halten muss. Wir sind auf die Übertragung durch den ORF aus finanziellen Gründen angewiesen. Ginge es nach mir, würde ich jedes Jahr einfach ein Popkonzert veranstalten.
profil: Schauspielchefin Marie Zimmermann hat sich ein Jahr karenzieren lassen, um ein anderes Festival zu leiten, Musikdirektor Stéphane Lissner übernimmt die Mailänder Scala: Sind die Festwochen nicht attraktiv genug?
Bondy: Zimmermann hat sich in die Festwochen reingehängt wie niemand sonst. Den Wunsch, dieses Jahr das Festival „Theater der Welt“ zu leiten, musste ich ihr erfüllen, sonst wäre sie ganz weggegangen. Bei Stéphane Lissner liegt der Fall anders. Sein Engagement bei den Festwochen war stets gefährdet, weil immer klar war, dass er irgendwann ein so großes Angebot wie die Scala bekommen würde. Er hat eine große Impresario-Begabung. Die Festwochen brauchen einen Musikdirektor mit weltweit guten Kontakten. Wir sind Lissners Planung bis 2007 im Wort. Über das, was danach kommt, werde ich nachdenken.
profil: Die Scala hat 16 Millionen Euro Schulden und steckt wohl in der tiefsten Krise seit Bestehen. Sind die Festwochen da nebenbei zu meistern?
Bondy: Das kann ich nicht abschätzen. Er hätte jedenfalls die Chance, bei den Festwochen zu machen, was er an der Scala nicht machen kann, weil das dortige Publikum sehr konservativ ist.
profil: Halten Sie Koproduktionen der Festwochen mit der Scala für möglich?
Bondy: Der Scala würde es wahrscheinlich gut tun.
profil: Staatsoperndirektor Ioan Holender urteilte nach der Ernennung Lissners zum Musikdirektor mit Anspielung auf Aix: „Schön, dass die Stadt Wien ein bankrottes französisches Festival quer subventioniert.“
Bondy: Da handelt es sich wohl um ein tiefenpsychologisches Problem, über das ich lieber schweigen möchte. Interessanterweise neigen Menschen, die sich lange mit Kultur befassen, zur Intrige. Sie ist ein Nebenzweig der Kultur, das Vermoderte einer Kultur.
profil: Haben Sie Talent zur Intrige?
Bondy: Ich hätte es, aber letztlich ist mir die Intrige zu langweilig. Lieber stecke ich meine Energie in die Kunst und das Leben. Aber ich bin jemand, der sich wehrt. Wenn jemand gegen mich intrigiert, bin ich paranoid genug, es sofort zu spüren.
Interview: Peter Schneeberger